Konflikt und Frieden

Frieden

Friedenstaube

Der Einsatz für den Frieden ist eines der wichtigsten Ziele der ELKB.

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Weltpolitische Unübersichtlichkeit, die Gefahr eines neuen Kalten Krieges und intelligente Waffensysteme sind Herausforderungen, vor denen Friedensethik steht, schreibt Kirchenrat Hans-Martin Gloël.

„Frieden ist schön, macht aber viel Arbeit“ so könnte man in Anlehnung an Karl Valentins Bonmot über die Kunst sagen. Für den Frieden wird tatsächlich viel und unermüdlich gearbeitet: An vielen Orten, auf vielen Ebenen wird  von vielen Menschen mit verschiedenen theologischen Ansätzen und Zugängen zum Thema nachgedacht, geredet und gehandelt. Viel Arbeit also, ja. Aber wesentlich ist von dem zu reden, der uns in alle dem verbindet und im besten Sinne antreibt: „Christus ist unser Friede“ (Eph 2,14). All unser Denken, Wollen und Tun geschieht aus der Beziehung zu ihm und kann durch seine Gnade gelingen. Damit kann nicht eine quietistische Innerlichkeit gemeint sein . „Der Friede fängt in uns an, hört aber nicht in uns auf“ so hat es Martin Buber gesagt. Die Frage, was in unserem Reden, Tun und Lassen das Gebotene ist, wird uns stets begleiten und unterschiedliche Antworten provozieren.

Wie teuer muss der Einsatz für den Frieden sein?

Was uns als Christen bewegt ist die Frage, was es bedeutet, Jesus Christus nachzufolgen, sodass sein Evangelium in dieser Welt Gestalt annimmt. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt 5,9) Ist das in der Bergpredigt verkündigte „machbar“? Wo überschreiten Tun und Fordern die Grenze zu blindem Aktionismus? Entspricht es der Weltverantwortung christlicher Existenz, eindeutige politische Warnungen, ja Weisungen auszugeben etwa angesichts rüstungs- und verteidigungspolitischer Entwicklungen und Konzepte? Ist es, mit Bonhoeffer gesprochen, „billige Gnade“, sich allein auf Gottes Gnade zu verlassen? Ist Zurückhaltung in diesen Fragen gleich zu setzen mit denen, die alles bequem beim Alten lassen wollen, anstatt „dem Rad in die Speichen“ zu fallen?

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Wir leben in ernsten Zeiten, aber – Gott sei Dank! – in einem ganz anderen politischen und gesellschaftlichen Kontext als Bonhoeffer; aber in Verhältnissen, die komplexer und unübersichtlicher wirken – was die Antwort auf die Frage, was das „Tun des Gerechten“ heute ist, nicht leichter macht. Als Kirche erheben wir unsere Stimme, oder besser: unseren oft dissonierenden Chor von Stimmen zu den Fragen der Zeit und bringen unsere Perspektiven ins Gespräch. Wir engagieren uns für Entwicklung und Gerechtigkeit, Dialog und Versöhnung, Therapie zerschlagener Herzen, erheben Einspruch gegen die Produktion und den Export von Waffen. Wir, das sind alle die, die sich auf diesem Weg mitnehmen lassen und mit ihrem Denken, Reden und Tun die Verkündigung Jesu Christi Gestalt werden lassen in dieser Kirche für diese Gesellschaft in dieser Welt, hier und heute.

Und für nicht wenige wird die Spannung bleiben: ist es mutig genug, braucht es nicht Anderes, ist das alles nicht zu billig? „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“ (aus: D. Bonhoeffer; Widerstand und Ergebung)

Gerechter Friede und neue Herausforderungen

Beten und Tun des Gerechten – auf was gründet die Macht, die Frieden schafft – oder erhält? Macht, die sich an Freiheit bindet; von Gott geschenkt. Macht, die Ordnung in Staat und Gesellschaft aufrechterhält, gebunden an die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. So weit so klar? Wie rasch hier kontrovers diskutiert werden kann, zeigen die Debatten im Anschluss an die Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahr 2007: „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“. Das darin zu findende Konzept von der rechtserhaltenden Gewalt hat intensive Debatten zur Frage der Legitimität von militärischer Gewalt ausgelöst. Was bedeuten alle Konzepte für friedensstiftende Bemühungen, alle Überzeugung, dass zivile Bemühungen immer Vorrang haben müssen, wenn im Sommer 2014 im Nordirak die Bevölkerung von den Milizen des sog. „Islamischen Staats“ konfrontiert wird und Minderheiten unmittelbar der realen Option ihrer völligen Auslöschung entgegensehen? Waffenlieferungen, die oft noch in die „falschen“ Hände geraten und die Unterstützung einer Seite machen schuldig. Aber auch das Geschehenlassen macht schuldig. Eindeutig. Was ist hier Recht? Was ist hier rechtserhaltend? Das ist nicht so eindeutig.

Und: Die Welt hat sich seit 2007 weitergedreht. Die Herausforderungen für christliche Ethik sind andere, man wird sagen dürfen: in der Konkretion größere geworden. Die zunehmende weltpolitische Unübersichtlichkeit, sozioökonomische Probleme, Terrorismus unterschiedlicher Couleur, die Gefahr eines neuen Kalten Krieges, die Option neuen Wettrüstens, Künstliche Intelligenz, die selbst Entscheidungen trifft, Waffensysteme steuert und über Leben und Tod entscheidet. Wo bleibt der Mensch mit seiner Verantwortung? Braucht es nicht eine ganz neue Friedensbewegung? „Frieden, das verstehen wir als einen Prozess zunehmender Gerechtigkeit und abnehmender Gewalt“ So definiert es die EKD im Jahr 2007, die das Friedensthema bei ihrer Synode im November 2019 in den Mittelpunkt stellen wird.

Einen Unterschied machen

„Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten“ heißt es oft. Dafür setzen wir uns als Kirche ein! Gottes Gnade schenkt uns einen langen Atem. Die Arbeit für den Frieden macht oft einen ganz konkreten Unterschied, macht die Welt an vielen Orten und für viele Menschen besser. Es sind viele Schritte auf dem Weg zum Frieden, oder anders akzentuiert und mit Mahatma Gandhi gesprochen: „Der Friede ist nicht das Ziel, er ist der Weg“. Und diese Schritte bahnen den Weg des Friedens immer breiter von kleinen Trampelpfaden bis hin zu Wegen, die sich von den gefährlichen Dornen und dem Gestrüpp am Wegesrand unterscheiden.

Bei aller Arbeit, bei allem Tun: das Beten darf nicht zu kurz kommen. Bonhoeffer stellt es neben das Tun des Gerechten. Wo wir aus der betenden Beziehung zu Gott handeln, aus dem Bewusstsein, dass unser Gelingen allein an seiner Gnade und letztlich nicht unserem Tun hängt, da kann vielleicht auch der Eindruck einer eifernden Unduldsamkeit überwunden werden, die dem Friedensengagement allzu oft anhaftet. Unsere Bemühungen – unser Friedensweg muss langfristig angelegt sein – und wer könnte einen längeren Atem haben als die Kirchen, als Menschen in der Nachfolge Jesu Christi? – Nur Gott allein!

Zur Person

Hans-Martin Gloël, Bild: © Mölkner-Kappl

Hans-Martin Gloël

Hans-Martin Gloël ist Referent für Ökumene und Weltverantwortung in der ELKB. Einen Schwerpunkt bildet dabei der gemeinsame Lernweg christlicher Kirchen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.


08.04.2019 / Hans-Martin Gloël