Menschen

Südkorea

Wege zu Gerechtigkeit und Frieden

Ökumenische Vollversammlung Busan

Vollversammlungen des Ökumenischen Rates sind kirchengeschichtliche Ereignisse.

Bild: ELKB / Johannes Minkus

Im Vordergrund der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Busan in Südkorea stand die Erfahrung der weltweiten Gemeinschaft und Vernetzung der Kirche.

Vollversammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen sind kirchengeschichtliche Ereignisse. So wie man in der ökumenischen Bewegung bei dem Stadtnamen „Vancouver“ an die Initiierung des konziliaren Prozesses auf der Vollversammlung 1983 denkt und mit dem Namen „Canberra“ die Neuentdeckung des Heiligen Geistes auf der Vollversammlung 1991 verbindet, so hoffe ich, dass man den Namen „Busan“ mit einem Neuaufbruch der ökumenischen Bewegung verbinden wird. Während in Harare 1998 verschiedene große orthodoxe Kirchen drohten, den ÖRK zu verlassen und 2006 in Porto Alegre der Streit zwischen Nord und Süd über die Globalisierung die Vollversammlung auf eine harte Probe stellte, gab es in Busan kein vergleichbar heftig diskutiertes Thema, das zu spalten drohte.

Am ehesten noch war es das Thema „menschliche Sexualität“ und insbesondere „Homosexualität“, das zum ökumenischen Streitthema wurde. Es kam das erste Mal zur Sprache, als ich selbst vor dem Plenum stand, um als Ausschussvorsitzender das Dokument zur Einheit der Kirche, das die Vollversammlung verabschieden sollte, zur Diskussion zu stellen. Der Entwurf zu diesem Einheitsdokument hatte das Thema bewusst nicht aufgenommen, nicht zuletzt, um deutlich zu machen, dass sich an diesem Thema eben nicht die Einheit der Kirchen entscheidet.

Nach verschiedenen Diskussionen verabschiedete die Vollversammlung das Dokument am Ende einmütig. Einige wenige Delegierte gaben zu Protokoll, dass sie dieses Thema lieber ausdrücklich erwähnt gesehen hätten. Es wurde vereinbart, bis zur nächsten Vollversammlung einen Dialogprozess zum Thema „menschliche Sexualität“ anzustoßen, der hoffentlich in dem Geist verläuft, wie ich ihn eingangs zu beschreiben versucht habe.

Die Vollversammlung in Busan rief zu einem „Pilgerweg zu Gerechtigkeit und Frieden“ auf. Er soll zu einer kraftvollen Antwort der im ÖRK zusammengeschlossenen Kirchen, die 500 Millionen Christen in aller Welt repräsentieren, auf die großen Herausforderungen der Zukunft werden. Die EKD-Synode in Düsseldorf bekräftigte „den Ruf, der von der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan ausgeht: ‚Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden.‘ Sie ruft die Kirchen dazu auf, ihr Engagement für ökumenische Zusammenarbeit und Entwicklung zu verstärken und ihre Gemeinden um aktive Unterstützung und Mitgestaltung zu bitten.“ Das sind natürlich zunächst nur Worte. Aber sie reagieren auf sehr konkrete Geschichten, die wir in den Plena und in den einzelnen Foren gehört haben.

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Ich nenne nur drei Beispiele:

Geschichte Nr. 1: In dem Forum zu „Human Security“, also „Sicherheit für Menschen“, das ich zu leiten hatte, erzählte eine Frau aus dem Nigerdelta von der destruktiven Wirkung der Verbreitung von Kleinwaffen. Fast jeder Jugendliche in ihrem Dorf hat eine Waffe. Die Jugendlichen gehen ganz selbstverständlich damit um. Es herrscht das Recht des Stärkeren. Waffenhändler machen gute Geschäfte damit. Natürlich stand am Ende in dem Schlussdokument unseres Forums der Aufruf zur Wiederherstellung des Rechts, das Einklagen guten Regierungshandelns, das die Menschenrechte schützt. Aber es wurden auch die Kirchen der Länder, in denen die Waffen produziert werden, aufgerufen, den Export und die Verbreitung dieser Waffen zu verhindern. Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Pilgerweg zu Gerechtigkeit und Frieden heißt für mich, dass ich der Bitte meiner Schwester und Brüder in Nigeria nachkomme. Ich rufe die Koalitionsverhandlungspartner in Berlin dazu auf, in ihrem Koalitionsvertrag wirksame Mechanismen gegen den Waffenhandel vorzusehen und dafür zu sorgen, dass eine strenge Kontrolle des Waffenexports nicht nur auf dem Papier steht, sondern auch Anwendung findet. Gegenwärtig sind wir weit davon entfernt. Die Geschichten von dem Leid, das die unkontrollierte Verbreitung solcher Waffen anrichtet, müssen zu Konsequenzen führen.

