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    Lichterzeichen Schweigegang am 4. Mai 2014

    Lichterzeichen Schweigegang am 4. Mai 2014 in der Freisinger Innenstadt von der Christi-Himmelfahrts-Kirche zum Marienplatz

    Bild: (c) Gleixner

    Evangelische Christen sind Teil des Gemeinwesens und haben als Mitbürgerinnen und Mitbürger gesellschaftliche Verantwortung. Auch die ELKB sieht sich gefordert, aktuelle Entwicklungen zu begleiten.

    Kirchengemeinden stehen immer wieder vor der Entscheidung, für oder gegen Entwicklungen in der Gesellschaft Position zu beziehen – seien es schwierige ethische Fragestellungen oder auch nur die Umgehungsstraße vor Ort. Doch sollen sie sich überhaupt engagieren? Und wenn sie es tun: Welche Wirkung erzielen sie? Drei Beispiele.

    Religiöse Besinnung am Kernkraftwerk: "Nicht immer nur den netten Gottesdienst halten."

    Am 26. April war Sabine Nagel wieder vor Ort. Die Pfarrerin betete am Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit anderen Menschen vor dem Kernkraftwerk im schwäbischen Gundremmingen. "Es waren viele Teilnehmer da", berichtet Nagel. "Alles Leute, die es keineswegs beruhigt, dass der Atomausstieg beschlossen ist."

    Nagel ist Pfarrerin in der evangelischen Heilig-Geist-Kirche in München. Davor jedoch war sie lange Zeit Seelsorgerin im schwäbischen Haunsheim. Der 1600-Seelen-Ort liegt kaum zehn Kilometer Luftlinie vom ältesten deutschen Kernkraftwerk in Gundremmingen entfernt. Während der Zeit dort hat sich die Pfarrerin zu einer Spezialistin in Sachen Atomkraft entwickelt – und zu einer entschiedenen Gegnerin der Technik. Irgendwann, erzählt Nagel, habe sie so viel über Kernkraft, über Zwischenlager und Atommüll gewusst, dass sie dazu gekommen sei, "Atomkraftwerke gänzlich abzulehnen". Zusammen mit anderen Pfarrern, Gemeindemitgliedern und – wie Nagel betont – der "vollsten Rückendeckung des Dekanats" habe man begonnen, die Gegner von Gundremmingen zu unterstützen.
    So entstanden die "religiösen Besinnungen" am Kernkraftwerk.

    Am 19. Oktober 2003 gab es die erste dieser ökumenischen Andachten. Bis heute finden sie regelmäßig statt. "Die Zahl der Unterstützer hat sogar zugenommen", erzählt Stefan Reichenbacher. Der evangelische Pfarrer im Neu-Ulmer Stadtteil Reutti hat den Protest gegen das Kernkraftwerk von Anfang an unterstützt. Heute organisiert er die Andachten – in einem vierköpfigen Team, zu dem unter anderem ein katholischer Pastoralreferent gehört. "Wir sind ein bisschen friedlicher geworden", meint Reichenbacher schmunzelnd. Früher habe man die Besinnung direkt vor dem Eingangstor des Kernkraftwerks abgehalten. Jetzt stehe man auf dem Parkplatz nebenan. Mit dem beschlossenen Ausstieg aus der Kernkraft habe das aber nichts zu tun: "Gundremmingen ist das gefährlichste Atomkraftwerk Deutschlands", betont er. "Wenn es nach uns ginge, müsste es sofort abgeschaltet werden, auf jeden Fall aber viel früher als es jetzt vorgesehen ist."

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    Ohnehin seien mit der Abschaltung der Atommeiler die Probleme nicht aus der Welt: "Das große Thema ist der Atommüll", sagt Reichenbacher. Seine Kollegin Sabine Nagel sieht es genauso. Gut 50 Castorbehälter lagerten derzeit in Gundremmingen. "Geplant sind 198", rechnet sie vor: "Und ein einziger Behälter enthält so viel Strahlung wie in Tschernobyl freigesetzt wurde." Schon deshalb müsse der Protest weitergehen – auch von Seiten der Kirche, sagt Nagel: "Ich kann als Pfarrerin nicht immer nur den netten Gottesdienst zur Bewahrung der Schöpfung halten – ich muss auch etwas dafür tun."

