Pfingstpredigt

"Bei Gott ist alles möglich"

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in der Matthäuskirche in München am Pfingstsonntag.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in der Matthäuskirche in München am Pfingstsonntag.

Bild: ELKB

Die Predigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am Pfingstsonntag 2020 in der Matthäuskirche in München.

Liebe Gemeinde,

Was wäre, wenn es Pfingsten nie gegeben hätte?

Die Geburt Jesu, die wir an Weihnachten feiern, das Leben Jesu, sein Sterben und Auferstehen, das an Karfreitag und Ostern im Zentrum steht, das alles wäre ein gewichtiges Ereignis in der Vergangenheit gewesen, dessen wir uns dankbar und vielleicht auch ehrfurchtsvoll erinnern würden. Aber es wäre eben Vergangenheit. Es wäre Geschichte. Es wäre etwas Abgeschlossenes.

Aber es ist nichts Abgeschlossenes! Gott sei Dank – ganz wörtlich gemeint! – Gott sei Dank ist es nichts Vergangenes, sondern ganz und gar Gegenwärtiges! Denn wir sind heute zusammen, feiern Gottesdienst und wissen und spüren: Jesus ist da. Jesus ist unter uns lebendig. Er ist gegenwärtig mit seiner Kraft, seiner Liebe, seiner Gemeinschaft – und wir können es spüren. Auch über Sicherheitsabstände hinweg und durch Gesichtsmasken hindurch - und auch auf digitalen Kanälen.

Weil es Pfingsten gibt. Weil die Jünger damals diese Erfahrung gemacht haben, die niemand wissenschaftlich beweisen oder erklären kann, die aber eine solche Kraft entfaltet hat, dass sich die Botschaft in die ganze Welt ausgebreitet hat und wir heute hier in der Münchner Matthäuskirche und an den livestream-Bildschirmen zu Hause gemeinsam Pfingsten feiern können.

Ja, Gott sei Dank, dass wir diesen Geist, den die Jünger damals gespürt haben, auch heute spüren. Wir brauchen ihn dringend in diesen verrückten und in vieler Hinsicht auch so bedrückenden Zeiten!

Rund 10 Wochen ist es jetzt her, dass sich unser Leben durch die Corona-Pandemie grundlegend verändert hat. Menschen sind krank geworden, Menschen haben mit dem Tod gerungen, Menschen  sind gestorben. Angehörige waren verzweifelt, weil die Pflegeheime ihnen aus Angst vor todbringender Verbreitung des Virus in ihren Häusern den Zugang zu ihren Lieben verwehrten. Menschen verloren ihre wirtschaftliche Existenz. Familien kamen an die Grenzen ihrer Kräfte, weil KiTas und Schulen geschlossen waren und zum Teil noch sind.

Das gesellschaftliche Klima wird zunehmend gereizter, die Meinungen gehen weiter auseinander und wir wissen nicht, ob wir es weiterhin schaffen werden, beieinander zu bleiben. Auch wir in der Kirche ringen um die Frage, wie es weitergeht mitten, in und nach der Corona-Pandemie. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie wir mit deutlich weniger Geld auskommen können werden. Sondern viel tiefergehend um die Frage, welche Kirche wir sein wollen in einer Welt, die sich als höchst verletzlich erwiesen hat und die gleichzeitig so vielstimmig ist, dass sie die Stimme der Kirche zu überhören droht.

Den Jüngern damals ist es in mancher Hinsicht ähnlich gegangen. Auch damals waren es verrückte Zeiten. Auch damals gingen die Meinungen weit auseinander: Wie sollte man das Leben und Lehre Jesu bewerten. Wie auf seine  Kreuzigung reagieren. Wie seine Auferstehung begreifen können. Die Ereignisse waren dramatisch, aufwühlend, so dass  sicher viele Menschen verwirrt waren, wie sie das einschätzen und sortieren sollten. Wir kennen dieses Gefühl gerade ziemlich gut. Und nun sind in der Pfingstgeschichte, wie wir sie aus der Apostelgeschichte erzählt bekommen, alle beieinander an einem Ort. - lauter Leute, die unterschiedliche Sprachen sprechen.: Völker mit interessanten Namen, wie Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia. Und viele mehr werden genannt. Alle sprechen sie eine andere Sprache.

Auch das kennen wir sehr gut. Die Soziologen haben die völlig unterschiedlichen Sprachen, die wir heute sprechen, intensiv beschrieben. Gleich zehn unterschiedliche Milieus beschreiben sie: da sind, um nur einige zu nennen, die „Konservativ-Etablierten“, die sich an traditionellen Werten orientieren. Die „Liberal-Intellektuellen“ haben eine aufgeklärte Weltsicht mit liberalen Wurzeln. Für die „Performer“ ist die Karriereleiter besonders wichtig, sie führen ein schnelles Leben mit viel Konsum. Für die „Expeditiven“ ist Kreativität und Individualismus besonders wichtig. Für die „Bürgerliche Mitte“ ist größtmögliche Sicherheit das Zentrale. Die „Sozialökologischen“ haben hohe ethische Werte, an denen sie auch ihre Mitmenschen messen. Bei den „Prekären“ bestimmen soziale Ausgrenzung und Benachteiligungen den Alltag. Die „Hedonisten“ schließlich denken wenig über die Zukunft nach und genießen lieber die Gegenwart.

