Feministische Theologie

"Kein Grund zur Selbstzufriedenheit"

Professorin Renate Jost bei Ansprache im Frauenwerk Stein 2014

„Frauenarbeit wird ständig hinterfragt, so wie auch die feministische Theologie". Professorin Jost plädierte seit Jahren für das politische Engagment der Frauen, wie hier im Frauenwer Stein.

Bild: Frauenwerk Stein

Am 9. Mai feierte die Augustana-Hochschule in Neuendettelsau das 20-jährige Bestehen der Dozentur - heute Professur - für Feministische Theologie. Ein epd-Gespräch mit Professorin Renate Jost.

Die Augustana ist die einzige Hochschule, an der es eine fest verankerte Professur für diesen Bereich der Theologie gibt. Renate Jost erklärt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), wie es um Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche heute bestellt ist und ob sich die Reformation auch ohne Hilfe der Frauen so schnell ausgebreitet hätte.

epd: Frau Jost, im Jahr 500 nach Luthers legendärem Thesenanschlag: Was wäre aus der Reformation ohne Zutun der Frauen geworden?

Jost: Zu dem Thema ist schon viel geforscht worden, daher kann ich klar sagen: Ohne das Zutun der Frauen hätte sich die Reformation nie so schnell und wirkungsmächtig ausbreiten können. Wir wissen ja, dass Luthers Ehefrau Katharina von Bora eine moralische Stütze, seine theologische Beraterin war. Darüber hinaus gab es eine ganze Reihe von Reformatorinnen, in Bayern zum Beispiel Argula von Grumbach, die ja auch öffentlich gepredigt hat - bis ihr Luther das untersagt hat.

epd: Weshalb konkret waren die Frauen damals denn so angetan von Luthers Ideen, gerade wenn er sie als Predigerinnen doch nicht wollte?

Jost: Katharina von Bora, Argula von Grumbach und viele andere Frauen haben die Reformation aufgegriffen und sie weitergetragen - auch deshalb, weil sie Luthers Ablehnung kirchlicher Hierarchien auf sich selbst und ihre damalige gesellschaftliche Stellung bezogen haben. Eine wichtige Errungenschaft der Reformation war unmittelbar die Bildung der Frauen. Alle Christen sollten selbst die Bibel studieren können. Dazu mussten die Mädchen und Frauen natürlich lesen und schreiben lernen.

Zitat

Streiten um die gute Sache, um das Leben. Wir brauchen eine klare Position in einer diffusen Welt, müssen eigene Haltung und Mentalität profilieren. Nur wenn wir uns selbstbewusst und leidenschaftlich für andere einsetzen, können Menschen in Frieden und Sicherheit leben. Für ein solches Engagement braucht es weibliches Hirn und Herz – und entsprechende Tat- und Geisteskraft, um die eigene Angst zu überwinden, wenn es gefährlich wird.

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler in ihrer Rede zum Festakt.

epd: Trotz dieser wichtigen Rolle der Frauen hat es in den lutherischen Kirchen auch lange bis zur völligen Gleichstellung gedauert - wieso?

Jost: Das ist eine Entwicklung, die sich durch die gesamte Geschichte der Christenheit zieht, dass es zwar Aufbrüche gab - wie beispielsweise die Jesus-Bewegung - aber die patriarchal-kyriarchalen Umstände der jeweiligen Zeiten waren doch stärker als die befreiende Botschaft des Evangeliums und der Gerechtigkeit Gottes, wonach alle Menschen gleich sind. Diese Gleichstellung wurde erst über die Frauenbewegung säkular erreicht, aber die Ideen entstammen der christlich-jüdischen Tradition.

epd: Für Nicht-Theologen: Was hat es mit dem Lehrbereich der Feministischen Theologie auf sich, um was geht es Ihnen?

