Menschen

Schweden

Im Austausch voneinander lernen

Zu ihrem 100-jährigen Jubiläum hat die Diözese Skara Jugendliche aus allen Partnerkirchen zum gemeinsamen Pilgern eingeladen - ein unvergessliches Erlebnis.

Pfarreraustausch, Jugendbegegnung, gemeinsames Feiern - die Beziehung zwischen der Landeskirche und der schwedischen Diözese Skara wird immer tiefer. Zwei Kirchen, die viel voneinander lernen wollen.

Dass bayerische Jugendliche einmal zusammen mit jungen schwedischen, südafrikanischen und palästinensischen Christen durch schwedische Wälder pilgern würden – das hätten sich die Begründer der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen der bayerischen Landeskirche und der schwedischen Diözese Skara vor neun Jahren wohl nicht träumen lassen. Die einmalige Chance, junge Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen zu treffen und mit ihnen gemeinsam zu diskutieren, zu feiern, zu beten und zu musizieren verdankten Sophia, Verena und Elias dem 1000-jährigen Bestehen der schwedischen Partnerdiözese. Anlässlich der Feierlichkeiten hatte Skara sie und andere Jugendlichen aus Partnerkirchen der Diözese zur Jugendbegegnung eingeladen.

Blick zurück und nach vorn

Alles begann 1014 mit dem Beschluss der Erzdiözese Hamburg-Bremen, Bischof Thurgot nach Schweden zu entsenden, um in Götland ein Bistum zu gründen. Damit ist Skara die älteste Diözese in Schweden - und die freundliche Kleinstadt im Süden Schwedens ist stolz darauf. Ihr Gründungsjubiläum wollten die lutherischen Christen in Skara jedoch nicht nur im Beisein ihrer Partnerkirchen feiern, sie wollten auch in die Zukunft schauen und Jugendlichen die Gelegenheit geben, gemeinsam an der Zukunft der weltweiten Kirche zu bauen. Denn "wir können am besten die Welt bewegen, wenn wir junge Menschen zusammenbringen und ihnen die Gelegenheit geben, mehr voneinander zu erfahren", davon war Göran Rask, Beauftragter für internationale Beziehungen in der Diözese Skara, überzeugt. „Walking to Emmaus“ war geboren.

Am Anfang der Beziehungen zwischen den Bayern und den Schweden stand die Idee eines Austauschsprogramms für Hauptamtliche. Sie sollten die Chance erhalten, einige Zeit ihren Kollegen über die Schulter zu schauen und voneinander zu lernen. Seit neun Jahren sind zahlreiche Pfarrerinnen und Pfarrer von Bayern nach Schweden und von Schweden nach Bayern geflogen, um zu erleben, wie die andere Kirche sich selbst versteht, lebt, betet, arbeitet und die Herausforderungen der modernen Zeit bewältigt. Und alle kommen bereichert zurück.

Michael Martin, zuständiger Oberkirchenrat für Ökumene und internationale Beziehungen, muss oft erklären, warum sich zwischen den Partnern in Übersee und Osteuropa auch eine kleine schwedische Diözese befindet. „Wir wollten exemplarisch eine Partnerschaft aufbauen, bei der Hilfsprojekte und wirtschaftliche Fragen gar keine Rolle spielen", berichtet Martin. 'Was können wir voneinander lernen? Wie beantworten wir die Herausforderungen für die Kirchen in Europa?‘- diese Gedanken sollten im Vordergrund stehen. Seit der Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1999 hat auch die schwedische Kirche sinkende Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Zwar gehören noch knapp 70 Prozent der Schwedinnen und Schweden der Lutherischen Kirche an, dennoch treten Jahr für Jahr zahlreiche Mitglieder aus.

Ähnliche Herausforderungen - unterschiedliche Herangehensweisen

Beide Kirchen ständen also vor ähnlichen Herausforderungen, hätten aber manchmal eine sehr unterschiedliche Herangehensweise, berichtet Martin. "Und da wird es interessant". So reagierten die beiden Kirchen beispielsweise sehr unterschiedlich auf die schwindenden Mitgliederzahlen in ländlichen Regionen. Während die Bayern an der Präsenz in der Fläche festhielten hätten die Schweden Gemeinden zusammengelegt und Gemeindezentren geschaffen, in denen mehr Personal aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen arbeite. "Das ist eine ganz spannende Entwicklung!"

Was erlebt ein bayerischer Pfarrer in Schweden? Johannes Minkus hat Norbert Stapfer begleitet

Pfarrer Norbert Stapfer war unter den ersten. In dem 30.000 Einwohner zählenden Ort Allingsas etwa 45 km nordöstlich von Göteborg begleitete er die schwedische Pfarrerin Christina Lövestam. Damals fiel ihm besonders auf, wie unkompliziert die schwedischen Protestanten Probleme angegriffen haben und wie respektvoll sie mit der Glaubenshaltung von Nichtgläubigen und Kirchendistanzierten umgegangen sind.

