Wort zum Erntedankfest

Ein Fest für alle Sinne

Getreidefeld

Bild: iStockPhoto / tzahiV

Erntedank ist eine Zäsur im Jahreskreis, so Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel. Es ist Ausdruck einer Lebenshaltung, die nicht alles selbstverständlich ansieht, sondern als Wunder der Schöpfung.

Macht das Erntedankfest noch Sinn, liebe Leserinnen und Leser? Unsere Lebensmittel können wir uns jahreszeitenunabhängig beschaffen. Die Regale in den Supermärkten stellen uns Gemüse und Obst von A wie Artischocke bis Z wie Zucchini von Januar bis Dezember zur Verfügung. Der große Jahreskreislauf von Pflügen, Säen und Ernten ist längst abgelöst vom ganzjährigen Gemüseanbau. Gigantische Gewächshäuser im mittelfränkischen Knoblauchsland und rasend schnelle Verkehrsverbindungen zwischen den Ländern und Kontinenten haben die Ernte von den Jahreszeiten entkoppelt.

Durch PC-gesteuerte Regelstrategien für Temperatur, Luftfeuchte, Schattierung sowie Versorgung mit Mineralstoffen und Spurenelementen gelingt eine Optimierung der Kulturzeiten. Rasante Fortschritte in der Gewächshaustechnik machen mehrere Ernten im Jahr möglich. Es gibt keine spezifischen Erntezeiten für spezifische Früchte der Natur mehr.

Wer von uns hat nicht schon irritiert über die Äußerung der Verkäuferin im Bioladen die Stirn gerunzelt, leider gebe es im Dezember bei ihr keine Erdebeeren? Der Herbst jedenfalls ist nicht mehr die Haupterntezeit. Obst und Gemüse sind jederzeit selbstverständlich zu haben. Warum also überhaupt noch und warum gerade jetzt Erntedank?

Zitat

Das Erntedankfest ist für mich eine Zäsur im Jahreskreis. Es lenkt meine Sinne auf die Unselbstverständlichkeit des Laufs der Dinge und der Gesetze der Natur. 

Annekathrin Preidel

Wenn die Tage kürzer werden, wenn im Garten nur noch hier und da eine einzelne Rosenblüte aufgeht, wenn ich die Kräuter schneide und zum Trocknen aufhänge, wenn der Duft der geernteten Quitten durch mein Haus zieht und auf den Äckern Kürbisse wie dicke orangerote Ballons liegen, in der fränkischen Schweiz Zwetschgen und Äpfel am Straßenrand zum Verkauf angeboten werden, wenn sich die Regale in meiner Küche langsam mit Marmeladen und Chutneys füllen, dann nehme ich die Natur weit aufmerksamer wahr als beim Einkauf im Supermarkt. 

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Erntedank ist ein Fest für alle Sinne und eine Schulung der Sinne für die Wunder der Schöpfung, die wir in unserer Überflussgesellschaft wahrzunehmen verlernt haben. Erntedank ist Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich immer wieder die Unselbstverständlichkeit dessen vor Augen führt, was uns vom Schöpfer der Natur geschenkt ist und womit uns die Natur beglückt, wenn wir sie kreativ kultivieren und gestalten. Erntedank richtet mich immer wieder neu auf die schöpferische göttliche Wirklichkeit hinter der Natur und in der Natur aus. Erntedank justiert meinen Blick neu und macht mich dankbar: dafür, dass Gott uns geschaffen hat und uns an seinem schöpferischen Handeln beteiligt. Wir sind seine Ebenbilder. In uns Menschen setzt er das Vertrauen für das Bebauen und Bewahren seiner Schöpfung. Das ist riskant. Denn wir können den ungeheuer großen Kreativitätsspielraum missbrauchen, der uns eröffnet ist. Wir können ihn aber auch verantwortlich nutzen: in unserem Konsumverhalten, in unserem Lebensstil, im Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden.

Wenn wir nach dem Motto "Think global - act local" im EineWelt-Laden kaufen, wenn wir unverkäufliche Lebensmittel vor der Biotonne retten und daraus herrliche Gerichte zaubern, wenn wir Spargel und Erdbeeren nur regional erntefrisch essen, machen wir sichtbar, wie sehr wir den Schöpfer und seine Schöpfung wertschätzen. Was wir sind, was wir haben und was wir ernten, ist alles Andere als selbstverständlich.

Gott sei Dank!

 


29.09.2016 / epd / Annekathrin Preidel