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Hände mit einem roten Wecker

Zeit geben – für andere, die diese Zeit dringend brauchen: Das ist die Idee der Freiwilligenbörse „Zeitgeister“.

Bild: istockPhoto / oonal

Die „Zeitgeistern“ in Unterschleißheim

Zeit statt Geld spenden

Bei den „Zeitgeistern“ spendet man Zeit statt Geld und unterstützt damit Jung und Alt in nächster Nähe - beim Einkauf, bei der Kinderbetreuung oder beim Einleben in Deutschland.

Als ihre über 90-jährige Mutter mehr und mehr Hilfe benötigt, sucht Astrid Scholz-Grün vergeblich nach Menschen, die mal eine Besorgung übernehmen, die Medikamente von der Apotheke abholen oder auch einfach nur einen Spaziergang mit ihrer Mutter machen können. Auch ihre Anfrage bei der Kirche bleibt ohne Erfolg. "Damals habe ich mir gedacht: Das kann doch nicht sein, dass meine Mutter jahrelang in die Kirche geht und das Gemeindeblatt austrägt, und dann gibt es niemanden, der sie besucht."

"Ein Verein ist immer nu so gut wie seine Mitglieder"

Sie selbst ist Gymnasiallehrerin in München und holt die Mutter schließlich in ihre Nähe, doch auch da ist Astrid Scholz-Grün in Sachen Kümmern auf sich allein gestellt - oder muss für alles und jedes bezahlen. "Damals war ich ziemlich frustriert“, erzählt Astrid Scholz-Grün. "Aber dann habe ich irgendwann gedacht, dass man nicht immer nur jammern kann, sondern sich einsetzen muss, wenn etwas fehlt." Ein Verein sei immer nur so gut wie seine Mitglieder, habe eine Mitarbeiterin aus dem örtlichen Pfarramt damals zu ihr gesagt. Astrid Scholz-Grün nimmt sich das Motto zu Herzen - und gründet im Jahr 2010 die Freiwilligenbörse "Zeitgeister".

„Jeder darf sich aussuchen, was er machen will und wofür er seine Zeit spenden will“

Astrid Scholz-Grün, Gründerin der Freiwilligenbörse „Zeitgeister“

Die „Zeitgeister“ sind Menschen, die etwas von ihrer Zeit zur Verfügung stellen, um andere zu unterstützen. Um ein „guter Geist“ zu sein, einer der Zeit hat. „Anfangs dachte ich, dass es hauptsächlich um ältere Menschen gehen wird, die Hilfe brauchen“, erzählt Astrid Scholz-Grün im Rückblick. Doch dann hätten sich vor allem junge Familien und alleinerziehende Eltern gemeldet. Und überraschenderweise noch viel mehr Leute, die ihre Hilfe anbieten wollten. „Es gibt ein ungeheures Potential an Menschen, die sich engagieren wollen“, sagt Astrid Scholz-Grün, „nur oft wissen sie nicht wo.“

Die „Zeitgeister“, so könnte man sagen, sind eine Art „modernes Ehrenamt“ und dem mobilen Leben von heute angepasst. So beinhaltet die Arbeit als „Zeitgeist“ zum Beispiel keine dauerhafte Verpflichtung - oft sind es einmalige Engagements wie eine Reparatur im Haus oder ein Einkaufsgang, mal mehrwöchige Verpflichtungen. „Aber jeder darf sich aussuchen, was er machen will und wofür er seine Zeit spenden will“, erzählt Astrid Scholz-Grün. Interessierte melden sich per Telefon, E-Mail oder über die Webseite. Dann findet ein Erstgespräch mit Diakon Peter Braun statt. Über eine Datenbank werden „ZeitgeberInnen“ und „ZeitehmerInnen“ schließlich miteinander vernetzt, und ein Treffen wird arrangiert

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Peter Braun, Diakon der evangelischen Gemeinde Unterschleißheim, arbeitet seit 2010 einige Stunden pro Woche für die „Zeitgeister“. „Für mich ist das eine tolle diakonische Aufgabe,“ sagt Peter Braun, „Wir haben hier nicht nur eine tolle Initiative, die aus der Gemeinde herausgewachsen ist, sondern wir kommen auch mit vielen Menschen aus unserer Kirche überhaupt erst in Kontakt.“ Die Stadt Unterschleißheim hat zusätzlich eine Arbeitskraft auf 400-Euro-Basis gestiftet, die die Koordinationsaufgaben bei den „Zeitgeistern“ übernimmt. Im Jahr 2012 bekamen die „Zeitgeister“ den Ehrenamtspreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern verliehen - eine große Auszeichnung für eine geniale Idee.

