50 Jahre Ökumenischer Studienkurs

"So geht Europa!"

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Studienkurses beim gemeinsamen Singen im Gottesdienst

Die gemeinsam gelebte Spiritualität ist ein wichtiger Bestandteil des Studienkurses. im Kennenlernen von Liturgie und Liedern erfahren die Teilnehmenden etwas über die religiöse Verwurzelung der anderen.

Bild: Dunkenberger-Kellermann

50 Jahre europäischer Verständigung feierte Ende April 2017 der Europäisch-Ökumenische Studienkurs - eine einzigartige Begegnungsmöglichkeit für Christen aus ganz Europa.

"Es ist schon ein kleines Wunder!" Heinz Dunkenberger-Kellermann, der seit 16 Jahren im Ökumenereferat der Landeskirche den Studienkurs organisiert, ist begeistert. Dass ein Projekt, in dem sich Christen verschiedener Nationen und Konfessionen Jahr für Jahr ungezwungen begegnen, schon seit 50 Jahren bestehe - das sei schon etwas Einmaliges. Noch lange bevor an die Europäische Union zu denken war, zur Zeit der Deutschen Teilung und des kalten Krieges, sei die Idee entstanden, dass Europa nur durch persönliche Verständigung zusammenwachsen könne und dass die Christen einen wichtigen Beitrag dazu leisten könnten.

Zitat

Aus Unverständnis wurde Freundschaft, aus Ablehnung echtes Interesse aneinander, aus Trennungen entstanden Brücken zueinander. So haben die Begegnungen in Josefstal seit 50 Jahren einen wichtigen Beitrag geleistet zum Zusammenleben im gemeinsamen Haus Europa."

Oberkirchenrat Michael Martin

Auch für Oberkirchenrat Michael Martin, Leiter der Abteilung Ökumene, kann die Leistung des Studienkurses für die Versöhnung nicht hoch genug eingeschätzt werden: "Zuerst ging es um die Versöhnung zwischen Deutschen und Engländern, die im Krieg zu Feinden geworden waren. Dann war die Versöhnung mit den Ländern wichtig, die bis 1990 "hinter" dem eisernen Vorhang lebten und für die Kontakte besonders wichtig waren. Neben der Versöhnung von Ländern in Europa ging es von Anfang um die Versöhnung zwischen getrennten Konfessionen."

Zusammen lernen, beten, leben

Der Gedanke ist so einfach wie bestechend: Zehn Tage lang kommen auf Einladung der ELKB kirchliche Mitarbeitende aus ganz Europa nach Bayern ins Studienzentrum Josefstal, um dort gemeinsam zu lernen, zu beten und zusammen zu leben.

Mehr zum Thema

Dabei steht die Begegnung im Vordergrund. Am Ende stehen keine kirchlichen Verlautbarungen, Kompromisspapiere oder Lehrdokumente, sondern vielmehr persönliche Beziehungen, gewachsenes Verständnis und ein Netzwerk, das unterschiedliche Konfessionen in ganz Europa umfasst: Im vergangenen Jahr kamen Teilnehmende aus Polen, der Tschechei, der Slowakei, aus Ungarn, Serbien, Rumänien und Russland, aus der Ukraine, Estland und Lettland, aus Finland, Schweden, Island und Großbritannien sowie Italien, Österreich und Deutschland nach Josefstal. Verfeindete Staaten sind darunter, die unter anderen Bedingungen kein Wort miteinander wechseln würden. Und theologische Lager, die sich unter anderen Umständen schwertun, einander zu akzeptieren. Aber hier, im Schutzraum des Studienzentrums, versuchen sie wirklich Verständnis füreinander aufzubringen und alte Feindschaften zu vergessen.

Menschen auf einer Brücke im Sonnenuntergang ,©  CC0 Public Domain

Bild: CC0 Public Domain

Brücken bauen über Gräben hinweg

Heinz Dunkenberger-Kellermann: Ein Beispiel für gelungene Begegnung.

Ins Leben gerufen wurde der Studienkurs von Else Müller, damals ökumenische Studienreferentin im Amt für Jugendarbeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie bei einer Reise nach Großbritannien den Hass der Engländer auf die Deutschen erfahren, aber auch die Versöhnungsarbeit in der Kathedrale von Coventry erlebt. Auf ihre Initiative hin wurden ab Ende der 60er Jahre Christen aus Osteuropa zu einer ökumenischen Werkwoche nach Josefstal eingeladen – damals eine der ganz wenigen Möglichkeiten der Begegnung zwischen West- und Osteuropa.

