Pressemitteilung vom 18.07.2014

„Ein zugleich historisches und symbolisches Datum“

Die Ständige Vertreterin des Landesbischofs Susanne Breit-Keßler anlässlich des 70. Jahrestages des 20. Juli 1944

Anlässlich des 70. Jahrestages der Geschehnisse des 20. Juli 1944 äußerte sich die Ständige Vertreterin des Landesbischofs, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, heute in München:

„Der 20. Juli 1944 ist zugleich historisches und symbolisches Datum. Historisch war der 20. Juli 1944 Gipfelpunkt der Einsicht, dass dem Hitler-Regime und vor allem dem sogenannten Führer selbst ein Ende gemacht werden müsste, um noch Chancen für Verhandlungen zur raschen Beendigung des Krieges zu finden.

Symbolisch macht der 20. Juli vor alle drei Einsichten bewusst:

1. Totalitäre Ideologien, die abweichende Überzeugungen nicht zulassen, sind immer Feinde der Menschlichkeit. Deshalb müssen wir wachsam sein, wenn individuelle Freiheit unter Generalverdacht gestellt, gesellschaftspolitische und kirchliche Kontroversen verhindert und das angeblich „Gute" von oben diktiert wird. Der 20. Juli erinnert daran, dass der Staat gegenüber allen Bürgerinnen und Bürgern rechenschaftspflichtig darüber ist, dass und wie er Menschen- und Bürgerrechte wahrt und verteidigt.

2. Gewalt kann notwendig sein, um Leben zu schützen. Es gab und gibt Situationen, in denen der Appell an Vernunft nicht reicht. Der 20. Juli stellt die unbequeme Frage danach, was die internationale Staatengemeinschaft tut, um Menschenleben zu retten. In Nordkorea etwa sind Hunderttausende vom Regime getötet oder bewusst dem Hungertod anheim gegeben worden. Im Südsudan leben Menschen täglich in Angst vor brutalster Gewalt. 1,5 Millionen sind auf der Flucht, vier Millionen Menschen sind auf gespendete Lebensmittel angewiesen. Eine breite öffentliche Diskussion darüber fehlt. Menschen in Irak, Afghanistan, Palästina und Israel haben bei uns vollkommen zu Recht eine „Lobby" - andere nicht. Der 20. Juli befragt unsere Wahrnehmung und unsere politischen Vorlieben ebenso wie unser Schweigen.

3. Die Männer und Frauen des 20. Juli dürfen nicht zu heroischen Statuen musealen Gedenkens werden. Lebendige Vorbilder sind sie, wenn jede und jeder heute die eigene Bereitschaft prüft, couragiert für Recht und Gerechtigkeit und insgesamt für Demokratie und den freiheitlichen Rechtsstaat einzutreten. Vorbilder sind sie, wenn klar ist, dass und warum unser Rechtssystem in keiner Weise mit dem NS-Unrechtsstaat vergleichbar ist. Wir müssen heute einer pauschalen Verunglimpfung der Demokratie und „der Politik" wehren.

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Wer politische Mandatsträger verächtlich macht, wer alle, die in Parlamenten und Regierungen Verantwortung tragen, für unfähig erklärt, der erstickt Vertrauen in demokratische Werte und Ihre Repräsentanten. Auch dadurch wird der Boden für jene bereitet, die - wie die Neonazis - wieder von einer Diktatur träumen. Der 20. Juli ruft ins Gedächtnis, dass jeder „Traum" von einer durch autoritäre politische Maßnahmen machbaren, einheitlichen Welt in Wahrheit in einem Albtraum endet.“


18.07.2014 / München, Michael Mädler, Stellv. Pressesprecher