Hilfsprojekte

Kuba

Konfidank 2017: Mittendrin statt außen vor

Yanet Peralta Cobas kümmert sich um Rosi, Mädchen mit Behinderung

Yanet Peralta Cobas kümmert sich um die Belange von Menschen mit Behinderung.

Bild: Uta Wagner

 In den Ostprovinzen Kubas herrschen Armut und Perspektivlosigkeit. Besonders betroffen sind Menschen mit Behinderungen.

Vorsichtig schneidet Rosalía Fernández Linares an der Markierung entlang, die sie zuvor vom Schnittmuster auf einen Blümchenstoff übertragen hat. Am Ende hält die Achtjährige ein kreisrundes Stück Stoff in der Hand. Keine Selbstverständlichkeit, denn Rosi ist schwer behindert. Sie hat Polymyositis, eine selten auftretende, schwere Muskelerkrankung. Mehr als ein paar Meter kann sie nicht laufen. Deshalb bringt ihre Mutter Ana Delvis Linares sie zweimal wöchentlich im Rollstuhl zu den Handarbeitskursen der Episkopalkirche San Juan Bautista in Palma Soriano. „Früher war Rosi immer alleine zu Hause. Hier in der Kirche hat sie Freundinnen gefunden“, freut sich die Mutter.

Palma Soriano liegt im Südosten des Landes, 45 Autominuten von Santiago de Cuba entfernt. 71.000 Menschen leben hier. Trotzdem wirkt die Stadt sehr dörflich: Pferdekutschentaxis prägen die zentrale Avenida de la Libertad, Ziegen grasen auf den Grünflächen der Kreuzungen.

Barrieren überwinden

„Lange Zeit befanden sich Menschen mit Behinderungen auf Kuba am Rande der Gesellschaft. Sie wurden ausgegrenzt und vergessen“, sagt Ernesto González Sotolongo. Dass sich das langsam ändert, ist auch das Verdienst des 58-Jährigen. Er ist stellvertretender Leiter der Behindertenpastorale des Kubanischen Kirchenrates (CIC). Dieser setzt sich mit seinem Programm „Gemeinden für das Leben“ für die Integration von Behinderten und ande-ren gesellschaftlichen Randgruppen ein.

Zitat

Es gibt ja dieses Sprichwort: „Wenn man jemandem einen Fisch gibt, hat er einen Tag zu essen. Lehrt man ihn zu fischen, wird er jeden Tag satt.“ Das ist auch unser Motto. Ein Projekt wie das von Brot für die Welt ist zu klein, um den gesamten Bedarf zu decken. Aber wir geben den Menschen Werkzeuge an die Hand, mit denen sie in der Lage sind, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dabei erlernen auch wir als Kirche Neues. 

Ernesto Gonzáles Sotolongo tritt für die „gemeindebasierte Rehabilitation“ ein, mit der der Kirchenrat die Situation von Menschen mit Behin-derung in Kuba verbessert.
„In jeder Gemeinde suchen wir zunächst zwei Freiwillige, die auf Menschen mit Behinderungen zugehen und sie fragen, was sie am dringendsten benötigen“, erläutert González Sotolongo. „Diese Freiwilligen werden dann von uns weitergebildet. Anschließend stellen sie sich ein Team von zwei bis drei engagierten Gemeindemitgliedern zusammen. Mit ihnen zusammen gehen sie auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen ein: Sie helfen ihnen zum Beispiel im Haushalt, reparieren Rollstühle oder unterstützen sie dabei, einen Schulabschluss zu machen.“ Ziel sei es, Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Eigeninitiative ist gefragt

Eine der Freiwilligen ist Yanet Peralta Cobas, Rosis Handarbeitslehrerin. Auch sie hat eine körperliche Einschränkung: Sie leidet unter der Augenkrankheit Keratokonus, einer extremen Verformung der Hornhaut.