Geschichte Nr.2: In dem Plenum zu Gerechtigkeit kam Pfarrer Tafue Lusama, der Generalsekretär der Congregational Christian Church von Tuvalu, einer kleinen Insel im Pazifik zu Wort. Tuvalu beginnt schon jetzt, aufgrund der Folgen des Klimawandels im Meer zu versinken. Pfarrer Lusama sprach von der Sintflutgeschichte. Er sprach davon, dass die Sintflut als Strafe für die Sünden der Menschen gekommen sei. Die Verursacher erleiden die Strafe. Die Flut, die den Bewohnern von Tuvalu jetzt zum Verhängnis wird, hat keiner von ihnen verursacht. Die Verursacher sind wir mit einem CO2-Ausstoß, der weit über das für die Erde verträgliche Maß hinausgeht. Am Ende rief Pfarrer Lusama aus: „Warum bestraft uns Gott für etwas, was wir nicht verursacht haben?“ Unser Pilgerweg zu Gerechtigkeit und Frieden kann solche Worte nicht ignorieren. Ich rufe deswegen gemäß dem Schlussdokument der EKD-Synode die potentiellen Koalitionsparteien in Berlin dazu auf, dafür einzutreten, dass die EU „wieder eine Vorreiterrolle in der weltweiten Klimapolitik“ einnimmt „und die eigenen Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55%“ reduziert werden, so wie es die Wissenschaftler zur Begrenzung des Klimawandels für notwendig halten. Ich richte diesen Appell an die Politik nicht aus Lust am politischen Geschäft oder aus der selbstgefälligen Pose des kirchlichen Moralapostels. Sondern ich richte diesen Appell an die Politik, weil mir der Ruf meines Bruders in Tuvalu noch immer in der Seele steckt.

Meine Geschichte Nr. 3 ist eine Ermutigungsgeschichte. Bei dem Plenum zum Thema "Frieden" hat Leymah Gbowee, Friedensnobelpreisträgerin aus Liberia, ihre Geschichte erzählt. Aufgewachsen in der lutherischen Kirche von Liberia, eine unserer Partnerkirchen, erinnert sie sich noch genau daran, wie sie als Kind in der Kirche immer für Südafrika und für die Freilassung von Nelson Mandela gebetet hat. Als 10-Jährige fragte sie ihre Mutter: Warum ist der Mann im Gefängnis? Als erwachsene Frau gründete sie eine Frauenfriedensbewegung, um dem grausamen Bürgerkrieg in Liberia etwas entgegenzusetzen. Die Frauen wandten so unkonventionelle wie wirksame Mittel gewaltfreien Widerstands an, etwa, die Verweigerung des Geschlechtsverkehrs gegenüber ihren Männern. Am Ende wurden die Frauen so stark, dass sie dem berüchtigten Präsidenten Charles Taylor eine Friedenspetition übergeben konnten. Die Filmaufnahmen, die wir davon gesehen haben, waren sehr eindrucksvoll. Heute ist Nelson Mandela längst frei. Charles Taylor ist vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt worden, und in Liberia ist der Bürgerkrieg überwunden. Das Gebet in den Kirchen und das untrennbar damit verbundene Engagement für Gerechtigkeit und Frieden haben gewirkt! Niemand sage, dass wir nichts ändern können! Am Ende ihres Statements hat diese mutige Frau die Kirchenführer aufgefordert, heute im Hinblick auf die Herausforderungen von Frieden und Gerechtigkeit klar Stellung zu beziehen! Ich habe ihre Worte genau gehört.

Die weltweite ökumenische Bewegung – das hat die Vollversammlung von Busan eindrucksvoll gezeigt – ist eine unverzichtbare Ebene unseres Kircheseins. Christus ruft uns als Kirchen zur Einheit. Im Einheitsdokument von Busan heißt es: „Die Einheit der Kirche, die Einheit der menschlichen Gemeinschaft und die Einheit der ganzen Schöpfung sind untrennbar miteinander verbunden. Christus, der uns eins macht, ruft uns zu einem Leben in Gerechtigkeit und Frieden auf und spornt uns dazu an, gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden in Gottes Welt einzutreten.“


01.06.2025

01.06.2025