Menschen

Schwäbische Delegation in Santa Catarina

Partnerschaft hautnah

Die fünfköpfige Delegation aus dem Kirchenkreis Augsburg (v. r.: Fritz Graßmann, Theologischer Vorstand des Diakonischen Werkes Augsburg, Landessynodale Christa Müller, Dekan Armin Diener, Regionalbischof Michael Grabow und Landessynodale Edith Pfinbdel)

Die fünfköpfige Delegation aus dem Kirchenkreis Augsburg (v. r.: Fritz Graßmann, Theologischer Vorstand des Diakonischen Werkes Augsburg, Landessynodale Christa Müller, Dekan Armin Diener, Regionalbischof Michael Grabow und Landessynodale Edith Pfinbdel)

Bild: Bild: ELKB

Eine Delegation aus dem Kirchenkreis Augburg zu einer Bezirkssynode im brasilianischen Staat Santa Catarina ist zunehmend von einem landesweiten Streik überschattet worden. Ein Erfahrungsbericht.

Um die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen der Sinodo Norte Catarinense der IECLB im brasilianischen Staat Santa Caterina und dem Kirchenkreis Augsburg zu vertiefen, reiste am Pfigstsonntag eine fünfköpfige Delegation aus dem Kirchenkreis zusammen mit Regionalbischof Michael Grabow in den Süden Brasiliens. Das Programm war umfangreich: Die Gäste wollten sowohl das Leben der - oft deutschstämmigen - Kirchengemeinden kennenlernen als auch etwas über die Situation im Land erfahren. Zentrum und Herzstück war die Anwesenheit bei der Regionalsynode in Videira mit der Unterzeichnung eines Partnerschaftsvertrags.

Herr Grabow, Seit wann pflegt der Kirchenkreis Augsburg mit der Synode Norte Catarinese partnerschaftliche Beziehungen?

Michael Grabow: Im Jahr 2014 vertrat ich die bayerische Landeskirche beim alle zwei Jahre stattfindenden Concilio der IECLB, also der „Gesamtsynode“ der Lutherischen Kirche in Brasilien. Anlässlich dieses Besuches machte ich eine Rundreise zu verschiedenen Kirchen Bezirken im Süden Brasiliens. Beim Besuch in Joinville, beim Sinodo Norte Catarinense, kam sehr schnell der beiderseitige Wunsch auf, diesen Kontakt dauerhaft zu gestalten.

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So kam im Jahr 2016 eine kleine Delegation gemeinsam mit dem dortigen Synodalpfarrer Inacio Lemke hierher in den Kirchenkreis Augsburg. Am Ende unseres Treffens stand der beiderseitige Wunsch nach einem Gegenbesuch in Joinville im Jahr 2018. Da die Kontakte über die zwei Jahre hin nicht abgerissen sind, sondern sich eher vertieft haben, beschlossen wir, bei diesem Gegenbesuch jetzt im Mai eine gemeinsame Vereinbarung zu unterzeichnen, die natürlich ganz und gar auf der Basis des Partnerschaftsabkommens zwischen der bayerischen Landeskirche und der IECLB steht.

Was ist denn der Inhalt des Partnerschaftsvertrags?

Michael Grabow: Es gibt bereits einzelne Verträge zwischen Gemeinden oder Dekanatsbezirken. Aber auf Kirchenkreisebene ist es der erste Vertrag. Inhaltlich geht es um Vertiefung der Beziehungen, Behandlung gemeinsamer Themen und Austausch über Themen und Probleme, die beiden Kirchen gemeinsam sind. Und das sind trotz aller Unterschiede in den kirchlichen Strukturen doch erstaunlich viele. Bei diesem Besuch waren es Fragen zum Gemeindeaufbau, zur gemeindlichen und institutionellen Diakonie, die Kontakte zwischen evangelischen Schulen und Fragen des Mitgliederschwundes oder ethischer Maßstäbe in der Wirtschaft. Es war erstaunlich, wie ähnlich die uns beschäftigenden Fragen sind, quer über den ganzen atlantischen Ozean.
Und – als theologische Grundlage ganz besonders wichtig: wir sind Mitglieder der Lutherischen Weltfamilie und im Rahmen der weltweiten Christenheit gemeinsam Glieder am einen und untrennbaren Leib Jesu Christi. Wir sind Schwestern und  Brüder. Und wir sind es auf Augenhöhe. Das immer wieder neu wahrzunehmen und sich gegenseitig zu stärken und voneinander zu lernen, dazu dienen diese Begegnungen, dazu dient dieses gemeinsame Versprechen einer Partnerschaft von Schwestern und Brüdern.

Sonntag, 20. Mai 2018: Ein einmaliges Pfingstfest

Festessen beim Kirchenjubiläum in Estrada Blumenau,© Grabow

Bild: Grabow

Wir wurden in Curitiba von Margit und Carlos (Synodalpräsident) Lemke sehr herzlich willkommen geheißen.  Die Fahrt ging nun 1 ½ Stunden vom 800 m hoch gelegenen Curitiba (1,8 Millionen Einwohner) durch eine beeindruckende Waldgegend - ein Naturschutzgebiet - nach Joinville. Das Straßennetz in und um Curitiba ist sehr gut ausgebaut, besonders seit der Fußball-WM 2014 in Brasilien. Margit Lemke, die Frau des „pastoral synodal“, berichtete während der Fahrt ausführlich von den politischen Veränderungen seit dem Staatsstreich gegen die Präsidentin  Dilma Rousseff  im Jahr 2016. Bis 2016 ging während ihrer Regierungszeit die Armutsquote im Land stark zurück. 20 Millionen Brasilianer wurden aus der Armut geholt. Dem amtierenden Präsidenten Michel Temer wird Korruption vorgeworfen. Der ehemalige Präsident (vor Dilma Rousseff) Lula da Silva ist im Gefängnis, ihm wird auch Korruption vorgeworfen. Viele positive Veränderungen wurden wieder eingestellt. Wie es weitergeht, ist vollkommen unklar.

