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Indien

Brot für die Welt 2016:Zukunft durch Vielfalt

Vandana Shiva in der Saatgutbank der Farm von Navdanya vor der Saat.

Vandana Shiva in der Saatgutbank der Farm von Navdanya im Doon Tal bei Dehradun (Indien). Dr. Vandana Shiva hat die Organisation Navdanya (deutsch: "neun Samen") 1987 gegründet.

Bild: Thomas Lohnes/Brot für die Welt

Da die Regierung vor allem die industrielle Landwirtschaft fördert, kämpfen viele Kleinbauernfamilien ums Überleben. Die Organisation Navdanya unterstützt sie.

Der Tag bricht an in Gundiyat Gaon, einem Dorf in den Ausläufern des Himalaya. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die terrassenförmig angelegten Felder mit Reis- und Hirsepflanzen erreichen und die Gewächse in den üppig grünen Küchengärten erwärmen, kommt Leben in die einstöckigen, zum Teil über hundert Jahre alten, bunt bemalten Holzhäuser. Hier, auf 1.500 Metern Höhe, reicht der Blick weit über das Rawain-Tal, wo der Fluss Yamuna fließt. Die Einheimischen nennen die Gegend „Wiege des Reises“.

Wie jeden Tag hat Govind Ram Nautiyal früh morgens den Tempel besucht. Seit sechs Generationen wohnt seine Familie an diesem Ort, mehr als sechs Autostunden von Dehradun, der Hauptstadt des nordindischen Bundesstaats Uttarakhand, entfernt. 350 Familien leben hier. Nach dem Morgentee mischt er Futter für die zwei Kühe, zwei Ochsen und die zwei Kälber und holt frisches Heu. Seine Ehefrau Gulabidevi mistet den Stall aus und melkt die Milchkühe.

Zitat

Der Kampf gegen den Hunger ist auch ein Kampf gegen das Vergessen. Unser jetziges Ernährungssystem ist ausschließlich auf Profit ausgerichtet. Deswegen gibt es heute so viele Hungernde auf der Welt. Wenn wir die „vergessenen Lebensmittel“ wieder auf unsere Felder und unsere Teller bringen, dann haben wir wieder sehr nährstoffreiches Essen, das uns ausgewogen ernährt.

Dr. Vandana Shiva

Nachdem die Tiere versorgt sind, wäscht sich die Familie – meist mit kaltem Wasser, fließendes warmes Wasser gibt es nicht. Nun sitzt Gulabidevi mit ihrer Tochter Saroj auf der Veranda ihres türkis gestrichenen, traditionellen Langhauses. Mit Mitte 40 hat Saroj sich von ihrem Mann getrennt und ist mit ihren beiden Kindern, der 14-jährigen Yoti und ihrem Bruder Bhasker (11), zu ihren Eltern zurückgekehrt.

„Wir haben gut zu essen“

Die Frauen bereiten das erste Mahl des Tages zu: Kürbis wird klein gehackt, mit scharfen grünen Chilis, Knoblauchzehen, frischen Koriander- und Pfefferminzblättern vermischt und gedünstet. Dazu gibt es ein Hirsegericht und Chapatis, Weizenbrotfladen. Kürbis und Fingerhirse, Pfefferminze und Koriander, Chili und Knoblauch: Die Zutaten für die Mahlzeit wachsen alle auf den Feldern der Familie und im Küchengarten.

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Das Saatgut für die Pflanzen stammt aus der eigenen Saatgutbank. Govind und Gulabidevi haben sie angelegt. Die ersten Samen und das Wissen, wie man sie aufbewahrt, bekamen die Eheleute von Navdanya, einer langjährigen Partnerorganisation von Brot für die Welt. „Navdanya“ bedeutet so viel wie „neun Samen“, der Name steht symbolisch für die biologische und kulturelle Vielfalt unserer Erde.

Gegründet wurde die Organisation Anfang der 1990er Jahre von Dr. Vandana Shiva, einer weltweiten anerkannten Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin. Mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern kämpft die resolute Frau gegen die vom indischen Staat geförderte und von multinationalen Konzernen wie Monsanto kontrollierte industrielle Landwirtschaft, die auf einem hohen Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden sowie auf Monokulturen basiert.

„Viele Bauernfamilien in Indien bauen nur noch eine einzige Pflanze an, zum Beispiel Baumwolle“, klagt Vandana Shiva. „Um sich das teure Hybridsaatgut sowie chemische Düngemittel und Pestizide leisten zu können, verschulden sie sich. Wenn dann eine Missernte kommt, können sie ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen – und haben zudem nichts zu essen, weil sie keine Nahrungspflanzen für den Eigenbedarf mehr anbauen.“

Vandana Shiva,  weltweiten anerkannte Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin in Indien,© Thomas Lohnes/Brot für die Welt

Bild: Thomas Lohnes/Brot für die Welt

Statement von Vandana Shiva zur 57. Aktion Brot für die Welt im Jahr 2015

Vandana Shiva über ihr Engagement für die Bewahrung der natürlichen Sortenvielfalt und den freien Zugang zu Saatgut.

Die Kleinbauernfamilien im Projektgebiet bekommen von Navdanya nicht nur traditionelle Saatgutsorten zur Verfügung gestellt, sondern lernen auch, wie nachhaltiger, ökologischer Anbau funktioniert. „Bevor ich bei Navdanya Mitglied wurde, wuchsen in unserem kleinen Küchengarten nur zwei, drei Gemüsesorten“, erzählt Govind Ram Nautiyal. Nun gedeihen dort rund ums Jahr mehr als ein Dutzend Sorten Gemüse und Kräuter. „Wir haben gut zu essen, alles aus eigenem Anbau“, sagt der Kleinbauer. Weil sich die Familie nun fast komplett selbst versorgen kann, muss sie kaum noch Geld auf dem Markt ausgeben. Und da sie nachhaltigen Landbau betreibt, spart sie auch die Kosten für Saatgut, Pestizide und künstlichen Dünger.

