95 Thesen der Evangelischen Jugend

Jugend fordert Beteiligungsräume

Evangelische Jugend Bayern überreicht Landesbischof 95 Thesen

Die Evangelische Jugend überreicht Landesbischof Heinrich Bedford Strohm 95 Thesen, im Bild Paula Tiggemann, Vorsitzende der EJB.

Bild: EJB

Paula Tiggemann, die Vorsitzende der Evangelischen Jugend in Bayern, überreichte in Nürnberg nach dem Gottesdienst zum Bayerischen Reformationsfest 95 Thesen an Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Ein Jahr lang haben Jugendliche die Thesen gesammelt und gepostet. Insgesamt sind 271 Thesen auf der Online-Plattform der Evangelischen Jugend in Bayern eingegangen. In einem Abstimmungsprozess wurden 95 Thesen festgelegt. Diese wurden nun dem Landesbischof übergeben. Eine Gruppe Jugendlicher und Konfirmanden warteten vor der Sebalduskirche auf den Bischof, um bei der Thesenaktion dabei zu sein.

„Wir wollen, dass unsere Forderungen in der Kirche Gehör finden und umgesetzt werden, sagte zum Beispiel der 19-jährige Marcus, der extra aus Lohr am Main kam. Ines, 23 Jahre aus Nürnberg, geht noch weiter. „Ich erwarte mir, dass auch die Erwachsenenkirche die Thesen kommuniziert und sie lebt.“ So wie die beiden kamen auch andere Jugendliche, um bei dieser Aktion dabei zu sein und deutlich zu machen, dass sie ein Teil des Ganzen sind.

95 Thesen der Evangelischen Jugend

Paula Tiggemann überreicht dem Landesbischof die 95 Thesen,© EJB

„Reformation reloaded“ – so heißt die Aktion der Evangelischen Jugend in Bayern zum Reformationsjubiläum. Beim Reformationsfest in Nürnberg hat die Vorsitzende Paula Tiggemann Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm 95 Thesen zur Reformation der Kirche heute übergeben, die zeitgleich an vielen Orten in Bayern veröffentlicht worden sind.

Die Forderungen der Jugendlichen

95 Thesen der Evangelischen Jugend in Bayern,© EJB

Was fordern die Jugendlichen? Eine Kirche, die zur Einheit von Christinnen und Christen steht; Anerkennung für ehrenamtliches Engagement; Kinderrechte müssen eingehalten werden; Kirche soll sich für Arme einsetzen; Gottesdienste sollen spannender und kreativer werden; Kirchengemeinden sollen für die Ideen Jugendlicher offen sein; Jugendliche wollen nicht nur gelobt werden, die Jugend muss Stimmrecht haben...Alle Thesen auf der Webseite der Evangelischen Jugend in Bayern.

Viele Unterstützer sind aus allen Teilen Bayerns angereist...

Konfigruppe aus Kulmbach unterstützt die Aktion 'Reformation reloaded',© EJB

Eine Konfigruppe aus Kulmbach ist ganz aktiv bei der Aktion "Reformation reloaded" und der Thesenübergabe dabei.  

...oder haben vor Ort die 95 Thesen verlesen.

Jugendliche in Dentlein am Forst,© Kirchengemeinde Dentlein

...wie hier die Jugendlichen in Dentlein am Forst.

Landshut

Jugendliche in Landshut schlagen die 95 Thesen an die Kirchentür der Christuskirche.,© EJB

Die Evangelische Jugend Landshut schlägt die 95 Thesen an die Kirchentür der Christuskirche.

Meica

Die Evangelische Jugend Meica hat die 95 Thesen an Luftballons in die Welt geschickt.,© EJB

Die Evangelische Jugend Meica hat die 95 Thesen an Luftballons in die Welt geschickt.

Memmingen

Jugendliche in Memmingen mit 95 Thesen,© EJB

In Memmingen haben sich Jugendliche am Samstag in Workshops mit den Themen Kirchenpolitik, Politik und Veränderungen in der Gesellschaft beschäftigt. Anschließend wurden die Thesen an der St.Martin Kirche und dem Rathaus präsentiert.