Jost: In Deutschland gibt es nur an der Augustana in Neuendettelsau eine dauerhafte Professur für Feministische Theologie - sie gehört zum Profil unserer Hochschule. Uns geht es darum, Geschlechtergerechtigkeit in alle Bereiche der Theologie hineinzubringen. Dabei geht zum Beispiel um die Frage, in welcher Weise Theologie Frauen benachteiligt und darum, wie Ideologien zur Minderwertigkeit der Frauen entstanden sind. Diskutiert wird: Finden sich hierfür Anhaltspunkte in der Bibel? Welche Ideologien basieren nur auf Auslegungen?

Frausein im 21. Jahrhundert - Hochleistungssport, Drahtseilakt oder historische Chance

Susanne Breit-Keßler,© ELKB / Poep

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler forderte Frauen beim Festakt zum 20-jährigen Bestehen der Dozentur sowie heutigen Professur für Feministische Theologie an der kirchlichen Augustana-Hochschule zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstachtung auf. Die Professur stehe "seit 20 Jahren dafür, dass Frauen mehr Selbstachtung und Durchsetzungskraft gewinnen", betonte Breit-Keßler.

"Frausein im 21. Jahrhundert - Hochleistungssport, Drahtseilakt oder historische Chance" Rede beim Festakt als PDF

epd: Rückblickend: Wie ist Gott nur "männlich" geworden, warum hat es das weibliche Gottesbild der Antike nicht bis ins Christentum geschafft?

Jost: Die Entwicklung von der Antike bis zum Christentum ist einerseits zwar bedauerlich, weibliche Gottesbilder führten andererseits aber nicht zwangsläufig zur Gleichberechtigung der Frau. Im Alten Orient und der griechisch-römischen Antike durften Frauen im Dienste weiblichen Gottheiten allerdings auch Priesterinnen werden. Auch in der frühen Christenheit hatten Frauen religiöse Ämter inne. Diese Entwicklungen wurden von den patriarchal-kyriarchalen, androzentrischen Umständen im Sinne einer männlichen Vorherrschaft wieder zurückgedrängt.

epd: Den verbreiteten Bildern vom liebenden Vater, vom guten Hirten, vom Mensch gewordenen Sohn - was lässt sich dem entgegensetzen?

Jost: Es gibt durchaus weibliche Gottesbilder, im Alten Testament wird Gott etwa als Mutter dargestellt, Jesus im Neuen Testament als Henne. Das hat die männliche Elite natürlich gern übersehen! Denn wenn das Göttliche auch Weiblich sein kann, hätte das zu einer Gleichstellung der Frauen in allen Bereichen führen müssen. Männer haben das männliche Gottesbild zum Machterhalt zementiert - und das ging, weil Frauen der Zugang zu Bildung und damit zum Priestertum so lange verwehrt blieb.

epd: Haben es die katholischen Christen mit ihrem Marienglauben da ein bisschen leichter? Dort gibt es immerhin eine weibliche Hauptperson...

Jost: An Maria sieht man sehr gut, dass eine weibliche vergöttlichte Gestalt nicht unbedingt zur Gleichberechtigung der Frau beiträgt. Es ist vielmehr die Frage, was sie verkörpert, und in der katholischen Kirche ist Maria vorrangig Mutter und reine Jungfrau. Aber auch bei uns Evangelischen ist die Gleichberechtigung der Frauen vor allem ein "Betriebsunfall" der Geschichte. Frauen wurden erst in der Bekennenden Kirche während der NS-Zeit aus der Not heraus zum geistlichen Amt zugelassen...

epd: Sprechen wir übers Heute: Gibt es eine echte Gleichberechtigung der Frauen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?

