chrismon-Kolumne "Der Heilige Rasen"

Fußballmegastars - Helden oder Menschen?

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Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler kommentiert die Ereignisse der Fußball-Europameisterschaft 2016 in einer chrismon-Kolumne.

Bild: Monika Höfler, istock

Folge 6: Imbrahimovic, Ronaldo & Co. - was sind sie: Fußballgötter, Selbstdarsteller oder echte Vorbilder? Regionalbischöfin Breit-Keßler schreibt in der chrismon-Kolumne, was sie während der EM bewegt.

 Ein paar fehlen: Ribéry und Benzema aus Frankreich, Balotelli aus Italien - der hätte uns wieder vom Platz gewischt - und Costa aus Spanien. Mkhitaryan und der filigrane Robben können nicht dabei sein. Dafür sind andere Megastars auf dem Rasen: Pogba aus Frankreich, der Schweizer Xhaka, der spielt wie sein Name klingt, Rooney, unser Müller, unser Lewandowski, der aber Polen anführt, unser Alaba, der Österreich ziert, der tschechische Tor hütende Linkshänder Cech und sein italienischer Kollege Buffon. Ibrahimovic und Ronaldo.

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Die Megastars sind Identifikationsfiguren. Thomas Müller - ein Lausbub, gern auch mal im rosa Dirndl, zu jedem Streich aufgelegt. Der Gelsenkirchner Gündogan, der bayerisches Abitur gemacht hat und brillant denken wie reden kann. Leider nicht dabei diesmal. Wayne Rooney, die englische Skandalnudel, bei der man einen kompromittierenden Zettel an eine Prostituierte gefunden hat und Ribéry, der auch nicht gerade makellos durchs Leben rennt. Cech, der sich 2006 eine böse Schädelverletzung zugezogen hat und seitdem mit Helm spielt. Das sind Männer, in denen man sich wiederfinden kann.
Rasend toll und doch bloß Menschen

Deswegen, weil sie so verschieden sind: Rechte Frohnatur der eine, sportlich und klug zugleich der andere. Ordentlich daneben gehauen oder sich verletzlich, tapfer und vorbildlich gezeigt. Das kennt man und ist schon den kickenden Helden nah. Sie sind rasend toll und doch bloß Menschen - daraus lässt sich auch ein Umkehrschluss ziehen. Und dann die dritte Dimension, Ibrahimovic, "Ibrakadabra", der sich dem künftigen Bayerntrainer Ancelotti einmal als Gott vorgestellt hat. Sich aber meist völlig anders benimmt, manchmal grob wird. Dann wieder großzügig spendet.

Möchte Mann selber nicht auch so sein? Total souverän, cool alles machen, was man will, schnurz, was andere sagen? Und der gegelte Ronaldo. Der immer Drama-Queen-mäßig schaut, wenn ihn einer nur anpustet. Für mich ist die theatralische, gelegentlich cholerische männliche Greta Garbo nichts. Vielleicht für Männer, die sich gern mal inszenieren? Für Frauen, die von reichen Selbstdarstellern träumen? Halt. Ronaldo stammt aus armen Verhältnissen. War schlecht in der Schule. Drei Klassen, sechs Jahre.

Sein Vater, Alkoholiker, starb an Leber- und Nierenversagen. Mit 15 hatte Ronaldo eine Herzoperation. Den Bruder hat er von Drogen losgebracht. Er ist allein erziehender Vater. Der eitle Portugiese hat was erlebt. Vielleicht ist er einer, der die momentan sehr guten Zeiten in vollen Zügen genießt. Vorbild? Nicht notwendig. Aber ein Mensch, dem es schon ganz schön rein regnete. Und der seinen Weg gefunden hat. Für unsereinen muss es nicht so ein Weltklasse-Fußball sein. Da reicht es, das eigene Leben anzupacken. Das ist Herausforderung genug.

Zur Person

Susanne Breit-Keßler, Bild: © ELKB / Poep

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

 Seit 2000 ist sie Regionalbischöfin des Kirchenkreises München-Oberbayern, seit 2003 Ständige Vertreterin des Landesbischofs. Sie ist Autorin der chrismon-Kolumne "Im Vertrauen" und begleitet die Fußball-Europameisterschaft mit einer Online-Kolumne bei www.chrismon.evangelisch.de.


15.06.2016 / Susanne Breit-Keßler