Der Bischof ist beeindruckt, als er die Jugendlichen mit ihren Plakaten und Forderungen sieht. „Das ist ein junges Bild von Kirche, das wünsche ich mir.“ Gefallen hat ihm die Forderung „Beteiligungsräume schaffen“ und versprach auch einzubringen, dass Jugendliche nicht nur dabei sein, sondern auch beteiligt werden sollen. „Beteiligung junger Menschen ist eines der wichtigsten Aufgaben in unserer Kirche.“ An die Vorsitzende gerichtet sagte der Bischof: „Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir an diesen Thesen weiterarbeiten können.“

Martin Luther wäre wahrscheinlich stolz, wenn er die Thesen lesen würde, ist Landesjugendpfarrer Hans-Gerd Bauer überzeugt. Für die meisten Jugendlichen, die sich vor der Sebalduskirche versammelten, ist Luther ein Vorbild: Er hatte Mut, sind sich alle einig. Marcus findet Luther cool, weil er sich getraut hat, alles infrage zu stellen und auch Ines ist überzeugt: „Es braucht Mut, wenn man seine Ziele erreichen will.“

95 Thesen in 9,5 Themenfeldern

95 Thesen in 95 Themenfeldern

Gerechtigkeit stärken

Wir wünschen uns, dass die Schere zwischen Arm und Reich schrumpft, anstatt weiter zu wachsen.

Bildung darf nicht zum Privileg der Reichen werden! Gute Bildung muss allen, überall auf der Welt zugänglich gemacht werden!

Jeder Mensch dieser Welt sollte Zugang zu reinem Trinkwasser, Lebensmitteln und einer guten medizinischen Versorgung haben.

Wir fordern EINE WELT: Den Ausbau von fairem Handel, um Fluchtursachen zu bekämpfen.

Jedes Kind sollte das Recht haben, in die Schule zu gehen. Wenn es sich die Eltern nicht leisten können, sollte man sie unterstützen.

Wir fordern Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung.

Wirtschaftliche und finanzielle Interessen sollten nicht über dem Wohl der Menschen stehen.

Gerechtigkeit ist, wenn alle Menschen gleich viel wert sind und jeder genug bekommt, um sorgenfrei leben zu können.

Wir fordern das Recht, seine Meinung frei zu äußern, für alle Menschen auf der Welt.

Kein politisches System darf durch Gewalt erzwungen werden.

Wir fordern Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle.

Wir fordern eine gerechte Gesellschaft. Wir wollen eine Welt ohne Gewalt und Ausgrenzung.

Wir sagen antisozialem Verhalten und Diskriminierung den Kampf an.

Wir fordern eine bessere Schulbildung und eine Förderung der Berufsausbildung.

Wir können und müssen mehr gegen Hunger und Armut tun.

Wir möchten in einer Welt leben, in der es keine Kriege gibt.

Wir fordern der heutigen Zeit angepasste Lehrpläne in den Schulen.

Friedlich zusammenleben

Wir wünschen uns eine Kirche, die zur Einheit von Christen und Christinnen steht und den Dialog mit anderen Konfessionen aufrechterhält und vertieft.

Wir wünschen uns mehr Anerkennung für unser ehrenamtliches Engagement, sowohl von der Gesellschaft als auch von den Personen, für die und mit denen wir arbeiten.

Wir wünschen uns eine Kirche, die sich weiter für Arme und Bedürftige einsetzt.

Wir wünschen uns für die Kirche der Zukunft Offenheit für alle Glaubensrichtungen und Ethnien, Miteinander und Ehrlichkeit, Individualität und Nähe zueinander, sexuelle Vielfalt und couragiertes Handeln, Hoffnung, mehr Akzeptanz, Friede und Toleranz.

Alle Menschen sollen willkommen sein, unabhängig von Religion, Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe.

Wir fordern Menschlichkeit vor Geld und Macht als erste Priorität.

Wir gehören als Christinnen und Christen zu einer Gemeinschaft aller Getauften – bedingungslos für alle, so wie wir sind.

Wir fordern mehr Menschlichkeit bei politischen Entscheidungen.

Niemand darf diskriminiert werden.

Es sollte nicht vom Äußeren eines Menschen auf sein Inneres geschlossen werden.

Wir sollten weniger Wert auf Geld, Ansehen und Erfolg legen sondern überlegen, was wirklich wichtig ist im Leben.

Wir wünschen uns mehr Austausch, Offenheit und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Generationen innerhalb einer Gemeinde.

