Christen im Irak

Zukunft in Ninive?!

Ein Mädchen hütet Schafe in der Ninive-Ebene.

Zwischen Hoffen und Bangen - die Christen rund um Mosul kehren langsam zurück. Hier: Ein Mädchen hütet Schafe in der Ninive-Ebene

Bild: Hans-Martin Gloël

„Wir kehren zurück nach Telelskof“. Weiß auf grün steht es in schwungvollem Arabisch an der Wand des Dorfes  bei Mosul, aus dem 1450 christliche Familien im Sommer 2014 fliehen mussten.

„Wir sind vor drei Tagen in unser Haus zurückgekehrt!“ sagt Afra strahlend und stellt sich gerne mit ihrem Mann Aziz und den Söhnen Andi (10) und Even (5) unter dem Kreuz vor der Haustüre für ein Foto auf.

„Wir kehren zurück nach Telelskof“ - oder sollte es sich bei dem Schriftzug doch nicht um die Freude der zurückkehrenden Christen, sondern eine Drohung des IS handeln? Wenige Tage nur waren die Truppen des Kalifats im Sommer 2014 hier, bis sie von den kurdischen Truppen zurück geschlagen wurden. Im Mai vergangenen Jahres kehrte der IS noch einmal zurück, um den strategisch wichtigen Ort mit vielen sprengstoffbestückten Wägen und Attentätern einzunehmen, doch die Peshmerga und christliche Milizen schlugen den Angriff mit Unterstützung der US-Luftwaffe zurück.

Mehr als zwei Jahre lang diente der Ort an der Frontlinie kurdischen Soldaten als Hauptquartier und verfügt deshalb auch noch über eine Infrastruktur, die es ermöglicht, dort zu leben.

Zitat

Wenn es in diesem Sommer nicht entscheidende Aufbaumaßnahmen gibt, dann sind wir ernsthaft in Gefahr."

Pfarrer Daniel Behnam

Doch von den Konflikten der letzten Jahre will Afra nun nichts mehr wissen: ihr Haus wurde zwar geplündert und steht deshalb fast leer, doch es steht. „Wir haben meistens von 5 Uhr nachmittags bis 8 Uhr morgens Strom“ freut sie sich. Das Trinkwasser allerdings müssten sie noch kaufen.

Im Haus des Nachbarn stehen überall Farbtöpfe und es riecht nach frischen Farben, zwei Häuser weiter zeigt Mona, eine Frau im mittleren Alter stolz ihren Gemischtwarenladen, den sie erst vor wenigen Tagen hier eröffnet hat. Nur ihre Tochter, die sich nicht fotografieren lassen möchte meint: Es könnte besser laufen.

Informationen zum Thema

Spendenkonto: Christen helfen im Irak

ELKB
DE57 5206 0410 0001 0101 07
GENODEF1EK1
Stichwort: Christen helfen im Irak

Die Spenden kommen direkt den Partnerorganisationen der ELKB, die vor Ort Hilfe leisten, zu Gute.

 

Gedämpfte Töne eher auch bei Usama und seiner Mutter Khalida, die vor einer Woche wieder zurückgekommen sind. Auch hier wurde offensichtlich geplündert, was nicht niet- und nagelfest war, doch Bilder von Jesus und Maria hängen bereits wieder in jedem Zimmer.

„Bitte bete mit uns!“ wird der Gast aus Bayern aufgefordert. Ihre Sorge gilt der Gesundheit von Khalida, die Diabetes hat und einer Zukunft zwischen Hoffen und Bangen in diesem nur von Christen besiedelten Dorf, während sich im wenige Kilometer entfernten Mosul der IS noch mit allen Mitteln gegen seine Niederlage aufbäumt.

Immerhin 165 Familien seien wieder zurückgekehrt nach Telelskof, weiß der für die Sicherheit in der Region zuständige Colonel Seravan Barushki, bevor er die Besucher in Begleitung von kurdischen Peshmerga und christlichen Milizionären der Niniveh Plain Forces ins nahe gelegene Batnaya entlässt, das bis vor Kurzem vom IS gehalten wurde.

