Podiumsgespräch: 30 Jahre Mauerfall

"Hoffnung, die nicht stirbt"

Impressionen des Podiumsgesprächs "30 Jahre friedliche Revolution" von Axel Mölkner-Kappl

"Ohne die Kirche hätte es mörderisch gekracht", ist Stefanie Wolf, Präses der Mecklenburgischen Kirchenkreissynode, überzeugt. Auf der Landessynode berichtete sie von ihren Erfahrungen im Jahr 1989.

Die evangelische Kirche hat nach Ansicht mecklenburgischer Kirchenvertreter entscheidend dazu beigetragen, dass die Revolution in der DDR 1989 friedlich geblieben ist. "Ohne die Kirche hätte es mörderisch gekracht", sagte die Präses der Mecklenburgischen Kirchenkreissynode, Stefanie Wolf, am Mittwoch in Bamberg. Bei den Andachten sei immer wieder gemahnt worden: "Bleibt friedlich! Schmeißt keinen Stein! Gebt ihnen keinen Grund, die Proteste niederzuschlagen", erinnerte sich Wolf bei einem Podiumsgespräch während der Tagung der bayerischen evangelischen Landessynode. So seien die Demonstranten schweigend an der Stasi vorbeigezogen, "und die konnten nichts machen, weil wir nichts gemacht haben".

In den Kirchen der DDR hätten die Menschen auch gelernt, frei zu reden "und zu erinnern, was verschwiegen worden ist", sagte der Propst der Propstei Parchim, Dirk Sauermann. Notwendig sei "ein differenzierteres Erzählen über die DDR", weil nach der Wende viele Menschen erlebt hätten, dass ihre Geschichten nicht erzählt worden seien. Kirche habe heute die Aufgabe, Erinnerung zu stärken und biografisches Erzählen zu ermöglichen.

Aufbruch aus der Lethargie

Die Grenzöffnung habe er damals empfunden wie die Geschichte im Johannesevangelium, in der Jesus einen Gelähmten heilt, sagte Sauermann: "Steh auf, nimm dein Bett und geh" - in diese Offenheit hinein habe er den Aufbruch aus der Lethargie und der Abgrenzung erlebt. Vor der Wende habe die Botschaft des Johannesevangeliums von der "Hoffnung, die nicht stirbt", vielen Menschen geholfen, unter dem Dach der Kirche loszugehen.

In seinem Videoblog "Menschenskind" erinnert Synodaler Michael Bammessel, Präsident der Diakonie Bayern, an die Rolle der Diakonie in der friedlichen Revolution

Die Sehnsucht nach früher bei vielen Ostdeutschen erinnert Christian Rudolph, Pastor in der evangelischen Kirchengemeinde Ballwitz, bisweilen an die biblische Geschichte vom "Volk Israel in der Wüste, das sich zurücksehnt nach den Fleischtöpfen Ägyptens". Dinge würden schöner erinnert, als sie waren. "Klar war der Zusammenhalt der Menschen damals stärker - aber weshalb? Weil man aufeinander angewiesen war, sonst bekam man seinen Zement nicht", sagte Rudolph. Daraus werde häufig ein Systemvergleich abgeleitet - und es werde "ausgeblendet, dass wir heute als Gesamtgesellschaft von rasantem Wandel ergriffen sind". Vor 20 bis 30 Jahren sei der Zusammenhalt wohl auch im Westen noch ein anderer gewesen.

Kein "Unrechtsstaat"

Präses Wolf zufolge sollte die DDR nicht "Unrechtsstaat" genannt werden. "Natürlich sind ganz furchtbare Dinge passiert", sagte sie. Aber das Alltagsleben sei geordnet gewesen, es habe ähnliche Gesetze gegeben, und wer sich daran hielt, habe "von Unrecht wenig gemerkt". Diese Diskussion werde von vielen Menschen als diskriminierend empfunden, da das Staatsvolk dadurch mit diskreditiert werde.

Für die Zukunft wünscht sich Wolf eine Kirche, die an der Bildung insbesondere junger Menschen arbeitet, "die gar nicht wissen, was sie glauben, weil sie von nichts Ahnung haben", um sie zu mündigen Menschen zu machen. Rudolph berichtete, wie die Kirche im Osten Mecklenburgs an ihre Grenzen stößt, die dort in zwölf Jahren ein Drittel ihrer Mitglieder verloren hat und der es darum nicht gelinge, "so nah an den Menschen zu sein, wie sie das erwarten und brauchen".


28.11.2019 / Christine Ulrich, epd