Hilfsprojekte

Honduras

Konfidank 2016: Lernen, lachen, träumen

Honduras, Alternativas y Oportunidades (AyO), Workshop

Cesia (6, Mitte) bastelt während eines AyO Workshops zu verschiedene Themen. Wie ihr Bruder Maicol vor ihr besucht sie die AyO Kindergruppe, wo sie spielend lernt und betreut wird.

Bild: Karin Desmarowitz

Im armen und gewaltgeprägten Honduras setzt die Brot-für-die-Welt-Partnerorganisation „Alternativas y Oportunidades“ (AyO, auf deutsch „Alternativen und Chancen“) auf Bildung und Kinderrechte.

Der Freitag ist für Genesis der schönste Tag der Woche. Nicht, weil er das Wochenende einläutet – viel besser: Nach dem Unterricht kommt Sergio oder ein anderer Freiwilliger von AyO in die Schule. Dann wird gespielt und gemalt, getanzt und gelacht. So wie heute. Darauf hat sich Genesis schon die ganze Woche über gefreut.

Juchzendes Gekreische dröhnt über den Schulhof. Die Mädchen haben die erste Runde beim Schnick, Schnack, Schnuck gewonnen. In einer Reihe stehen sie den Jungs gegenüber, die Rücken zueinander gewandt. Sergio Cárdenas, 20, Schreinerlehrling und ehrenamtlicher Gruppenleiter bei AyO, steht in der Mitte und brüllt das Kommando: „Eins, zwei, drei!“

Mit einem Satz springen alle herum und zeigen ihr Symbol: die Jungs eine Faust für den Stein, die Mädchen eine flache Hand fürs Papier. Papier umwickelt Stein, wieder ein Sieg für die Mädels. Die Jungen lassen die Köpfe hängen. Sie fluchen, rempeln sich gegenseitig an, kicken ein paar Steinchen über den Beton. Die Mädchen hüpfen, kreischen und gackern herum.

Verantwortung übernehmen

Genesis ist mittendrin. Mit ihrem rotblonden Schopf sticht sie aus der Masse der dunkelhaarigen Zöpfe hervor. An ihren Füßen klebt Mayeli.

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Die kleine Schwester hat das Down-Syndrom, als älteste Tochter der Familie muss Genesis auf die Kleine aufpassen. Die Mutter backt den ganzen Tag über Tortillas, der Vater sammelt Holz oder jobbt auf dem Bau. Mayeli ist zwei Jahre alt, Genesis zwölf. Und wenn sie zur Kindergruppe von AyO möchte, muss sie die Kleine halt mitnehmen. So einfach ist das.

Zusammen mit ihrer sechsjährigen Schwester Cesia besucht Genesis Rivera die Grundschule Julián López Piñeda der Siedlung El Guanábano oberhalb von Tegucigalpa. Cesia ist in der Vorschulklasse, Genesis in der sechsten. Nach den Ferien wird sie auf die weiterführende Schule wechseln. Ihre Mutter Antonia Almendras hat es nicht so weit geschafft. Ihr Vater Carlos Rivera hat nach der achten Klasse abgebrochen. Das ist auch heute noch normal unter den Armen Honduras’. Die machen zwei Drittel der Bevölkerung aus.

„So geht’s nicht weiter!“

Tatsächlich leben fast alle Bewohnerinnen und Bewohner von El Guanábano in extremer Armut. Hier oben auf dem Hügel landet der stinkende Unrat der Metropolregion: Plastik, Kompost, Industriemüll, Autoreifen, Batterien – alles gärt unsortiert auf der offenen Müllhalde vor sich hin. Die meisten Familien leben vom Recycling. Auch Carlos Rivera schleppte seine Kinder früher jeden Tag mit auf die Kippe, um möglichst viele Plastikflaschen, Blechbüchsen und Pappen zu sammeln und anschließend an die Zwischenhändler zu verscherbeln. Eines Tages wurde er von einem Kipper angefahren. „Da dachte ich mir, so geht’s nicht weiter!“, sagt der hagere Mann vor seinem Bretterverschlag mit Wellblechdach.

Informationen zum Thema Konfidank 2016: Brot für die Welt

Konfidank 2016: Brot für die Welt

Jedes Jahr bietet Brot für die Welt eine Konfispendenaktion an. Hilf Kindern in Honduras, ihre Träume ein Stück Wirklichkeit werden zu lassen!

Brot für die Welt 

IBAN: DE 74 5206 0410 0000 5555 50

BIC: GENODEF1EK1 (Bank für Kirche und Diakonie)

Stichwort: KonfiDank 2016

Zum Glück hatte die Familie zu diesem Zeitpunkt bereits Kontakt zu AyO. Das Kürzel steht für „Alternativas y Oportunidades“, auf Deutsch heißt das so viel wie „Alternativen und Chancen“. Die Organisation versucht, die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in den Armenvierteln von Honduras Hauptstadt Tegucigalpa zu verbessern – und bezieht dabei bewusst deren Eltern in die Arbeit mit ein. Antonia Almendras besuchte eine Selbsthilfegruppe für Mütter. Dort gewann sie zunehmend Selbstvertrauen und entwickelte den eigenen Lebensplan einer Tortillabäckerei.