Ein internationales Team

Was damals mit zehn Teilnehmenden klein begonnen hat, ist heute zu einer festen Institution geworden. 40 bis 50 Christen aus der lutherischen, katholischen, orthodoxen, reformierten, anglikanischen, waldenser und hussitischen Tradition sowie der Böhmischen Brüder treffen sich Jahr für Jahr zehn Tage lang zur ökumenischen Begegnung. Und die Nachfrage wäre noch viel größer, berichtet Heinz Dunkenberger-Kellermann. Seit Anfang der 80er Jahre ist der Studienkurs an das Ökumenereferat der Landeskirche angebunden."Das war ein Riesensprung." Damit habe man den Kurs auf landeskirchliche Ebene gehoben. Aber der Geist, berichtet Dunkenberger-Kellermann, sei der gleiche geblieben: Nach wie vor wird die Begegnung von einem internationalen Team und in Kooperation mit dem Studienzentrum Josefstal inhaltlich vorbereitet.

Internationale Stimmen zum Europäisch-Ökumenischen Studienkurs

Ewa Śliwka, Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen

Ewa Śliwka ,© ELKB

Bild: ELKB

"Im Kurs tauche ich ein in eine Welt, die Freude macht und Hoffnung gibt. Wir finden uns zusammen wie an einer Tankstelle, die uns Kraft-Stoff für das Leben gibt. Als Besonderheit empfinde ich die Offenheit und Freundlichkeit der Teilnehmer untereinander. Es zählt als Erstes, dass wir eine Gruppe sind, die Unterschiede treten in den Hintergrund. Gerade die Vielfalt motiviert mich. Unsere Treffen sind bunt, das ist für mich verlockend und bringt mich dazu, auch in mir ein bisschen bunter zu werden. Auch die Entdeckung anderer Denkweisen macht es spannend."

Remus Marian, Rumänisch-Orthodoxe Kirche

Remus Marian ,© ELKB

Bild: ELKB

"Der Europ.-Ökumenischen Studienkurs ist etwas Einmaliges. Erstens, weil er bereits seit seit 50 Jahren existiert. Er bringt verschiedene Kirchen, Menschen Konfessionen, Laender, Sprachen und Kulturen zusammen. Der Europ.-Ökumenischen Studienkurs bietet echten, wahren, praktischen und lebendigen Oekumenismus und ist fuer mich eine Höhepunkt des Jahres."

Dr. Eike Kohler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn

Eike Kohler ,© elkb

Bild: elkb

"Der ökumenische Studienkurs in Josefstal bietet Menschen, die in Kirche Verantwortung tragen, eine einzigartige Chance, in zehn Tagen im offenen Miteinander sowohl die Vielfalt des gelebten christlichen Glaubens in Europa zu erleben wie auch die Freude zu teilen über das, was uns über viele Landes- und Konfessionsgrenzen hinweg verbindet. Gerade der Fokus auf die persönliche Begegnung unterscheidet den Studienkurs wesentlich von den meisten anderen ökumenischen Versammlungen. Ich kenne abgesehen von den Europäischen Jugendtreffen in Taizé keinen anderen Ort, an dem Ökumene so sehr durch das gemeinsame Leben, Beten und den intensiven Austausch über die persönliche Sicht auf ein gemeinsames Thema geprägt wäre."

Bischof Jerzy Samiec, Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen.

Bischof Jerzy Samiec ,© elkb

Bild: elkb

"Zu Zeiten der Teilung Europas durch den „eisernen Vorhang” hatten die ökumenischen Kurse in Josefstal eine außergewöhnlich gewichtige Aufgabe, die in einer Zeit des erwachenden Nationalstaatsgedankens aufs Neue enorme Bedeutung gewinnt. Die Kontexte des Anderen kennenzulernen, der aus einer etwas anderen Kultur herkommt, ermöglicht es Vorurteile abzubauen und damit zugleich Befürchtungen, Ängste. Wenn ich daran denke, dass in diesem Jahr das 50 jährige Jubiläum gefeiert wird, wird mir bewusst, wie viele Teilnehmer doch an den Treffen teilgenommen haben. Ich bin überzeugt, dass sie ihren eigenen Anteil haben an den Veränderungen, die sich über die Jahre in Europa ereignet haben."

