Pilgern

Damit die Seele mitkann

Pilgern in Bayern

Der Jakobsweg ist eine Reise der Seele.

Bild: iStock-deimagine

Durch Bayern führen acht Jakobswege in Richtung Santiago de Compostela.Viele Kirchen sind geöffnet und laden Sie ein, auszuruhen und die Stille zu genießen!

Pilgern – das ist Laufen mit den Füßen und der Seele. Jedes Jahr machen sich mehr Menschen auf den Jakobsweg. Im spanischen Santiago de Compostela sind im vergangenen Jahr über 277 000 Pilger angekommen.

Am bekanntesten Pilgerweg liegt auch Nürnberg. Das Pilgerzentrum in der Jakobskirche ist ein Knotenpunkt. Pfarrerin Simone Hahn schiebt eine schwere weiße Trennwand zur Seite. Hinter ihr tauchen ein heller moderner Tresen und eine Bücherecke auf. In dieser Ecke im Vorraum der Jakobskirche mitten in der Nürnberger City hat das Pilgerzentrum seinen Platz. Hier sind 20 Ehren- amtliche abwechselnd zu ihren Dienstzeiten für die Besucher da, die sich für das Pilgern interessieren. Ohne diese Freiwilligen wäre das Zentrum nicht zu stemmen. Tanja Zeller ist die hauptamtliche Koordinatorin des Pilgerzentrums: „Das ist doch genial, ein Pilgerzentrum im Eingang einer Kirche, für Geist und Seele ist alles da“, begeistert sie sich für ihren Arbeitsplatz, an dem sie seit diesem Sommer tätig ist.

Die Nürnberger Kirche St. Jakob liegt an einem wichtigen Knotenpunkt im Pilger-Wegenetz. Drei ausgeschilderte Jakobswege führen von Osten nach Nürnberg, drei gehen von hier nach Westen aus. Jakobswanderer sind aus Sachsen, Thüringen und Osteuropa unterwegs und wollen weiter nach Rothenburg, nach Ulm oder Eichstätt. Alle gelangen irgendwann nach Konstanz und Einsiedeln in der Schweiz, dem Sammelpunkt der Pilger.

Zitat

Pilgern ist ein Spiegel des Lebens“

Simone Hahn

Ein sportlicher Herr in Funktionswanderhose und Softshell-Jacke betritt den hellen Vorraum der Kirche und steuert auf den Tresen zu. Er hätte gerne einen Pilgerausweis, sagte der erfahrene Pilger aus Fürth. Er sei in diesem Jahr schon drei Monate lang unterwegs gewesen. Sein Pilgerausweis ist mit Stempeln von den zahlreichen Stationen gefüllt. Jetzt braucht er einen neuen Ausweis, den die fränkische Jakobusgesellschaft ausstellt. Angelika Bootz, eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, füllt ihm das Dokument sorgfältig aus.

Einen Pilgerausweis könne man sich ja eigentlich auch im Internet bestellen, stellt Bootz fest. Aber viele Jakobspilger kommen ins Pilgerzentrum, weil sie Kontakt zur „Szene“ suchen. Es gibt auch solche, die sich für die bevorstehende Reise einen Segen holen. Überraschend viele nehmen nach ihrer Rückkehr am wöchentlichen Pilgerstammtisch teil, den St. Jakob organisiert. Da kommen am Mittwochabend schon einmal 40 Leute. Tanja Zeller kann das nachvollziehen: Wer nach der Reise in den Alltag zurückgekehrt, möchte sich mit Leuten austauschen, die selbst gelaufen sind. „Dann hat man das Gefühl, dass man weiter auf dem Weg ist.“

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Dass Pilgern keine vorübergehende Modeerscheinung war, als Hape Kerkeling seinen Bestseller schrieb, kann Oliver Gussmann, der „Pilgerpfarrer“ der bayerischen Landeskirche, bestätigen. Die Pilgerzahlen steigen weiter
leicht an, sagt Gussmann. „Die Leute gehen, weil sie Entschleunigung suchen, denn der Druck im Beruf ist sehr groß.“

„Heute werden Manager auf den Weg geschickt, um runterzukommen“, weiß auch Simone Hahn. „Pilgern ist ein Spiegel des Lebens“, ist sie überzeugt, „man braucht Zeit, etwas Gewohntes zu verlassen.“ In ihrer Zeit als Pfarrerin an St. Jakob hat sie schon alle möglichen Pilgertypen erlebt: die Sportlichen, die Unerfahrenen, die mit einem halben Kasten Mineralwasser im Rucksack laufen, die 70-Jährigen, die lange mit ihrer Pilgertour gewartet
haben und plötzlich sagen: „Jetzt bin ich so weit.“ Und es gibt die, die ohne Geld, „aber mit großem Gottvertrauen“ losgehen. Viele junge Männer starten in St. Jakob in Nürnberg, junge Frauen reisen lieber erst nach Spanien und gehen dort los. Dort fühlen sie sich auf den Wegen sicherer, weil jenseits der Pyrenäen viel mehr Menschen unterwegs sind als in Deutschland.

Pilgermuschel

Immer der Muschel nach...

Bild: iStock-percds

Im Pilgerzentrum klingelt wieder das Telefon. Über 1800 Kontakte mit Einzelpilgern oder Gruppen verzeichnete das Büro im Jahr 2016. Simone Hahn wird verlangt. Ob die Pfarrerin an einem Tag im Oktober eine oberfränkische Pilgergruppe durch die Jakobskirche führen könne? Die Seelsorgerin notiert sich den Termin und runzelt die Stirn, als sie hört, dass die Leute vom Nürnberger Stadtrand mit der U-Bahn zur Kirche fahren wollen. Sie rate immer allen, auch die „todlangweiligen“ Wegstrecken zu Fuß zu gehen, sagt sie, „damit die Seele mitkann".

Ratschläge zur Vorbereitung einer Pilgerreise, Beherbergungs-Tipps und spirituelle Angebote von Verlagen – all das soll im Jahr 2019 eine „Pilgermesse“ bringen, die das Pilgerzentrum und die Landeskirche planen. Kirchen, Verlage, Reiseanbieter oder Gastwirte könnten erstmals bei einer solchen Veranstaltung in Bayern
zusammenkommen. Tanja Zeller bastelt bis dahin an ihren Ideen eines Pilgerwegs von Lübeck nach Nürnberg
oder wird das Pilgercafé weiter ausbauen. Ihr, Simone Hahn und den Ehrenamtlichen schwebt zudem vor, das Pilgerzentrum in Zukunft mehr mit dem Angebot der Offenen Tür der Jakobsgemeinde zu verknüpfen. Das ist eine niederschwellige Beratung, deren Eingang gegenüber der Schiebewand des Pilgerzentrums liegt. Und zwischendrin: der Eingang zur Jakobskirche, deren Handgriffe aus zwei großen Pilgerstäben gemacht sind. Und wieder betritt ein Mann den Vorraum der Kirche. Er tippt an den Fuß der großen Statue des heiligen Jakobus und lässt sich zum Beten in einer Kirchenbank nieder.


17.04.2018 / Jutta Olschewski/Grüß Gott