München

Über Schizophrenie und Obdachlosigkeit

Buchrucker-Preis

Die promovierte Biochemikerin Christina Berndt (48) beschreibt in ihrem Porträt "sehr sensibel die Grenze zwischen Normalsein und Verrücktheit, zwischen Krankheit und Kreativität", so die Meinung der Jury.

Bild: Erol Gurian

Der Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission München ist an zwei Preisträger verliehen worden. Ausgezeichnet wurden Beiträge, die sich besonders mit diakonischen oder sozialen Themen befassen.

Für ihr Porträt "Paul sieht Rot" über einen an Schizophrenie erkrankten jungen Mann wurde die SZ-Journalistin Christina Berndt am Montagabend in München ausgezeichnet. Till Cöster, Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), erhielt die Ehrung für seine Langzeit-Dokumentation "Super Friede Liebe Love" über die Bewohner des Wohnheims des Katholischen Männerfürsorgevereins. Die beiden Hauptpreisträger erhielten jeweils 3.500 Euro. Insgesamt ist der Preis mit 13.000 Euro dotiert.

Die Biochemikerin Christina Berndt beschreibe in ihrem Porträt "sehr sensibel die Grenze zwischen Normalsein und Verrücktheit, zwischen Krankheit und Kreativität", so die Meinung der Jury laut Vorabmitteilung der IMM vom Montag. "Hohe Erzählkunst und Qualitätsjournalismus auf sehr hohem Niveau", urteilte Laudator Ulrich Brenner, langjähriger Leiter der Deutschen Journalistenschule (DJS): Berndt sei es gelungen, die Leser ganz nah heranzuführen an Paul van Rood und hinein in seine "ebenso wahnhafte wie fantastische Welt" - aber "nicht mit einem voyeuristischen, Sensationen witternden Blick, sondern mit der Distanz der fragenden, beobachtenden, beschreibenden Journalistin".

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Preisträger Till Cöster beobachtete in seinem Film fast drei Jahre lang die ehemals obdachlosen Bewohner des vom Katholischen Männerfürsorgevereins betriebenen Hauses an der Kyreinstraße in München. Die Jury lobte den Mut und die Geduld des 35-Jährigen, sich auf das schwierige Thema einzulassen. Der Film stelle sei wahrsten Sinne des Wortes "eine Zumutung", lobte Laudatorin Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik: "Es ist ein Film über das Leben von Männern, die keinen Platz mehr im Leben der Anderen haben." Außergewöhnlich gut sei auch die Kameraführung mit ihrer Detailverliebtheit.

Für ihre Hörfunkreportage "Eltern ohne Rechte - Das extreme Leben als Pflegefamilie" erhielt Katharina Hübel-Gohr den Themenpreis, der Nachwuchspreis ging an Pia Ratzesberger für ihren in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Text "Lieber Gott, gib uns Platz" über eine dreiköpfige Familie, die mangels freier Sozialwohnung auf 25 Quadratmetern leben muss.

Hörfunkdirektor Martin Wagner vom Bayerischen Rundfunk (BR) sagte, es sei gut, dass es gerade im reichen München Reporter gebe, die auch in nicht so gut situierten Stadtteilen unterwegs sind: Auftrag der Medien sei es, "hinzuschauen, genau und unvoreingenommen, den Menschen zuzuhören und sie ihre Geschichten erzählen zu lassen". Wer aus sozialen oder finanziellen Gründen ausgegrenzt sei, dürfe nicht auch noch medial ausgeblendet werden: "Wir müssen auch die dunklen Ecken der Gesellschaft ausleuchten", betonte Wagner.

Die Innere Mission München vergab den Preis zum 18. Mal. Mit dem Karl-Buchrucker-Preis will sie den Stellenwert diakonischer Arbeit in der Öffentlichkeit fördern. Die beiden Hauptpreisträger erhielten je 3.500 Euro, der Themen- und der Nachwuchspreis sind mit je 3.000 Euro dotiert.


28.03.2018 / epd