10 Jahre Kircheneintrittsstelle Nürnberg

Bitte eintreten

Kircheneintrittsstelle, Elke Wewetzer, Eintreten

„Ich trete ein für das, was für mich zählt“ - Pfarrerin Elke Wewetzer lädt zum Gespräch in die evangelische Kircheneintrittsstelle im eckstein ein.

Bild: Kircheneintrittsstelle Nürnberg

Die evangelische Kircheneintrittsstelle im eckstein wird am 1. Dezember zehn Jahre alt. Mit einem klingenden Gottesdienst in St. Sebald und einem Fest im eckstein wird gefeiert.

Im Advent 2006 ist sie errichtet worden, die Kircheneintrittsstelle in Nürnberg, um Menschen, die nach einem früheren Kirchenaustritt wieder neu bei der evangelischen Kirche anknüpfen möchten, eine zentrale, leicht erreichbare Anlaufstelle im Herzen der Stadt zu bieten. Inzwischen sind über 1600 Menschen dort in die evangelische Kirche eingetreten, die früher schon einmal evangelisch waren oder von einer anderen christlichen Konfession zum Protestantismus wechseln wollten.

Armin L., 43 Jahre alt (Name geändert), ist einer von ihnen. Mit Anfang 20, als er beruflich im IT-Bereich Fuß fasste, trat er aus der Kirche aus. „Ich wusste nicht, wofür ich jeden Monat Kirchensteuern zahlen soll, denn ein großer Kirchgänger war ich noch nie. Ich hatte damals einfach gar keinen Bezug mehr zur Kirche.“ Inzwischen beschäftigt den Computerspezialisten, der viel international unterwegs ist, mehr und mehr die Frage, welche Werte ihn beruflich und privat denn vor allem leiten. Der Berufsalltag ist anspruchsvoll und längst nicht alles, was er dabei erlebt, kann und will er so einfach mittragen. „Mir ist bewusst geworden, dass es die christlichen Werte sind, die für mich zählen. Dafür gebe ich jetzt ein Statement ab und drücke mit dem Eintritt auch aus, was ich mir für unsere Gesellschaft wünsche“, begründet er seinen Schritt zurück.

 

Fünf Fragen an Pfarrerin Elke Wewetzer

Kircheneintrittsstelle, Elke Wewetzer, Plakat Eintreten,© Kircheneintrittsstelle Nürnberg

Bild: Kircheneintrittsstelle Nürnberg

Der Eintritt in die Kirche führt nicht nur klassisch über die Ortsgemeinde. In Bayern gibt es Kircheneintrittsstellen, die den Weg zur Kirche so niederschwellig wie möglich machen. Seit zehn Jahren ist Pfarrerin Elke Wewetzer Leiterin der Kircheneintrittsstelle in Nürnberg. Mit welchen Fragen, die Menschen zu ihr kommen, wie der Eintritt in einer Kircheneintrittsstelle genau funktioniert und wie sie die Arbeit in den vergangenen Jahren bewertt, verrät Pfarrerin Wewetzer im Interview.

Wann denken Menschen über den Eintritt in die Kirche nach?

Häufig denken Menschen über einen Kircheneintritt neu nach, wenn sich in ihrem Leben etwas ändert. Das sind die freudigen und hoffnungsvollen Momente vor einer Hochzeit oder wenn ein Kind geboren wird und die Frage auftaucht, was für ein gelingendes Leben als Paar und Familie wirklich wichtig ist. Aber es sind auch Trennungen, Krankheiten, Zwistigkeiten, durch die Menschen wieder anders nach Gott fragen oder schlicht erlebt haben, dass sie in der evangelischen Kirche gute Begleitung und im Glauben wieder Halt gefunden haben. In jüngster Zeit kommen deutlich mehr Menschen, die sagen: „ich will ein Statement abgeben. In diesen unsicheren Zeiten möchte ich mit dem Kircheneintritt ausdrücken, welche Werte mir für diese Gesellschaft und unser Zusammenleben viel bedeuten.“ Manchmal steckt einfach ein biografischer Prozess hinter dem Kircheneintritt: der Grund, aus dem jemand einst ausgetreten ist, hat keine Bedeutung mehr oder wird durch andere Erfahrungen anders betrachtet. Dann kann jemand gut wieder dazugehören. 

Wie funktioniert der Kircheneintritt?

Der Kircheneintritt ist ein Gespräch mit einem Pfarrer, einer Pfarrerin über die Beweggründe für den vorigen Kirchenaustritt und das, was sich nun geändert hat. Es geht darum, den Menschen kennen zu lernen, der Kirchenmitglied werde möchte, um ihn oder sie dabei zu unterstützen, bei der Rückkehr in die Kirche das zu finden, was jetzt gerade wichtig ist. Am Ende des Gesprächs nehmen wir die persönlichen Daten auf. Dazu brauchen wir auch das Taufzeugnis und die Bestätigung über den früheren Kirchenaustritt. Ist alles besprochen und sind alle Dokumente vorhanden, händigen dem neuen Mitglied eine Bestätigung über den Eintritt aus. Auf Wunsch schließen wir in der Kircheneintrittsstelle mit einem Gebet oder Segen.