Unser erster offizieller Termin war in der Kirchengemeinde Estrada Blumenau. Dort wurde das 150- jährige Bestehen mit einem großen Fest gefeiert. Die Gemeindegründung begann damals mit einer Schule. Leider konnten wir den Gottesdienst aus zeitlichen Gründen nicht mit erleben. Wir wurden um 12 Uhr unendlich herzlich begrüßt von der Pfarrerin der Kirchengemeinde, Inacio Lemke und vielen Besuchern des Festes, die uns sogar auf Deutsch ansprachen. Viele Gäste – für mich besonders erfreulich viele junge Menschen und Familien - kamen zu dem Fest aus den umliegenden Gemeinden. …Wir erlebten Pfingsten auf einmalige Weise - Menschen sind miteinander durch den Glauben an Jesus Christus weltweit verbunden und Sprachbarrieren werden überwunden. Das bedeutet auch Pfingsten: Menschen verstehen sich trotz verschiedener Sprachen – so erlebten wir es hautnah bei der Jubiläumsfeier. Edith Pfindel

Montag, 21. Mai 2018: Unterwegs in Jaragua do Sul

Reisegruppe und ihre Gastgeber ,© ELKB

Bild: ELKB

Unser erster ganzer Tag in Brasilien stand im Zeichen erlebter Gastfreundschaft. Gleich nach dem Frühstück brachen wir von Joinville auf nach Jaragua do Sul auf. Dort trafen wir das Pfarrersehepaar Marli Seibert und Elpidio Hellwig. Erste Station war die kleine katholische Chisetta Alpina oben auf dem Berg, die italienische Einwanderer erbaut hatten. Von dort oben genossen wir den phantastischen Blick auf die Stadt und das Tal. Es folgten Besuche in den verschiedenen Kirchen der Pfarrei. Überall wurden wir liebevoll empfangen und vor allem reichhaltig verpflegt. Dabei beeindruckten uns die reich gedeckten Tische ebenso sehr wie die hervorragenden Deutschkenntnisse unserer meist älteren Gastgeber.

….

Nachmittags besuchten wir zwei Bananenplantagen und wissen nun fast alles über Wachstum und Produktionsprozess von Bananen. Der eine Betrieb produziert konventionell, der andere ökologisch. Interessant dabei: Der ökologische schien ökonomisch erfolgreicher zu sein. Oft stand aber vor dem Erfolg erst einmal die wirtschaftliche Katastrophe. Einer der Bauern sattelte auf ökologischen Bananenanbau um, als die Hühnerindustrie unter dem Druck der Märkte vor einigen Jahren zugrunde gegangen war. Es läuft, aber man spürt immer noch die Sorgen, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch wohl nie wieder so ganz verschwinden. Zu stark ist der Markt mit seinen Gesetzen, in Brasilien genau wie bei uns in Deutschland.

Schließich durften wir sehen, wie Evangelische in Südbrasilien leben. Eine Familie öffnete uns ihr Wohnzimmer und die Küche – nicht ohne uns fürstlich zu bewirten. Andere Familien haben uns zwei Nächte beherbergt. Schön, wie schnell wir uns unter Freunden fühlen dürfen. Insgesamt macht Brasilien hier im Süden keinen armen Eindruck und die Kirche hat hier nicht mehr, aber ähnliche Probleme wie bei uns. Das erleichtert den Austausch und macht neugierig auf das, was noch kommt. Wir haben sehr schnell gespürt: Hier können wir nicht nur entdecken. Wir können auch lernen. Und man ist bereit, von uns zu lernen. Edith Pfindel

Dienstag, 22. Mai 2018: Textilfabriken und Nähereien

Näherinnen in der der Textilfabrik Malwee,© Diener

Bild: Diener

„Die Kriminalität ist in unserer Region deutlich geringer als in anderen Gegenden Brasiliens“, äußert sich einer unserer Gastgeber auf der Fahrt durch Jaragua‘ do Sul. Die Stadt, die am Zusammenfluss von drei Flüssen entstanden ist hat etwa 170.000 Einwohner. Auf unsere Frage, woran das liegen könnte, meint der frühere Präsident der Synodo Norte Catarinense, Elmer Kroeger: „Hier gibt es mehr Arbeitsplätze und die Menschen haben eine Perspektive.“ Einblick in die Arbeitswelt unserer Partner erhielten wir bei einem Besuch der Textilfabrik Malwee, eines Werks mit 4500 Beschäftigten, das sich um nachhaltiges Wirtschaften und einen fairen und wertschätzenden Umgang mit den Mitarbeitern bemüht. So sahen wir eine Hackschnitzelheizung und die Kläranlage des Werkes. In der Produktion arbeiteten zahlreiche  Näherinnen und Näher in einem großen Raum. Auch Menschen mit Behinderung waren gut integriert. „Alle erhalten einen festen Monatslohn“, bestätigte unser Führer, Ivan Caesar Fallgatter, der im Unternehmen zuständig für Maschinenwartung und Arbeitssicherheit ist.

Das Unternehmen stellt jährlich 350 Millionen Kleidungsstücke für den brasilianischen Binnenmarkt her. Der Export lohne sich nicht, das die Konkurrenz aus Fernost zu stark sei. Der Padrone, wie der Firmeneigentümer vor allem von den Älteren genannt wurde, unterhält in der Nähe des Werkes ein Naherholungsgebiet, dass für alle Besucher offensteht. Einen etwas schalen Nachgeschmack hinterließ der Besuch einer privaten Näherei, die Näharbeiten für das Werk ausführten, die vor einigen Jahren dort ausgelagert worden waren. Die 25 Näherinnen werden nach Stückzahl entlohnt und sind damit deutlich schlechter gestellt als die Angestellten in der Textilfabrik. „Anders hätte es die Firma wohl nicht geschafft!“, meint die Chefin der Näherei.

Ein besonderer Höhepunkt des Tages war die Begegnung mit den zahlreichen Ehrenamtlichen der Parochia Christo Salvator. Das Gemeindeleben pulsierte und das Pfarrersehepaar erreicht mit zahlreichen Angeboten Menschen aller Altersgruppen. Das Presbyterium (Kirchenvorstand) hat nicht nur die zahlreichen Gemeindegruppen im Blick, sondern auch Menschen außerhalb der Gemeinde, die auf Hilfe angewiesen sind. So sammelt eine Gruppe von etwa 20 Frauen Kleider, erwirtschaftet durch den Verkauf  Geld und verteilt Kleidung und Schuhe an bedürftige Menschen. Für einen Teil des Geldes werden auch Rollstühle und Gehilfen angeschafft, die dann von Armen ausgeliehen werden können. Eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen meinte beim Abschied im schönsten pommerschen Plattdeutsch, das über Generationen in dieser Region weitergegeben wurde: „Da braucht man auch immer wieder neue Ideen, sonst funkt das nicht!“ Armin Diener

Mittwoch, 23. Mai 2018: Bei der Landlosenbewegung

Flagge der Landlosenbewegung,© Diener

Bild: Diener

Nach einem überaus herzlichen Abschied von den Gastfamilien in Jaragua do Sul ging die Fahrt Richtung Joinville.  Ziel war eine Kooperative ehemaliger Landloser. Fahrten finden in Brasilien vor allem mit Autos statt. Das Bahnnetz ist wenig ausgebaut und wird vor allem für den Güterverkehr genutzt. Für den öffentlichen Personennah- und -fernverkehr gibt es Buslinien, mit denen man durchs ganze Land reisen kann – auch im Liegeabteil. Heute war der Verkehrsfluss an einigen Stellen unterbrochen durch einen Streik, der sich gegen die Erhöhung der Dieselpreise wendet.  ... In der Kooperative Terra Viva wurden wir zunächst durch das Gelände geführt und durften dann an einem Mittagessen im gemeinsamen Speisesaal teilnehmen. Die Mitglieder wohnen in kleinen schmucken Häusern, die in Gemeinschaftsarbeit errichtet wurden. Angebaut wird verschiedenstes Gemüse, das bei einem Markt am Wochenende direkt vor Ort verkauft wird, aber vor allem auch an Supermärkte, Restaurants und Schulen geliefert wird.  Ein Gesetz sichert den Kooperativen die Abnahme durch die Schulen. Seit dem Regierungswechsel (?) ist diese Regelung gefährdet. …

Die Landlosenbewegung entstand Ende der 1980er Jahre als Landlose verwaistes Land besetzten, um es zu bewirtschaften. Ein Gesetz ermöglichte das unter bestimmten Voraussetzungen.  Der Staat unterstützt diese Initiativen und ermöglicht so den Familien ein Einkommen und eine Existenz. In der Kooperative wird kollektiv gearbeitet. Jeder erhält den gleichen Lohn. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Mahlzeiten finden gemeinsam im Speisesaal statt. …Es wird auf gesunde ausgewogene Ernährung geachtet mit Produkten aus der eigenen Produktion.  Die Schweine und das Geflügel werden ausschließlich für den Eigenbedarf gehalten.