Die Kirche braucht Entscheidungsgremien, die die Altersstruktur unserer Kirche widerspiegelt.

Wir fordern mehr Zusammenhalt und weniger Egoismus.

Menschlichkeit ist der Schlüssel für ein ausgewogenes Leben miteinander.

Gottesdienst feiern

Jugendarbeit wird immer wichtiger. Dafür brauchen wir ausreichend Ressourcen – Geld, Gebäude und Personal am richtigen Ort.

Es braucht eine qualifizierte Weiterbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit Jugendlichen arbeiten – zum Beispiel JULEICA.

Hallo Kirche: Mach doch Deine Gottesdienste spannender und kreativer! Und trau Dich, von der gewöhnlichen Liturgie abzuweichen.

Jugend ist Kirche von heute und morgen – daher sollen Gottesdienste und Kirche für Jugendliche ansprechender sein.

Wir wollen Musik im Gottesdienst nicht nur mit der Orgel, sondern mit kirchlichen Bands.

Kirche muss dynamische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, die es schaffen, Menschen zu begeistern.

Wir fordern junge und moderne Hauptberufliche, die der Jugendarbeit neuen Schwung geben und durch ihre Sympathie junge Menschen anregen, sich in der Kirche einzubringen.

Wir wünschen uns einen lebendigen und lebensfrohen Gottesdienst mit aktuellen Themen.

Wir fordern modernere und zeitgemäßere Lieder im Gottesdienst.

Wir wünschen uns Gottesdienste mit flexibleren Uhrzeiten, Abläufen und Inhalten.

Position beziehen

Kinder brauchen Hilfe, Kinderarbeit darf keine Norm sein, Kinderrechte müssen eingehalten werden für jedes Kind in jedem Land.

Kirche soll sich nicht scheuen, schwierige Diskussionen aus dem Glauben herauszuführen und dadurch die Bedeutung der Bibel – mit all ihren Facetten und Widersprüchen – fürs Leben zu fördern.

Wahrer Friede entsteht, wenn wir uns für Gerechtigkeit einsetzen.

Wir fordern, dass die Würde des Menschen respektiert wird.

Stoppt Rassismus, integriert Flüchtlinge!

Wir wünschen uns, dass jeder zu seiner Meinung und seinen Interessen steht und nicht nur versucht, der Mehrheit zu gefallen und sich möglichst gut anzupassen.

Die Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft soll es ermöglichen, dass unterschiedliche Ansichten einem nicht zum Vorwurf gemacht werden und Hinterfragen möglich ist.

Wir fordern Akzeptanz und Toleranz und den Abbau von Vorurteilen und Ungerechtigkeiten.

Wir wollen uns an Luther ein Beispiel nehmen und uns trauen, gegen oder für etwas zu sein, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Die Politikerinnen und Politiker reden zu viel und kümmern sich zu wenig aktiv um aktuelle Problemlagen.

Wir fordern ein schnelleres und härteres Vorgehen gegen extremistisches Gedankengut.

Wir wünschen uns eine Kirche, die öfter in die Öffentlichkeit tritt und auf christliche Werte und Toleranz aufmerksam macht.

Vielfalt annehmen

Wir fordern Gleichberechtigung für die kirchliche Trauung von homosexuellen Lebenspartnern.

Kirche muss sich mehr öffnen und wirklich offen sein für Kinder, junge Menschen, Familien, Kirchenferne, Neugierige, Andersdenkende, bunte Vögel – einfach für jeden.

Kirchengemeinden müssen für die Ideen junger Menschen offen sein, damit Zusammenarbeit und die Integration der Jugend in die Gemeinschaft gelingen kann.

Wir wünschen uns eine Kirche, die mit offenen Armen Toleranz lebt und Vielfalt nicht nur zulässt, sondern fördert. Kirche soll ein Ort der Begegnung sein, der Mauern abbaut, anstatt sie zu errichten.

Wir fordern, dass Kirche verschiedene Angebote für jede Altersgruppe bietet. Nur so kann Kommunikation zwischen den Generationen langfristig besser funktionieren.

Der Wert eines Menschen darf nicht über seine Hautfarbe oder seine Herkunft definiert werden.

Christenheit heißt für uns: Eine Gesellschaft ohne Grenzen, dafür mit Toleranz und Nächstenliebe.

