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Brot für die Welt 2017: Gesundes Essen für alle

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Im Kindergarten „Schneewittchen“ in der südbrasilianischen Kleinstadt Canguçu beschäftigen sich schon die ganz Kleinen mit dem Thema gesunde Ernährung.

Bild: Florian Kopp

Aufgrund der Macht der Agrarkonzerne ist Brasilien Weltmeister in der Nutzung von Pestiziden. Doch es regt sich Widerstand: Ganz im Süden des Landes hat CAPA ein Netzwerk von Öko-Betrieben aufgebaut. 

„Hallo Tomate!“, sagt die grüne Handpuppe. „Hallo Apfel!“, entgegnet die rote. Was dann folgt, ist eine laute, nicht immer ganz verständliche Unterhaltung zwischen den beiden Filzgestalten, denen der zweijährige Derick fantasievoll Leben verleiht. Ein paar Mädchen malen derweil Zeichenvorlagen aus und kichern über ihre knallrosa Äpfel und die regenbogenfarbene Ananas. So lustig kann das Thema gesunde Ernährung sein, zumindest wenn man so engagiert und einfallsreich ist wie die Erzieherinnen im Kindergarten „Schneewittchen“ in der südbrasilianischen Kleinstadt Canguçu.

Ein Klopfen an der Tür unterbricht das fröhliche Treiben. Die Mitglieder der Kooperative União sind wie jeden Dienstag gekommen und liefern ihre Waren für das Mittagessen frisch vom Feld an. Knackige Salate, Pfirsiche mit roten Bäckchen und frische Gelberüben werden in die Speisekammer getragen, wo Köchin Claudia Schiavon sie flink am richtigen Platz verstaut. „Das ist vorerst der letzte Salat. Weil es so viel geregnet hat, konnten wir noch keinen neuen aussäen“, sagt Jungbäuerin Iasmin Roloff, während sie eine der Kisten abstellt. „Macht nichts, dann gibt es eben Krautsalat“, entgegnet die
Köchin. Schiavon ist selbst auf dem Land groß geworden und weiß um die Unberechenbarkeit der Natur. Dass sie im Kindergarten Bioprodukte aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft verarbeiten kann, findet sie großartig: „Sie sind immer frisch, haben mehr Nährstoffe und schmecken viel besser als das Zeug aus dem Supermarkt“, sagt Schiavon. „So lernen die Kinder von klein auf, sich gesund zu ernähren. Damit legen wir den Grundstein für ihr weiteres Leben.“

Zitat

Einer unser größten Erfolge ist, dass die Bauern und Bäuerinnen sich politisch emanzipiert haben und dazu beigetragen haben, Brasilien zu demokratisieren. Und dass wir es geschafft haben, diese Region in ein Zentrum für die Herstellung gesunder Nahrungsmittel aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft zu verwandeln. Das ist in Brasilien einzigartig. 

Koordinatorin Rita Surita sieht Kooperativen und ökolo-gischen Landbau als Grundpfeiler der ländlichen Entwicklung an.

Regional und biologisch

Das war längst nicht immer so. Doch seit 2009 gibt es in Brasilien ein Gesetz, wonach 30 Prozent der Lebensmittel für die öffentliche Schulspeisung aus der regionalen kleinbäuerlichen Landwirtschaft stammen müssen. „Früher“, erinnert sich Schiavon, „gab es für die Kleinen abgepackte Industrie-Cracker mit Marmelade und Reis mit Bohnen.“ Eine ganze Generation wurde mit nährstoffarmem Billigessen abgespeist. Dass das ein Ende hatte, ist der Lobbyarbeit des Zentrums zur Unterstützung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft (Centro de Apoio ao Pequeno Agricultor, kurz CAPA) in Pelotas zu verdanken. Die im Schoß der lutherischen Kirche gegründete und von Brot für die Welt geförderte Organisation leistete Pionierarbeit. Seit Ende der 1970er Jahre unterstützt sie Bauernfamilien in Südbrasilien beim ökologischen Anbau, bei der Auffächerung, Weiterverarbeitung und Vermarktung ihrer Produkte. Mit Unterstützung von CAPA entstand in den drei südbrasilianischen Bundesstaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná ein breites Netzwerk für eine alternative Versorgung mit Lebensmitteln: Kooperativen, Bauernmärkte, vegetarische Restaurants und Bioläden gehören dazu. Doch erst das Schulspeisungsgesetz von 2009 katapultierte die Biolandwirtschaft aus der Nische heraus mitten in die Gesellschaft und machte gesunde Nahrungsmittel auch ärmeren Gesellschaftsschichten zugänglich.

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Den Kleinbauernfamilien brachte es ebenfalls Vorteile: Die öffentliche Hand ist ein sicherer Abnehmer, und so war das Gesetz für viele ein willkommener Anreiz, statt Soja oder Tabak Lebensmittel zu produzieren. Auch für die Familie von Iasmin Roloff: „Früher haben wir Tabak angebaut, aber dabei muss man so viel Gift spritzen, das hat mir nie gefallen“, erzählt die 18-Jährige. „Vor zwei Jahren haben wir umgestellt und bauen nun auf unseren fünf Hektar Land vor allem Gemüse an. Außerdem halten wir Rinder und Schweine.“ Wie in kleinbäuerlichen Familien üblich, packen auch bei den Roloffs alle Familienmitglieder mit an, von der Oma bis zum Jüngsten, dem achtjährigen Saymon, der neulich aus eigener Initiative sein erstes Hochbeet mit Erdbeeren angelegt hat.