    Es sei "auf keinen Fall die Zeit, jetzt aufzuhören", meint auch Stefan Reichenbacher. Der Protest, die wöchentlichen Mahnwachen, die religiösen Besinnungen – das alles habe zur Bewusstseinsbildung beigetragen, habe die Menschen zum Nachdenken über die Kernkraft gebracht, glaubt der Pfarrer. "Ich denke, dass es durchaus etwas bewirkt, wenn sich Kirche in diesem Bereich klar positioniert – gegen diese Energieform und für die Menschen, die hier leben."

    Sonntagsgebete gegen die Startbahn: "Denen zur Seite stehen, die schwächer sind."

    Im Lauf der Jahre hat Wolfgang Deutsch das schon oft erlebt: "Jedes Mal, wenn es wieder heißt, die Startbahn wird doch gebaut, haben die Leute Angst. Da ist es gut, wenn wir als Seelsorger da sind." Deutsch ist Pfarrer im Ruhestand in der Kirchengemeinde Freising bei München. Fast 20 Jahre war er zuvor hier als Seelsorger tätig. Den Bau des neuen Münchner Flughafens hat er mit seiner Kirchengemeinde von Anfang an begleitet – und auch den Protest dagegen. Schon in den achtziger Jahren weigerten sich Deutsch und sein Kirchenvorstand, zwei Grundstücke zu verkaufen, die auf dem künftigen Areal des Flughafens lagen. "Wir wurden dann schließlich enteignet", erinnert er sich.

    Heute unterstützt Deutsch zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde in Freising die Aktion "Lichterzeichen", die sich gegen den Bau einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen wendet. Einmal im Monat veranstalten evangelische und katholische Kirche in Freising gemeinsam ein Sonntagsgebet. Anschließend gibt es einen Schweigemarsch. Alle drei Monate finden außerdem die Lichterzeichen-Stadtgänge statt – Mahngänge durch den Ort, mit denen still vor den Folgen des Startbahn-Baus gewarnt wird. "Es ist wichtig, dass die Kirchengemeinde sich hier engagiert", sagt die heutige Freisinger Pfarrerin Dorothee Löser. "Die Bewahrung der Schöpfung ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit."

    Und doch ist das Engagement dafür nicht immer einfach. In Lösers Gemeinde etwa gibt es Mitglieder, die am Flughafen einen Job haben. Für manche von ihnen ist es eine schwierige Situation, wenn sich die Kirche gegen ihren Arbeitgeber wendet. "Wir machen aber immer klar, dass wir nicht gegen den Flughafen sind, sondern nur gegen eine weitere Startbahn", erläutert Löser. "Es geht uns um den maßvollen Umgang mit der Natur, mit Ressourcen – und vor allem mit den Menschen."

    Die Menschen fürchten dabei nicht nur Umweltzerstörung, Heimatverlust und Fluglärm durch die neue Startbahn. "Auch das Sozialsystem der Stadt wird belastet", erläutert Pfarrerin Löser. So gebe es in Freising ohnehin wenig Wohnraum. Die Kindergarten- und Krippenplätze reichten nicht aus. Eine Erweiterung des Flughafens ziehe jedoch noch mehr Bewohner an. "Das heißt, es wird noch schwieriger, hier eine bezahlbare Wohnung zu finden", sagt die Pfarrerin.

    Den Protest wird die Kirchengemeinde deshalb künftig weiter unterstützen – auch, wenn im Februar 2014 der Bayerische Verwaltungsgerichtshof ein Urteil zugunsten der Startbahn gefällt hat. "Da dachten wir: Jetzt bricht der Widerstand zusammen", erinnert sich Wolfgang Deutsch. "Aber die Leute haben nicht aufgegeben." Genauso wenig wie er und seine Pfarrerskollegin: "Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass sich die Startbahn verhindern lässt", sagt Dorothee Löser. Kirche müsse immer auch den Mut haben, Sand im Getriebe zu sein – zu fragen, wer profitiere von einer Entwicklung und wer leide darunter. "Letztlich", so Löser, "müssen wir denen zur Seite stehen, die schwächer sind. Das ist für mich eine ganz zentrale Aufgabe der Kirche."