Dr. Richard Pamplin, Domherr der Anglikanischen Kirche, Großbritannien

Richard Pamplin,© Richard Pamplin

Bild: Richard Pamplin

"Der euroäisch-ökumenische Studienkurs ist eine zehntägige Begegnung mit anderen Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Kirchen. Diese zehn Tage ermöglichen, dass Beziehungen wachsen – in kürzerer Zeit wäre das nicht möglich. Der Schwerpunkt liegt auf der Begegnung, ohne den Druck, sich zum Ende des Treffens auf ein gemeinsames Wort zu einigen. Das gibt den Teilnehmenden die Gelegenheit, zu einem tieferen Verständnis „des Anderen“ zu gelangen. Ein solcher Einblick in die Lebenssituationen und die Gedanken anderer sind eine notwendige Basis, um schließlich – bei Folgetreffen und in einem anderen Zusammenhang  - einen bleibenden Konsens zu erzielen."

Dr. Jürgen Schwark, Recklinghausen

Jürgen Schwark,© elkb

Bild: elkb

"Der Ökumenische Studienkurs zeichnet sich durch seine Kontinuität und die Dauer der einzelnen Kurse aus. So können gute Erfahrungen an potentielle TeilnehmerInnen der nächsten Kurse weitergegeben werden. Die Dauer von 10 Tagen und die methodische Vielfalt (Vorträge, Gruppenarbeit, Andachten, Ausflüge, der Landeskirchliche Empfang und das gesellige Beisammensein am Abend) ermöglichen intensive Begegnungen der TN, die häufig zu langen Freundschaften führen und somit ein Netzwerk über ganz Europa ziehen Ich freue mich, dass es den Studienkurs weiterhin gibt. Ich blicke mit Dank und auch ein wenig Wehmut auf die Zeit meiner Mitarbeit zurück.

Bischof Reinhart Guib, Evangelische Kirche A.B. in Rumänien

Reinhart Guib,© Evangelische Kirche A.B. in Rumänien

Bild: Evangelische Kirche A.B. in Rumänien

"Der Europ. Ökumenische Studienkurs in Josefstal ist eine Oase zum Innehalten, Kraftholen und Ausrichten im Alltag der Kirche. Das Besondere an Josefstal ist die thematische Tiefe und unterschiedliche Herangehensweise sowie die Intensität der persönlichen Begegnung und versöhnlichen Beziehung mit Andersglaubenden –und Andersdenkenden, die voll zum Zuge kommt. Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien sendet seit rund 25 Jahren regelmäßig einen Delegierten nach Josefstal. Gerne würden wir auch mehrere entsenden, denn die Nachfrage bei uns ist groß. Gerade in einer Diasporakirche wie die unsere sind Fortbildung, aber auch die Öffnung zum Anderen, wie sie in Josefstal erlebt und gelebt werden bereichernd, lernintensiv, hilfreich und dienstnotwendig."

Bayern-Evangelisch.de hat Heinz Dunkenberger-Kellermann zu seinen Eindrücken von dem Studienkurs befragt.

Herr Dunkenberger-Kellermann, welches Ziel verfolgt die Landeskirche mit dem Studienkurs?

Die Bayerische Landeskirche hat die Möglichkeiten und die Mittel, einen wesentlichen Beitrag zu leisten für die Zusammenarbeit von Kirchen. Wir wollen exemplarisch zeigen, wie Beziehungen und Freundschaften zwischen Kirchen entstehen können. Das soll dann in den Kirchen und den Menschen weiterwirken. Wir leisten auch eine ganz wichtige Grundlagen- und Hoffnungsarbeit für Europa: Es rentiert sich, zusammenzuarbeiten für Europa, es rentiert sich, dass wir Kirchen Knotenpunkte in diesem Netz sind. Kirchliches Leben ist viel vielfältiger und reicher dadurch. Im Studienkurs nehmen wir uns gegenseitig ganz viel Angst und Vorurteile weg und ersetzen sie durch Vertrauen, Beziehungen und Freundschaft.

Wie kann man sich einen solchen Studienkurs vorstellen?