 

Können SIe den Menschen helfen, einen Platz in der Kirche zu finden?

Viele Menschen, die zu uns kommen, fühlen sich zwar der evangelischen Kirche und dem Christentum eng verbunden, aber nicht unbedingt einer Kirchengemeinde. Sie verstehen „Dazugehören“ eher als Beteiligung an einer großen Glaubens- und Wertegemeinschaft. Denjenigen, die sich ihrer Kirchengemeinde nähern möchten, helfen wir dabei, möglichst unkompliziert dorthin Kontakt zu bekommen. Und mit den anderen schauen wir uns unsere große kirchliche Landschaft an und beraten, was da gerade richtig und wichtig sein könnte. Viele sind überrascht, was es alles gibt, von unseren Erwachsenenbildungseinrichtungen über die Studierendengemeinde hin zum spirituellen Zentrum, dem Familienbildungszentrum oder der „Brücke“. 

Wie viele Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren bei Ihnen eingetreten?

Es waren 1.640 Menschen. 57 Prozent davon sind Männer, 43 Prozent Frauen. Die Altersgruppen zwischen 26 und 35 und 36 und 45 liegen ganz vorn, als drittstärkste folgt diejenige zwischen 46 und 55. 32 Prozent gehörten früher der katholischen Kirche an, 64 Prozent waren evangelisch, vier Prozent wechseln von einer anderen christlichen Konfession zu evangelischen Kirche. 

10 Jahre Kircheneintrittsstelle - Ihr Fazit?

Mich beeindruckt die große Intensität und Offenheit, in der wir in der Kircheneintrittsstelle die Gespräche über die religiösen und kirchlichen Wege und Bedürfnisse der Menschen führen können. An einem Ort, den sie „neutral“ empfinden, öffnen viele sich vertrauensvoll. So erfahren wir eine Menge darüber, was es Menschen leicht oder schwer macht mit Kirche und auch mit unseren theologischen Auffassungen. Zusätzlich zu den insgesamt relativ stabil gebliebenen Eintrittszahlen wird die Kircheneintrittsstelle immer stärker als Beratungsstelle für Pfarrämter oder andere kirchliche Mitarbeitende in komplizierten Fragen des Eintritts und der Mitgliedschaft genutzt. Oft können wir mit unserem Spezialwissen gut weiterhelfen. Sehr bereichernd finde ich es, dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer im Ruhestand im Team der Kircheneintrittsstelle regelmäßig engagieren. So können wir 52 Wochen lang, auch in den Ferien, geöffnet halten und uns untereinander gut beraten. Diese Form von Zusammenarbeit ist ein echtes Zukunftsmodell. 

Pfarrerin Elke Wewetzer (48), Leiterin der Kircheneintrittsstelle, stellt fest, dass sich die Motivationen für den Schritt zurück verändern.  Begründungen wie die von Herrn L. häufen sich. Wo in den Gesprächen der ersten Jahre ein eher unspezifischer Wunsch nach evangelischer Zugehörigkeit laut wurde, sagen die neuen Mitglieder jetzt viel deutlicher: Frieden und christliche Nächstenliebe sind uns wichtig, aber auch Gewissensfreiheit und Respekt vor Andersdenkenden. Es ist Zeit, das jetzt klarer zum Ausdruck zu bringen.

Für Laura G., 29 Jahre, ist noch etwas bedeutsam: „Ich habe ein Kind bekommen. Mir hat der Glaube als Kind und Jugendliche Halt und Orientierung gegeben. Dabei war die Kirche wichtig. Mein Kind soll das auch entdecken – aber dann muss ich selbst dabei sein. Sonst bin ich nicht glaubwürdig.“ Ihr Mann, der Kirchenmitglied geblieben ist, freut sich, dass bald alle gemeinsam evangelisch sind, denn die Taufe der Tochter steht demnächst an.

Doch so vielfältig, wie die Menschen, die in das kleine Büro im dritten Stock des Hauses der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nürnberg kommen, sind auch die Gründe, die sie zurück führen. Homosexuelle treten in die evangelische Kirche ein, weil sie finden: „Hier ist inzwischen ein guter Platz für uns – nun werden wir respektiert und anerkannt.“ So drückt es Ludwig B. aus. Andere erleben, wie nahe Freunde und Verwandte oder sie selbst in schweren Krankheiten und Krisen bei der Kirche Trost und konkrete Unterstützung finden. Davon möchten sie etwas zurück- und weitergeben. Aber auch, wer sich noch nicht sicher ist, ob die evangelische Kirche wirklich die Gemeinschaft ist, die er oder sie sucht, ist zu Gesprächen mit dem Team von Pfarrerinnen und Pfarrern, die im eckstein mitarbeiten, willkommen. Ebenso ist der Kircheneintritt nach wie vor in jeder evangelischen Kirchengemeinde möglich.

 


30.11.2016 / ELKB