Partnerschaften

Ungarn

Kinder, Kinder!

Spielende Kinder

In Orosháza steht die Modell-Kita für Ungarn.

Bild: EKLB

Die evangelischen Kindergärten gehören zu den besten des Landes. Das ergab eine von der ungarischen Regierung durchgeführte Überprüfung aller Kindergärten in Ungarn.

Drei Bäume stehen im Gruppenraum des Kindergartens in Orosháza, kindersicher befestigt an der Decke und am Boden. Sie stammen aus einem nahen Wald. Ein Kind hat ein Vogelnest gefunden und in die Zweige gelegt. Andere haben Bienen gebastelt oder Schmetterlinge. Ein alter Tonkrug hängt da, wie vor einem alten Bauernhaus der nahen Puszta.

Fantasie und Freiraum

Die Kinder sitzen und bemalen Blätter, die sie gestern auf der Wanderung gesammelt haben. Sie drücken die Blätter auf das Papier und bestaunen die bunten Umrisse und verschiedenen Formen. In einem abgegrenzten Bereich spielen ein Mädchen und ein Bub mit Puppen. Vorsichtig, behutsam schieben sie einen Puppenwagen. "Die beiden brauchen gerade etwas Abstand und Ruhe", bemerkt eine Erzieherin.
Die Kinder lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie kennen das: Immer wieder kommen Besuchergruppen hierher. Es sind Teams anderer evangelischer Kindergärten aus Ungarn. Oder Lernende von der nicht weit entfernten Schule für Pädagogik in Szeged. Einmal kam ein ganzer Bus von dort, vollbesetzt mit Fachleuten, die wissen wollten, was hier passiert. Was spielerisch aussieht, hat System und jahrelangen Vorlauf. Die Erzieherinnen aus Orosháza waren neugierig geworden auf die Arbeit im Ausland. Sie wollten mit eigenen Augen sehen, wie Erziehung der Kinder in Bayern praktiziert wird, welche sozial- und religionspädagogischen Ansätze es gibt.

Partnerschaft und Pädagogik

Die bayerisch-ungarische Partnerschaft schien ideal dafür. Im engen Schulterschluss von Landeskirche und Diakonie wurden Fachleute gesucht, die sich auf ein mehrjähriges internationales Projekt einließen: Prof. Frieder Harz von der Fachhochschule für Religionspädagogik und Margret Schulke, Fachberaterin des Diakonischen Werkes für den Bereich Oberbayern. Allen voran aber Pfarrerin Sabine Wiegmann, die die dreizehn Kindergärten in Ungarn besuchte, um Fragen und Problemstellungen der Arbeit in einem anderen Land hautnah mitzuerleben und dann fachgerecht begleiten zu können.

Mehr zum Thema

Die Idee war einfach: Durch Hospitationen in unterschiedlichen Einrichtungen in Oberbayern sollten sich ungarische Teams ein Bild machen, wie verschieden Kindergärten sein können und sich dann für einen Weg entscheiden, den sie in Ungarn für gangbar halten.

Auf drei Jahre war dieses Projekt angelegt. In mehr als zehn Hospitationen in diesem Zeitraum entstand ein reger Austausch über Erziehung im Kindergarten in Bayern und Ungarn. Pfarrerinnen und Pfarrer besuchten einen speziell entwickelten Intensivkurs für religiöse Erziehung. Es entstanden zwei bayerisch-ungarische Kindergartenpartnerschaften: Nagytarcsa und Prien, Várpalota und Holzkirchen.

Orosháza hatte eine weitere Idee. Der große Garten war nur zum Teil genutzt und nach pädagogischen Gesichtspunkten kaum für die erzieherische Arbeit verwendet. Unter der fachgerechten Anleitung des Münchener Gartenbauarchitekten Herbert Österreicher wurde der gesamte Garten umgestaltet. Voraussetzung waren eine enge Zusammenarbeit bei der Planung und ein hohes Maß an Eigenbeteiligung bei der Umsetzung der Pläne. So gruben sie gemeinsam: Kinder und Eltern, Erzieherinnen und Pfarrerin. Es entstanden ein Hüttendorf, ein Berg mit Aussichtsturm, eine Grube, ein Wasserlauf, Beete zum Bepflanzen und Wege durch Bäume und Wiesen.

Vier Frauen: Ein starkes Team

In Orosháza steht inzwischen eine Modelleinrichtung für Ungarn, von der aus Ideen zu anderen Einrichtungen gelangen. Ideen übrigens, die nicht viel kosten und einfach umgesetzt werden können. Die Erzieherinnen in Orosháza machen weiter. Sie wollen den Gruppenraum mit den Bäumen gestalten. Ein Puszta-Bereich soll entstehe, der Boden aus Jute oder Kork, eingezogene Decken und Wände aus Seilen, mit grünen Tüchern bespannt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Eine Beteiligung aus Bayern ist dafür nicht mehr nötig. Aber wenn jemand kommt, um sich anzuschauen, was hier alles entstanden ist, ist er ein gern gesehener Gast.