Arbeiten in Pastoraten

Sabine Strelov hat 2012 an einem Austausch teilgenommen. Die Pädagogin aus dem Bamberger Jugendwerk war die erste Nicht-Ordinierte, die nach Schweden fuhr. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von ihrem Aufenthalt in dem kleinen Örtchen Tidaholm: von der Landschaft und der Weite, aber viel mehr noch von den Menschen - von den feierlichen Konfirmationen, dem guten Kontakt zu den Kolleginnen und von der tiefen Frömmigkeit. Strelov war besonders fasziniert von  der Zusammenarbeit der Hauptamtlichenteams in  schwedischen Pastoraten. „Dort arbeiten die verschiedenen Berufsgruppen in einem großen Gemeindezentrum unter einem Dach zum Wohle der Gemeinde zusammen. Alle ziehen an einem Strang: vom Kirchenmusiker über die Pädagogen und Pfarrer bis hin zur den Sekretärinnen.“ Das, so Strelov, kenne sie so aus Bayern nicht. „An diesem Punkt können wir definitiv von den Schweden lernen.“ Die Faszination hat sie nicht losgelassen. Als Verantwortliche für die deutsche Gruppe von "Walking to Emmaus" freut sie sich an den Entdeckungen, die die Jugendlichen aneinander machen.

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Bild: ©iStock.com/teekid

Pfarrertausch - Austausch mit Schweden

Ein Beitrag von Hubert Mauch von der Evangelischen Funkagentur Ostbayern

Besuch bei der Gehörlosengemeinde

Bereits 2010 war Barbro Lilian Bradgard in Bayern. Begeistert und in nahezu fließendem Deutsch erzählt die Gehörlosenseelsorgerin von ihrer ersten Begegnung mit dem Gebärdenchor in der Nürnberger Gehörlosengemeinde. So etwas kannte sie aus Skara nicht. Dort ist jede einzelne Gemeinde selbst verantwortlich für Menschen anderer Sprachen – sei dies nun Finnisch oder eben die Gehörlosensprache. „Das klingt gut, ist aber in der Praxis nicht so einfach“, meint Bradgard. „Was soll ein Pfarrer mit drei gehörlosen Gemeindegliedern tun?“ Gehörlose Menschen bräuchten eine größere Gemeinschaft – so wie in der Nürnberger Gehörlosengemeinde. Beim Jubiläum ihrer Diözese präsentiert die Pfarrerin stolz den ersten Gebärdenchor – das hat sie von den Bayern gelernt. Umgekehrt, so Bradgard, seien in Schweden gehörlose Gemeindeglieder viel besser in die hörenden Gemeinden integriert – da könnten die Bayern sich einiges davon abschneiden.

Ein Netz von Beziehungen

Den ganzen Tag verbringen die Gäste bei ihren Austauschpartnern, sie begleiten sie in ihr Büro, bei Hausbesuchen und wohnen meist auch in ihren Familien. Durch das intensive Gespräch kommen sich die Tauschpartner nahe. So wächst ein Netz an Freundschaften zwischen schwedischen und bayerischen Christen. Am Tag des Jubiläums trifft sich Sabine Strelov mit Lena Linde. Ein Jahr ist vergangen, seit Linde in Bamberg war – da gibt es viel zu erzählen. Die Schwedin hat in Bayern über die vielen Ehrenamtlichen in der Jugendarbeit gestaunt. Und Sabine Strelov hat die Bereitschaft ihrer Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen, noch mehr schätzen gelernt. „Es ist einfach ein ungeheurer Schatz, mit unseren Ehrenamtlichen zusammen Entscheidungen zu treffen.“

Impressionen vom Jubiläum

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„Wir sind zwei verschiedene Kirchen, aber wir haben so viel gemeinsam!“ Darin sind sich Christinnen und Christen aus Skara und Bayern einig. Das erfahren auch die Jugendlichen von „Walking to Emmaus“. Zwischen südafrikanischen und palästinensischen Christen erkennen Bayern und Schwedinnen, wie ähnlich sie sich oft in ihrem Denken und Fühlen sind. Gerade auf diesem Hintergrund fallen Unterschiede auf. Die Deutschen staunen über die Selbstverständlichkeit, mit der die schwedischen Jugendlichen über ihren Glauben sprechen. Gleichzeitig lernen sie den kritischen und fragenden Glauben, den sie aus der Evangelischen Jugend gewohnt sind, sehr schätzen. "Die anderen sind sich so sicher in ihrem Glauben", - das hat Carmen am meisten beeindruckt. Für die schwedischen Jugendlichen seien Verstand und Glaube kein Gegensatz."Da können wir uns schon etwas abschneiden davon."

Eine vertrauensvolle Beziehung

Die Feier des 1000-jährigen Bestehens in Skara war nicht nur für die Jugendlichen ein Geschenk. Auch Oberkirchenrat Michael Martin ist dankbar für das Fest, das die Diözese im Beisein aller Partner aus der ganzen Welt gefeiert hat. Viele Gespräche haben dort stattgefunden über die Zukunft der Kirche in Schweden, in Europa und der ganzen Welt. Diese Diskussionen möchte Martin nicht missen. "Die Diözese Skara hat mit ihrem Jubiläum nach vorne geschaut und die heutigen Herausforderungen in den Blick genommen - das war eine ganz große Chance." Im Lauf der Jahre sei ein großes Vertrauen zwischen den beiden Kirchen gewachsen, so Martin. Ein Vertrauen, das es auch zuließe, sich gegenseitig etwas zuzumuten und auch einmal kritisch zu hinterfragen: „Warum macht Ihr das?“ Das sei für die Partnerschaft zentral: "Denn nur wenn man offen und ehrlich miteinander umgeht, kann man auch voneinander lernen."


08.06.2015 / ELKB

01.06.2025