    Theologische Kommentare zum Zeitgeschehen: "Themen öffentlich machen, die sonst vergessen werden."

    Ob die Referenten nach dem Gottesdienst tatsächlich ins Grübeln kommen? Wolfram Steckbeck ist sich da auch nicht so sicher. "Ich hoffe es", sagt er lachend. "Aber manchmal sind die Meinungen doch recht festgefügt." Dennoch versuchen Steckbeck und seine Mitstreiter Monat für Monat, festgefügte Meinungen ein wenig ins Wanken zu bringen.

    Der Nürnberger Rechtsanwalt organisiert zusammen mit einem Team aus Ehrenamtlichen die "Lorenzer Kommentargottesdienste". Die besondere Gottesdienstform gibt es an der Nürnberger Lorenzkirche schon seit 1969. Entstanden sind sie ein Jahr zuvor aus den so genannten politischen Nachtgebeten. Heute lädt das Team der Kommentargottesdienste zehn Mal im Jahr zwei Referenten ein, zu einem aktuellen Problem Stellung zu beziehen. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer kommentiert das Thema dann aus theologischer Sicht. "Der Kommentargottesdienst ist politische Kirche", sagt Wolfram Steckbeck – ein Forum, das zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen soll. Wichtig sei dabei die Aktualität, meint der Organisator. Das Team treffe sich daher erst vergleichsweise kurz vor dem Gottesdienst, um die Themen festzulegen

    Die Themenpalette reicht von der Ökumene über das selbstbestimmte Sterben und die gesunde Ernährung bis zur Frage, ob die Nürnberger Verkehrsgesellschaft ihre Tickets zu teuer verkauft. "Die Kommentargottesdienste bleiben bei den Themen oft regional", erläutert Ekkehard Wohlleben, der Sprecher des Dekanats Nürnberg. Damit wolle man sich auch gegen die Flut politischer Talksshows im TV abgrenzen. "So ein Kommentargottesdienst verändert natürlich nicht die Welt", fügt Wohlleben hinzu. Wirkung habe er dennoch – vor allem, wenn man dabei Themen gemeinsam mit anderen Institutionen aufgreife. "Für Kirche wird es immer wichtiger, Koalitionen mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu schmieden", glaubt der Dekanatssprecher. So etwa, als die beiden Kirchen und der Deutsche Gewerkschaftsbund 2013 in Nürnberg eine gemeinsame Erklärung zur Sozialkrise in Europa verabschiedeten. "Jugend ohne Zukunft – Chancengleichheit in Europa" hieß anschließend das Thema im Kommentargottesdienst.

    "Wir merken schon, dass die Gottesdienste die Menschen bewegen", stellt Wolfram Steckbeck fest. Nicht jedes Thema allerdings stoße auf das gleiche Interesse. Zwischen 80 und 200 Besucher ziehen die Kommentargottesdienste an jedem dritten Sonntag im Monat an. "Wenn es nur 80 sind, sind wir natürlich schon ein bisschen enttäuscht", sagt Steckbeck. Dennoch werde man auch künftig immer wieder Dinge zur Diskussion stellen, die nicht in aller Munde sind: "Wir wollen auch solche Themen öffentlich machen, die sonst vergessen werden."

    Die Frage etwa, warum im reichen Deutschland viele Kinder oft unglücklich sind, sei so ein Thema gewesen. "Da hatten wir das Gefühl, wir müssten auf etwas aufmerksam machen", erinnert sich der Rechtsanwalt. Beim jüngsten Kommentargottesdienst im Mai 2014 war das sicher nicht so. Kurz vor der Weltmeisterschaft hieß das Thema "Fußball ist unser Leben". Populärer Referent dabei: der ehemalige Clubtrainer und ausgewiesene Fußballphilosoph Hans Meyer.


    25.06.2014 / Rieke Harmsen/epd