Schwerpunkt Profil und Konzentration

Startschuss für Reformprozess

Reformprozess "Profil und Konzentration" - ein Film von Axel Mölkner-Kappl.

Unter der Überschrift „Profil und Konzentration“ hat die Landessynode in Coburg den Startschuss für einen umfassenden missionarischen Reformprozess gegeben.

Mit großer Mehrheit beschloss die Landessynode die Weiterarbeit an dem Konzept "Profil und Konzentration" (PuK), mit dem sich die Kirche auf allen ihren Ebenen neu aufstellen und mit ihren Angeboten auf die Lebenswirklichkeit der Menschen eingehen will. Das Reformpaket reicht von Arbeitsstrukturen und dem Zuschnitt der kirchlichen Arbeit in neuen Räumen bis zur Positionierung der Kirche in der digitalen Welt.

Ziel ist ein grundlegender Perspektivwechsel: Geprägt von geschichtlich gewachsenen kirchlichen Strukturen hat man bisher häufig darauf gewartet, dass die Menschen zur Kirche kommen. Künftig sollen die Aufgaben der Kirche wesentlich stärker aus der Perspektive der Mitglieder definiert werden mit dem Ziel, Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen niederschwelligen Zugang zur Liebe Gottes zu eröffnen.  

Wie Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel sagte, muss die Kirche heute verstärkt dorthin gehen, wo die Menschen leben. Es sei nicht nur in den Städten, sondern mittlerweile auch in manchen ländlichen Regionen zu spüren, dass die Gemeinden etwa die Zugezogenen in Neubausiedlungen nur noch schwer erreichen. Der Reformprozess solle deshalb einen Anstoß geben, wie die Kirche offener und vielfältiger in der Begegnung mit den Menschen und den Wegen ihrer Verkündigung sein kann. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und die Synodalpräsidentin formulierten als Anliegen von „Profil und Konzentration“: 1. Grundaufgaben sollen stärker vom Biblischen Auftrag her entwickelt werden. 2.  Kirche müsse heute verstärkt dorthin gehen, wo die Menschen leben, statt zu warten, dass sie kommen. 3. Kirche solle mehr in Räumen denken und weniger in Gemeindegrenzen 4. Teamfähigkeit und multiprofessionelle Teams sollen zukünftig eine größere Rolle spielen 5. Der Prozess solle gut mit anderen laufenden Prozessen verknüpft werden.

Zitat

Wir brauchen eine gute Balance zwischen Identität und Steuerbarkeit. Unsere Kirche braucht Verwurzelung vor Ort, Heimat. Gleichzeitig muss unsere Kirche in ihren Diensten so flexibel und vernetzt wie möglich organisiert werden. Der Schlüssel dafür ist nach „Profil und Konzentration“ die Aufwertung der mittleren Ebene von einer Verwaltungs- zu einer Gestaltungsebene.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Eine Begleitgruppe von Synodalen, Oberkirchenräten und dem Planungsreferenten hatte im Vorfeld den Beschlussvorschlag erarbeitet, den die Synode am Mittwochabend intensiv diskutierte. Die Landessynode hat folgendes beschlossen:

 

Strategischer Hauptleitsatz

Die ELKB gibt Zeugnis von der Liebe des menschgewordenen Gottes. Sie orientiert sich am Auftrag der Heiligen Schrift und organisiert ihre Arbeitsformen und ihren Ressourceneinsatz konsequent auf das Ziel hin, dass Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen einfachen Zugang zu dieser Liebe finden. Grundaufgaben sind daraus folgend:

1.Christus verkündigen und geistliche Gemeinschaft leben
2.Lebensfragen klären und Lebensphasen seelsorgerlich begleiten
3.Christliche und soziale Bildung ermöglichen
4.Not von Menschen sichtbar machen und Notleidenden helfen
5.Nachhaltig und gerecht haushalten

Strategischer Leitsatz A „Kirche im Raum“

Die ELKB hat die Mission, das Evangelium von Jesus Christus in das Leben der Menschen hier und jetzt zu tragen. Sie nimmt dazu sorgfältig die (realen und virtuellen, die lokalen, regionalen und weltweiten) Lebensräume von Menschen wahr, organisiert ihre Arbeit auf der Grundlage ihres Auftrags passend zu diesen Lebensräumen in Handlungsräumen und ist in diesen gut vernetzt und gut erreichbar. Alle kirchliche Arbeit wird im Raum als Einheit gesehen und dort organisiert. Raumübergreifende Dienste sind so weit wie möglich vom Bedarf in den Handlungsräumen her definiert.

