epd-Gespräch

Pfarrer sollen keine Einzelkämpfer sein

Oberkirchenrat Helmut Völkel, Leiter Personal

Personalchef Oberkirchenrat Helmut Völkel äußert sich zu neuem Stellenprofil und Möglichkeiten der Entlastung für Pfarrerinnen und Pfarrer.

Bild: Peters/epd

Die bayerischen Pfarrer stehen häufig in einem Spagat zwischen Kanzel und Büro, zwischen Seelsorge und Verwaltung. Oberkirchenrat Helmut Völkel im epd-Gespräch zu Möglichkeiten der Entlastung.

 Die bayerischen Pfarrer stehen häufig in einem Spagat zwischen Kanzel und Büro, zwischen Seelsorge und Verwaltung. Diese Überlastung verschärft noch die anstehende Pensionierungswelle, weil jetzt und in den kommenden Jahren viele Pfarrerinnen und Pfarrern aus den geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand gehen werden. Möglichkeiten der Entlastung, neue Stellenzuschnitte für die 2.500 evangelischen Pfarrer und die Nachwuchs-Situation erläutert der landeskirchliche Personalchef Helmut Völkel in einem epd-Gespräch.

epd: In der Kirche ist viel von einem nötigen geistlichen Aufbruch die Rede. Wäre das nicht vornehmlich die Aufgabe der Pfarrer? Was könnten sie dafür tun?

Völkel: In der Tat: Geistliche Aufbrüche sind ein Thema in unserer Kirche und auch bei vielen Pfarrerinnen und Pfarrern. Ich glaube, dass der Heilige Geist geistliche Aufbrüche möglich macht. Ich halte viel vom Gebet um den Heiligen Geist und ich gehe davon aus, dass dies auch viele Pfarrerinnen und Pfarrer so sehen. Allerdings ist es nicht nur Sache der Pfarrerinnen und Pfarrer, für geistliche Aufbrüche zu beten.

Zitat

Wichtig wird sein, dass auch in Veränderungsprozessen der Auftrag der Kirche durch ein gutes, arbeitsteiliges Miteinander der Berufsgruppen öffentlich wahrzunehmen ist. 

Oberkirchenrat Helmut Völkel im epd-Gespräch

epd: Der Geist weht aber da, wo er will. Welche Möglichkeiten hat also der kirchliche Personalchef, um eine geistliche Erneuerung zu befördern?

Völkel: Der Personalchef ist selbst auf den Heiligen Geist angewiesen und befindet sich hier in guter Gemeinschaft mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kirche, ja mit allen Christen. Gemeinsam sollte es uns gelingen, Landebahn für das Wirken des Heiligen Geistes zu sein. Es geht darum, dass wir ernsthaft mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnen und dass wir uns von ihm in Dienst nehmen lassen. Auch wenn der Geist weht, wo er will, wird er unseren Ruf und unsere Bitte um Hilfe nicht überhören.

epd: Was können denn in diesem Sinne die Pfarrer und Pfarrerinnen konkret tun?

Völkel: Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer wissen und zu erkennen geben, aus welcher Quelle sie für ihren Glauben und für ihre Frömmigkeit Kraft schöpfen, können sie auch die ihnen anvertrauten Menschen leichter zur Quelle führen. Nicht nur für Pfarrerinnen und Pfarrer war sicherlich der Urlaub eine gute Gelegenheit zur Ruhe, zum Nachdenken und zum Beten zu kommen. Wir brauchen solche Auszeiten zum Auftanken und Sammeln neuer Kräfte. Ich bin Sylt-Fan und erfahre in der elementaren Begegnung mit Meer, Sand und Wind Stärkung an Leib, Seele und Geist. Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich auch im Urlaub theologische und ethische Themen zu Wort melden. Ich habe zum Beispiel über das Thema "Demenz" nachgedacht, das in einer immer älter werdenden Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es ist nach meiner Beobachtung erfreulich, dass sich gerade auch die jüngeren Theologinnen und Theologen mit theologischen und ethischen Fragen beschäftigen, die die Menschen von heute bewegen. Nehmen wir nur den Bereich von Gewalt, Terror und Ohnmacht. Wie kann hier über Gottes Liebe, Tod und Auferstehung geredet werden? Es ist wichtig, sich Gedanken zu machen.

epd: Viele Pfarrer leiden aber schon jetzt unter Überlastung. Wie sollen sie dann noch zusätzlich Anforderungen schultern?