Zu Unrecht vergessene Feldfrüchte

Auf der Versuchsfarm von Navdanya in Dehradun werden Kleinbauern wie Govind Ram Nautiyal geschult. Dort wachsen auf etwa 140 Hektar Land eine Vielzahl traditioneller Nahrungspflanzen. In Navdanyas Saatgutbank, die sich ebenfalls auf dem Gelände befindet, werden mehr als 650 Sorten Reis aufbewahrt, dazu 60 Arten von Weizen, verschiedene Sorten Bohnen, Hirse, Linsen, Sesam und Senf. Geschätzte 1.000 Sorten Saatgut lagern hier hinter dicken Lehmmauern, kühl und sicher geschützt vor Schädlingen. Im Projektgebiet gibt es zudem inzwischen mehr als 50 regionale Saatgutbanken. Mehr als 50.000 Familien haben auf nachhaltigen Landbau umgestellt.

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Dank der Arbeit von Navdanya wurden längst in Vergessenheit geratene Sorten wiederentdeckt – Feldfrüchte, die völlig zu Unrecht als primitiv und rückständig galten und deshalb von den Äckern verschwanden: „Diese ‚vergessenen Nahrungsmittel‘ bieten oft einen hohen Nährwert bei geringem Ressourcenverbrauch, das heißt, sie brauchen nur sehr wenig Wasser“, erläutert Vandana Shiva. „Die Fingerhirse ist so ein Beispiel. Sie enthält so viel Kalzium, dass kein Kind Kalziummangel bekommt, auch wenn es keine Milch trinkt. Sie enthält so viel Eisen, dass keine Frau jemals unter Eisenmangel leidet. Und sie enthält wichtige Ballaststoffe und Spurenelemente.“ Auch dank der Arbeit von Navdanya ist die Fingerhirse, genannt Ragi, indienweit wieder populär geworden. Sie wird zu Brot, Klößen, Keksen oder Nudeln verarbeitet und in Getränke oder Joghurt gemischt.

„Inzwischen geben unsere Bäuerinnen sogar Kochkurse für Frauen in den Städten“, erzählt Vandana Shiva. Darin zeigen sie ihnen, welch schmackhafte Gerichte sich aus den traditionellen Lebensmitteln herstellen lassen: Auf dem Lehrplan stehen zum Beispiel Ragi Idli, eine Art Küchlein aus Fingerhirse, vegetarische Frikadellen aus Amarant sowie ein Tabuleh-Salat mit Jhangora, einer Hirsesorte. „Diese Lebensmittel gehören unbedingt zu einer ausgewogenen Ernährung“, sagt Kavita Singh, Ernährungsexpertin von Navdanya. „Denn sie sind nährstoffreich und gesund.“ Amarant ist zum Beispiel eine sehr gute Quelle für Kalzium, reich an Proteinen, Kohlehydraten, ungesättigten Fettsäuren und Ballaststoffen. Die Amarant-Körner können – wie Mais – aufgepoppt oder zu Mehl verarbeitet werden. Aber nicht nur die Körner sind genießbar, die Blätter der Pflanze ergeben ein schmackhaftes Gemüsegericht. „Aus dieser Pflanze lassen sich mehr als ein Dutzend Gerichte zubereiten“, erklärt Kavita Singh.

Frauen sind das Rückgrat

Indische Frauen bei der Ernte von Hirse nahe Gundiyat Gaon

Die Frauen um Gulabidevi (60, im Bild rechts) bei der Ernte von Hirse nahe Gundiyat Gaon, einem Dorf im Projektgebiet der Organisation Navdanya.

Bild: Thomas Lohnes/Brot für die Welt

Es sind die Frauen in den Dörfern, Frauen wie Gulabidevi und Saroj, die das Rückgrat der bäuerlichen Gemeinschaften bilden. Sie säen, arbeiten auf den Feldern und bringen die Ernte ein. Sie sammeln das Saatgut und lagern es. Sie kümmern sich um die ausgewogene Ernährung der Kinder, bereiten in aller Frühe den Morgentee und die erste Mahlzeit des Tages zu. Und nach einem langen Tag auf dem Feld kochen sie auch das Abendessen.

Die Sonne steht tief über Gundiyat Gaon, die letzten Strahlen streifen die Ausläufer des Himalaya. Saroj stellt den Kessel auf die Feuerstelle in der schlichten Küche mit dem einfachen Lehmofen. Sie streut Gewürze in das brodelnde Wasser. Es duftet nach Zimt, Anis und Kardamom, nach schwarzem Pfeffer und Ingwer. Dann gibt sie Teeblätter und Zucker hinein, gießt frische, sahnige Milch dazu, kocht den Sud ein weiteres Mal auf und lässt ihn einige Minuten ziehen. Endlich ist der Masala Chai fertig, der Gewürztee, für den wohl jede Familie in Indien ihr eigenes Rezept hat. In der Zwischenzeit hat Gulabidevi in einer schweren Eisenpfanne Fladen gebraten. Gleich wird das Abendessen aufgetragen. Wieder gibt es mehrere Sorten Gemüse, Hirse und Reis. „Dank Navdanya haben wir gelernt, uns gesund und vielfältig zu ernähren“, erzählen die Frauen.


12.11.2015 / Brot für die Welt

01.06.2025