Strategischer Leitsatz B „Gemeinde im Raum“

Die ELKB ist Teil der weltweiten christlichen Gemeinschaft, die ihre Mitte in der heilsamen Botschaft des Evangeliums hat. Sie gestaltet diese Gemeinschaft in konkreten Lebensräumen jeweils den unterschiedlichen Kontexten entsprechend und ermöglicht vielfältige Formen von Gemeinden und Beteiligung. Sie macht die gute Vernetzung von Gemeinden untereinander, in der Ökumene und im Sozialraum vor Ort zu einem Qualitätsmerkmal.

Strategischer Leitsatz C „Geistliche Profilierung“

Die ELKB lebt aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus in Wort und Sakrament. Sie öffnet aus einer hörenden Grundhaltung heraus geistliche Erfahrungsräume, die Menschen mit Christus und untereinander in Gemeinschaft bringen. Sie sorgt in der Ausbildung und berufsbegleitend für spirituelle Kompetenzen in den Verkündigungsberufen, profiliert besondere geistliche Orte und macht geistliche Begleitung zu einer Kernaufgabe.

Strategischer Leitsatz D „Kirche und Diakonie“

Die ELKB hat den Auftrag, den Notleidenden zu helfen und Teilhabe zu ermöglichen – vor Ort und weltweit. Sie sorgt für eine klare diakonische Identität ihrer Mitarbeitenden und wirkt mit bei der Förderung kirchlicher Identität von Mitarbeitenden der Diakonie. Kirchliche und diakonische Arbeit in all ihren Aspekten sind vor Ort gut vernetzt und nach außen klar als Einheit erkennbar.

Strategischer Leitsatz E „Vernetztes Arbeiten“

Die ELKB lebt aus der Vielfalt der Gaben, die Gott schenkt. Indem Auftrag und Aufgaben klar für die verschiedenen Handlungsräume definiert sind, wird für einen guten Einsatz dieser Gaben in Haupt- und Ehrenamt gesorgt. Auftrag und Aufgaben werden mit verschiedenen Kompetenzen, Teams und mit klarer Leitung und Zuständigkeit erfüllt. Team- und Leitungskompetenz werden in der Ausbildung grundgelegt und durch regelmäßige verpflichtende Fortbildungen vertieft.

Strategischer Leitsatz F „Digitaler Raum“

Die ELKB ist im digitalen Raum präsent. Sie öffnet vielfältige Formen der Begegnung mit dem Evangelium. Sie lässt sich auf die hohe Innovationsfreudigkeit der digitalen Welt ein und entwickelt vielfältige Formate kirchlicher digitaler Arbeit. Sie fördert dazu die Kompetenzen der Mitarbeitenden im digitalen Bereich, standardisiert die technische Ausstattung und gewährleistet professionellen Support.

Die Landessynode stimmte den strategischen Leitsätzen von Profil und Konzentration zu und bat die Projektverantwortlichen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Fachabteilungen unter Zugrundelegung der PuK-Arbeitspakete in einer breiten Beteiligung Maßnahmen zur Umsetzung zu erarbeiten Dabei seien aktuelle Projektmaßnahmen (LStPl, VfKG usw.) einzubeziehen. Sie beauftragten die Begleitgruppe, den Prozess weiter zu koordinieren und die Projektstruktur zu entwickeln. Landessynode, LSA und Landeskirchenrat erhalten dann regelmäßig Berichte zum Stand der Umsetzung, geben Rückmeldungen und bitten zu gegebener Zeit um die Vorlage von Umsetzungsmaßnahmen zum Beschluss.