In Joinville angekommen entspannten wir erst einmal im Haus und Dienstsitz des pastor synodal. Ein kurzer Gang in die Stadt mit Ignasio Lemke und Arlete, die in der Synode für die Diakonie zuständig ist, und ein Glas Zuckerrohrsirup – frisch gepresst – haben uns mit einer weiteren Facette Brasiliens bereichert. Christa Müller

Donnerstag, 24. Mai 2018: Bildung und Politik

Im Honorarkonsulat der Bundesrepublik Deutschland,© Grabow

Bild: Grabow

Der Streik der LKW-Fahrer, der am Montag begonnen hat, verschärft sich. An vielen Tankstellen bilden sich lange Schlangen von Autofahrern, die unbedingt noch einmal tanken wollen. Andere Tankstellen haben mangels Benzin bereits geschlossen. Auch dem Flugverkehr drohen starke Einschränkungen, da das Kerosin für die Flugzeuge zur Neige geht. So legt sich die Frage, ob die Synodalversammlung in Videira überhaupt stattfinden kann, wie ein drohender Schatten über den ganzen Tag. Denn die rund 350 Teilnehmer brauchen Benzin, um die weite Strecke dorthin mit dem Auto zurücklegen zu können. Über die Hintergründe des Streiks gibt es viele Spekulationen. Anlass ist die Verdoppelung des Dieselpreises innerhalb des letzten Jahres, die die LKW-Fahrer in den Ruin zu treiben droht.

Wir besuchen die evangelische Friedenskirche in Joinville, die 1857 als Bethaus ohne Turm gebaut wurde, weil bis 1899 die Evangelischen nicht als Kirche anerkannt wurden. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem Turm versehen, im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut und erweitert und bildet heute ein schönes Ensemble mit einem stimmungsvollen Innenraum. Besonders geprägt hat sie nach 1945 von Pfarrer Wissner aus Neuendettelsau, der dem Gemeindeleben viele Impulse gab. Der Kirchenchor feierte gerade sein 125jähriges Jubilaum und stellt den ästesten, durchgängig aktiven Chor Lateinamerikas dar. Neben der Friedenskirche steht das alte Schulhaus, die Keimzelle der evangelischen Schule „Bom Jesus Jelusc“. Diese im Jahr 1856 gegründete Schule besuchen heute 2.600 Schüler in mehreren Gebäuden auf einem weitläufigen Gelände von der Kinderkrippe bis zum Abitur. Wir waren überrascht und begeistert von der Großzügigkeit und freundlichen Ausstrahlung der Gebäude….

Die Kinder werden von Anfang an zweisprachig unterrichtet: portugiesisch-deutsch oder portugiesisch-englisch. Für die Ganztagsschüler gibt es ein eigenes bilinguales Sprachzentrum, in dem sie zusätzlichen Sprachunterreicht erhalten. Das ist besonders erwähnenswert, da in der brasilianischen Gesellschaft nur sehr wenige Menschen außer brasilianisch-portugiesisch eine Fremdsprache beherrschen. Auch Sport und Kultur werden im Ganztagsunterricht zusätzlich gefördert. Wir wurden zunächst von den Kindergartenkindern mit einem deutschen „Guten Morgen“ begrüßt, die uns dann mit ihren Erzieherinnen ein einfaches rhythmisches Lied sangen. Die Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse empfingen uns dann in der Aula mit einem begeistert vorgetragenen Samba und anschließend mit einem Rap in deutscher Sprache.

Die Eltern zahlen für den Unterricht einen monatlichen Beitrag in Höhe von rund 300,- € für die Halbtagsschüler bzw. 500,- € für die Ganztagsschule. Rund 200 Schüler, die sich diesen Beitrag nicht leisten können, erhalten ein Stipendium. Da der Staat sich weder an den Gebäudekosten noch am Lehrbetrieb finanziell beteiligt, muss sich die Schule durch die Elternbeiträge und Spenden finanzieren. Beeindruckt hat uns auch ein soziales Projekt der Schule „Evolva se“, das uns die Schülerin Cecilia erläuterte. Dort engagieren sich Schülerinnen und Schüler bei Mitarbeit in der Altenhilfe und gemeindediakonischem Engagement für Kinder aus armen Familien, Schwerbehinderte und Arbeitslose. In diesen Projekten wird die christliche Wertebildung, die der Schule sehr wichtig sind, in die Tat umgesetzt. Ein eigener Schulpfarrer begleitet die Arbeit, führt neue Mitarbeitende und Lehrkräfte in das Leitbild und den Wertekanon der Schule ein, gibt geistliche Impulse bei Schulfesten und Feiertagen und begleitet die Lehrkräfte auch seelsorgerlich. Der Religionsunterricht wird von eigenen Lehrkräften unterrichtet. Die Schule würde sich über Partnerschaften und Austausch mit evangelischen Schulen in Bayern freuen.

Nach einem Mittagessen im Schulrestaurant inmitten der Schüler und einer Kaffeepause sprachen wir mit dem Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland, Rodrigo Oscar Bornholdt. Er gab uns interessante Einblicke in die wirtschaftliche und politische Situation des Landes. Joinville ist ein interessanter Platz für die Ansiedlung ausländischer Investoren. BMW, Bosch, Siemens und etliche mittelständische Unternehmen aus Deutschland, aber auch Firmen aus China haben sich aufgrund des guten Angebots an qualifizierten Fachkräften hier angesiedelt. Der Streik macht auch ihm Sorgen, da es viele Spekulationen über die politischen Hintergründe der Streikenden gibt, was für die Darstellung in diesem Bericht zu kompliziert wäre.

