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Indien

Konfidank 2018: Raus aus der Sklaverei

Mukti Ashram Indien Gruppenbild

In der Zufluchtsstätte Mukti Ashram dürfen sich die befreiten Kindersklaven erst einmal erholen. Unterstützen Sie die Arbeit mit einer Spende.

Bild: Brot für die Welt/Karin Desmarowitz

Die Bewegung zur Rettung der Kindheit befreit Minderjährige aus illegalen Beschäftigungsverhältnissen. Bis zu 80 Jungen finden anschließend vorübergehend im Kinderheim Mukti Ashram Unterschlupf.

Karim hat das Zeug zu einer Führungspersönlichkeit. Beim Frühsport steht der Knirps kerzengerade vor den anderen Jungs und macht die Übungen vor. Im Unterricht sitzt er in der ersten Reihe. Sobald der Lehrer eine Frage gestellt hat, reißt er seinen Arm in die Höhe. Er ist schlauer als die meisten seiner Klassenkameraden und hat viel Spaß am Lernen. In der Pause fegt er freiwillig den Hof… Und doch käme hier niemand auf die Idee, ihn als Streber zu bezeichnen – dieses Wort kennen die indischen Dorfjungen gar nicht. Sie alle wollen die einmalige Chance auf ein besseres Leben nutzen.

Karim ist das jüngste Kind im Mukti Ashram, einer Zufluchtsstätte für befreite Kindersklaven. Er sagt, er sei 13. Vielleicht weiß er es nicht besser. Vielleicht will er aber auch seine Eltern schützen. Die haben ihn schließlich in seinem Heimatstaat Uttar Pradesh aus der Schule genommen und in eine der Garküchen an Delhis wuseligen Straßen geschleppt. Angeblich gehört die einem Onkel. Umso schlimmer, dass der Mann den Kleinen 17 Stunden am Tag schuften ließ.

Zitat


Wir müssen den Staat in die Pflicht nehmen, seine Sozialprogramme auszuweiten und den armen Menschen den Zugang dazu zu erleichtern. Das funktioniert in unseren „kinderfreundlichen Dörfern“ sehr gut. Hier sehen wir ganz deutlich den Zusammenhang zwischen dem Zugang zu staatlichen Sozialleistungen, guter Bildung und dem Rückgang von Kinderarbeit. Überall, wo die Sozialprogramme funktionieren, gibt es keinen Kinderhandel
mehr.
 

Dhananjay Tingal, Geschäftsführer der Bewegung zur Rettung der Kindheit.

„Karim ist höchstens zehn“, schätzt Sapna Yadar. Die Kinderschutzbeauftragte der Bewegung zur Rettung der Kindheit (Bachpan Bachao Andolan, BBA) befreite ihn in der vergangenen Woche aus dem Straßenlokal, das zuvor tagelang ausgespäht worden war. Der kleine Kerl hatte von frühmorgens bis tief in die Nacht Teller gespült, geputzt, gewischt und den Müll entsorgt – und das an sieben Tagen in der Woche. Erst nach Mitternacht konnte sich Karim einsam in ein dünnes Tuch rollen und auf dem Fußboden erschöpft in einen tiefen, aber viel zu kurzen Schlaf fallen.

Not und Verzweiflung

Noch immer müssen viele Millionen indische Kinder arbeiten: in der Landwirtschaft, in Fabriken, in Hotels und Restaurants oder in Privathaushalten. Nicht selten werden sie von Menschenhändlern verschleppt und zum Arbeiten gezwungen. Oft sind es aber auch die eigenen Eltern, die ihre Kinder aus Not und Verzweiflung arbeiten lassen. Dabei ist die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren auch in Indien verboten. Erlaubt ist allerdings die Mitarbeit in „Familienbetrieben“. Was darunter zu verstehen ist, bleibt unklar. Eindeutig ist, dass bis zum 14. Lebensjahr Schulpflicht besteht und dass 17 Stunden Arbeit am Tag gegen alle Kinderschutzgesetze der Welt verstoßen.

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Bei einer groß angelegten Befreiungsaktion am 26. Oktober 2016 stürmten 40 Polizeibeamte und 20 Aktivistinnen und Aktivisten von BBA gleichzeitig vier Betriebe in Delhi. Neben Karim befreiten sie 42 weitere Jungen aus illegalen Beschäftigungsverhältnissen. Sie nahmen die Betreiber fest und ließen die Kinder und Jugendlichen vom Jugendamt registrieren. Dann kamen sie in den Mukti Ashram. Hier wurden sie medizinisch untersucht, eingekleidet und frisiert, dann durften sie sich erst einmal ausruhen. In den ersten Tagen waren nur die Mahlzeiten bindend. Inzwischen gilt für alle ein fest strukturierter Tagesablauf mit Gemeinschaftsdiensten, Unterricht, Sozialklassen, Freizeit, Mittagspause und Kulturprogramm.

Seit der Gründung im Jahr 1991 haben schon mehr als 10.000 Jungen – für Mädchen unterhält BBA ein eigenes Heim – in der Zufluchtsstätte am Rande der Megastadt Delhi eine vorübergehende Herberge gefunden. Die Kinder bleiben zwei bis acht Wochen, je nachdem, wie lange ihre Eltern brauchen, um alle notwendigen Dokumente vorzulegen. Bevor sie ihre Jungs nach Hause holen können, müssen sie allerdings vor Ort die BBA-Prinzipien zum Schutz des Kindes unterzeichnen.

Kinder haben Rechte

Mukti Ashram Indien Karim Schüler

Vorbild Karim ist besonders engagiert – nicht nur beim Frühsport.