Zur Anregung für den Prozess "Profil und Konzentration" hatte die Landessynode am Dienstag Vormittag zwei Referenten eingeladen und sie gebeten, sich mit der Frage auseinandersetzen, was es angesichts der Herausforderungen der Zeit bedeuten könne und solle, sich als „ecclesia semper reformanda“ zu verstehen. Prof. Dr. Armin Nassehi, Inhaber des Lehrstuhls I für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Prof. Dr. Christoph Markschies, Inhaber des Lehrstuhls für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, brachten ihre je ganz eigene Perspektive auf die Kirche ein.

Erster Vortrag zu "Profil und Konzentration". Prof. Dr. Armin Nassehi, Soziologe an der LMU München

Der Soziologe Armin Nassehi forderte die Kirche zu mehr Selbstbewusstsein auf. "Ihre Form der Kommunikation hat sonst keiner", sagte Nassehi zu den Synodalen. Wenn etwa nach einem Terroranschlag der Opfer gedacht werde, seien in erster Linie die Kirchen gefragt. Nassehi ermunterte die Synodalen auch, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren. Der Mitgliederschwund zum Beispiel könne nicht mehr zurückgeschraubt werden. Dennoch würden die Kirchen in der Zukunft eine Rolle spielen, zeigte sich Nassehi überzeugt. Sie sollten sich daher ihrer Bedeutung für die Gesellschaft deutlicher bewusst sein.

Zweiter Vortrag zu "Profil und Konzentration: Prof. Dr. Christoph Markschies, Kirchengeschichte HU Berlin

"Wir müssen in gewissem Sinne immer Volkskirche bleiben", forderte dagegen der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies. Die Gnade Gottes gelte schließlich für "alles Volk". Wichtig sei aber, dass die Kirche in einer multimedialen und komplexen Welt aufmerksam bleibe und "nicht dazwischen plappert und einfach darauf losredet". Die Kirche müsse sprachfähiger werden über ihren Glauben, "als wir es derzeit sind".

Markschies warnte auch vor allzu weitreichenden Prophezeiungen für die Zukunft der Kirche. Diese seien "irrtumsanfällig"; man müsse daher in kleineren Schritten denken. Zugleich machte er sich für mehr Ökumene stark. Die beiden großen Kirchen könnten Herausforderungen besser gemeinsam bewältigen. Nicht jede Gemeinde müsse alles allein machen, sonst lande man im "Reformstress", mahnte der Theologe.

Seine evangelische Kirche forderte er in seinem Impulsvortrag auf, mehr auf die Katholiken zuzugehen - nämlich so, wie sich die katholische Kirche im Jahr des 500. Reformationsjubiläums auf die evangelische eingelassen habe. Dabei gehe es nicht um "gedankenloses Abschleifen" oder eine "naive Begeisterung". Man müsse vielmehr anerkennen, dass der Heilige Geist auch woanders Begabung schenke, sagte Markschies.

Nach diesen Vorträgen diskutierten die Synodalen in den Fachausschüssen, berieten sich in den Arbeitskreisen und nutzten auch den Mittwoch für Randgespräche. Wir haben Synodale zu Profil und Konzentration befragt, hier einige Stimmen:

Viele Stimmen wollen nun in den Regionen dazu gehört werden. Vor Ort soll überprüft werden, ob über die traditionellen Zuschnitte der Kirchengemeinden hinaus andere Organisationsformen entdeckt werden können, die eine größere Nähe zu den Menschen ermöglichen. Das Konzept des Reformprozesses will dabei den Dekanaten und Regionen viel Gestaltungsfreiheit ermöglichen. Ein breiter Dialogprozess mit Kirchengemeinden und Dekanatsbezirken soll nun gestartet werden, um die Konzepte zu den Arbeitspaketen weiter auszuarbeiten und Umsetzungsideen vor Ort zu entwickeln.


31.03.2017 / ELKB/epd