Der Kurs steht auf verschiedenen Säulen: Die eine ist dasThema - 2017 "Versöhung". Dazu gibt es Vorträge und viele Gruppenarbeiten. Die zweite Säule sind die gemeinsamen Andachten, das Gebet und die Gottesdienste. Wir haben jeden Tag eine Morgen- und eine Abendandacht, die am Anfang vom Team und dann von den Teilnehmenden selbst gestaltet werden - in ihrer Kultur und Konfession. Die dritte Säule ist das miteinander Reden, zum Beispiel beim "Forum Europa". Auch der kulinarische Teil ist dabei ganz wichtig  - ein Empfang, bei dem sich die unterschiedlichen Länder mit ihren Spezialitäten präsentieren. Da kann man Europa sehen, schmecken und riechen. Und das Vierte ist die Freizeit. Die Leute haben genügend Pausen, damit sie miteinander gehen, feiern, reden, schwimmen  - eben sich begegnen können.

Sie organisieren seit 16 Jahren den Studienkurs - hat er sich in dieser Zeit verändert? 

Der Studienkurs ist jünger, weiblicher und orthodoxer geworden. Mittlerweile sind regelmäßig acht bis zehn Christen aus verschiedenen orthodoxen Kirchen dabei. Ich habe zwei Orthodoxe mit ins Vorbereitungsteam geholt - das gab es vorher so nicht. Die beiden sind jetzt schon eine ganze Weile dabei, und mittlerweile ist da eine gute Vertrauensbasis entstanden – vielleicht auch, weil wir jeden zweiten Studienkurs im Ausland vorbereiten. Dort besuchen wir dann die Kirchenleitung und ehemaligen Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Wie wirkt der Studienkurs in die Kirchen zurück?

Ich würde sagen, bei 95 Prozent der bayerischen Teilnehmer hat der Kurs etwas in ihrem Leben bewegt. Sie haben erfahren: Ökumene kann gelebt werden. Diese positive Erfahrung lässt sie nicht mehr los: Ökumene ist so vielfältig und so schön. Dadurch wird eine große Sehnsucht geweckt, weiter ökumenisch zu arbeiten. Sie sind vom "ökumenischen Bazillus" angesteckt.

Bei den Teilnehmenden aus mittelosteuropäischen Kirchen ist die Wirkung noch stärker. Sie kommen ja oft aus sehr kleine Kirchen, Minderheitskirchen. Sie haben erlebt: Sie werden von uns eingeladen, sie werden gesehen und respektiert. Sie erfahren, dass sie in einem Netz von Gemeinschaft sind - und das ist sehr viel wert. Dadurch, dass die Kirchen einen Vertreter oder eine Vertreterin herschicken, erhalten sie zudem die Möglichkeit, dass dieser eine europäische Perspektive erhält. Ich bin Leuten begegnet, die vor 25 Jahren auf dem Studienkurs waren und sagten: Das ist das Beste, was ich je erlebt habe. Das nehmen sie in ihre Kirchen mit: eine gute ökumenische Erfahrung - auch mit anderen Konfessionen des eigenen Landes - und den europäischen Gedanken. Dafür erfahren wir oft eine große Dankbarkeit.

Ausschnitt aus einer Europakarte,©  CC0 Public Domain

Bild: CC0 Public Domain

"Wir gehören dazu"

Manchen öffnet der Studienkurs die Augen dafür, dass sie zu dem großen Netz Europa gehören, berichtet Heinz Dunkenberger-Kellermann.

Gibt es schwierige Themen in der Begegnung?

Ein ganz heißes Eisen ist natürlich das Thema Migration. Das ist deswegen so schwierig, weil es in den einzelnen Nationen völlig unterschiedlich erlebt wird - sowohl von der Mentalität wie von der Politik her. Und auch die Geschichte spielt immer eine Rolle. Wir Deutschen haben nicht das gleiche Geschichtsbewusstsein wie beispielsweise die Ungarn. Ihr Land stand einmal unter türkischer Besatzung. Das gehört zu ihrer Geschichte, und das war keine gute Geschichte. Deshalb haben sie ein anderes Verhältnis zu den Türken als wir. Das sind ganz tiefe Wurzeln, die weit in die Vergangenheit zurückreichen - eine Folie, vor der alles abläuft. Dies alles bringen die Teilnehmer in den Studienkurs mit - das macht ja vor den Kirchen nicht halt. 