Völkel: Das Personalreferat nimmt die Erfahrungen von Belastung und Überlastung sowie den Wunsch nach Entlastung sehr ernst. Auf verschiedenen Ebenen wird an der Gestaltung von Dienstordnungen gearbeitet, die vor Überforderung schützen und die Freude am Dienst erhalten sollen. Die Landessynode hat zur Entlastung bei Vakanzen zusätzliche Mittel bereitgestellt, die sehr schnell in Anspruch genommen werden können, wenn Personen zur Vertretung bereit stehen. Ich halte nichts von einem ständigen Hinzufügen neuer Aufgaben. Zunächst geht es um die Profilierung und Konzentration bei den vorhandenen Aufgaben. Das bedeutet aber auch Aufgabenkritik und Abschied von bestimmten Aufgaben. Übrigens beobachte ich, dass gerade die jüngere Generation in ihrer Ausbildung Teamarbeit gelernt hat und weniger zum Einzelkämpfertum neigt. Das ist erfreulich und ein gutes Mittel gegen Überforderung.

 

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epd: ... hilfreich könnten aber auch neue Stellenzuschnitte sein...

Völkel: Das ist richtig. Beim "Pfarrbildprozess" haben wir dieses Thema bereits aufgegriffen. Wir haben über vernünftige Stellenzuschnitte, Kernaufgaben und Entlastungsmöglichkeiten gesprochen. In einem Folgeprojekt wird es nun um das "Miteinander der Berufsgruppen in der ELKB" gehen. Dabei wird das Thema "Stellenzuschnitte" wieder aufgerufen und behandelt werden. Wichtig wird sein, dass auch in Veränderungsprozessen der Auftrag der Kirche durch ein gutes, arbeitsteiliges Miteinander der Berufsgruppen öffentlich wahrzunehmen ist. Dabei können sich Stellenzuschnitte verändern, wenn zum Beispiel bestimmte Aufgaben unterschiedlichen Berufen zugeordnet werden können, die aufgrund ihrer Ausbildung die nötige Kompetenz zur Erfüllung dieser Aufgaben besitzen.

epd: Wie sollen Pfarrerinnen und Pfarrer auf der einen Seite leiten und auf der anderen Seite im Team arbeiten.

Völkel: Ich sehe hier keinen Gegensatz, wenn die Rollen im Team geklärt sind. Entscheidend ist der Umgang miteinander. Er sollte von Respekt und Anerkennung bestimmt sein. Gemeindepfarrer haben in der Regel Leitungsverantwortung und sollten sie auch professionell wahrnehmen. Sie sind im Zusammenwirken mit dem Kirchenvorstand Repräsentanten der Kirche vor Ort. Sie stehen für die Einheit der Gemeinde. Sie sind leitend und dienend im Einsatz.

epd: In der Kirche laufen eine ganze Reihe von Strukturprozessen, wie etwa in der Verwaltung oder für die Pfarramtssekretärinnen. Wie passt da das Pfarrer-Projekt hinein, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt des Zukunftskonzepts "Konzentration und Profil"?

Völkel: Wir tun gut daran, die verschiedenen Strukturprozesse zusammenzudenken und in ihrer Wechselwirkung zu bedenken. Als sich zum Beispiel im Pfarrbildprozess die Notwendigkeit einer Entlastung für Pfarrerinnen und Pfarrer im Verwaltungsbereich abzeichnete, lag es nahe, ein Projekt zum Berufsbild der Pfarramtsassistentin auf den Weg zu bringen. Wir wissen nun besser, welche Verwaltungsaufgaben sinnvollerweise beim Pfarrer bleiben, welche besser zur Pfarramtssekretärin wandern und welche am besten in der Verwaltungsstelle aufgehoben sind. So müssen die großen und kleinen Prozesse zusammengedacht und ergebnisorientiert vorangebracht werden.