Am Abend gehen wir mit der Ungewissheit zu Bett, ob wir am nächsten Tag zur Synode nach Videira fahren können und ob die Synode überhaupt stattfinden kann. Eine Absage wäre für den Kirchenbezirk in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe: zum einen sollen Neuwahlen stattfinden, zum anderen wäre es finanziell wegen der hohen Ausfallgebühren in den Hotels nur schwer zu schultern. Hoffentlich geht alles gut. Michael Grabow

Freitag, 25. Mai 2018: Der Streik spitzt sich zu

Streikposten an der Strecke ,© Grabow

Bild: Grabow

Morgens stehen wir mit der bangen Frage auf, ob der Streik der LKW-Fahrer beendet ist. Gibt es weiterhin Engpässe bei der Lieferung von Benzin? Findet die Synode überhaupt statt? Die erlösende Mitteilung beim Frühstück lautet: ja, der Streik wird für 15 Tage unterbrochen, um durch Verhandlungen eine Lösung zu erzielen. Wir werden auf der Fahrt aber bald erkennen müssen: Der Streik ist noch längst nicht beendet. Offenbar haben sich nur einzelne Teile der Transporteure auf den Kompromiss eingelassen.

Auf der langen Fahrt von Joinville nach Videira ist dann viel Zeit für Gespräche mit unseren Gastgebern. Wir alle sind uns einig: Der Streik ist verständlich. In den letzten zwei Jahren kam es zu einer existenzbedrohenden Steigerung der Dieselpreise um circa 100 %. Brasilien ist vom Diesel abhängig, da der größte Teil des nationalen Transportes über LKW abgewickelt wird. Besonders betroffen von der Preissteigerung bei Diesel sind die oft selbstständigen LKW-Fahrer, deren Existenzgrundlage wegzubrechen droht.

Aber so groß unser Verständnis ist, es ist doch auch beklemmend, zu sehen, wie an vielen Stellen an der Strecke immer noch Streikposten bestehen. Wir sehen lange Schlangen an LKWs, Fahrer, die sich am Lagerfeuer aufwärmen oder ihr Essen grillen. Da und dort brennen immer noch Reifen. Besonders befremdlich erscheint uns der immer wieder auf Transparenten angeschlagene Ruf nach einem Eingreifen des Militärs. Daneben finden sich aber auch Durchhalteparolen wie „zusammen sind wir stark!“

Und wir spüren: Auch unsere Gastgeber machen sich Sorgen. Diese Sorgen betreffen weniger die Fahrt nach Videora, als vielmehr die Rückfahrt und die Tage danach. Denn immer noch gibt es kein Benzin an den Tankstellen. Und im Hintergrund stehen weitere Fragen: Sind das nur die Vorboten weit größerer Unruhen? Bleibt es friedlich? Wird es im Oktober wirklich Wahlen geben? Und wie verhält sich das Militär? Sehr bald ist klar: Auch unser weiteres Reiseprogramm steht jetzt infrage. Sicher allerdings ist: Die Synode wird stattfinden. In Videira fahren wir deshalb gleich zum Tagungssaal. Dort laufen die Vorbereitungen. Für jede Gemeinde ist ein eigener Tisch vorbereitet. Hier werden sich morgen die Synodalen versammeln. Größere Gemeinden haben größere Tische, kleinere entsprechend kleinere mit weniger Sitzplätzen. Die Stimmung ist trotz der politischen Unruhen im Lande sehr gelöst, fast heiter. An der Wand hängt ein Plakat mit der Überschrift „501 Jahre Luther Reformation 1517-2018“. Wer ankommt, wird herzlich begrüßt. Die Synode wirkt fast wie ein großes Fest der evangelischen lutherischen Christen in der Nordregion von Santa Catarina. Wir freuen uns auf den morgigen Tag und die Synode. Fritz Graßmann

Samstag, 26. Mai 2018: Besuch auf der Synodalversammlung

Gottesdienst zum Abschluss der Synode in Videira,© Grabow

Bild: Grabow

Zur 21. Versammlung der Synode Norte Catarinese in Videira waren 350 Synodale aus 40 Parochien angereist. Die Synode begann mit der Begrüßung durch den Synodalpräsidenten Carlos Sacht und den Pastor sydale Ignasio Lemke. Die Eröffnungsliturgie erfolgte durch die drei Ortspfarrer. Thema war bei allen der Streik der LKW-Fahrer. Die Synodalen waren trotz des Streiks und der unsicheren Lage wegen den leeren Tankstellen angereist. Jeder hatte es gewagt, auch trotz des Streikes keine Angst gehabt. Es folgte eine Andacht über Johannes 3, 1-17. Der Text passte gut zu der Situation. Eine Krise ist dazu da, zu überlegen: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Was hat Priorität? Wir dürfen herausfordern und uns herausfordern  lassen.

Im Anschluss wurden die kirchlichen Repräsentanten und kommunalen Vertreter auf die Bühne gebeten. Auch Regionalbischof Michael Grabow sprach ein Grußwort. Nach der Eröffnung verließen wir die Versammlung, um eine weltweit agierende Fleischverarbeitungsfirma, die ihren Sitz in Videira hat, kennenzulernen. Die Firma, die mit einem Tante-Emma-Laden begann, vertreibt ihre Produkte inzwischen überall auf der Welt. Brasil Food (brf) hat heute weltweit 54 Fabriken mit 105.000 Angestellten in sieben Ländern. Die Bauern in und um Videira sind Vertragsbetriebe für brf.

Einen solchen Landwirt konnten wir danach besuchen - einen kleinen Familienbetrieb, dem sein Vertrag mit brf eine sichere Abnahme garantiert, ihn aber auch abhängig macht von dem Großkonzern. Angesichts des Landwirts, der mit solcher Liebe seinen Betrieb führt, warf das viele Fragen bei uns auf. Familie Hinsching lud uns zum Mittagessen mit Churrasco ein. Wie schon so oft erwartete uns ein üppig gedeckter Tisch und herzliche Gastgeber.

Am späten Nachmittag besuchter wir wieder die Synode. Es folgten die Vorstellung der Kandidatinnen und Kandidaten für die verschiedenen zu besetzenden Ämter.  Voller Spannung verfolgten wir die Bekanntgabe der Ergebnisse. Als Synodalpräsident wurde der amtierende Präsident Carlos Sacht wiedergewählt, der Nachfolger von Pastor Synodal heißt Claudir Burmann. Ein für uns sehr vielseitiger und beeindruckender Synodentag ging um 23 Uhr zu Ende. Edith Pfindel

Was war für Sie die eindrücklichste Erfahrung auf der Reise?

Michael Grabow: Zum einen die überwältigende Gastfreundschaft, die wir überall erlebt haben. Dazu kommen der enorme Zusammenhalt und das Miteinander Teilen, das wir bei ganz verschiedenen Anlässen erlebt haben: vom gemeinsamen Zusammentragen des Essens über das Teilen von Getränken, wo wir in Deutschland jeder ein eigenes Getränk bestellen würden bis hin zu der beispiellosen Solidaritätsaktion des Benzinteilens in Videira. Beeindruckend ist auch die überwältigende Schönheit, Weite und Fruchtbarkeit Brasiliens. Es ist ein so reiches Land. Umso mehr hat uns die Kluft zwischen Armen und Reichen in Brasilien sehr bedrückt, die viel größer ist als bei uns in Deutschland. Und natürlich bewegen uns bis heute die nicht absehbaren ökonomischen und politischen Folgen dieses langen Streiks.