Bild: Brot für die Welt/Karin Desmarowitz

Karims Vater sitzt bei Alpana Rawat im Büro. Sein Blick klebt an den Akten hinter der Sozialarbeiterin. Mit zusammengepressten Lippen versucht der untersetzte Mann, ihren Blicken auszuweichen. „Wissen Sie, dass Kinderarbeit verboten ist?“, fragt Alpana Rawat streng. Mogee schüttelt den Kopf. Der vierfache Vater und Tagelöhner hat keinen Nachnamen. In der armen Bevölkerung des riesigen Subkontinents ist das nicht selten. Auch Lesen und Schreiben fällt Mogee schwer, deshalb liest Alpana Rawat ihm die Kinderschutzprinzipien laut und deutlich vor. Der Vater stimmt zu, dass Kinder Rechte haben, die Erwachsene respektieren müssen, und unterschreibt. „Wie alt ist Karim?“, fragt die Sozialarbeiterin. „13“, lautet die Antwort. Alpana Rawat seufzt: „Das kann nicht sein. Lügen Sie mich nicht an. Wir brauchen die Geburtsurkunde.“ Die reicht der Vater eine Woche später nach. Sie bestätigt die Einschätzung von BBA: Karim ist erst zehn Jahre alt.

Am nächsten Morgen sitzt Karim im Gesprächskreis neben Ranbir Singh. Der Heimvater hat seinen Arm um den Jungen gelegt und knuddelt ihn fest. Karim hat seine Aufgaben am Morgen schweigend und mit niedergeschlagenem Blick erledigt. „Ich habe Heimweh“, gesteht er zaghaft. Die ersten Tage im Mukti Ashram weinte er viel. Er hatte Angst, seine Eltern kämen ins Gefängnis. Zu seinem Glück war Sapna Yadar, die Kinderschutzbeauftragte des Mukti Ashram, von Anfang an dabei. Karim akzeptierte sie schnell als „große Schwester“. Ihr vertraute er an, dass seine Schwester heiraten sollte. Die Aussteuer einer indischen Braut kostet wenigstens einige Hundert Euro. Karims Vater verdient als Hilfskraft nicht einmal den monatlichen Mindestlohn von 123 Euro. Die sechsköpfige Familie kann er ohnehin kaum ernähren. So sah sich Karim als einziger Sohn in der Pflicht zu helfen: „Wir Männer müssen doch das Geld für unsere Familien verdienen.“

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Konfidank 2018: Brot für die Welt

Jedes Jahr bietet Brot für die Welt eine Konfispendenaktion an. Hilf Menschen in Indien, ihre Träume ein Stück Wirklichkeit werden zu lassen!

Brot für die Welt

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BIC: GENODEF1EK1 (Evang. Kreditgenossenschaft eG)

Stichwort: KonfiDank 2018

Jetzt lichtet sich sein Blick. Der Heimvater hat ihn wieder aufgemuntert. „Jungs“, ruft Ranbir Singh in die Runde. „Karim hat euch etwas zu sagen.“ Dann übergibt er ihm das Wort. „Das Beste auf der Welt ist Bildung“, ruft Karim mit kräftiger Stimme. „Was willst du später werden?“, fragt Ranbir Singh. „Ich möchte Arzt werden!“ „Und was wirst du als Arzt machen?“ „Ich werde die Armen kostenfrei behandeln. Ich werde gewissenhaft arbeiten und günstige Medikamente verschreiben. Ich werde ein guter Arzt sein.“ „Dann mal los.“ Der Heimvater drückt ihm ein imaginäres Stethoskop in die

Hand. Karim hört kichernd seine Lunge ab. „Ich habe Probleme mit meinem Hals“, krächzt Ranbir Singh. „Ich habe gerade keine Arznei, aber die gebe ich dir später.“ „Was kostet das?“ „Nichts.“ Das Publikum applaudiert begeistert, die Jungs lachen und johlen. Beim Frühstücksgong springen sie auf, um sich Kichererbsen, Reis und Milch am Tresen abzuholen.

Den Staat in die Pflicht nehmen

Mukti Ashram Indien Sapna Yadar, Kinderschutzbeauftragte mit Kind Karim

Wie eine große Schwester Sapna Yadar, die Kinderschutzbeauftragte des Mukti Ashram, ist für Karim eine wichtige Bezugsperson.

Bild: Brot für die Welt/Karin Desmarowitz

Karim steht eine Entschädigung seines Arbeitgebers sowie eine staatliche Kompensationszahlung von rund 1.400 Euro zu. Das Geld soll ihm helfen, die Schule abzuschließen und anschließend eine Ausbildung zu absolvieren. Wenn er nach Hause zurückkehrt, werden ihn die Mitarbeitenden von BBA und dem indischen Jugendamt weiter im Blick behalten. Sie werden sich darum kümmern, dass der indische Staat seinen Pflichten nachkommt und die Sozialprogramme in den ländlichen Gebieten umsetzt. „Die Kompensationen stehen allein den Kindern zu. Nur sie können über ihr Konto verfügen“, erklärt Alpana Rawat. Für diese Regelung hat BBA seit mehr als drei Jahrzehnten gekämpft. Fast jedes indische Gesetz zum Schutz von Kindern und Jugendlichen haben die Fachleute der Organisation maßgeblich beeinflusst. Für sein unermüdliches Engagement erhielt Gründer Kailash Satyarthi 2014 den Friedensnobelpreis. Doch sein Kampf gegen Kinderarbeit geht weiter. „Jedes befreite Kind ist für uns ein Erfolg“, sagt BBAGeschäftsführer Dhananjay Tingal.

Karim will auf jeden Fall die Schule beenden. Im Mukti Ashram hat er gelernt, dass auch Kinder aus den ärmsten Regionen Indiens eine Chance haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das will er jetzt tun.


16.01.2018 / Brot für die Welt

01.06.2025