Politik und Wissenschaft

Die Kirche mischt sich ein

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    Die evangelische Akademie in Tutzing

    Ungestörtes Nachdenken: Die evangelische Akademie in Tutzing

    Bild: ELKB

    Regelmäßig sitzen ihre Repräsentanten in Talkshows, Gremien und Konferenzen, erheben ihre Stimmen. Die evangelische Kirche bezieht Stellung im öffentlichen Diskurs. Und in der Wissenschaft.

    Tutzing am Starnberger See ist wie ein kleines Paradies. Die evangelische Akademie, direkt am Wasser gelegen und von einem großen Park umrahmt, gibt vielen Tagungen und Gesprächen einen eindrucksvollen und vor allem ungestörten Rahmen. Ideal für Veranstaltungen wie die des TTN, dem Münchner Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München – wesentlich unterstützt von der Evangelischen Kirche. Wissenschaftler, Politiker, Ökonomen und Theologen kommen hier, auf Augenhöhe, ins Gespräch – diesmal zum Thema wissenschaftliche Politikberatung. Hochkarätig besetzt, diskutieren gut 40 Experten und interessierte Laien über Sinn und Möglichkeiten, zu aktuellen Fragen der Politik aus wissenschaftlicher Perspektive Stellung zu nehmen.

    Prominenter Gast aus Berlin ist heute Krista Sager, Abgeordnete der Grünen im Bundestag und für Wissenschaftsfragen zuständig: „Bei politisch-moralischen Entscheidungen geht es ja nicht einfach nur darum, die wissenschaftlich-technischen Verfahren zu verstehen,“ berichtet die Politikerin aus der Praxis, „sondern auch ihre moralischen Implikationen zu durchdringen, um sie dann in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen. Und da können, glaube ich, kirchlich orientierte Einrichtungen durchaus eine Hilfestellung leisten.“

    Es geht also nicht allein darum, den richtigen Ort und die richtige Sprache zu finden, in der wissenschaftliches Knowhow von der Politik abgerufen und in Entscheidungsprozesse eingebunden werden kann. Sondern das TTN bringt aus seiner genuin evangelischen Perspektive eine weitere Dimension ins Spiel: „Wir versuchen Wissenschaftlern zu zeigen, dass es auch eine Vernunft des Glaubens gibt, die zu einem verantwortlichen Weltumgang befähigt,“ erläutert Dr. Stephan Schleissing, Pfarrer und Geschäftsführer des Instituts, „auch wenn das jetzt nicht immer naturwissenschaftlich beschrieben werden kann.“

    Trotzdem müssen die gut zehn festen und freien Mitarbeitenden des TTN in einer Sprache kommunizieren, die wissenschaftlichen Standards entspricht. Auf diesem Niveau beschäftigen sie sich auch mit aktuellen Themen und forschen etwa über „Technik im Zeichen der Katastrophe“, über „altersgerechte Assistenzsysteme“ über „grüne Biotechnologie“ und „Bioenergie“, durchaus mit praktischem Bezug.

    Informationen zum Thema TTN

    TTN (Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften)

    TTN (Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften) ist ein unabhängiges Institut an der Ludwig-Maximilians-Universtität (LMU) in München, das im Auftrag eines Trägervereins arbeitet und sich aus dem Haushalt der Landeskirche und durch Drittmittelprojekte finanziert. Ziel ist, im wissenschaftlichen Diskurs aus evangelischer Perspektive zu argumentieren – dialogoffen, sach- und kompromissorientiert. Dazu veranstaltet das TTN Tagungen und Symposien, publiziert Fachbeiträge und steht als Beratungsinstitut zur Verfügung.

    www.ttn-institut.de

    So wurde TTN vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium gebeten, sie zum Thema „Energiewende im ländlichen Raum“ wissenschaftlich zu beraten; Interviews mit Fokusgruppen gehörten dazu, eine Studie über die Berücksichtigung des Themas in den regionalen Tageszeitungen, Beratung hinsichtlich kompetenter Öffentlichkeitsarbeit. Eine nicht immer einfache Aufgabe, gerade etwa, wenn es um umstrittene Projekte wie nachwachsende Rohstoffe geht: „Was heißt es da, wertorientiert zu kommunizieren?“ deutet Schleissing die Problemlage an, „wie findet man eigentlich eine Sprache, Einwände nicht immer nur abzuwenden, sondern sie aufzunehmen, um das Pro und Kontra sachgemäß darzustellen und dann erst mit Hilfe der Ethik abzuwägen?“

    Die evangelischen Experten werden also gerne in Anspruch genommen, von Ministerien oder Forschungseinrichtungen. Doch wie sieht es mit der internen Wirkung aus, wo helfen die Leute von TTN ihrer Kirche? Schleissing ist viel unterwegs, hält auf Konferenzen oder in Dekanaten Vorträge, leitet Diskussionen. Beispielsweise zum Stichwort „nachhaltiger Konsum“, ein wichtiges Thema in den Kirchen. „Die Gefahr ist hier, dass man vor allem die Sehnsucht nach einem guten Gewissen bedient und dann dabei stehen bleibt. Aber es geht doch beim moralischen Konsum auch um die Folgen des richtigen Handels und die Möglichkeit, dabei gute Kompromisse einzugehen,“ macht Schleissing deutlich. „Weil es dann nicht mehr so einfach ist, ob das Gewissen noch gut bleibt. Und weil das Problem eigentlich in keiner Weise gelöst wird und sogar neue Probleme entstehen.“

    Das macht die Institutsarbeit nicht immer einfach, aber interessant. Und vor allem auch schnell, denn aktuelle Problemlagen erfordern zeitnahe Reaktionen. Beim Erdbeben in Fukushima beispielsweise wurde der Landesbischof zu einer Talkshow im Bayerischen Fernsehen gebeten. Was kann die Kirche dazu sagen? Wie reagiert man auf Ängste und Emotionen in der Bevölkerung? „Da kommt die Wissenschaft wieder ins Spiel, und deshalb braucht ein evangelischer Glaube, wenn er sich gesellschaftlich wappnen will, gute wissenschaftliche Informationen“, sagt Schleissing. Und in der Politik? Krista Sager sieht viele Vorteile, hat aber auch Bedenken: „Ich finde Diskussionen mit Vertretern der Kirche immer hochspannend, auch wenn in den Kirchen kontrovers diskutiert wird.“ Man könne sich allerdings nicht einfach hinstellen und sagen: Weil ich das Leben soundso sehe, müssen alle anderen das auch so sehen. Das gehe heutzutage eben nicht mehr. „Deswegen finde ich, dass innerhalb von christlich orientierten Organisationen Diskurs und Differenz ein wichtiges Qualitätsmerkmal sind.“


    25.06.2014 / Aus dem ELKB Jahresbericht 2012/2013