Gemeinsam stark sind Erzsébeth Revész, die Leiterin des Kindergartens in Orosháza, und Pfarrerin Sabine Wiegmann, die das bayerisch-ungarische Kindergartenprojekt vier Jahre lang betreute. Sabine Wiegmann knüpfte ein Netzwerk zwischen den Kindergärten in Ungarn und schuf damit die Voraussetzungen für den fruchtbaren fachlichen Gedankenaustausch unter den in Ungarn weit über das Land verteilten evangelischen Kindergärten. Frau Revész übernahm den fachlichen Part im Team und legte den Grund für eine tragfähige Konzeption ihres Kindergartens. Dann verstärkten die beiden ihr Team mit zwei jungen Pfarrerinnen: Krisztina Vári und Katalin Skorka. Ihnen kam die Aufgabe zu, das evangelische Bewusstsein zu stärken und dafür zu sorgen, dass religionspädagogische Aspekte mit in die alltägliche Gemeindearbeit einfließen können.

Partnerschaft mit Ungarn konkret: Weitere Beispiele

Partnerschaft vor Ort

Eine recht junge Gemeindepartnerschaft steht gerade am Ende des zweiten Jahres ihres Bestehens. Menschen aus Ebern und der Budapester Gemeinde am Deák-Platz haben eine Partnerschaft gegründet und begegnen sich regelmäßig.

Schulpartnerschaft

"Leben in der Diktatur" war das Thema, das Schülerinnen und Schülern der Wilhelm-Löhe-Schule Nürnberg und dem Fásor-Gymnasium Budapest vorgegeben wurde. Mit Fotoapparaten ausgerüstet zogen sie gemeinsam in Budapest und in Nürnberg durch die Straßenzüge. Am Ende stellten die Jugendlichen ihre Fotos einander gegenüber: Zu sehen waren Irrwege der Geschichte in Ungarn und Deutschland, die unzähligen Menschen das Leben gekostet haben.

Studierendenaustausch

Die Augustana-Hochschule bietet jedes Jahr für Studierende aus Ungarn Studienplätze an, und umgekehrt studieren derzeit junge Menschen in Ungarn. Auch die Evangelische Hochschule in Nürnberg und die Theologische Hochschule in Budapest haben einen Partnerschaftsvertrag unterzeichnet, der es in Zukunft einfacher machen soll, im Rahmen des Erasmusprogramms den Austausch von Studierenden zu fördern.

Deutschsprachiger Nachrichtendienst

Der „Deutschsprachige Nachrichtendienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn“ will den deutschsprachigen Lesern das kirchliche Leben Ungarns nahebringen.

Ungarische Pfarrerin arbeitet in Bayern

Im Jahr 2012 hat die erste ungarische Pfarrerin für ihren Dienst in Bayern einen Dienstvertrag erhalten. Ein evangelischer Pfarrer aus der bayerischern Landeskirche arbeitet derzeit in Sopron.

Finanzielle Unterstützung durch die Aktion Fastenopfer 2014

Ein Schatz der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn ist das Maria Mandák Gemeindehaus im Herzen der Hauptstadt. Studierende aus ganz Ungarn haben die Möglichkeit, „ganz nah“ am Gemeindeleben teilzunehmen und eine Heimat zu finden in Budapest. Auch die Jugendabteilung der Evangelischen Kirche in Budapest will einen Treffpunkt einrichten; hier sollen sich Jugendliche der angrenzenden Gemeinden treffen können. Mit Mitteln der Aktion Fastenopfer 2014 können dringend notwendige Arbeiten finanziert werden.

20 Jahre gemeinsam in Bewegung

Beispiellos ist die Vielfalt in der Partnerschaft mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn. Standen am Anfang offizielle Kontakte auf der Ebene der Kirchenleitung und diakonische Unterstützung im Vordergrund, so hat sich der Charakter der Partnerschaft längst geändert. Der Austausch auf allen kirchlichen Ebenen prägt heute diese Partnerschaft. Kindergärten und Schulen, diakonische Werke und Gemeinden begegnen sich und veranstalten gemeinsame Seminare, Hospitationen in den Einrichtungen der Partnerkirche oder gemeinsame Beratungen zu wichtigen Themen.

Im Oktober 2012 feierten die beiden Kirchen das 20jährige Bestehen ihrer Partnerschaft. „Die Partnerschaft mit der ungarischen Kirche ist die intensivste Partnerschaft der bayerischen Protestanten“, betonte Oberkirchenrat Michael Martin bei den Feierlichkeiten. Aus bescheidenen Anfängen sei "eine Freundschaft geworden, die in alle Ebenen unserer Kirchen hineinverwoben ist".

Darum geht es in der Partnerschaft zwischen Bayern und Ungarn: „Im internationalen Austausch werden Fragen aufgegriffen, die Menschen in unseren Kirchen bewegen. Wir nehmen Anteil am alltäglichen Leben in einem anderen Land. Wir sehen Gemeinsamkeiten und verlieren die Angst vor dem, was uns fremd war und vielleicht auch fremd bleiben wird“, erläutert Oberkirchenrat Michael Martin.


01.06.2025

01.06.2025