Menschen

Ägypten

Für verfolgte Christen beten

Reminiszere 2018

Pfarrer Stefan El Karsheh und Pfarrerin Nadia El Karsheh

Bild: epd-bild/Katharina Eglau

An diesem Sonntag, 25. Februar 2018, sind alle Gemeinden aufgerufen, für bedrängte und verfolgte Christen zu beten. Der Schwerpunkt der Fürbitte ist die Menschenrechtslage in Ägypten.

Im Nahen Osten bilden die ägypti­schen Kopten die größte christliche Minderheit. Ihr gehören insgesamt neun Millionen Gläubige an. In den letzten Jahren und in besonderer Weise im Jahr 2017 wurden Christen und christliche Stätten in erschütterndem Maße zu Zielen terroristischer Anschläge. Besonders in Mittelägypten erleben Kopten wiederkehrende Übergriffe wie Entführungen mit Lösegelderpressung, Überfälle oder Brandanschläge auf Kirchen. Sabine Dreßler hat Pfarrerin Nadia El Karsheh und Pfarrer Stefan El Karsheh von der Deutschsprachigen Evangelische Gemeinde in Kairo und ganz Ägypten zur aktuellen Lage und zur Zusammenarbeit der Kirchen befragt. 

Was hat Sie beide bewogen, gerade nach Kairo zu gehen? Und: haben sich Ihre Erwartungen erfüllt? Was hat Sie am meisten überrascht?
Nadia El Karsheh: Wie unser Familienname vermuten lässt, haben wir eine biografische Verbindung zum Orient. Als Tochter einer Deutschen und eines christlichen Palästinensers bin ich (Nadia El Karsheh) zwischen beiden Kulturen aufgewachsen. Einmal im arabischen Ausland zu leben und zu arbeiten war von daher ein lang gehegter Traum – und zwar glücklicherweise von uns beiden. Als wir nach fast zehn Jahren Pfarrdienst im wendländischen Lüchow die Auslandspfarrstelle in Ägypten im Amtsblatt entdeckten, war deshalb schnell klar, dass wir uns bewerben würden. 
Kairo ist eine in jeder Hinsicht überraschende Stadt. Schon ihre Größe ist in der arabischen Welt einzigartig. Mit ihren geschätzten 25 Millionen Einwohnern übertrifft sie alles, was wir bis dahin als Großstadt kannten. An Lärm, Verkehr und Not – aber auch an faszinierenden Details und pulsierendem Leben. Und wenn wir von einer sogenannten christlichen Minderheit sprechen, dann geht es auch hier um Millionen von Christinnen und Christen, die dieser Stadt und diesem Land ein deutlich wahrnehmbares Gesicht geben.
Das ist für Außenstehende schon überraschend: Hier in Ägypten auf ein florierendes, wachsendes und sehr selbstbewusstes Christentum zu treffen. Bis heute sehen sich die Christen als direkte Nachfahren der alten Ägypter – im Gegensatz zu den aus Arabien eingewanderten muslimischen Eroberern. Und tatsächlich ist das immer noch in der orthodoxen Liturgie verwendete Koptisch eine Weiterentwicklung der Sprache der Pharaonen. Die Bezeichnung koptisch kommt vom Griechischen „gyptos“ und meint nichts anderes als ägyptisch.

Zitat

„Millionen von Christinnen und Christen in Ägypten geben der Hauptstadt Kairo und Land ein deutlich wahrnehmbares Gesicht“

Nadia El Karsheh

Wie sieht der Alltag in der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen aus?
Stefan El Karsheh: Die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen ergibt sich aus der Vielfalt der Konfessionen und der starken Präsenz der koptisch-orthodoxen Kirche automatisch. Im diakonischen Bereich kooperieren wir mit der ägyptisch-katholischen Kirche, der charismatischen Community Church und der frankophonen evangelischen Kirche in der Gefangenenseelsorge. Gemeinsam sind wir Träger von Prison Work Ministry Egypt, einer Besuchsgruppe, die wöchentlich nicht-ägyptische Gefangene besucht. Wir halten eine christliche Gemeinschaft unter Frauen und Männern im Gefängnis aufrecht und helfen ihnen in dieser äußerst schwierigen Situation in geistlichen und praktischen Belangen.
Mit der koptisch-protestantischen Kirche verbindet uns eine jahrzehntelange Freundschaft. Unsere Gemeinde ist Gast in ihrer Synode (Nilsynode), und wir arbeiten zusammen z.B. bei der Begleitung eines Waisenheims für Mädchen. Im Reformationsjubiläum haben wir gemeinsam gefeiert und dazu sogar den Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, als Gast gewinnen können.
In der Schule unterrichten wir gemeinsam mit koptisch-orthodoxen Kollegen christliche Religion und die Gemeinde bietet für Neueinsteiger in Ägypten und für Rückkehrer nach Deutschland Seminare in einem koptisch-orthodoxen RetreatZentrum an. Mit der deutschsprachigen-katholischen Gemeinde begehen wir gemeinsam den Volkstrauertag und die Christvesper an Heiligabend. 
Das Gemeindeblatt „Begegnung“ geben wir für beide Gemeinden gemeinsam heraus. Im Reformationsjahr 2017 haben wir den 31.10. als Christusfest mit beiden Gemeinden gefeiert.
Das kirchliche Leben in Ägypten ist bunt und vielfältig, in wichtigen gemeinsamen Anliegen spielen konfessionelle Unterschiede eine untergeordnete Rolle. Die Wege zueinander sind kurz und – bei aller Verschiedenheit und unvermeidbaren Konflikten – von gemeinsamen Zielen und Vertrauen geprägt.
 

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Das Reformationsjubiläum liegt hinter uns und das hat auch für Ihre Gemeinde am Nil eine Rolle gespielt: Was waren und bleiben Ihre Themen zur Zukunft der Kirche?
Stefan El Karsheh: Ein wichtiger Ansatz für die Gestaltung der Reformationsfeierlichkeiten in Ägypten war für uns der Dialog. Der Dialog der Religionen und der Konfessionen hat bei den koptischen Protestanten eine lange und tiefverwurzelte Tradition. Als wir uns im Herbst 2015 das erste Mal zu einem runden Tisch mit deutschen Institutionen trafen, um ein gemeinsames Programm für das Jubiläumsjahr zu gestalten, war dieser dialogische Ansatz für uns leitend.
Mit dem Goethe-Institut haben wir einen Lutherfilmabend geplant. Das Leben und die reformatorischen Ideen Luthers sollten einem breiten, vorwiegend muslimischen Publikum vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Mit großem Erfolg!
Im Fastenmonat Ramadan haben Muslime und Christen über die Bedeutung der reformatorischen Entdeckung diskutiert. Mit dem DAAD (Dt. Akademischer Auslandsdienst) und dem Orientinstitut Beirut haben wir eine Podiumsdiskussion initiiert zum Thema „Is Religion an Innovation?“ Daraus ergaben sich spannende Fragestellungen zur Reformbereitschaft von Islam und Christentum in Ägypten. Wir haben aus diesem Dialog Luthers Anliegen, die Aussagen des Glaubens zu „kontextualisieren“ und in die Sprache der Zeitgenossen zu übertragen, ganz neu verstanden. Es hat uns zu der Überzeugung geführt, dass wesentliche Inhalte evangelischen Glaubens bis heute tragfähig sind und sogar überkonfessionell und interreligiös verstanden werden können. 

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„Das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist in Ägypten über Jahrhunderte erprobt.“

Stefan El Karsheh

Und wie steht es um das Zusammenleben mit den muslimischen Nachbarn? Wie geht das interreligiöse Gespräch in Ägypten?
Stefan El Karsheh: Das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist in Ägypten, anders als es in den westlichen Medien oft den Anschein hat, über Jahrhunderte erprobt. Und stellt, sofern es nicht zu extremistischen Ausformungen oder politisch motivierten Verwerfungen kommt, den Normalfall dar. Christen und Muslime leben als Nachbarn und Kollegen Tür an Tür. Trotzdem ist heute klar, dass auch diese Selbstverständlichkeit gefährdet ist.
Daher hat es in der ägyptisch-protestantischen Kirche schon lange den Impuls zum Dialog gegeben. Es bestehen enge Verbindungen zur Al AzharUniversität und zur orthodoxen Kirche, weil sich nur auf diesem Wege Vorurteile und Misstrauen verhindern oder verringern lassen. In der Deutschen Evangelischen Oberschule, die vor über 140 Jahren von der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Kairo gegründet wurde, ist daher der Begegnungscharakter von größter Bedeutung. Am deutlichsten wird dies im Kooperativen Religionsunterricht in der Oberstufe: Ab Klasse 11 erhalten die christlichen und muslimischen Schülerinnen und Schüler gemeinsam Religionsunterricht. D.h. der Unterricht wird von einem christlich-muslimischen Lehrertandem durchgeführt. Die Auswirkungen auf das gegenseitige Verstehen, den Respekt füreinander und die daraus erwachsene Toleranz spielen für die religiöse Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler eine große Rolle.  

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„Unter dem Druck der Fanatiker könnten die Religionen sogar noch enger zusammenfinden.“

Stefan El Karsheh

In der Gemeinde haben wir anlässlich des Reformationsjubiläums ein Dialogprojekt initiiert, in dem ein koptisch-evangelischer Pfarrer, ein muslimischer Kalligraph und eine deutsche Pfarrerin an der Übersetzung von reformatorischen Zitaten gearbeitet haben. Das Ergebnis ist eine Ausstellung von 18 Kalligraphien, in denen Zitate von Luther, Zwingli, Calvin und Melanchthon in Arabisch zur Sprache und zur Wirkung gekommen sind. Natürlich war die eigentliche Arbeit nicht das wörtliche Übersetzen, sondern die deutende und für islamische Ohren verständliche Übertragung der reformatorischen Aussagen. Mit diesem Projekt waren wir mit allen Akteuren im August zu Gast auf der Weltausstellung in Wittenberg, im Gasthaus Ökumene.
Das alles soll nicht über Spannungen hinwegtäuschen, die es im Zusammenleben von Muslimen und Christen in Ägypten gibt. Doch darf auch nicht übersehen werden, was für ein gegenseitiges Verstehen und Respektieren unter besonnenen Vertretern beider Religionen möglich ist. Daran zu arbeiten, wird eine zentrale Aufgabe der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Ägypten und aller verantwortungsbewussten religiösen Institutionen im Lande bleiben, damit keine extremistischen Divergenzkräfte die Oberhand gewinnen. 

Wie sehen Sie beide aus Ihrer „Brückenperspektive“ als Deutsche in Ägypten die gegenwärtige Lage christlicher Kirchen und Gruppen?
Nadia El Karsheh: Die Christinnen und Christen in Ägypten bilden die größte christliche „Minderheit“ im Orient. An ihrem Geschick hängt sehr viel für den Fortbestand des Christentums in der Region überhaupt. Wenn Ägypten es nicht schaffen sollte, dass Christen und Muslime friedlich als Nachbarn und Freunde zusammenleben, dann gäbe es nicht sehr viel Hoffnung für den Rest der arabischen Welt. Trotz der schrecklichen Terrorattacken auf Kirchen in den vergangenen Jahren sehen wir, dass das Zusammenleben im Großen und Ganzen gut funktioniert. Es ist ganz einfach geprägt von Normalität.
Seit der Revolution von 2011 gibt es auch auf offizieller Ebene eine Vielzahl von interreligiösen Dialogen, die sich bereits sehr vertrauensfördernd ausgewirkt haben. Besonders weit sind hier die koptisch-evangelische und die koptisch-anglikanische Kirche gekommen. Aber auch der koptischorthodoxe Papst ist in gutem Kontakt mit den obersten islamischen Autoritäten. Hier besteht ein guter Grund zur Hoffnung, dass die Religionen unter dem Druck der Fanatiker sogar noch enger zusammenfinden.
Nach einem Jahr der Muslimbruderschaft-Regierung unter dem 2013 abgesetzten Präsidenten Mursi, währenddessen die ägyptischen Christen sich ernsthafte Sorgen um ihre Religionsfreiheit machten, sind sie im Moment unter dem neuen Präsidenten in einer eher privilegierten Situation. Ihre rechtliche Lage ist so gut wie noch nie im modernen Ägypten. Das führt bei vielen Christen zu einer sehr unkritischen Haltung gegenüber dem Regime. Die Kirchen (und zwar alle Denominationen) sind relativ staatsnah und sehen auch die bestehenden problematischen Entwicklungen (z.B. in der Menschenrechtsfrage) als notwendiges Übel zur Bekämpfung des Terrors an.

Wenn wir am Sonntag Reminiszere besonders an bedrängte und verfolgte Christen denken: Wofür können wir für Sie und Ihre Gemeinde und die Christenheit in Ägypten insgesamt beten?
Nadia El Karsheh: Am wichtigsten ist es wohl, im Sinne Jesu für die Täter zu beten. Zum einen für die Drahtzieher hinter den Kulissen, die sich nicht scheuen, auch das Heiligste, was wir Menschen haben, den Glauben an Gott, für ihre politischen und militärischen Ziele zu missbrauchen. Und dabei Leben um Leben gnadenlos dem Terror opfern.
Zum anderen für die, die sich einfangen und blenden lassen und sich für grausamste Taten hergeben, die kein Mensch mit wachem Verstand und Gewissen jemals gutheißen könnte.
Es gibt leider auch Christinnen und Christen, die einer antiislamischen Propaganda folgen, vermittelt durch Internet oder Satellitenfernsehen, die allen Bemühungen um Verständigung und Vertrauen zuwiderläuft. Auch für sie sollten wir beten. Dass auf allen Seiten der Glaube an den gnädigen und barmherzigen Gott stark bleibe und wir Christen die Kraft haben, das Evangelium als wirklich gute Nachricht von der Liebe Gottes zu predigen. Nicht als Waffe gegen andere.
Viele Ägypter, Christen und Muslime haben in den vergangenen Monaten ein schweres Kreuz auferlegt bekommen. Haben Angehörige verloren, sind selber verletzt und traumatisiert worden. Bitten wir Gott, dass sie die Kraft behalten, auch ihre Feinde zu lieben und sich nicht zu Rachegelüsten verführen lassen. 


22.02.2018 / Sabine Dreßler/EKD

01.06.2025