Die Schrift an der Wand

Verbrannte Gottesdienstschriften in der chaldäischen Kirche in Batnaya.

Drohungen und Verwüstung: 90 Prozent von Batnaya sind zerstört (im Bild: verbannte christliche Bücher), Schriftzüge zeugen von der Ideologie der Besetzer.

Bild: Hans-Martin Gloël

Hierher ist noch niemand zurückgekehrt, außer den Minensuchkommandos, die die Ruinen scannen. Die Wände hier halten Botschaften bereit, die eindeutig dem IS zuzuordnen sind. 90 % des Ortes sind zerstört, vor allem durch US-Luftangriffe im vergangenen Herbst, als es darum ging den IS zu vertreiben. Die Schriftzüge auf den noch stehen gebliebenen Häusern und der baulich intakt gebliebenen, aber schlimm verwüsteten Kirche geben umfänglich Auskunft über die Ideologie derer, die den Ort über zwei Jahre lang besetzten:

„Der Islamische Staat bleibt“ heißt es in Arabisch auf einem Haus neben dem Bild der schwarzen Flagge des IS.

„Es gibt keinen Platz für das Kreuz auf islamischem Land“ und „Haus der Ungläubigen“ steht neben der mit einem Kreuz verzierten Eingangstür zu einem Hof. In einer Seitenkapelle der Kirche haben offenbar aus Europa eingereiste, um Deutschsprachigkeit bemühte IS-Kämpfer ihre Botschaft hinterlassen: „Oh ihr scheiss Kreuzsklaven   Wir töten euch alle   Dieses land ist islamische land, Ihr Schmuzigen das Ihr gehört nicht da hier“

Im Altarraum aus dem das Kreuz entfernt wurde, islamische Glaubensaussagen: „Jesus ist unser Prophet.“ Das islamische Glaubensbekenntnis zieht sich quer über die Apsis und im Altarraum einer Seitenkapelle wiederum heißt es: „Jesus wird am Ende der Zeiten kommen, um das Kreuz zu zerbrechen.“ Unter anderen Voraussetzungen könnte diese Aussage als Einladung zu einem theologischen Gespräch verstanden werden, wäre doch aus christlicher Sicht einiges dazu zu sagen. In der verwüsteten Kirche dagegen handelt es sich um das Gegenteil.

Wer wird wohin zurückkehren?

Kinder im Odrana-Camp bei Dohuk

Die Lager für Inlandsflüchtlinge wie das Odrana-Camp bei Dohuk sollen im Laufe des Jahres aufgelöst werden. Wo werden diese Kinder zur Schule gehen?

Bild: Hans-Martin Gloël

„Wenn es in diesem Sommer nicht entscheidende Aufbaumaßnahmen gibt, dann sind wir ernsthaft in Gefahr“ sagt der syrisch-orthodoxe Pfarrer Daniel Behnam, der seine Gemeinde im inzwischen ebenfalls zerstören Bashiqa in der Ninive-Ebene hatte. „Auf die Regierung können wir damit nicht warten“ fügt er gleich noch hinzu. Doch auf wen sonst? Die Ninive-Ebene ist umstrittenes Gebiet zwischen der kurdischen Autonomieregierung in Erbil und der irakischen Zentralregierung in Baghdad. Solange nicht klar ist, wer dieses Gebiet in Zukunft regiert, wird sich niemand für den Aufbau engagieren. „Ihr habt am meisten für uns getan! Mehr als unsere Bischöfe, mehr als alle Politiker“ so hört man es in den Häusern der Rückkehrer in der Region um Mosul und gemeint sind damit allen voran die Evang.-Luth. Kirche in Bayern, andere Landeskirchen, der Lutherische Weltdienst und katholische Hilfswerke. Im Laufe dieses Jahres werden viele Fördermittel von Nothilfe auf hoffnungsvolle Zukunftsprojekte umgestellt, die den Menschen den Neuanfang erleichtern sollen.