Wie soll die Kirche es schaffen, für all diese unterschiedlichen Menschen die richtige Sprache zu sprechen anstatt sich auf bestimmte Milieus zu konzentrieren und den größten Teil der Gesellschaft einfach außen vor zu lassen? Kluge Kritiken unserer Insider-orientierten Kirchensprache gibt es genug. Schwieriger ist es, die richtige Sprache zu finden. Was die einen als moderne menschennahe Sprache empfinden, ist für die anderen peinlich und anbiedernd.

Die Pfingstgeschichte spricht mitten in diese Situation hinein. Die Jünger fangen, durch die Erfahrung des auf sie herabkommenden Geistes, an, in unterschiedlichen Sprachen zu predigen. Und von den Leuten, die um die Jünger herumstanden, heißt es in der Apostelgeschichte: „Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“

Sie verstehen sich, ohne ihre je unterschiedliche Identität und die damit verbundene Sprache einfach aufgeben zu müssen. Wie kann das heute gelingen? Wir brauchen das in unserer Kirche. Aber wir brauchen es auch in unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft insgesamt. Wir brauchen den Heiligen Geist, der uns zusammenführt und uns lehrt miteinander zu reden.

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Drei Geistesgaben sind dabei besonders wichtig: Wahrhaftig reden, ohne zu verletzen, die Vielfalt überhaupt erst einmal sehen und: wirklich zuhören.

Wenn wir reden: lasst uns über angelernte Formeln hinauskommen. Lasst uns wahrhaft sein, ohne den anderen zu verletzen oder mit Worten zu überrennen. Lasst uns wagen, auch die Leidenschaft in unseren Überzeugungen zu zeigen und, woher sie kommt. Lasst uns auch unsere Verletzlichkeit nicht verbergen. Es klingt anders, ob man sagt: „diese ganze Corona-Hysterie ist doch völlig übertrieben!“ Oder ob man sagt: „Ich halte diese Beschränkungen einfach nicht mehr aus. Es muss endlich aufhören!“ Und man versteht den Satz: „Wir müssen vorsichtiger sein!“ viel besser, wenn hinzugefügt wird: „Meine beste Freundin hat sich gerade im Restaurant mit Corona angesteckt. Und jetzt liegt sie auf der Intensivstation.“

Aber es geht nicht nur ums Reden. Es geht auch ums Sehen. Der Geist hilft uns, die Menschen, die andere Sprachen sprechen, überhaupt wahrzunehmen. Und zu merken: sie haben genauso einen Platz in der Gesellschaft. Sie haben genauso einen Platz in der Kirche, wie ich selbst. Ich finde es bemerkenswert, wie genau die Joel-Verheißung aus dem Alten Testament, die Petrus in seiner Pfingstpredigt auslegt, die Unterschiedlichkeit der Menschen in den Blick nimmt. „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen.“ Männer und Frauen, Alte und Junge, und auch die, die die in der gesellschaftlichen Hierarchie eher unten stehen, die Knechte und Mägde, sie alle werden genannt. Ja, die unterschiedlichen Milieus dürfen sein. Aber sie dürfen sich nicht gegeneinander abschließen.

Und deswegen ist das Dritte so wichtig: sich wirklich zuhören. Es war richtig, scharf zu reagieren auf Demonstranten, die bewusst und Provokativ Abstandsregeln missachteten. Aber es ist genauso richtig hinzuhören, was sie zu sagen haben, in der ganzen Unterschiedlichkeit zwischen gut begründetem kritischen Einspruch und verschwörungstheoretischer Verwirrtheit. Die persönliche Geschichte hinter dem Einspruch wahrnehmen, die Argumente der unterschiedlichen Stimmen genau bedenken, auch wenn sie dem allgemeinen Konsens widersprechen. Aber auch umgekehrt Argumente nicht nur deswegen für falsch zu halten, weil sie dem allgemeinen Konsens entsprechen – darum geht es. Wirklich zuhören heißt immer auch lernen wollen.

Authentisch reden, die Vielfalt überhaupt erst einmal sehen und: wirklich zuhören – das sind die drei Geistesgaben, die uns jetzt in Kirche und Gesellschaft weiterhelfen.

Der Pfingstgeist wird uns erneuern und zu einer Gemeinschaft zusammenführen, so wie er die Jünger in aufwühlenden Zeiten erneuert und zusammengeführt hat. Der Pfingstgeist wird uns die Kraft zur Versöhnung geben, wo wir sie brauchen. Er wird uns neue kreative Energien für das geben, was jetzt wichtig ist, noch wichtiger als zuvor: eine Kultur der Zusammenarbeit auf nationaler, europäischer und globaler Ebene, die nicht geleitet ist von egoistischen Eigeninteressen, sondern von Verantwortung. Einen Neustart der Wirtschaft, der auch darin wirklich neu ist, dass er verträglich ist mit der Bewahrung der Natur, mit der notwendigen Begrenzung der Klimaerwärmung. Und der darin neu ist, dass er den Skandal von Tausenden Hungertoten täglich überwindet.

Niemand sage, das sei unrealistisch. Keiner der Jünger, die damals zusammenstanden, hätte sich jemals träumen lassen, dass die Kraft des Geistes, die die Herzen der dort in Galiläa Versammelten erreichte, einmal die ganze Welt erreichen würde, so dass Milliarden Menschen heute wie wir hier in München das Pfingstfest feiern.

Dem Pfingstgeist ist nichts unmöglich. Nicht in unserem persönlichen Leben und nicht in den großen Herausforderungen der Welt. Bei Gott ist alles möglich. Das zu spüren, darauf zu vertrauen, damit in die Zukunft gehen zu dürfen. Das ist Pfingsten!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 


31.05.2020 / Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm