9. Kunstsymposium der ELKB

Entsteht Sehnsucht im Schmerz?

Rast auf der Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Istzustandes, Matthias Böhler, Christian Orendt, Rothenburg, 2017

Rast auf der Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Istzustandes, Matthias Böhler, Christian Orendt, Rothenburg, 2017

Bild: Matthias Böhler, Christian Orendt

Annäherung an die Figurengruppe „Rast auf der Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Istzustandes" von Matthias Böhler und Christian Orendt – ein Beitrag von Christof Hechtel.

Irgendwie gestrandet im fränkischen Mischwald, so wirkt die Figurengruppe von Matthias Böhler und Christian Orendt. Elf Figuren junger Frauen und Männer, stehen in Freizeitkleidung mit Handgepäck und Rucksack mitten im Wald. Ein paar Meter neben dem Fußweg an der Treppe, die von Rothenburg ob der Tauber zum Wildbad führt. Geht man die Stufen hinunter, erschrickt man zuerst. Inmitten der Bäume auf dem von Laub und Efeu bedeckten Boden sieht man ein paar Gestalten. Zuerst drei, vier, dann auch die anderen. Fast möchte man grüßen. Doch niemand bewegt sich. Es stellt sich ein diffuser Eindruck ein. Irgendetwas zwischen Märchenwald und Geisterbahn.

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Tritt man näher, nimmt man teilnahmslose, desillusionierte Gesichter wahr, die sich alle irgendwie ähneln. Ein Mann mit beigem Trenchcoat und schwarzem Hut steht da mit seiner Reisetasche in der Hand. Eine junge Frau hält ihre Hände vor ihr Gesicht und blickt in den Himmel. Eine andere mit hellgrünem Mundschutz steht gebeugt und hält ihren Teleskopstab mit Foto-Handy in der Hand, bereit für das nächste Selfie. Eine Frau mit blondem Haar schaut teilnahmslos vor sich auf den Boden. Rucksäcke und Koffer sind abgestellt zwischen den Baumstämmen. Ein Vogel singt, aber der Farbige, der an einem Baumstamm lehnt, bleibt ungerührt. Unheimlich wirkt die Gruppe. Assoziationen stellen sich ein an die großen Expeditionen des 19. Jahrhunderts, die aufgebrochen sind zu den weißen Flecken auf der Landkarte, zum Nordpol oder ins Amazonasgebiet. Nicht alle kamen an. Manche sind gestrandet im Niemandsland und erst hundert Jahre später findet man eine Schiffsplanke, einen Blechteller, einen Schuh. Und man rekonstruiert, was geschehen sein könnte.

Doch hier geht es nicht um Vergangenheit. Die Figuren tragen moderne Kleidung. Da ist ein Rucksack mit Smiley in Pink. Ein junger Mann trägt ein Kapuzenshirt in Tigeroptik. Ein rotes Herz prangt auf einem weißen T-Shirt: „I love Tofu“. Wie erstarrt in ihrer spontanen Bewegung stehen die Figuren im Wald. Die mit Kunstharz überzogenen Kleidungsstücke verleihen den Figuren die Anmutung eines trendigen Wetlooks. Oder sind alle einfach nur nass geregnet? Botschaften auf Sweatshirts und Jacken werden erkennbar: „You only live once“, „sometimes the hardest way ist the right way“, “destination promised land” oder einfach “life is good”. Die optimistisch klingenden Worte stehen in spannungsvollem Gegensatz zu Haltung und Gesichtsausdruck der Figuren. Haben die Figuren sich verlaufen und machen hier nur Rast, bis es weitergeht? Und was lässt sie so betroffen aussehen, was macht sie so traurig?

Rast auf der Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Istzustandes, Matthias Böhler, Christian Orendt, Rothenburg, 2017

Ist es eine Flucht vor oder eine Rast in diesen Herausforderungen, auf der man die jungen Leute im Rothenburger Wald trifft?, fragt sich Christof Hechtel.

Bild: Matthias Böhler, Christian Orendt

Für die Deutung der Arbeit von Böhler und Orendt lohnt es, sich mit ihrer Recherche zu beschäftigen. Von der Beobachtung der Touristenströme Rothenburgs ausgehend, stießen sie auf eine Untersuchung, die sich mit Reiseeindrücken vornehmlich asiatischer Touristen in Paris beschäftigt. Kaum angekommen erleben nicht wenige eine Art Trauma. Desillusionierung und Enttäuschung machen sich breit. Gerade die Touristen, die gut vorbereitet anreisen, die französische Literatur und Bilder der französischen Romantik oder der Impressionisten im Kopf haben, sind maßlos enttäuscht von der hektischen, pulsierenden Atmosphäre der modernen europäischen Metropole. Die Vorstellung im Kopf und das reale Paris bringen sie nicht zusammen. Die hohen, überzogenen Erwartungen zerplatzen an der Wirklichkeit. So kann selbst Paris nur enttäuschen.

Eine Figur wirkt wie eine direkte Umsetzung der Paris Untersuchung. „Life ist good“ ist auf dem einem schwarzen Kleidungsstück einer Figur zu lesen. Die Palme mit Insel neben der Aufschrift, lässt an die Karibik denken. Doch von der Traumwelt des Kleidungsstücks ist in der Realität keine Spur zu finden. Hier sind nur Kiefern und einheimische Laubbäume. Offenbar besteht ein Spannungsverhältnis zwischen den Lebenseinstellungen, die sich als Zitate auf den Kleidungsstücken der Figuren finden und dem, was wirklich da ist. Daraus ergibt sich die Aufgabe „der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Ist-Zustandes“, wie es im Titel der Arbeit heißt.

