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Gemeinde öffnet sich

Miroslav Tschechien Gottesdienst

Mehr als 100 Gottesdienstbesucher feierten die Wiedereinweihung des Pfarrhauses in Miroslav in Tschechien.

Bild: Zenker

In Miroslav, einer kleinen Gemeinde ganz im Südosten Tschechiens, trägt Gemeindeaufbau Früchte. Nun konnte auch das Pfarrhaus mit Zuschüssen der bayerischen Landeskirche saniert werden.

Miroslav ist mit ca. 400 Mitgliedern eine recht normale Gemeinde der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Tschechien und liegt in Südmähren fast an der Grenze zu Österreich. Unter der K&K Monarchie hat sich die Gemeinde den reformierten Charakter nicht nehmen lassen, und lebte nach der Gegenreformation 150 Jahre im Verborgenen, bis mit dem Toleranzpatent 1781 die freie Religionsausübung wieder möglich wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Gotteshaus – ohne Glockenturm und ohne einen Zugang von der Straße her - gebaut und später dann das Pfarrhaus, in der fortan Bibelstunden, Religions- und Konfirmandenunterricht gehalten wurde. 1919 schloss sich die Gemeinde der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder an und wurde uniert. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern wurde nun zum großen Fest der Wiedereinweihung des Pfarrhauses eingeladen, weil sie mit einem Zuschuss dazu beigetragen hatte, das Gebäude von Grund auf zu sanieren.

Kirchenrat Ulrich Zenker, verantwortlich für den Arbeitsbereich „Ökumene und Mittel-Osteuropa“, war bei diesem Fest dabei: „Ich erwartete, eine kleine und konservative Gemeinde vorzufinden. Doch der Gottesdienst war mit über hundert Personen sehr gut gefüllt, die Liturgie sogar etwas ähnlich der bayerischen Ordnung mit Psalm, Liedern und Gebeten, drei Lesungen und einem Schwerpunkt auf der Predigt. Nach dem Gottesdienst gingen die Gemeindeglieder auch nicht heim, sondern setzten sich an die im Nebenraum bereitstehenden Tische zum Kirchenkaffee und Kuchen.

Zitat

Bemerkenswert war für mich, dass in einer kleinen Gemeinde ganz im Südosten Tschechiens Gemeindeaufbau Früchte tragen kann, weil es gelungen ist, sich in die Gesellschaft zu öffnen und Ehrenamtliche zu gewinnen, die angesprochen sind von der Arbeit der Gemeinde, und die bereit sind, für einen kleinen Aufgabenbereich Verantwortung zu übernehmen. 

Kirchenrat Ulrich Zenker, Referent für den Arbeitsbereich „Ökumene und Mittel-Osteuropa"

Pfarrer David Sedlácek stellte mir selbstbewusst den Bürgermeister vor, der am Gottesdienst teilgenommen hatte, denn seit einigen Jahren hat die Gemeinde begonnen, bewusst auf die Stadt zuzugehen zum Beispiel durch Angebote von Mutter-Kind-Kreisen oder durch Konzerte. Zunächst war es schwierig, Menschen anzusprechen, die nicht in der Kirche verwurzelt waren. Zu stark waren die Vorbehalte und die Angst vor einer Vereinnahmung durch die Kirche. Doch nach und nach konnte die Gemeinde mit ihren Angeboten und ihrer Offenheit überzeugen. Heute wächst die Gemeinde, Menschen, die seit Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten waren, kehren wieder zurück und Bürgermeister und Stadtrat ignorieren die Gemeinde nicht länger, sondern schätzen Pfarrer und Kirchgemeinderat als verlässliche Partner. 

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Auch das Mittagessen – ähnlich einem Fastenessen in Bayern – wurde in der großen Runde eingenommen. Dazu war sogar ein Zelt aufgestellt worden. Um 14 Uhr gab es dann in der Kirche die Wiedereinweihung des Pfarrhauses mit einem Dank an die Spender und Sponsoren und dem Architekten, der die Renovierung erläuterte. Aber es fand keine Schlüsselübergabe oder feierliche Begehung des funktionell gestalteten Gebäudes statt. Wer wollte, konnte sich von der ordentlichen Arbeit der Handwerker überzeugen. David Sedlácek war einstweilen schon nach draußen geeilt, um die Musikanlage vorzubereiten und spielte mit Jugendlichen zusammen moderne christliche Lieder, während sich die Gäste mit Kaffee und Kuchen versorgt an die Tische setzten.“

Wenn die Zuschüsse des Staates an die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder bis 2032 abgebaut werden, muss die Gemeinde auf eigenen Füßen stehen. Dies hängt wie ein Damoklesschwert über vielen Gemeinden. Miroslav bringt gute Voraussetzungen mit, um diese Herausforderung zu meistern. Viele andere Gemeinden, bei denen bisher zumindest die Pfarrer und Pfarrerinnen teilweise vom Staat bezuschusst wurden, müssen sich auf Dauer jedoch zusammenschließen zu Pfarrsprengeln, da auf Dauer die Finanzierung durch die Kirchenleitung schwierig ist.

Ulrich Zenker: „Bemerkenswert war für mich, dass in einer kleinen Gemeinde ganz im Südosten Tschechiens Gemeindeaufbau Früchte tragen kann, weil es gelungen ist, sich in die Gesellschaft zu öffnen und Ehrenamtliche zu gewinnen, die angesprochen sind von der Arbeit der Gemeinde, und die bereit sind, für einen kleinen Aufgabenbereich Verantwortung zu übernehmen. Pfarrer David Sedlácek ist dabei der Pol, um den sich vieles dreht, der motiviert und anregt."

 


20.02.2017 / ELKB

01.06.2025