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„Die Krankheit wird immer schlimmer, irgendwann werde ich mich operieren lassen müssen“, sagt die 31-Jährige. Bis 2011 arbeitete Yanet als Sozialarbeiterin an einer Behindertenschule. Dann wurde sie wie eine halbe Million weiterer Staatsbediensteter Opfer massiver Stellenkürzungen im öffentlichen Dienst. Sie entschloss sich, einen „Paladar“ zu eröffnen, eine Art Café in den eigenen vier Wänden. Seitdem schenkt sie mit staatlicher Lizenz in ihrem Wohnzimmer Kaffee aus und verkauft Kekse oder Sandwiches. Mit ihrem Verdienst kommt sie gerade so über die Runden.

„Als ich Ende 2013 gefragt wurde, ob ich in dem Projekt mitarbeiten möchte, habe ich sofort zugesagt“, erzählt Yanet Peralta Cobas. Am Nachmittag und an den Wochenenden kümmert sie sich seitdem um die Belange von Menschen mit Behinderung – nicht nur in Palma Soriano selbst, sondern auch in der Umgebung. Einer ihrer Schützlinge ist Javier Alejandro Carme-nati del Toro, der gerade 15 geworden ist. Er lebt mit seiner Mutter, seinen siebenjährigen Zwillingsbrüdern und der Oma in Chaveco, einem trostlosen 5.000 Seelen-Dorf. Die Familie wohnt in einer Holzhütte mit drei Zimmern. Javier ist geistig und körperlich behindert, hat eine Gaumenspalte und starke Wucherungen im Rachenraum. Mutter Arasay del Toro Cabrera ist dankbar für die Besuche Yanets: „Früher wurde Javier von den Schulkameraden und sogar von der Lehrerin als ‚Sabberer‘ gehänselt, sie haben sein Essen weggekippt und seine Hemden zerrissen“, erinnert sich die 34-Jährige. „Yanet hat mit den Lehrern und Schülern geredet. Seitdem geht mein Sohn wieder gerne zur Schule.“

Kleiner Zuverdienst

Kuba, Handarbeitskurs

Zweimal pro Woche gibt Yanet den Handarbeitskurs in der Kirche.

Bild: Uta Wagner

Zweimal pro Woche gibt Yanet den Handarbeitskurs in der Kirche. Daran nehmen außer Rosi noch 15 weitere Frauen und Mädchen teil. „Ich bringe ihnen Nähen und Stricken bei“, erzählt sie. Das Material für den Kurs wurde aus den Projektmitteln von Brot für die Welt angeschafft.

Informationen zum Thema Konfidank 2017: Brot für die Welt

Konfidank 2017: Brot für die Welt

Jedes Jahr bietet Brot für die Welt eine Konfispendenaktion an. Hilf Menschen in Kuba, ihre Träume ein Stück Wirklichkeit werden zu lassen!

Brot für die Welt

IBAN: DE 74 5206 0410 0000 5555 50

BIC: GENODEF1EK1 (Evang. Kreditgenossenschaft eG)

Stichwort: KonfiDank 2017

Meist handelt es sich um Secondhand-Kleider, die zu Servietten und Deko-Artikeln umgearbeitet und auf Basaren verkauft werden. „So können sich die Teilnehmerinnen etwas dazuverdienen.“ Gleiches gilt auch für die Kursleiterin selbst: „Meine alte, fußbetriebene Nähmaschine kann nur geradeaus nähen. Wenn es komplizierter wird, gehe ich deshalb immer in die Kirche.“ Dort stehen zwei neue elektrische Maschinen. Weil der Schulweg für Rosi zu beschwerlich ist, ist Yanet bei den Behörden Klinken putzen gegangen. Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Die Achtjährige hat jetzt eine Hauslehrerin. Rosi ist eine ausgezeichnete Schülerin. Bis auf Sport hat sie überall eine Eins. Außerdem hat Yanet dafür gesorgt, dass die Kirche eine behindertengerechte Toilette und eine Rollstuhlrampe bekommt. Die Arbeiten dazu haben gerade begonnen. Bald kann die kleine Rosi also noch leichter zum Nähkurs gelangen.


30.11.2016 / Brot für die Welt

01.06.2025