KZ-Gedenkstätte Dachau

„Dieses Thema lässt mich nicht mehr los.“

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    Tafel an der KZ-Gedenkstätte Dachau

    Architektur, die Gefühle weckt - Die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau

    Bild: ELKB Jahresbericht

    Die evangelische Kirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau hat eine heikle Mission: Sie gibt der Begegnung Raum und macht Versöhnung möglich.

    Auf beiden Seiten von meterhohen Pappeln gesäumt, bahnt sich ein breiter Weg mitten durch ein riesiges Areal von gespenstischer Kargheit und nüchterner Geometrie: das Konzentrationslager Dachau. Die tristen Bauten und Fundamente der ehemaligen Häftlingsbaracken stehen in einer apokalyptisch anmutenden Rechtwinkligkeit – Heinrich Mann beschrieb dies als die „Genauigkeit im Abscheulichen“.

    Am Ende der langen Lagerstraße stehen drei Bauten, die sich vom feindseligen und bedrückenden Umfeld abheben. Das jüdische Mahnmal, daneben die katholische Todesangst-Christi-Kapelle und: die evangelische Versöhnungskirche.

    Helmut Striffler hatte zunächst keine Idee, wie er für diesen Schauplatz des Grauens eine passende Kirche gestalten sollte.
    Doch dann kam dem preisgekrönte Architekturprofessor der Einfall, einen „Gegenort“ zu schaffen, der architektonisch völlig frei ist von jener Rechtwinkligkeit, die alles prägte – den Appellplatz, den Prügeltisch und die Barackenfundamente – und die er selbst geradezu als ein Symbol des nationalsozialistischen Mordsystems empfand. Entstanden ist dann Ende der 60er Jahre ein Bauwerk, das mit seiner zwar geschwungenen, aber doch recht nüchternen grauen Betonfassade zunächst sehr unauffällig wirkt. Beim Betreten jedoch eröffnet es Räume, die im Besucher tiefe Gefühle wecken, ihn zum Nachdenken einladen und wie von selbst die Auseinandersetzung mit der Geschichte ermöglichen.

    Über eine große, halbrunde Freitreppe aus Kieseln und Stein führt der Weg abwärts in einen Innenhof, der den Gottesdienstraum mit dem Gesprächsraum verbindet. Der Pfad in die Tiefe symbolisiert gleichsam Empfindungen wie Trauer, Leid und Scham, aber auf der anderen Seite bietet das Herz der Kirche auch Schutz und Geborgenheit. Ganz bewusst wurde bei der Ausgestaltung der Räume auf religiöses Schmuckwerk weitgehend verzichtet. Nichts soll ablenken, beschönigen, verharmlosen.
    Den Gottesdienstraum ziert einzig ein schlichter, runder Altar, auf dem Besucher ein Teelicht zum Gedenken an die Opfer anzünden können.

    Der Weg aus der Kirche führt wieder nach oben und über eine geschwungene Treppe ins Freie. Es ist der Weg ins Licht und in die Hoffnung.

    Zitat

    Du arbeitest auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers, ist das nicht schrecklich?

    Frage eines Besuchers KZ-Gedenkstätte Dachau

    Geschichte authentisch erfahren

    „Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht darin, Begleitungsangebote für die großen Scharen an Besucherinnen und Besuchern zu machen, die täglich kommen“, beschreibt Pfarrer Björn Mensing die Tätigkeit in der Versöhnungskirche. Ein intensiver Rundgang nimmt ungefähr zweieinhalb Stunden in Anspruch.
    Dem Versöhnungskirchen-Team ist es ein ganz besonderes Anliegen, den Menschen über den Geschichtsunterricht hinaus die Tragödie nahezubringen, die vom nationalsozialistischen Terrorregime hervorgerufen wurde, und vor allem die Jugendlichen für die Themen Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Gewalt zu sensibilisieren.

    „Wenn wir Schulklassen begleiten, ist es für uns oft eine ganz erstaunliche und positive Erfahrung, dass die Kinder und Jugendlichen wirklich zweieinhalb Stunden konzentriert dabei sind und genau zuhören“, so Pfarrer Mensing. „Das hängt mit dem Ort zusammen, der so viel Authentizität bietet und an dem sich Geschichte direkt erfahren lässt – viel anschaulicher und lebendiger als im Klassenzimmer.“

    Den Häftlingen wieder ein Gesicht geben

    Neben den Führungen durchs ehemalige Konzentrationslager beschäftigt sich das Team der evangelischen Versöhnungskirche mit großen Aktionen von internationaler Bedeutung – etwa dem „Gedächtnisbuch für Häftlinge des KZ“. Hier tragen Angehörige von ehemaligen Häftlingen, Schüler, Studenten und andere interessierte Personen die Lebenserinnerungen der KZ-Opfer zusammen und erstellen daraus liebevoll gestaltete Biografiebögen, die zusätzlich mit Fotos, Schriftstücken und anderen Details ausgeschmückt sind. So will man den über 200.000 Häftlingen und den mehr als 40.000 Toten wieder ein Gesicht geben, ihren Leidensweg und die Hintergründe ihrer Verfolgung in die Gegenwart transportieren – Namen statt Nummern.