 

Zur Person

Screenshot Webseite das-volle-leben.de, Bild: © ELKB

„Dein Beruf. Das volle Leben.“

Auf der Website können sich Schülerinnen und Schüler und Studierende der Theologie über Studium und Beruf informieren, durch Filme und Interviews Einblick in das Leben von Pfarrerinnen und Pfarrern erhalten, oder sich in Chats über den Pfarrberuf austauschen. Eine Kampage der EKD und der Landeskirchen.
www.das-volle-leben.de

epd: Die Gemeinden sind ja schon früher in regelmäßigen Abständen mit Landesstellenplanungen beglückt worden. Was ist diesmal neu?

Völkel: Das wird sich zeigen. Die Arbeitsgruppe "Landesstellenplanung 2020" wird Anfang 2017 ihre Arbeit aufnehmen. Ein großes Interesse liegt verständlicherweise bei den Kriterien, die für die nächste Landesstellenplanung erarbeitet und zur Anwendung kommen werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dieses Mal der Betrachtung und Bewertung der unterschiedlichen kirchlichen Räume, die jedoch erst definiert werden müssen. Die mittlere Ebene der Dekanatsbezirke, die derzeit über die Verteilung der Dekanatsstellenkontingente verfügt, wird vermutlich auch in Zukunft eine wichtige Steuerungs- und Gestaltungsebene sein. Schließlich ist davon auszugehen, dass auch Ergebnisse der Arbeitsgruppe "Profil und Konzentration" ihren Niederschlag im Prozess der Landesstellenplanung finden werden.

epd: Gibt es auch für diese Planung Tabubereiche, etwa die Gestalt der Dekanate?

Völkel: Es gibt keine Tabubereiche. Die Kooperation der Dekanatsbezirke ist schon jetzt ein Thema. Das Thema "Zusammenarbeit der Dekanatsbezirke" wird an Bedeutung noch zunehmen. Wir wollen keine erzwungenen Fusionen, sondern freiwillige Kooperationen.

epd: Die schönsten Reformen und Planungen nützen wenig, wenn die geeigneten Leute dafür fehlen. Wie sieht es da mit dem vielbeschworenen Pfarrernachwuchs aus?

Völkel: Auf der Anwärterliste für das geistliche Amt stehen etwa 430 junge Männer und Frauen. Das ist ein Spitzenwert innerhalb der EKD, über den wir sehr froh sein können. Einen positiven Effekt erwarten wir uns auch von einem breit angelegten Werbe-Projekt der EKD für den Pfarrerberuf, an dem wir aktiv mitarbeiten. Was die Motivation für das Theologiestudium und den Pfarrberuf angeht, spielen nach wie vor ein guter Religionsunterricht und eine begeisternde Jugendarbeit eine große Rolle. Natürlich sind auch Vorbilder unter den Pfarrerinnen und Pfarrern zu nennen, die durch ihre Persönlichkeit und ihre Art, die christliche Botschaft zu leben, für junge Leute anziehend und prägend sind.

epd: Wie sind die Erfahrungen mit den Zusatzkursen, den "fliegenden Predigerseminaren"?

Völkel: Dieses Projekt verfolgen wir mit Interesse und mit Freude, weil es sich bewährt. Ein großer Vorteil in der jetzigen Form ist die Nachbarschaft von Theorie und Praxis. In Augsburg geschieht die Ausbildung auf dem Gelände des "Diako". Die räumliche Nähe zu einem Krankenhaus vermittelt den angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern Erfahrungen aus erster Hand. So erleben sie hautnah, was Menschen in speziellen Krankheits-Situationen bewegt. Nachdem in den Vikarskursen auch Gemeindepfarrer aus der Umgebung unterrichten, erfahren die Vikarinnen und Vikare auch viel über die Kirche vor Ort. Auch das ist ein Glücksfall für die Ausbildung. Wir sind dankbar, dass das Team des Predigerseminars Nürnberg mit Innovationskraft, hohem Engagement und starker Flexibilität das Konzept nicht nur entwickelt hat, sondern auch überzeugend in die Praxis umsetzt.

 


26.09.2016 / epd