Freilandmuseum Bad Windsheim

Nicht Dorfhaus und nicht Villa

Pfarrhaus Rosstal

Zweites Pfarrhaus der evangelischen Gemeinde Sankt Laurentius, Roßtal. Erbaut 1698.

Bild: Gerhard Hagen

Eine neue Ausstellung im Bad Windsheimer Museum Kirche in Franken beschäftigt sich mit den evangelischen Pfarrhäusern in Franken aus bau- und kulturgeschichtlicher Perspektive.

In nur wenigen kirchlichen Bereichen lassen sich die Auswirkungen des reformatorischen Leitsatzes Ausstellung Evangelische Pfarrhäuser "Ecclesia Semper Reformanda Est" so klar und konkret beobachten wie in evangelischen Pfarrhäusern. Die Kirche ist immer im Wandel, das gilt vor allem für das Auftreten, die Funktion, das Amtsverständnis und die Alimentierung der Pfarrer - aber auch für alle anderen, die in einem Pfarrhaus leben und arbeiten. In der neuen Ausstellung "Nicht Dorfhaus und nicht Villa" spürt das Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim der 500-jährigen Geschichte evangelischer Pfarrhäuser in Franken nach. Baulich, kulturhistorisch und menschelnd.

Zitat

Im Pfarrhaus verbinden sich Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Sein Erhalt, bei allen Veränderungen, die es erfahren hat, ist Stein gewordener Respekt vor denen, die vor uns waren.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Die neue Ausstellung ist zweigeteilt. Während in der Betzmannsdorfer Scheune in der Baugruppe Stadt des Fränkischen Freilandmuseums der Fokus auf das Gebäude an sich gerichtet wird, steht im Museum Kirche in Franken der "Mikrokosmos evangelisches Pfarrhaus" im Zentrum, also Leben und Alltag der Bewohner, erläutert Museumschefin Andrea K. Thurnwald. Die Analyse der Gebäude spendierte der Ausstellung ihren Titel - denn genau das war das Ergebnis: Normale Dorfhäuser waren die Pfarrhäuser nicht. Sie waren meist schon zweigeschossig, der Stall für die Tiere nur selten mit im Haus, es gab oft schon extra Kinderzimmer, eine eigene Badstube - und vor allem mehrere beheizbare Räume.

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Kurzum: Die Häuser mussten einen gewissen Repräsentationscharakter haben, schließlich waren evangelische Pfarrer oft nicht nur Vertreter der Kirche und die einzigen Studierten am Ort, sondern eben auch Vertreter der staatlichen Obrigkeit, etwa des Ansbacher Markgrafen. Viele Pfarrhäuser verfügten deshalb neben der Studierstube auch über eine gute Stube für den meist spontanen hohen Besuch von Dekanen oder Vertretern des Adels. "Man kann nur in wenigen Fällen von Villen sprechen", sagt Historikerin Susanne Grasser, die maßgeblich an der Ausstellung beteiligt war. Wie genau das Haus aussah, das hing vor allem von der finanziellen Ausstattung einer Pfarrstelle ab.

Mindestens bis zum Protestantenedikt von 1818 - und oft auch noch darüber hinaus - war das Auskommen eines Pfarrers davon abhängig, welche Pfründe eine Gemeinde besaß. Nicht selten mussten Pfarrer in kleineren Dorfgemeinden nebenbei noch Landwirtschaft betreiben, um über die Runden zu kommen. Von der finanziellen Lage hing oft auch der Habitus des Ortspfarrers ab. In reicheren Gemeinden seien Pfarrer oft regelrechte Pfarrherren gewesen, erläutert Grasser. Ganz egal, wie arm oder reich Pfarrer waren: Sie galten als Respektspersonen. Das hatte aus sozialer Sicht nicht nur Vorteile. "Zur Dorfgemeinschaft gehörten sie nur selten richtig mit dazu - und sie wollten es oft auch gar nicht."

Evangelische Pfarrhäuser in Bayern

Pfarrhaus Landshut,© Gerhard Hagen

Darin spiegeln sich 500 Jahre Bau- und Kulturgeschichte sowie kirchliches Leben. Pfarrhäuser stehen für die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, sie spiegeln regionale Besonderheiten, allgemeine Entwicklungen wie auch sich verändernde Ansprüche und Bedürfnisse. Hier im Bild ein Pfarrhaus in Landshut.

500 Jahre Evangelisches Pfarrhaus

Pfarrhaus Laubendorf,© Gerhard Hagen

Die Reformation und die Entstehung des evangelischen Pfarrhauses sind eng miteinander verknüpft. Nahmen während der Reformationszeit Gemeinden das evangelische Bekenntnis an, hat sich der Charakter der vordem priesterlichen Wohnung völlig verändert. Aus ihr ist ein evangelisches Pfarrhaus geworden, und häufig ist nun eine Familie ins Pfarrhaus eingezogen. Im Bild das Pfarrhaus in Laubendorf.

Vom 13. bis ins 21. Jahrhundert

Pfarrhaus Alerheim,© Gerhard Hagen

Bis erste eigene Pfarr-Häuser gebaut wurden hat es etwas länger gedauert. Heute findet sich unter den ca. 1.350
evangelischen Pfarrhäusern und -wohnungen in Bayern mittelalterliche Bausubstanz ebenso wie Gebäude, die erst vor wenigen Jahren errichtet worden sind. Der Bogen reicht vom St. Sebalder Pfarrhof in Nürnberg mit seinen ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Gebäudeteilen bis zu einem der jüngsten Neubauten, das im Jahr 2015 eingeweihte Pfarrhaus in Alerheim (im Bild).