Es gibt nur Gewinner

Jeden Dienstag fährt Iasmin nach Canguçu ins zentrale Lager der Kooperative União, lädt die Kisten auf den Kleinlaster der Kooperative und beliefert acht Kindergärten und Schulen in der Kleinstadt, deren Politiker sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt haben: Bis zum Ende der Amtszeit der aktuellen Stadtverwaltung im Jahr 2017 sollen 75 Prozent der Zutaten für die Schulspeisung aus kleinbäuerlicher Ökolandwirtschaft stammen. „Auf diese Weise schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagt der Dezernent für ländliche Entwicklung, Cleider da Cunha: „Wir versorgen die städtische Bevölkerung mit gesunden Nahrungsmitteln, und wir fördern die Kleinbauernfamilien, die das Rückgrat unserer lokalen Wirtschaft bilden.“

Anbau von Biogemüse in Brasilien

Vor zwei Jahren haben die Roloffs (Iasmin Roloff im Bild links) von Tabak auf Biogemüse umgestellt.

Bild: Florian Kopp

Da Cunha ist 38, arbeitete früher bei CAPA und ist ein Paradebeispiel für ein weiteres Arbeitsfeld der Organisation: die Förderung von Führungspersönlichkeiten und ihre Sensibilisierung für kleinbäuerliche Belange. Nicht nur um wirtschaftliche Fragen geht es, sondern auch um den Erhalt von Vielfalt und regionaler Kultur. Südbrasilien ist geprägt von europäischen Einwandererfamilien, die die Wildnis in Knochenarbeit urbar machten. Die Schiavons kamen aus Italien, die Roloffs aus Pommern: Arbeitsmigranten, die der Armut in Europa den Rücken kehrten. Sie arbeiteten hart und hatten es schwer. Zu Reichtum kamen nur die Nachfahren der portugiesischen Eroberer: Großgrundbesitzer, die Rinder züchteten und von Sklaven zubereitetes Pökelfleisch nach Europa exportierten. Die Kleinbauernfamilien hingegen waren von Zwischenhändlern abhängig. Denen kauften sie teures Saatgut und Düngemittel ab und mussten ihnen ihre Ernte dann zu Spottpreisen überlassen, weil sie selbst kein Geld hatten, um Fahrzeuge zu kaufen oder ihre Produkte weiterzuverarbeiten. Oder weil sie sich die Vermarktung nicht zutrauten. 

Dem Teufelskreis der Armut entkommen

„Es ist ein Schema der Abhängigkeit, das sich später wiederholte, erst mit den Konservenfabriken für Pfirsiche, dann mit dem Tabak. Und jetzt versuchen große Agrarkonzerne, den Bauernfamilien Monokulturen wie Soja oder Eukalyptus aufzuschwatzen“, sagt Rita Surita, Leiterin des Regionalbüros von CAPA in Pelotas.

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 Die Vorgehensweise ist stets die gleiche: Die Konzerne stellen den Bauern ihre Technologiepakete zur Verfügung. Im Gegenzug garantieren sie ihnen die Abnahme der Ernte – allerdings nur zu einem von ihnen festgesetzten Preis. In den drei Bundesstaaten, in denen CAPA tätig ist, haben die Konzerne es aber längst nicht so einfach wie anderswo, denn hier wissen die Bauernfamilien dank CAPA, wie gefährlich diese Abhängigkeit ist. Und auch die Verbraucherinnen und Verbraucher sind anspruchsvoller. Und zwar nicht nur die gesundheitsbewusste, kaufkräftige Oberschicht, sondern auch die Geringverdienenden.

So wie Brunilda Coutinho, die Mutter von Derick, dem kleinen „Puppenspieler“ aus dem Kindergarten. Die Witwe wohnt mit ihrem Sohn in einem bescheidenen Backsteinhäuschen am Rande der Stadt. Um sich und ihren Jüngsten über die Runden zu bringen, arbeitet sie als Putzhilfe, Altenbetreuerin oder was immer sie sonst noch finden kann. Das Geld ist knapp, aber am Essen wird nicht gespart. Dericks inzwischen erwachsener älterer Bruder wurde mit Reis, Bohnen, Erfrischungsgetränken und Keksen groß. Für ihren Nachkömmling hingegen kauft die 40-Jährige Obst und Gemüse, vieles auch auf dem Biomarkt. „Derick liebt Orangen, Tomaten und Gemüsesuppe, und ich sehe, wie gut ihm diese Dinge tun. Er ist viel aufgeweckter und weiter entwickelt als sein Bruder das damals war. Aber heute weiß ich eben auch viel besser über gesunde Ernährung Bescheid“, sagt Brunilda Coutinho.


30.11.2016 / Brot für die Welt

01.06.2025