Nürnberg

"Wir müssen weiter denken"

Brücke-Köprü

"Brücke-Köprü" plant Kirchenführungen, Moscheebesuche oder den Besuch anderer religiöser Orte in Nürnberg für Schulklassen.

Bild: Brücke-Köprü

Das mehrfach ausgezeichnete christlich-muslimische Projekt "Brücke-Köprü" in Nürnberg feierte am Wochenende sein 25-jähriges Bestehen. Aktuelle Diskussionen bestätigen die Bedeutung ihrer Arbeit.

"Und das hier ist also die "Brücke"?" Wie ein Ort, an dem religiöser Dialog zwischen Christen und Muslimen stattfindet, sieht es im oberen Geschoss der evangelischen Familienbildungsstätte in Nürnberg eigentlich nicht aus. Den Gruppenraum würde man eher in einer Bücherei verorten. "Die Brücke ist auch unsichtbar. Sie entsteht aber zwischen den Menschen, die hier zusammen kommen", sagt Pfarrer und Islamwissenschaftler Thomas Amberg.

Das tun Anhänger christlicher Kirchen und die der verschiedenen islamischen Gemeinden in dieser bayernweit einzigartigen Einrichtung der bayerischen evangelischen Landeskirche dort beinahe täglich. Und das schon seit 25 Jahren.

Thomas Amberg weiß, dass der Nürnberger Stadtteil Gostenhof wegen seines hohen Anteils an Muslimen gerne scherzhaft "Gostanbul" genannt wird. Und kann selbst darüber lachen. Vielleicht gerade weil er in regem Austausch mit den Menschen aus den Moscheegemeinden steht, die in der Nürnberger Südstadt ihre Einrichtungen haben und die sich vielleicht untereinander eher aus dem Weg gehen, in der "Brücke" aber doch scheinbar neutralen Boden finden.

Bei Diskussionsveranstaltungen geht es um Fragen wie "Glauben wir an denselben Gott?" oder auch "Wie schmeckt der Ramadan?". Das Halbjahresprogramm mit den Veranstaltungen zum Jubiläum liest sich jedenfalls beachtlich. Eine Hälfte ist in türkischer Sprache geschrieben, die Amberg ebenso lesen kann.
 

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Um besser türkisch zu sprechen, nimmt er derzeit Sprachunterricht - beim Döner-Wirt um die Ecke. Den "besten Kaffee weit und breit" trinkt er regelmäßig bei einem seiner "Kollegen", dem Imam einer albanischen Moschee ganz in der Nähe. Amberg ist mittendrin im christlich-muslimischen Leben. Aber er weiß auch, dass er diese Welt heiler ist als die Wirklichkeit.

"Wir müssen weiter denken, in Richtung eines interreligiösen Lehrhauses der Religionen. Oder noch weitere Partner finden", zeigt sich Amberg im Jubiläumsjahr kritisch. In die "Brücke" kämen regelmäßig "Wanderer zwischen den Welten": Menschen, die auf der Suche nach ihrer eigenen Religiosität seien, missionarisch Beflissene, an anderen Weltanschauungen Interessierte.

m Lauf der Jahre seien Freundschaften gewachsen. Frauen suchten sich Refugien in entsprechenden Gruppen. Andere haben einen deutschstämmigen, christlichen Partner und wollen ihn und seine Religion besser verstehen lernen - auch gerade, wenn es beispielsweise um die Erziehung der gemeinsamen Kinder geht.

Dabei wollen Amberg und seine Mitarbeiter bewusst nicht im klassischen Sinne missionieren. Sie verstehen darunter den Dialog religiös interessierter Menschen. "Denn auch für viele Muslime ist ihr Glaube ähnlich wie bei vielen Christen lediglich einer der Faktoren, die ihr Leben kennzeichnen, aber nicht der entscheidende", erklärt der Theologe.

Das war 1993 noch anders, als die "Brücke" im Sinn eines Zeugnisdienstes unter Muslimen durch das finnische evangelisch-lutherische Missionswerk in Helsinki gemeinsam mit dem Missionswerk Neuendettelsau und der Nürnberger Kirchengemeinde St. Johannis als "Begegnungsstube" vom damaligen Nürnberger Dekan und späteren Landesbischof Johannes Friedrich eingeweiht wurde.


Seit 2008 ist das Dekanat Nürnberg vor Ort der Träger. Im Laufe der Zeit hat sich die Einrichtung immer wieder konzeptionell weiter entwickelt, nicht zuletzt durch die Fluchtbewegungen der letzten Jahre. Zu Begegnungen mit Muslimen kommen solche mit Aleviten, Alawiten und Jesiden hinzu. Regelmäßig werden Moscheeführungen für Schulklassen oder Workshops für Mitarbeitende in Kirche und Diakonie organisiert.

Da muss es Thomas Amberg doch den Magen herumdrehen, wenn er derzeit die Diskussionen um die Frage verfolgt, ob der Islam zu Deutschland gehört? Doch der sieht das ziemlich nüchtern: "Wenn die Auseinandersetzung dazu führt, dass wir die drängenden Fragen nach der verfassungsgemäßen Form des Islam und die Teilnahme von Muslimen an unserer Gesellschaft konstruktiv lösen, dann hat sie auch etwas Positives." Dazu müssten aber noch viele Brücken gebaut werden - zwischen Christen wie Muslimen gleichermaßen.


24.04.2018 / epd/Timo Lechner