Das Pfarrhaus als Gebäude und als Lebensort

Pfarrhaus Laubendorf innen,© Gerhard Hagen

Nicht allein der evangelische Pfarrer, vielmehr die Pfarrersfamilie als Ganzes wurde zu dem wesentlichen Erkennungszeichen des evangelischen Pfarrhauses. So finden sich z. B. bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert
Hinweise auf „Kinder-Stuben“ in Pfarrhäusern, gut eineinhalb Jahrhunderte früher als sich die Vorstellung eines eigenen „Kinderzimmers“ allgemein verbreitet hat. Im Bild das Treppenhaus im Pfarrhaus in Laubendorf.

Verpflichtung und Chance

Pfarrhaus Pfuhl,© Gerhard Hagen

Pfuhl gehörte bis 1802 zum ausgedehnten Gebiet der Reichstadt Ulm, die schon 1532 die Reformation einführte. Das Pfarrhaus soll von Joseph Furttenbach erbaut worden sein. 500 Jahre envangelische Pfarrhäuser in Bayern sind eines Rückblicks wert und zugleich eine Verpflichtung und Chance der bayerischen Landeskirche für die Zukunft.

Entstanden ist dieser Band in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der kirchlichen Augustana-Hochschule in Neuendettelsau: Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner, Leiter der Gemeindeabteilung der Landeskirche, hat das Projekt angestoßen und die Finanzierung unterstützt; Professor Klaus Raschzok war wissenschaftlich tätig; Museumsdirektor Dr. Herbert May hat mit seinem Team die Baugeschichte untersucht; die Theologin Renate Kleiber-Müller hat die Geschäftsführung des Projektes wahrgenommen sowie den Begleitband lektoriert, und der Architekturfotograf Gerd Hagen aus Bamberg hat für die Katalogaufnahmen und die großformatigen Aufnahmen im Band sein künstlerisches Handwerk beigesteuert.

Informationen zum Thema Ausstellung Evangelische Pfarrhäuser in Franken

Evangelische Pfarrhäuser in Franken

Das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim mit dem Museum Kirche in Franken widmet seine diesjährige Jahresausstellung den evangelischen Pfarrhäusern.
Öffnungszeiten:
Ländliche Baugruppen (Freigelände):
11. März – 28. Oktober 2017: 9 - 18 Uhr,
29. Oktober – 17. Dezember 2017: 10 - 16 Uhr; 
Baugruppe Stadt in der Altstadt (Museum Kirche in Franken, Alter Bauhof mit Kräuter-Apotheke):
11. März – 28. Oktober 2017: 10 - 18 Uhr,
29. Oktober – 17. Dezember 2017: 11 - 16 Uhr.

Zugespitzt hieß das: Wenn der Pfarrer vor Ort Freunde hatte, dann waren das in der Regel die Ärzte und Apotheker, manchmal auch noch die Lehrer - akademische Berufsgruppen gab es jedoch meistens nur in großen Marktflecken oder Städten. Und gerade mit den Lehrern hatten Pfarrer häufig auch Differenzen. Denn bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Pfarrer vielerorts für die Schulaufsicht zuständig, "also Vorgesetzte der Lehrer", sagt Projektleiterin Grosser. Diese "Isolation" auf dem Dorf bedeutete: Oft hatten die Pfarrer ihre Freunde in anderen Pfarrhäusern. Verbindungen aus der Studienzeit hielten ein Leben lang, Töchter ehelichten die Söhne anderer Pfarrer. "So entstanden Pfarrerdynastien", sagt Grosser.

Zustande kam die Ausstellung vor allem auch dank der Mithilfe aus der Bevölkerung. Die Wissenschaftler hatten zum einen Leihgaben wie etwa alte Fotos oder Mobiliar aus Pfarrhäusern gesucht für eine Ausstellung, vor allem aber Tagebücher, Briefe und Zeitzeugen-Aussagen. "Man soll den Bewohnern des Pfarrhauses in der Ausstellung begegnen können", sagt Museumsleiterin Thurnwald. Dafür sorgen viele Fotografien sowie Audio-Stationen mit Erzählungen von Pfarrerskindern, Pfarrfrauen und Dienstmädchen. Die Ausstellung greift aber auch heikle Punkte auf. Zum einen natürlich die NS-Zeit, aber auch die lange Nicht-Versorgung von Pfarrwitwen, die früher oftmals schwerer Armut anheimfielen.

Buchempfehlung

Cover des Buches Hans-Peter Hübner (Herausgeber), Herbert May (Herausgeber), Klaus Raschzok (Herausgeber), Gerhard Hagen (Fotograf): Evangelische Pfarrhäuser in Bayern

Hans-Peter Hübner (Herausgeber), Herbert May (Herausgeber), Klaus Raschzok (Herausgeber), Gerhard Hagen (Fotograf)

Evangelische Pfarrhäuser in Bayern

Die Reformation und die Entstehung des evangelischen Pfarrhauses sind eng miteinander verknüpft. Der Band bietet erstmals einen umfassenden Einblick in die Geschichte dieser Pfarrhäuser als Gebäude und nicht nur als einem vom christlichen Glauben geprägten Lebensort.

Verlag: Franz Schiermeier

ISBN 978-3943866520

„Wir wollten bewusst das Pfarrhaus von der Architektur und von der spezifischen Art des Wohnens her beleuchten. Deshalb diese für mich als Theologen spannende Kooperation mit den Hausforschern aus Bad Windsheim, mit den Architekten, mit der Volkskunde und der Kulturwissenschaft“, erläuterte Mitherausgeber Professor Klaus Raschzok bei einer Buchvorstellung.


12.06.2017 / epd/ELKB