Wir wünschen uns eine offenere, unvoreingenommenere und weniger konservative Kirche.

Wir fordern mehr Akzeptanz, Toleranz und weniger Vorurteile. Niemand soll für seinen Glauben oder seine Überzeugung verurteilt werden.

Schöpfung bewahren

Umweltbewusst leben heißt mehr Tierschutz, Fleischverzehr senken, Massentierhaltung verbieten, Ressourcen sparen, Regenwald schützen.

Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle sind endlich. Die Regierung und die Menschheit soll daher mehr auf erneuerbare Energien setzen.

Wir fordern mehr Läden, die nicht in Plastik verpacken!

Umweltbewusstes und umweltfreundliches Leben sollte sich jeder leisten können.

Lasst uns so auf unsere Umwelt achten, dass wir die Natur in ihrer Pracht und Schönheit noch so lange wie möglich erhalten und genießen können.

Wir fordern mehr Einsatz gegen Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung.
Die Menschen sollen sich mehr für ihre Familien und die Umwelt interessieren und nicht nur für ihre Smartphones!

Es ist höchste Zeit, auf unsere Umwelt zu achten.

Tiere haben Rechte - Stoppt Tierquälerei.

BeteiligungsRäume schaffen

Wir fordern einen stimmberechtigten Jugendvertreter im Kirchenvorstand.

Wir fordern mehr Mitsprache bei Entscheidungen, die uns und unsere Arbeit betreffen, sowie eine bessere Kommunikation mit Hauptberuflichen, um nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Wir wollen, dass die Konfirmandenzeit durch die Jugendarbeit gestaltet wird.
Kirche braucht Räume, um sich einzubringen.

Kirche muss die Möglichkeit für Diskussion, Partizipation und Dialog bieten.
Wir als junge evangelische Christen leben unseren Glauben frei. Unsere eigene Meinung soll Gewicht haben.

Wir fordern für Gemeinden ein breiteres Angebot an Jugendarbeit.

Wir fordern gelebte Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde.

Demokratie gestalten

Politik muss transparenter werden, damit nicht über unsere Köpfe entschieden wird! Wir brauchen eine offene und nachvollziehbare Politik, keine geheimen Verhandlungen.

Wir fordern eine Politik für die Zukunft, nicht für die Bühne.

Es reicht nicht aus, die Jugend zu loben und sie nur anzuhören! Die Jugend muss Stimmrecht haben!

In Bildungsstätten sollte mehr über aktuelle politische Themen diskutiert werden.

Wir fordern die Politik auf, sich nicht von der Wirtschaft beeinflussen zu lassen.
Wir fordern den Abbau der Bürokratie in Deutschland.

Wir wünschen uns eine bewegliche und flexible Kirche, die Raum für Interaktion bietet.

Dialog fördern

Wir wünschen uns für die Zukunft mehr Vernetzung und Zusammenhalt auch dekanatsübergreifend.

Wir müssen Feindbilder aufbrechen, um den Menschen dahinter wahrzunehmen, zu verstehen und anzunehmen.

Wir fordern, dass das Aufeinanderzugehen gestärkt wird und Priorität in der Integrationspolitik haben muss.

Wir wünschen uns mehr Vernetzung und bessere Kommunikation über Gemeinde- und Dekanatsgrenzen hinweg.

Weitblick zeigen

Reformation ist eine Haltung. Reformation ist ein Prinzip. Reformation hält die Christentümer lebendig im Geist der Freiheit, der sich befreit weiß, weil er in Jesus Christus gegründet ist.

Kirche muss offen sein für Ideen und Mut haben, sich zu verändern.

Wir fordern langfristige Strategien und Planungen auf allen Ebenen.

Wir wünschen uns, dass Themen und ihre Konsequenzen zu Ende gedacht werden, auch wenn die Antworten unpopulär sind.

„Wir wollen auch nicht 95 Jahre warten, bis alle Themen Jahr für Jahr abgearbeitet werden oder in der Versenkung verschwinden“, fordert Paula Tiggemann. „Zukunft von Kirche und Gesellschaft kann nur gelingen, wenn Jugend schon heute aktiv mitgestalten kann.“ Deswegen bringt die EJB ihre Forderungen auch im Blick auf die Bundes- und Landtags- sowie die Kirchenvorstandswahlen schon jetzt ein.


03.07.2017 / EJB/ELKB