„Das Leben hier oben ist der reinste Wahnsinn“, sagt sie in ihrer Backstube. „Die Leute haben nicht genug zu essen, die Gewalt ist gigantisch, die ‚Maras‘, die kriminellen Banden, kontrollieren das Müllgeschäft, die Männer trinken, Frauen sind nichts wert. AyO hat mein Leben komplett verändert. Dank der Organisation habe ich diese Tortillabäckerei aufgebaut, mit der ich meine Familie halbwegs versorgen kann.“ AyO hat ihr nicht nur einen Kleinkredit vermittelt, den sie gewissenhaft abbezahlt – die Mitarbeitenden haben der 36-Jährigen auch Buchhaltung und Betriebsplanung beigebracht.

Bildung ist wichtig

„Ich habe gelernt, dass Bildung extrem wichtig ist“, sagt die Mutter von sieben Kindern, während sie zwischen ihren Handflächen einen Fladen aus Maismehl formt. „Also tue ich alles, damit meine Kinder einen Schulabschluss machen. Das ist meine Aufgabe. Später, wenn sie einen guten Job haben, werden sie mich unterstützen.“ Für die drei Ältesten kam die Hilfe von AyO zu spät. Sie sind bereits aus dem Haus, keiner von ihnen hat die Schule beendet. Sie arbeiten als Wasserverkäufer oder Bauarbeiter. Aber Maicol, der 14-jährige Sohn, der bis vor Kurzem mit seiner Schwester Genesis die Kindergruppe von AyO besuchte, geht auf die Oberschule. Jeden Tag nach dem Mittagessen schlüpft er in seine saubere Schuluniform und kämmt sich mit nassem Kamm die Haare. Dann läuft er zum Bus, um pünktlich zum Nachmittagsunterricht zu erscheinen.

Manchmal schaut Maicol, der Hoffnungsträger der Familie, vor der Schule noch im Büro von AyO vorbei. Die Erzieherinnen und Erzieher helfen ihm dann bei den Hausaufgaben. Oder er recherchiert im Internet und lernt, wie man eine Präsentation am Computer erstellt – welche Familie in Guanábano kann sich schon einen Laptop leisten? Maicols Eltern haben nicht einmal fließendes Wasser. Den Strom zapfen sie illegal von der Leitung an der Straße ab.

Große Pläne

Honduras, Workshops des Projekts : Alternativas y Oportunidades (AyO)

Cesia (6, Mitte) spielt mit ihren Freundinnen während eines AyO Workshops in der Grundschule von Guanabano. Die Organisation AyO ermoeglicht Kindern aus strukturschwachen Familien Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung.

Bild: Karin Desmarowitz

„Ich will Präsident werden“, sagt der 14-Jährige, der wie alle seine Geschwister von seiner Mutter rotblonde Haare und Sommersprossen vererbt bekommen hat. Er meint es ernst. „Ich will den Armen helfen, denn sie brauchen dringend Unterstützung. Alle Kinder sollten zur Schule gehen können.

So wie ich. Aber den meisten fehlt das Geld für den Bus oder für Hefte und Stifte.“ Eine komplette Schuluniform kostet mindestens 800 Lempira, rund 30 Euro. Maicols Mutter verdient am Tag 200 Lempira. Das reicht gerade mal fürs Essen. Ans Sparen ist da kaum zu denken.

AyO unterhält verschiedene Programme. Aus einem bezahlt die Organisation kleine Stipendien für Schüler wie Maicol. Brot für die Welt finanziert unter anderem Kindergruppen wie die von Genesis und Mütterkreise wie den von Antonia Almendras. Beides gehört zusammen. „Wir arbeiten ganzheitlich“, erklärt Direktorin Norma Chávez. Deshalb setzt sich AyO nicht nur für eine bessere Bildung, sondern auch für die Achtung der Kinderrechte, weniger Gewalt und mehr Geschlechtergerechtigkeit ein. Und die Organisation sorgt für eine bessere Gesundheitsfürsorge: Genesis, Cesia und all die anderen 442 Mädchen und Jungen aus den Kindergruppen bekommen einmal pro Jahr eine Wurm-, Vitamin- und Fluorkur. Die Mütter wiederum erhalten eine Gebärmutterkrebsvorsorge. Und wer krank ist, kann sich bei AyO kostenlos medizinisch behandeln lassen. All das unterstützt Brot für die Welt.

Lernen fürs Leben

Auch in Genesis Freitagsgruppe geht es inzwischen um ernsthafte Themen. Drei Altersgruppen lümmeln unter dem Vordach der Klassenräume herum: Cesia lernt mit den Kleinen die Wochentage. Die Mittleren reden über Müllvermeidung. Und die Älteren malen Plakate zu den Themen gesunde Ernährung, Hygiene und Umwelt. Genesis liegt auf dem Bauch und malt einen Fluss mit Fischen, eine Wiese mit Bäumen und einen Himmel voller Schmetterlinge. Mayeli sitzt neben ihr und nestelt am T-Shirt der großen Schwester herum. Aber davon lässt sich Genesis nicht stören. Sie genießt die kostbare Auszeit von ihrem schwierigen Alltag. Zum Abschluss gibt es noch ein letztes Spiel, dann verteilt Sergio Mandarinen und Bananen. Vitamine sind wichtig. Dank AyO wissen die Kinder das schon lange.


12.11.2015 / Brot für die Welt

01.06.2025