Sonntag, 27. Mai 2018: Unterzeichnung der Partnerschaftsvereinbarung

Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags,© Grabow

Bild: Grabow

In der Synode gingen es mit Beschlüssen weiter. Lange Diskussionen gab es um die Reduzierung der Anzahl der Mitglieder der Synode und wie viele Mitglieder aus einer Parochie entsandt werden.  Die Zahl von 350 Synodalen ist umstritten, weil sie die Entscheidungsfähigkeit der Synode erschwert.

Der Abschlussgottesdienst war für uns sehr beeindruckend. Alle Geistlichen sind gemeinsam in die Kirche eingezogen. Es gibt vier geistliche Ämter: Pfarrer/innen, Diakon/innen/Diakonissen, Katechet/innen, Missionar/innen. Alle absolvieren das gleiche  Grundstudium und spezialisieren sich dann in der weiteren Ausbildung. (Diakonissen gehören zu einer Schwesternschaft, dürfen aber heiraten und tragen keine Tracht.) Musikalisch gestaltet war der Gottesdienst von einem Chor und einer Band, in der auch Jugendliche begeistert die Lieder begleiteten. Das Abendmahl in der überfüllten Kirche wurde in der Form der Wandelkommunion gefeiert. Überall in Brasilien wird nur Traubensaft gereicht wegen der Alkoholproblematik im Land.

Für uns besonders bewegend war die  Unterzeichnung der Partnerschaftsvereinbarung. Regionalbischof Michael Grabow überreichte der Synode als Zeichen der Verbundenheit im einem Leib und Blut Jesu Christi einen Abendmahlskelch aus einer Augsburger Töpferei. Die Vereinbarung zwischen der  Synode Norte Catarinese und dem Kirchenkreis Augsburg und Schwaben unterzeichneten Regionalbischof Michael Grabow und Pastor Synodal Ignasio Lemke sowie Dekan Armin Diener und  Pastora Marli Hellwig, die in Zukunft die jeweiligen Beauftragten für diese Partnerschaft sein werden.

Im Wort der Synode zu Johannes 15, 1-2 - passend zur Weinstadt Videira - beschrieben die Verfasser und Verfasserinnen sehr eindrücklich und ehrlich die unterschiedlichen und teilweise entgegen gesetzten theologischen Richtlinien innerhalb der Synode. „Ein Weinstock hat verschiedene Weinreben, jede mit ihrer Eigenart, ihrem Charakter und ihren Wünschen.“ Und auch das Verhältnis der Gemeinden zur Gesamtsynode: „Die finanzielle Situation der Synode ist schwierig, die Gemeinden haben teilweise finanzielle Sorgen, die das Teilen und die Verpflichtung mit dem ganzen Weinstock erschweren.“ Der Abschluss des Wortes trägt die Botschaft: „Wenn wir die Synodalversammlung verlassen, in der Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft wurden wir ernährt, überschüttet, mit Nährstoffen versorgt, damit wir weiterhin immer mehr Früchte hervorbringen. Früchte aus Liebe, Hoffnung und Glauben.“

Nach dem Abschluss der Synode war unsere große Frage, wie es weitergeht angesichts des Streiks und der angekündigten Straßenblockaden. Wir beschlossen erst einmal noch eine Nacht in Videira zu bleiben und abzuwarten. Trotz der angespannten Lage im Land verstanden es unsere Gastgeber und Mitglieder der Gemeinde in Videira mit uns zusammen einen vergnügten Abend in der Stadt zu verbringen. „Morgen ist ein neuer Tag.“ Christa Müller udn Edith Pfindel

Montag, 28. Mai: Unsichere Weiterreise

Streikposten an der Strecke ,© Grabow

Bild: Grabow

In der Hoffnung, dass die Verhandlung zwischen Streikenden und Regierung endlich zu einer Lösung führen, haben wir unseren Aufenthalt in Videira um einen Tag verlängert. Der Streik, der nun schon neun Tage andauert, hat sich aber entgegen allen Nachrichten in den Medien weiter verschärft. Trotz aller Verhandlungen blockieren die LKW-Fahrer und auch zunehmend Bauern viele Straßen und fordern ein Eingreifen des Militärs, was auch immer sie damit bezwecken wollen. Die Gewerkschaften scheinen keine Autorität zu haben, da ihre Verhandlungen mit der Regierung von den Streikenden nicht anerkannt werden.

Immer häufiger tauchen auch Plakate auf mit der Forderung „Fora Temer“ – „Präsident Temer weg“. Eines ist klar: die jetzige Regierung ist eines der Ziele, sie hat anscheinend jegliche Autorität verloren. Ein Eingreifen des Militärs scheint vielen, mit denen wir gesprochen haben, das kleinere Übel zu sein, wobei die meisten dich keine Vorstellungen machen, was das bedeuten und für Konsequenzen haben würde. Allerdings hat das Militär sich bisher trotz Einsatzbefehl der Regierung konsequent herausgehalten. Das beruhigt uns sehr.

Dank einer Benzinspende von Mitgliedern der Gemeinde in Videira aus deren Autotanks können wir nach einem kleinen Mittagessen endlich zurück nach Joinville starten. Den Zwischenaufenthalt in Camoinhas, wo wir den ersten Teil der Reise auswerten wollten haben wir gestrichen. Wir haben Sorge, dass wir in diesem idyllisch aber weitab gelegenen Ort hängenbleiben und nicht weiterkommen.

Unterwegs kommen wir an mehreren Straßensperren vorbei. Nur Pkws, Busse und Viehtransporte werden durchgelassen. An manchen Stellen haben die Streikenden Autoreifen angezündet. Überall stehen Parolen handgekrakelt auf großen Tüchern. An einem Hochlader hängt eine Puppe wie an einem Galgen. Und überall „Intervencao militar“. Es wird immer deutlicher, dass es um mehr geht als um Benzinpreise. Aber auch unsere brasilianischen Freunde können uns nicht erklären, was da wirklich geschieht. …

Die Auswirkungen des Streiks werden immer dramatischer. Viele Viehzüchter haben kein Futter mehr. Die Schweine und Hühner fallen sich vor Hunger gegenseitig an. 24 Millionen Hühner mussten landesweit bereits notgeschlachtet werden. Die Fleischfabriken, das wirtschaftliche Rückgrat des Landes, haben ihre Produktion eingestellt. Uns beschäftigt das besonders, denn wir haben in Videira sowohl ein Museum und Informationszentrum des weltgrößten Fleischfabrikanten BRS (Perigao) als auch einen Viehzüchter besucht, der uns in sehr gutem Deutsch seine Situation beschrieben und uns fürstlich bewirtet hatte. Wenn man so eine persönliche Beziehung aufgebaut hat wie zu diesem deutschstämmigen Bauern, beschäftigen eine diese Schicksale noch einmal mehr. …

Kurz vor einer Straßensperre begegnen wir einem Tanklaster, der von einer Polizeistreife eskortiert und so durch die Sperre gebracht wird. Sein Ziel ist uns unklar, da auch auf der weiteren Strecke alle Tankstellen geschlossen haben.

