chrismon-Kolumne "Der Heilige Rasen"

Schadenfreude und Mitgefühl

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Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler kommentiert die Ereignisse der Fußball-Europameisterschaft 2016 in einer chrismon-Kolumne.

Bild: Monika Höfler, istock

Folge 17: "Netter wäre es schon, für die Verlierer "Simply the Best" statt "Ihr könnt nach Hause geh'n..." zu singen..." meint Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler in ihrer Kolumne zur Fußball-Euro.

Schadenfreude ist die schönste Freude, sagt man. Und die reinste, weil sie direkt aus dem Herzen kommt. Welcher Fan, mich eingeschlossen, kennt nicht das ergreifend schlichte Lied "Ihr könnt nach Hause geh'n..."? Aus vollem Hals geschmettert, wenn der Sieg zum Greifen nah und der Gegner schon fast auf dem Koffer sitzt: "Das Leben ist so wunderschön, drum könnt ihr jetzt nach Hause geh'n." Weiter geht es mit dem Hinweis, dass "wir" die Nummer eins sind und den anderen die Tränen gönnen. So hingeschrieben klingt das richtig peinlich.

Einige Fußballgrößen haben sich inzwischen tränenreich aus der EM verabschieden müssen: England, Schweden, Spanien und, na ja, Schweiz und Österreich. Im Nachbarland spricht man von Pleiten, Pech und Pannen, von einer Katastrophe und der "Unform" des Superstars Alaba. Spaniens Presse schrieb von einem "Trafalgar", vom "Verlust der Krone" des (ehemaligen) Europameisters, der keinen Stil und keine Seele habe. Hui! Und man konstatierte frustriert "Italiens historische Rache". Forza Italia statt Viva España. Das muss übrigens ein Ende haben!

Mit Begeisterung untergehen

In England ist es nicht viel besser. Man spricht von der schlimmsten Niederlage der Geschichte, von Schande und einer ultimativen Erniedrigung. Der Trainer ist zurückgetreten – so wie der Premierminister. (Das aber aus einem anderen Grund, glaube ich.) In der Schweiz pflegt man dagegen Selbsterkenntnis und Humor: Der zerbröckelte "Granit" Xhaka gelobt Besserung beim Elferschießen und Fans betonen fröhlich, dass sie selbst noch nie einen bei der EM verschossen hätten. So kann kaum Schadenfreude aufkommen...

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Länder wie Nordirland gehen aufrecht baden. Da wird gejubelt bis zum Umfallen, schnurz, ob die Mannschaft verloren hat. Die Fans wollten nach dem Abpfiff vor Wonne das Stadion in Lyon gar nicht mehr verlassen – trotz Niederlage. Nach der Heimkehr in Belfast riefen sie ihren Spielern begeistert zu: "Simply the best!" Das macht Laune. So kann man mit Begeisterung untergehen. Und vermeidet souverän den Spott der anderen, das "Gelächter der Hölle", wie der Philosoph Schopenhauer sagt.

Nun, da es mit dem Viertelfinale weiter geht, wird es weitere Enttäuschungen geben. Und die Schadenfreude lebt neu auf, "der schlechteste Zug in der menschlichen Natur, da sie der Grausamkeit enge verwandt ist". Das hat Schopenhauer auch noch angemerkt. Ich hoffe bloß, dass es nicht den amtierenden Weltmeister trifft. Gerne verkneife ich mir dafür das doofe Lied und bin voller Mitgefühl für die anderen, wenn sie auf dem Weg zum Finale scheitern. Echt jetzt.

Zur Person

Susanne Breit-Keßler, Bild: © ELKB / Poep

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Seit 2000 ist sie Regionalbischöfin des Kirchenkreises München-Oberbayern, seit 2003 Ständige Vertreterin des Landesbischofs. Sie ist Autorin der chrismon-Kolumne "Im Vertrauen" und begleitet die Fußball-Europameisterschaft mit einer Online-Kolumne bei www.chrismon.evangelisch.de.


01.07.2016 / Susanne Breit-Keßler