    Das Leben von Max Mannheimer beispielsweise, eines der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust. Der 1920 in Tschechien geborene jüdische Buchautor und Maler überlebte zusammen mit seinem Bruder Edgar die Inhaftierungen in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Alle anderen Familienmitglieder hingegen, seine Eltern Jakob und Margarethe, seine Geschwister Käthe, Erich und Ernst sowie seine Frau Eva Bock wurden auf grausame Weise umgebracht. Diese Biografiebögen liegen, zusammengefasst als Gedächtnisbuch, im Gesprächsraum der Versöhnungskirche aus. „Die Sammlung wächst immer weiter“, freut sich Björn Mensing, „da eine Auswahl der Biografien für eine Wanderausstellung in mehrere Sprachen übersetzt wurde – und an den Ausstellungsorten zu neuen Gedächtnisblättern inspiriert.“

    Informationen zum Thema

    Versöhnungskirche Dachau

    Um die evangelische Erinnerungs-, Gedenk-und Versöhnungsarbeit kümmert sich ein kleines Team: Pfarrer Dr. Björn Mensing, Diakon Klaus Schultz und Sekretärin Ulrike Mayr. Außerdem arbeiten bis zu zwei Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste für ein Jahr in der Versöhnungskirche mit.

    Kontakt:
    Tel.: 08131-13644
    Fax: 08131-53036
    versoehnungskirche@t-online.de
    www.versoehnungskirche-dachau.de

    Eine ganz außergewöhnliche Erfahrung

    Bereits während seiner Schul- und Studienzeit entdeckte der Theologe eine starke Affinität zur Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus: „Als Student hatte ich die Möglichkeit, überlebende KZ-Häftlinge und deren Schicksale kennenzulernen.
    Tief bewegt hat mich außerdem ein längerer Aufenthalt in Israel. Seitdem lässt mich dieses Thema nicht mehr los.“ Manche Bekannte von Pfarrer Mensing konnten sich zunächst nicht vorstellen, warum er gerade in dieser Stelle seine persönliche Erfüllung findet. Fragen wie: „Du arbeitest auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers, ist das nicht schrecklich?“, bekam er des Öfteren zu hören.

    Doch genau das Gegenteil ist für ihn der Fall: „Was auf den ersten Blick wie ein finsterer und düsterer Arbeitsplatz aussieht, ist für mich nach wie vor die Traumstelle.
    Durch die Tätigkeit hier ist es mir vergönnt, dass ich noch eine ganze Reihe von Zeitzeugen kennenlernen kann.“ Und zu diesen Zeitzeugen gibt es nicht nur die berufliche Verbindung, sondern aus den Begegnungen mit einigen von ihnen ist mittlerweile eine Freundschaft entstanden. Sehr bewegt hat Mensing auch ein Gesprächsabend, zu dem als Zeitzeuge ein ehemaliger SS-Mann eingeladen war.

    „Es war für mich eine besondere Verantwortung, dieses Wagnis einzugehen, und nur möglich bei einem SS-Mann, der seine schuldhafte Verstrickung sieht und versucht, sie wieder gutzumachen“, erklärt der Theologe. Der Raum sei bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen, es habe eine Anspannung geherrscht wie nie zuvor bei einer solchen Veranstaltung. Der SS-Mann habe beschrieben, wie er sich rückblickend sehe und wie es dazu gekommen sei, sich derart in den verbrecherischen Krieg einspannen zu lassen und dadurch selbst schuldig zu werden. „Nachdem er seinen Vortrag beendet hatte, kam eine erste Wortmeldung eines Mannes, dessen Eltern beide im KZ gelitten hatten“, erinnert sich Pfarrer Mensing. „Er kritisierte heftig, dass ein SS-Mann überhaupt hier reden durfte.“ Trotzdem habe er auch während der folgenden Diskussion den Raum nicht verlassen. Es sei ihm möglich gewesen zuzulassen, dass der ehemalige SS-Mann seinem Bedauern und seiner Reue Ausdruck verlieh.

    „Dieser Abend war eine ganz außergewöhnliche Erfahrung. Wir konnten hier Raum geben für eine Begegnung, die nirgendwo anders hätte stattfinden können. Und vielleicht ist ja auch so etwas wie Versöhnung geschehen.“


    25.06.2014 / Aus dem Jahresbericht der ELKB 2010/2011