Nach 350 km und einer siebenstündigen Fahrt kommen wir schließlich wieder in Joinville, dem Sitz des Synodalpfarrers, an. Während wir noch ein kleines Abendessen, Brot, Wurst, Käse zu uns nehmen, sucht der Synodalpfarrer nach Zimmern für uns in einem nahegelegenen Hotel. Gegen 22 Uhr checken wir dort ein, bekommen schöne Zimmer und freuen uns auf die Nachtruhe. Es beruhigend und herzerwärmend, wie achtsam unsere Gastgeber versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Michael Grabow

Dienstag, 29. Mai: Auszeit am Meer

Am Strand bei Itujaba,© Grabow

Bild: Grabow

Am Dienstag hat sich die Situation nicht verändert. Mit dem letzten Benzin fahren wir Richtung Barra Velha zu einem Erholungsheim für die Pfarrfamilien der IECLB nach Itujaba. Die IECLB hat das Haus von den norwegischen Missionaren übernommen; es liegt idyllisch direkt an der Küste mit einer atemberaubenden Sicht auf den langen Bogen der Sandstrände und die vorgelagerten kleinen Inseln. In der unmittelbaren Umgebung liegen Ferienhäuser betuchter Brasilianer, die jetzt, im brasilianischen Spätherbst, den wir Deutschen bei 24 0 C eher sommerlich erleben, verriegelt und verrammelt sind. ...

Nach einem Spaziergang durch die Dünen mit Füßen im warmen Atlantikwasser stärken wir uns und teilen alle mitgebrachten Speisen geschwisterlich miteinander. Dieses Teilen ist, wie wir schnell gelernt haben, in Südbrasilien allgemein üblich, auch in Restaurants. Oft werden große Platten mit Speisen bestellt, von denen sich alle bedienen. Sogar Pizza haben wir als Rodizio genossen, wo die Ober mit verschiedenen in Stücke geschnittenen Pizzen herumgehen und sie jedem Teilnehmer am Tisch anbieten – von pikant und würzig bis Schokopizza mit Erdbeeren. Auch Getränke werden oft geteilt bis hin zur Caipirinha, die mehrere aus einem Glas trinken.

Besuch im bayrischen Biergarten

Auf der Rückfahrt entdecken wir, dass eine der beiden Straßensperren der LKW-Fahrer noch massiv verstärkt worden ist, während die andere sich anscheinend aufgelöst hat – eine durchaus widersprüchliche Botschaft, die wir nicht wirklich einordnen können. Auch die Radionachrichten helfen nicht weiter. Am Abend besuchen wir einen bayrischen Biergarten mit sehr leckerem Essen – Crossover-Küche von bayerischer Ente mit Spätzle über Hamburger bis zu brasilianischem Essen. Michael Grabow

Mittwoch, 30. Mai: Geschichte und Gegenwart in Joinville

Deutscher Friedhof bei Joinville,© Grabow

Bild: Grabow

Heute wollen wir auf eigene Faust das Migrationsmuseum besichtigen, das in dem ehemaligen Herrenhaus des französischen Grafen von Joinville angesiedelt ist. Der Graf war in Geldnöten und verkaufte Haus und Ansiedlung an die deutschen Siedler, die Mitte des 19. Jahrhunderts dort siedelten. Diese Siedlungsgeschichte, die sich auch noch in alten deutschen Straßennamen wie Ziegelei- oder Mittelstraße noch findet, wollen wir gerne erkunden. Leider ist das Museum wie schon vor vier Jahren beim ersten Besuch in Joinville, wegen Renovierung geschlossen.

Beim weiteren Laufen durch die Innenstadt begegnen wir einer Kundgebung mit lauten Reden und vielen Brasilianischen Fahnen und einer Demonstration von Lehrkräften, die bessere Arbeitsbedingungen fordern. Wir fragen uns, ob sich jetzt auch andere Interessentengruppen an den Streik anhängen oder ob das unabhängig voneinander agierende Gruppen sind, die nur der Zufall der Gleichzeitigkeit zusammengeführt hat.

Siedlergeschichte und zeitgenössische Kunst

Wir halten uns fern und kommen auf dem Weg zum Museum für zeitgenössische Kunst am deutsch-brasilianischen Kulturverein vorbei, der auch für den alten deutschen Friedhof zuständig ist. Die Gräber, die einen morbiden Charme ausstrahlen, liegen malerisch am Hang eines Hügels und erzählen von den Schicksalen ganzer Einwandererfamilien. .... Wir kommen auch am Grab von Ottokar Dörffler vorbei, der in der Siedlergemeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle gespielt hat. In seinem ehemaligen Haus, das wir nach einem längeren Marsch erreichen, ist heute das Museum für zeitgenössische Kunst untergebracht. Wir erhalten dort eine einstündige Spezialführung durch die temporäre Ausstellung eines Bildhauers, der sich Figuren zum Lebensthema gemacht hat, die alle das Schützen, Bewahren und Behüten ausdrücken. ...

Im Park des Museums mit einem kleinen See mit Seerosen haben sich Obdachlose mit Decken ein Lager gebaut. Jetzt sitzen sie vergnügt auf den Bänken und sehen ihren Kindern beim Spielen zu.

Den Nachmittag verbringen wir beim Synodalpfarrer Inacio und tauschen uns über unsere Erfahrungen bei der Partnerschaftsreise aus. Es wird ein intensives und langes Gespräch. Am Abend erreicht uns die Nachricht, dass Diakonin Arlette eine Tankstelle gefunden hat, an der sie knapp 20 l Benzin tanken konnte. Als Inacio dort mit seinem Auto ankommt, ist die Benzinquelle schon wieder versiegt. Aber immerhin. Michael Grabow

Donnerstag, 31. Mai: Abschied

Wir treffen uns zu einem Abschiedsfest mit Grillen bei Inacio auf der Terrasse. Es sind auch der Präsident des Sinodo, Carlos Sacht mit Frau und Sohn, Diakonin Arlette mit Tochter und Schwester, und die Partnerschaftsbeauftragte des Sinodo, Pastora Marli mit Ehemann Pastor Elpidio und Sohn eingeladen.

Ganz offensichtlich ist der Streik beendet. Es gibt Benzin, lange Schlangen haben sich an den Tankstellen gebildet. Die Fernsehnachrichten zeigen Bilder aus Supermärkten mit frischem Obst und Gemüse. Aber die Wirtschaft und die Menschen des Landes werden noch lange mit den Folgen zu kämpfen haben. Der Streik hat wohl auch nicht wirklich erfolgreich gewesen zu sein, denn die Preise an den Zapfsäulen sind eher höher als vor dem Streik.