Für Astrid Scholz-Grün hat sich mittlerweile die Flüchtlingshilfe als Hauptarbeitsfeld ergeben. Wöchentlich bietet sie in den Räumen der evangelischen Kirche in Unterschleißheim Deutschunterricht für Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien an. „Ich habe mich immer für fremde Sprachen und Kulturen interessiert - und hier kann ich mein Wissen und meine Erfahrung als Lehrerin gut einbringen“, erzählt die pensionierte Deutschlehrerin.

Heinrich Bedford-Strom

Cover des Buches Heinrich Bedford-Strom: Mitgefühl - Ein Plädoyer, Claudius Verlag

Mitgefühl - Ein Plädoyer, Claudius Verlag

Das Thema Flucht und Migration bestimmt die öffentliche Debatte in Deutschland. Sie wird leidenschaftlich, zum Teil auch verbittert geführt. Umso wichtiger: ein klarer Blick auf die Komplexität des Problems und eine ethische Richtschnur für die Mammutaufgabe der Integration. Heinrich Bedfort- Strohm stellt sich die Frage, wie mit dem weit verbreiteten Gefühl der Überforderung umzugehen sei. Sein Plädoyer für eine Haltung der Empathie will einen neuen und vertieften Geist der Gemeinsamkeit befördern.

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„Man hat mir geholfen, wieder vollständiger Mensch zu werden“

Manches Mal wird ein „Zeitnehmer“ auch zum „Zeitgeber“: Maximilian G., der selbst Hilfe durch die „Zeitgeister“ in Anspruch genommen hat, begleitet Astrid Scholz-Grün einmal zu einem ihrer Kurse. Die Arbeit mit den Flüchtlingen begeistert ihn, und er beschließt, einen Kurs in technischem Zeichnen anzubieten. „So können die Menschen ihre Zeit im Asylverfahren sinnvoll nutzen und Kenntnisse erwerben, die ihnen entweder hier oder in ihrer Heimat von Nutzen sein können“, meint Maximilian G. Als gelernter Metallbaumeister ist er dabei in seinem Element - und kann zudem seine Erfahrung mit Lehrlingen einbringen. Ein Großprojekt zum Bau eines Solarkochers, den seine Schüler dann in ihrer Heimat bauen und vertreiben können, ist bereits geplant.

„Man hat mir hier geholfen, dass ich wieder vollständig Mensch werde“, sagt Maximilian G., „und jetzt kann ich etwas davon zurückgeben und anderen helfen. Das macht glücklich.“ Nach ihren Stunden mit den Flüchtlingen seien er und Astrid Scholz-Grün oft lachend durch den Park gelaufen, weil die Arbeit so viel Freude mache - und dabei so wenig kostet. Nichts eigentlich außer „Zeit“ und „Geist“ eben.

06.08.2014
Katharina Wörn

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Literaturtipp

Cover des Buches SONNTAGSBLATT THEMA: Die Kraft der Seele
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SONNTAGSBLATT THEMA

Die Kraft der Seele

»Die Kraft der Seele – Was uns fürs Leben stark macht« beschäftigt sich mit dem Begriff der Resilienz. Ist Resilienz angeboren, oder kann man das lernen? Wie können Menschen Krisen unbeschadet überstehen? Ein Patentrezept gibt es dafür nicht: Der Blick nach vorn, gute Freunde, ein starker familiärer Rückhalt, der Glaube, die Zeit – es sind viele Mosaiksteinchen, aus denen am Ende das Bild einer starken Seele wird. Denn Brüche gehören zum Leben dazu. Erst durch sie kann Gottes Licht in unser Leben scheinen.

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