Doch zunächst bleibt unklar, wer den Schutt beiseite räumt in Dörfern und Städten, die aussehen wie Nürnberg 1945; wer für Wasser, Strom und was darüber hinaus an Infrastruktur nötig ist sorgt.

Lager werden aufgelöst

Die Lager für Inlandsflüchtlinge werden im Laufe des Jahres aufgelöst. Die Regierung in Baghdad will zum neuen Schuljahr ab September den Schulunterricht überall wieder gewährleisten, sagt man. Doch wer wird wohin zurückkehren? Welchen Bedarf an Schulunterricht wird es in Orten geben, in denen eigentlich niemand leben kann?

Immerhin sind nur etwa 20 % der Einwohner von Karakosh bei Mosul ins benachbarte Ausland geflohen. Karakosh war mit ca. 50.000 Einwohnern die größte christliche Stadt im Irak, „unser Rückgrat“ wie einer der Pfarrer von dort sagt. „Wir erwarten, dass die Bewohner zurückkommen. Selbst mit einigen von denen, die in die Nachbarländer geflohen sind rechnen wir.“ Doch das gelingt nur, wenn die Infrastruktur wieder hergestellt wird. Alles, was von staatlicher Seite in Karakosh derzeit gewährleistet werde, sei die Straßenreinigung, heißt es.

Wer vermag es, alle die an einen Tisch zu bringen, die zumindest gemeinsam über Zukunftswege nachdenken müssten: Politiker verschiedener Seiten aus dem Irak und der internationalen Gemeinschaft, von deren Schutz sich hier alle etwas versprechen, Vertreter von Kirchen, Moscheen und Hilfswerken…? 

Ist Mosul für die Christen verloren?

Eine christliche Händlerin vor ihrem Laden in Telelskof.

Auch sie ist zurückgekehrt: Diese christliche Händlerin in Telelskof.

Bild: Hans-Martin Gloël

In der Metropole Mosul haben bis vor zweieinhalb Jahren noch etwa 50.000 Christen gelebt, doch bereits vor dem IS waren sie gefährdet, konnte von einer Akzeptanz der Minderheiten nicht die Rede sein.

„Nach Mosul kehren wir nicht zurück“ sagt Saad Sam’an Aziz der mit seiner Familie noch in einem Flüchtlingslager bei Dohuk im kurdischen Autonomiegebiet lebt, wo auch Anfang März noch die bunten Lämpchen am Plastik-Christbaum gegen die Trostlosigkeit in der Containerunterkunft anblinken. Ebenso äußern sich Rani und Ramin, die ihr Studium in ihrer Heimatstadt Mosul unterbrechen mussten, als der IS kam. „Wir sehen in Mosul keine Zukunft für Christen, aber wir hoffen, in der Nähe Wohnung und Arbeit zu finden“, meint Ramin, die ihr Studium als Software-Ingenieurin immerhin auch nach der Flucht beenden konnte.

Gefragt nach ihrer Hoffnung für die Zukunft meint Rani: „Das einzige Zeichen von Hoffnung ist unsere Liebe“ und nimmt die Hand seiner Braut Ramin. „Wir finden unsere Identität in der Kirche, im christlichen Leben. Wir wollen heiraten und Kinder haben. Wir wollen dieses Land nicht verlassen. Aber wenn es die letzte Option ist, dann müssen wir darüber nachdenken.“

Zur Person

Hans-Martin Gloël, Bild: © Mölkner-Kappl

HANS-MARTIN GLOËL

Kirchenrat Hans-Martin Gloël ist Referent für Ökumene und Weltverantwortung im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). Er koordiniert Projekte, die Christen im Mittleren Osten helfen sollen, in ihrer Heimat zu bleiben. Die Evang.-Luth. Kirche in Bayern ist der mit Abstand größte Förderer des Hilfswerks CAPNI (Christian Aid Program for Northern Iraq).


21.03.2017 / Kirchenrat Hans-Martin Gloël