Ein zweites Thema ist die Situation nach der Wende: Viele Menschen in den mittelosteuropäischen Ländern sind nicht Gewinner, sondern Verlierer der Wende. Zum Beispiel Ostslowakei: Hier haben fast alle Firmen aufgegeben. Und die wenigen übriggebliebenen sind unzuverlässig. Die Frauen arbeiten inzwischen als Pflegerinnen in Westeuropa, und die Männer sind nachgewandert. Wenn die Kinder Glück haben, gibt es Oma und Opa. Das heißt: Die Menschen dort haben verloren.Unter dem Kommunismus hatten sie zwar nicht viele Möglichkeiten, aber es gab eine große Sicherheit. Die Leute haben sich gesehnt nach Reisen und nach Freiheit -  aber was jetzt gekommen ist... .Es ist praktisch die gesamte Struktur zusammengebochen.

Was bedeutet das für die Gespräche im Studienkurs?

Das bedeutet erst einmal eine völlige Ungleicheit der Lebenssituationen, aus denen wir kommen.Und eine Ungleichheit der Lebensmöglichkeiten. Erst in der Begegnung und durch das längere Kennenlernen kommen wir auf dieselbe Ebene. Das Gefälle wird durch die längere Begegnung aufgehoben. Aber es ist da. Allein finanziell. Wir als Kirche laden die mittelosteuropäischen Teilnehmer ein, weil ihre Kirchen und sie es sich gar nicht leisten könnten. So versuchen wir von Anfang an zu vermitteln: "Dass Ihr zu uns kommt und uns besucht, ist ein Geschenk für die Bayerische Landeskirche." Wir versuchen auch, uns auch auf eine Stufe zu stellen, indem wir uns im Kurs nur mit dem Vornamen anreden – ganz gleich ob Bischof oder Lehrerin, ob Slowake, Balte oder Deutscher.

Gibt es kritische Punkte in der Ökumene?

Natürlich gibt es kritische Punkte, die zwischen den Konfessionen bestehen. Ich mache das einmal an einem früheren Teilnehmer aus der Orthodoxen Kirche in Polen fest, der nicht akzeptieren konnte, dass es eine Vielfalt von Meinungen gibt, sondern beispielsweise in Fragen der Bibelauslegung oder der Spiritualität nur eine einzige Meinung gelten ließ. Der hat sich irgendwann nicht mehr an den Gesprächen beteiligt, weil er keine anderen Meinungen mehr hören wollte. Dagegen fällt es der westeuropäischen Seite oft schwer zu akzeptieren, wenn einer die Frauenordination in Frage stellt oder sagt: „Homosexualität ist Sünde.“

Bei solchen Grundsatzfragen führt es nur weiter, dem anderen seinen eigenen Standpunkt zuzugestehen, der für ihn gültig und wahr ist. Ich kann den anderen darum bitten, mir seine Haltung zu erklären und versuchen, ihn zu verstehen. Ich brauche die Welt des anderen nicht zu übernehmen, aber ich muss sie akzeptieren. Und ich kann versuchen, ihm meine Welt zu erklären. Und wenn das gut geht, entstehen wirklich Brücken. Aber ich werde den anderen nicht überzeugt haben. Die große Kunst ist die Akzeptanz  - und das strahlt aus.

Was ist für Sie der besondere Charme dieses Kurses - gerade in unserer Zeit?

Was ich besonders schätze ist, dass wir die Erfahrung machen, dass wir aus verschiedenen Kulturen, verschiedenen Traditionen und  Konfessionen kommen, dass wir sie uns gegenseitig zeigen und dass wir sie wertschätzen lernen. Dabei wird ein unendlich großer Reichtum sichtbar, den wir genießen dürfen. Ich erlebe so viele tolle Menschen aus mittelosteuropäischen Kirchen mit so einer großen Offenheit und Herzlichkeit, dass ich an einem Europa bauen will, das zusammengehört. Und diesen Keim möchte ich auch in andere hineinpflanzen, trotz der Ängste vor Migranten, trotz der Tendenzen zur Abschottung, trotz der Tendenzen zu Nationalismus. Diese Tendenzen sind alle da - auch in unserem Kurs. Aber die Begegnung wirkt viel, viel stärker.


23.04.2017 / Anne Lüters