 In munterer Runde erzählen wir uns gegenseitig von der Reise und den Erfahrungen, die wir dabei gemacht haben. Nach einem ausgiebigen Essen, Marli hat bei einem Metzger in einem Dorf Unmengen von Bratwürsten und Fleisch aufgetan, turnen wir durch den Wald, der hinter dem Haus des Synodalpfarrers liegt und eher den Charakter eines Urwaldes ausstrahlt. Nach einem gemütlichen Kaffeetrinken fahren wir zum Aussichtspunkt des Botanischen Gartens und haben bei Sonnenuntergangslicht einen unglaublichen Ausblick auf die sich weit ausstreckende Stadt und die Bahia von Sao Franzesko do Sul.

Am Abend heißt es dann Kofferpacken. Am Freitagvormittag soll es nach Curitiba gehen. Wir hoffen, nach dem augenscheinlichen Ende des Streikes nun ohne Probleme am Samstag wieder nachhause fliegen zu können. Aber davor steht uns noch der Abschied von unseren Freunden bevor, die uns in der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen sind. Aber es existieren bereits konkrete Pläne, wie es mit den Kontakten und der Partnerschaft weitergeht. Es wird eine sehr lebendige Partnerschaft werden, darin sind wir uns alle einig. Michael Grabow

Freitag, 1. Juni: Wiedersehen in Curitiba

Christuskirche in Curitiba,© Grabow

Bild: Grabow

Wir verabschieden uns am Überlandbusbahnhof sehr herzlich und mit vielen Umarmungen von unseren brasilianischen Partnern, die uns in diesen wenigen Tagen zu Freunden geworden sind. Mit dem  Catarinense-Bus geht es aus der Küstenebene durch die Berge nach Curitiba, der Hauptstadt des Parana. Trotz ihrer Größe (4 Mio. Einwohner mit näherem Umland) ist es die grünste Stadt Brasiliens mit vielen grünen Parkanlagen und Plätzen sowie unzähligen schattigen Alleen. Am Busbahnhof werden wir abgeholt und zur ältesten lutherischen Kirche von Curitiba gebracht: Igreja de Cristo – Christuskirche. Dort tun seit Anfang des Jahres Agnes und Heiko Grünwedel als Pfarrer einen Auslandsdienst. Beide waren vorher Pfarrer und Pfarrerin in Donauwörth in unserem Kirchenkreis. Es wird ein herzliches Wiedersehen.

Eine zweisprachige Gemeinde

Auch mit dem dortigen Gemeindepräsidium kommen wir ins Gespräch über die Situation der kleinen Gemeinde, die früher Mutterkirche aller evangelischen Gemeinden in Curitiba war. Hier wird noch jeden Sonntag deutschsprachiger Gottesdienst ghehalten, auch viele Gemeindeveranstaltungen finden zweisprachig statt. Eigentlich gehörte die Kirche seit längerem zu einer größeren Gemeinde. Doch dort setzte sich eine stark charismatisch geprägte Frömmiogkeitsrichtung durch, die den deutschsprachigen Gottesdienst abschaffen und die kleine Kirche verkaufen wollte. Um die Kirche zu erhalten, fanden sich etliche Familien zusammen und gründeten eine eigene kleine Gemeinde, die nun die alte zweisprachige Tradition weiterpflegt. Die Kirche ist mit ihrem Palmengarten eine richtige Oase der Ruhe im Stadtzentrum.

Am  Spätnachmittag  kommt der Curitibaer Synodalpfarrer  Odair Braun zu uns. Sein Kirchenbezirk ist rund viermal so groß wie der Sinodo Norte Catarinense, hat aber nur einen Bruchteil der Gemeindegliederzahl. Im Größenvergleich würde die Fläche der Bundesrepublik Deutschland etwa zweimal in die Fläche des Kirchenkreises Paranapanema passen. Ich kenne ihn von dem Besuch vor vier Jahren bereits. ... Wir sind beeindruckt von der Tatkraft des Synodalpfarrers, aber auch von den Herausforderungen schon durch die große Fläche und die kleinen Gemeinden, die sich zum Teil keine ganze Pfarrstelle leisten können. Hier sucht man Lösungen, halbe Gemeindestellen mit anderen nichtparochialen Diensten zu verbinden, um die Fläche doch einigermaßen versorgen zu können. Armin Diener, Michael Grabow, Fritz Graßmann, Christa Müller, Edith Pfindel

Samstag, 2. Juni: Pfingstkirche und Wohlstandstheologie

Pfingstkirche 'Igreja Universal',© Grabow

Bild: Grabow

Auf dem Weg zum Flughafen besichtigen wir noch den neugebauten riesigen Tempel der „Igreja Universal“, einer der neupfingstlichen „Kirchen“ in Brasilien. Auf dem Areal einer ehemaligen Brauerei wurde ein monumentaler Kasten mit 8.000 Sitzplätzen erbaut, die auch noch erweiterbar sind. Auf dem Dach befindet sich ein großer Hubschraubelandesplatz.

Kirche als Franchising-System

Die „Igreja Universal“ pflegt die sogenannte „Wohlstandstheologie“, nach der nur stark genug geglaubt und stark genug gespendet werden muss, um von Gott materiellen Wohlstand und Heilung zu erfahren. Wem das nicht widerfährt, der hat nur nicht stark genug geglaubt und zu wenig Geld gegeben. Als wir den Raum betreten, erleben wir gerade einen „Gottesdienst“ mit. Der Prediger läuft auf der mit Bundeslade und Tafeln mit den zehn Geboten in Hebräisch gestalteten Bühne umher und wechselt immer wieder unvermittelt von einschmeichelnd leiser Stimme hin zu laut brüllenden, fordernden Passagen. Dazwischen ertönt Musik, die bestimmte Wirkungen erzielen soll. Es wird gerade der Zehnte eingesammelt: Jedes Mitglied dieser „Kirche“ muss zehn Prozent seines Einkommens geben. Da man durch erfolgreiche Teilnahme an einem Kurs und entsprechende Finanzen das Recht erwerben kann, eine eigene Gemeinde zu gründen, ist die „Igreja Universal“ wie ein großes Franchising-System aufgebaut.

Anschließend fahren wir zum Flughafen, wo wir pünktlich einchecken können und über Sao Paulo und Frankfurt am Sonntagmittag gesund, aber auch etwas müde wieder ankommen. Armin Diener, Michael Grabow, Fritz Graßmann, Christa Müller, Edith Pfindel

Gab es ähnliche Fragestellungen und Probleme, die die Partner in Brasilien bewegen?