Jost: (lacht) Ich würde sagen, wir sind auf einem sehr guten Weg, aber es gibt keine Veranlassung zur Selbstzufriedenheit, nachdem die volle Gleichberechtigung der Frauen je nach Landeskirche erst in den 1970er und 80er Jahren erfolgt ist. Ich selbst bin seit über 30 Jahren ordiniert und habe viele Kämpfe mitgemacht - da hat sich viel entwickelt. Heute sind etwa 30 Prozent aller Pfarrer weiblich, in den leitenden Ämtern sind es leider, wie überall in der Gesellschaft, prozentual deutlich weniger.

epd: Weltweit sieht das anders aus. Lutherische Kirchen etwa in Afrika lehnen die Frauenordination ab, belastet so etwas das Verhältnis?

Jost: Das ist ein heißes Eisen, keine Frage. Denn zum einen wollen und müssen wir die Gleichstellung der Frauen hochhalten - auf der anderen Seite dürfen wir auch auf keinen Fall eine Art modernen Kolonialismus predigen und unseren kirchlichen Partnern in den Entwicklungsländern etwas überstülpen, was nicht aus den Kirchen dort selbst kommt. Wir haben unsere theologischen Vorstellungen in der Kolonialzeit dort sehr stark hineingetragen - und dieses "Patriarchat" wirkt bis heute nach.

epd: Man muss ja aber auch nicht so weit blicken - in Lettland hat die lutherische Kirche die Frauenordination wieder abgeschafft...

Jost: Ja, das ist eine tragische Entwicklung - aber solche Tendenzen haben wir ja auch bei uns in Deutschland in den Kirchen. Ich habe erst vor wenigen Tagen eine Diskussion mit einem meiner Studenten geführt, der mir erzählt hat, die feministische Theologie mache ihn gerade wieder "patriarchaler". Dieses Rückbesinnen auf alte "Werte" ist eine Reaktion auf die Gleichberechtigung der Frauen. Bei diesem Thema gibt es seit Jahrhunderten in allen Bereichen der Gesellschaft ein Auf und Ab.

epd: Angesichts solcher Tendenzen: Welchen Beitrag können sie als Wissenschaftlerin leisten, die erreichte Gleichberechtigung zu sichern?

Jost: Ich habe an der Augustana als Professorin in meinem Fachbereich meist Studierende aus den ersten Semestern zu Pflichtveranstaltungen - die müssen sich mit unseren Themen auseinandersetzen. Das ist wichtig, um sie zum Nachdenken über ihr Verhältnis zum anderen Geschlecht, zu Geschlechterfragen an sich anzuregen. Darin spielt natürlich auch die Geschichte unserer Kirchen eine Rolle - und welche Konsequenzen ein "Roll-Back" hätte.

epd: Die Feministische Theologie ist in den 60er Jahren aufgekommen, an der Augustana gibt es erst seit 20 Jahren eine Dozentur. Warum?

Jost: Das ist insofern nicht wirklich verwunderlich, weil Bayern eine der letzten Landeskirchen waren, die die Frauenordination erlaubt haben. Es gab viele Vorbehalte, auch und gerade bei Landesbischof Hermann Dietzfelbinger. Die bayerische Landeskirche hatte auch bis ins Jahr 2000 einen Veto-Paragrafen, das heißt: Gemeinden und Pfarrer konnten die Zusammenarbeit mit Pfarrerinnen ablehnen, die bekamen dann also eine ausgeschriebene Stelle nicht. Zugleich gab es aber sehr engagierte Frauen und Männer, die sich für diese Dozentur eingesetzt haben.

epd: Was wünschen Sie sich, was fordern Sie von der Kirche und ihrer Leitung für die Zukunft im Sinne der Gleichberechtigung?

Jost: Die Tatsache, dass die Augustana als einzige kirchliche und staatliche Hochschule eine fest eingerichtete Professur für Feministische Theologie vorweisen kann, spricht für sich. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ist innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Sachen Gleichberechtigung oftmals ganz vorne mit dabei. Ich wünsche mir natürlich, dass das so bleibt und andere Kirchen und Universitäten ähnliche Professuren einrichten.


11.05.2017 / epd