50 Jahre Versöhnungskirche Dachau

Den Vergessenen einen Namen geben

Evangelische Versöhnungskirche in der KZ Gedenkstätte Dachau

Das 50-jährige Bestehen der Versöhnungskirche und der 72. Befreiungstag wurde in der KZ-Gedenkstätte Dachau gefeiert

Bild: Dietmar Frey

Das 50-jährige Bestehen der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau wurde mit Zeitzeugen und Wegbegleitern mit einem Festgottesdienst gefeiert.

"Der Gerechte ist umgekommen, und niemand ist da, der es zu Herzen nimmt." Der Bibelvers aus dem Buch Jesaja, den der Chor singt, klingt wie das Motto der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Seit 50 Jahren erinnert die Kirche an die vergessenen Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft - in Zeitzeugengesprächen, bei Führungen, im Buchprojekt "Namen statt Nummern". Und so ist es nur folgerichtig, dass auch beim Festgottesdienst am Samstagnachmittag zum 50-jährigen Bestehen der Versöhnungskirche sechs Kerzen auf dem Altar brennen für sechs Männer und Frauen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

Solches Gedenken war zum Zeitpunkt der Einweihung der Versöhnungskirche am 30. April 1967 keineswegs selbstverständlich. Nikolaus Schneider, ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, erinnerte an die schwierigen Anfänge der NS-Aufarbeitung. In den Nachkriegsjahren habe man auch am Beispiel der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) "studieren können, was Verstockung real bedeutet", sagte der Theologe in seiner Ansprache.

So sei nach 1945 in Kirchenkreisen diskutiert worden, ob der im KZ Flossenbürg ermordete Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer ein Vaterlandsverräter gewesen sei. Es habe "biblische 40 Jahre" gedauert, bis sich 1985 durch die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker die Erkenntnis durchgesetzt habe, "dass nur der ehrliche Umgang mit dem Nationalsozialismus uns von dieser schrecklichen Zeit befreit", sagte Schneider.

Wie wichtig der Beitrag jedes Einzelnen dabei sein kann, hat Agathe Halmen erlebt. Die junge Frau aus Rumänien absolvierte 2016 ein Jahr als Freiwillige der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" (ASF) an der Versöhnungskirche. Sie habe für das Projekt "Namen statt Nummern" die Schicksale der Brüder Johann, Josef und Benno Glas recherchiert und bei der Präsentation in deren Heimatdorf von Angehörigen viel Dankbarkeit erfahren. "Die Familie hatte sich zuvor nie mit der Geschichte auseinandergesetzt, darüber wurde geschwiegen - erst die Gedächtnisblätter haben einen Dialog eröffnet", berichtete Halmen.

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An dem Festgottesdienst nahmen Überlebende und Angehörige von NS-Verfolgten teil, ehemalige Mitarbeiter der Versöhnungskirche, Politiker und Vertreter von Kooperationspartnern ebenso wie Kirchenvertreter aus Polen, Tschechien und Österreich. In seiner Predigt schlug Daniel Zenaty, Synodalsenior der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Prag, eine Brücke in die Gegenwart. "Wer anders ist oder wer den Überblick über diese komplizierte Welt verloren hat, gerät auch heute leicht an den Rand der Gesellschaft", sagte der Theologe.

Zu wissen, dass Gott als Guter Hirte jeden Einzelnen beim Namen kenne, könne Menschen erleichtern. "Dann können wir aufhören, in der Bibel zu blättern und im Internet zu surfen, dann können wir alle Handbücher wegwerfen, die uns sagen, was wir tun sollen", sagte Zenaty. Viele Häftlinge im KZ Dachau hätten Mut und Hoffnung daraus geschöpft, "dass Gott sie mit Namen nennt, obwohl sie hier zur Nummer degradiert wurden."

Ernst Grube, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und Überlebender des Ghetto Theresienstadt, bekannte in seinem Grußwort, dass er den Gedanken an eine Versöhnung mit den Tätern anfangs befremdlich fand. "Es hat eine Zeit gedauert, bis ich die Arbeit der Versöhnungskirche akzeptieren konnte", sagte Grube. Heute wünsche er sich im Namen der Lagergemeinschaft, dass die lebendige, stets mit der Gegenwart verknüpfte Erinnerungsarbeit fortgesetzt werde.

Am Ende des Gottesdienstes erinnerten Pfarrer Björn Mensing und Diakon Klaus Schultz, das Seelsorger-Team der Versöhnungskirche, mit Glockengeläut und einer Gedenkminute an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau: Am 29. April 1945 gegen halb sechs Uhr nachmittags brachten amerikanische Truppen den rund 32.000 verbliebenen Häftlingen ihre Freiheit zurück.
 


02.05.2017 / Susanne Schröder/epd