Michael Grabow: Ja, sehr viele: Da ist der Mitgliederschwund, der in Brasilien ganz ähnliche Zahlen erreicht wie hier bei uns. Da ist das zunehmende Älterwerden der Gemeinden und vor allem auch der Ehrenamtlichen. Wie erreicht man die Jugendlichen und jungen Familien? Welche Formen braucht Konfirmandenarbeit, dass sie die Jugendlichen erreicht? Wie integrieren wir Flüchtlinge und Migranten? Wie schaffen wir das Miteinander unterschiedlicher Frömmigkeitsformen? Wie gehen wir mit der Schere zwischen Arm und Reich um und was bedeutet das für die Diakonie? Wie erreichen wir die Menschen im Urlaub? Und wie gehen wir mit Menschen um, die ihre Bindung zur Kirche verloren haben, zu bestimmten Gelegenheiten (z.B. bei Beerdigungen) aber doch unsere Dienstleistung erbitten. Wie lösen wie das Problem halber Pfarrstellen in der Diaspora? Und z.B. als gemeinsame Frage: Wie finden wir gemeinsame Antworten auf die Verlierer der globalisierten Welt?

Wo können wir von den brasilianischen Christen lernen?

Michael Grabow: Die unglaubliche Solidarität und das Zusammenhelfen, wenn es Probleme gibt. Dass man in all dem fröhlich bleiben kann und sich nicht davon lähmen lässt.  Man trägt dann halt das Vorhandene zusammen und verteilt es so, dass allen geholfen ist.  Dass die Gemeinden ihren diakonischen Auftrag ernst nehmen und ihn nicht an die institutionellen Träger delegieren. Dass die IECLB, so klein sie ist, in der Ökumene eine wichtige Rolle spielt. Dass evangelische Unternehmer ihr Christsein leben und sich ihrer sozialen Verantwortung stellen.
Dass diese Kirche lebendig ist und sich den Spannungen stellt, die auch in ihr spürbar sind. Synodalpfarrer Inacio erzählte von einer jungen Pfarrerin, der man in ihrer neuen Gemeinde sagte, sie müsse nun erst einmal die Scherben zusammenkehren, die in der Gemeinde vorhanden seien. Die junge Pfarrerin antwortete: Da mache ich ein Mosaik draus. Diese Pfarrerin hat zum Abschluss der Synodalversammlung die gemeinsame Schlusserklärung verlesen, die die strittigen Themen klar benannte und doch eine theologische Brücke hin zu einem versöhnten Miteinander baute.

Das aktuelle Thema auf ihrer Reise war ja der Streik der LKW-Fahrer verbunden mit dem Benzinmangel in ganz Brasilien. Wie empfinden Sie das im Nachhinein?

Michael Grabow: Es ist unglaublich, wie leicht und schnell ein so großes Land gänzlich lahmgelegt werden kann. Wobei das Benzin ja nur ein Problem von vielen war. Für viele Menschen, vor allem in den Großstädten gab es noch ganz andere Probleme: kein frisches Obst, Gemüse und Fleisch mehr in den Läden. Keine Wasserlieferungen mehr nach Sao Paulo, das über lange Zeiten im Jahr unter der Dürre und mangelndem Frischwasser leidet. Keine Medikamente für die Krankenhäuser und Apotheken. Und ganz schlimm und existenzgefährdend, dass viele Tierzüchter kein Futter für ihre Tiere mehr hatten, so dass Schweine sich gegenseitig aufgefressen haben und 24 Millionen Hühner notgeschlachtet und vor Ort vernichtet werden mussten. Die Fleischindustrie ist in Brasilien Schlüsselindustrie, die die ganze Welt beliefert. da kann das zarte Pflänzchen Konjunktur sehr schnell wieder eingehen. Und das kann massive Folgen für die einzelnen Menschen und natürlich auch für die Politik haben. Es war am Samstag noch nicht klar, ob der Streik am Montag weitergeht. Auch haben die Raffineriearbeiter angekündigt, nun ihrerseits zu streiken. Was das für das Land bedeuten würde, ist noch gar nicht abzuschätzen.

Im Oktober sind in Brasilien Wahlen. Ihre Hoffnungen? Ihre Befürchtungen?

Michael Grabow: Meine Hoffnung ist, dass es zu einer Regierung kommt, die genug Autorität und Glaubwürdigkeit hat, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Meine Sorge ist, dass das Land weiter in die extremen politischen Positionen auseinanderdriftet. Und am Schlimmsten wäre es wohl, wenn es gar nicht zu Wahlen käme, was manche unserer Gesprächspartner befürchten.

Kirche und Politik – war das ein Thema in Brasilien?

Michael Grabow: Das ist das Jahresthema 2018 der IECLB: Kirche, Ökonomie und Politik. Synodalpfarrer Inacio beschrieb das in aller Kürze so: Die Botschaft der Liebe mit ihren Konsequenzen für ein friedliches und gutes Zusammenleben in die Gesellschaft zu tragen. Christliche Werte in Wirtschaft und Politik hinein zu vermitteln.

Welche Themen hat die Synode diskutiert?

Michael Grabow: Es waren vor allem zwei Themen: Die Neuwahlen für das Präsidium und den Rat des Sinodo sowie für die Delegierten für die Gesamtgremien der IECLB. Und eine neue Geschäftsordnung für die Synodalversammlung, um die Zahl der Delegierten zu reduzieren. Highlight war natürlich die Unterzeichnung der Partnerschaftsvereinbarung, die mit einem riesigen Applaus der Delegierten begrüßt wurde.

Wie geht es weiter mit der Partnerschaft?

Michael Grabow: Es gibt ganz konkrete Ideen und Pläne. In zwei Jahren wird es einen offizillen Gegenbesuch einer brasilianischen Delegation hier in Schwaben geben. Angefragt sind Schüler- und Lehreraustausch zwischen der evangelischen Schule in Joinville und Schulen hier in Schwaben. Die Erwachsenenbildung plant eine Studienreise für 2019/2020 nach Brasilien:  Begegnungen mit Gemeinden dort, aber natürlich auch Kultur und Natur in Brasilien. Die Diakonie will in Kontakt bleiben, und sich weiter austauschen. Und ganz wichtig, wie bereits seit 2016: der ganz alltägliche Kontakt zwischen den Partnern über Social Media. So kann man sich gegenseitig auf kurzem Wege am Leben der anderen Kirche teilhaben lassen und über aktuelle Themen austauschen. Das hat bisher sehr gut geklappt und wird auch weiter den Austausch bereichern und die persönlichen Beziehungen pflegen.

Wie kann man diese Partnerschaft im Kirchenkreis fruchtbar werden lassen?

Michael Grabow: Es wird wichtig sein, dass alle Teilnehmer dieser Reise in die Breite der Gemeinden und Einrichtungen hinein berichten und so Anteil geben an dieser Partnerschaft – bis hin zur Teilnahme an der Studienreise. Gegenseitige Fürbitten, wie anlässlich des Streikes helfen auch, dass wir uns als gemeinsame Glieder am Leib Jesu Christi wahrnehmen und so  Verantwortung füreinander übernehmen. Es ist so wichtig in dieser klein gewordenen Welt des Global Village, dass wir unsere gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten wahrnehmen und daraus auch Änderungen in unserem Verhalten von Konsum bis Umwelt ableiten und dann auch leben. Das kann eine Landeskirche leben, aber eben auch ein Kirchenkreis, ein Dekanatsbezirk oder die einzelne Gemeinde.


03.06.2018 / Anne Lüters

01.06.2025