In der Tat lässt sich Leben heute in Spannungsfeldern beschreiben. Da ist ein Bedürfnis nach Sicherheit auf der einen Seite und auf der anderen Seite brechen an vielen Orten Europas unmittelbar Kriegsfolgen in Form von Terroranschlägen durch. Es gibt für viele einen gewissen Wohlstand, dem aber auf der anderen Seite eine hohes Lebenstempo und die Arbeitsbelastung – oft von Doppelverdienern – gegenüberstehen. Gerade die jüngere Generation, die sich Zeit nehmen will für Familie und Ausgleich, sieht sich knappem Wohnraum und teuren Mieten gegenüber, besonders in Großstädten. Der Begriff einer life-work Balance hat Konjunktur. Die sozialen Sicherheitssysteme greifen einerseits, andererseits ist nach wie vor ein erhöhtes Armutsrisiko zu verzeichnen, für Paare mit Kindern, die sich trennen, für Alleinerziehende und Menschen mit geringer Qualifikation. Hunger, Umweltkatastrophen, unsichere Führungsstrukturen ganzer Länder, Klimaerwärmung sind weitere Themen, die Böhler und Orendt im Hinterkopf haben mögen, wenn sie von der „confrontation with the fucked-up-ness of the status quo“ sprechen.

Rast auf der Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Istzustandes, Matthias Böhler, Christian Orendt, Rothenburg, 2017

Totengebeine auf einem weiten Feld, eine Anlehnung an den Propheten Hesekiel?

Bild: Matthias Böhler, Christian Orendt

Ist es eine Flucht vor oder eine Rast in diesen Herausforderungen, auf der man die jungen Leute im Rothenburger Wald trifft? Wie zur Salzsäule erstarrt stehen sie da. Die Redensart „zur Salzsäule erstarrt“, hat ihren Ursprung in der Bibel. Sie erinnert an Lots Frau, die auf ihrem Weg in die Zukunft, den Blick auf die Vergangenheit, zurück auf die brennende Stadt, nicht lassen kann. Sie kann sich nicht lösen und dreht sie sich trotz aller Warnungen um. Da bleibt sie stehen. Zur Salzsäule erstarrt. Für immer.

Doch so düster muss man Böhler und Orendts Figuren nicht sehen. Die Aufschriften auf ihren Kleidungsstücken, die vom gelobten Land handeln, von der Einzigartigkeit des Lebens, von Träumen, die Menschen beflügeln können und davon, dass der schwerste Weg gerade der richtige sein kann, weisen in eine andere Richtung. Wer sagt, dass es so bleiben muss? Wer weiß, was sich in ihrem Inneren bewegt, was im Stillen entsteht? Es lässt sich vorstellen, dass die eingefrorenen Haltungen sich wieder in Bewegung setzen – langsam vielleicht nur, wie in slow motion. Der Prophet Hesekiel sieht in einer einzigartigen Vision, wie sich Totengebeine auf einem weiten Feld wieder mit Sehnen, Muskeln, Haut überziehen und lebendig wird, was tot erschien. Gott selbst haucht den Toten wieder seinen Atem ein. Entsteht Sehnsucht genau da, wo vorher Leere war, der Abgrund, das Grauen?

Rast auf der Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Abgefucktheit des Istzustandes, Matthias Böhler, Christian Orendt, Rothenburg, 2017

Einfach nur Dasitzen, Atem holen, Innehalten, Nachdenken, Spüren, zu sich kommen, sich besinnen.

Bild: Matthias Böhler, Christian Orendt

„Sehnsuchtsorte“ lautet der Titel des 9. Kunstsymposions der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, in dessen Rahmen die Figurengruppe der Öffentlichkeit übergeben wurde. Als erste Arbeit in dem auf mehrere Jahre angelegten Kunstprojekt „Art Residency Wildbad“, dem weitere Arbeiten folgen werden. „Ist es nicht so, dass wir immer auch einmal wieder wie leer dastehen?“, fragt eine Betrachterin im Blick auf die Figuren. „Das gehört doch auch zu uns“, fährt sie fort. Jemand anderes fühlt sich an Max Frisch erinnert, der offenbar in einem seiner Tagebücher die Frage gestellt hat, welche Träume die wichtigeren sind, die erfüllten oder die unerfüllten. Ein Songtext von Peter Gabriel wird zitiert: „from the pain come the dream”. Auf diesem Hintergrund erschließt sich die Mehrdeutigkeit der Gesichter und Haltungen bei den Figuren von Böhler und Orendt. Da sind Schmerz, Betroffenheit, Angst, Bewegungslosigkeit, Ermüdung, Resignation. Aber auch einfach nur Dasitzen, Atem holen, Innehalten, Nachdenken, Spüren, zu sich kommen, sich besinnen.

Vielleicht mag mancher die Figuren zu ernst empfinden. Auf der anderen Seite: Der Prophet Jesaja im Alten Testament spricht angesichts des Unglücks, das er kommen sieht, seine Zeitgenossen mit Worten der Totenklage an – als seien die Lebenden unbeweglich wie die Toten. Der Prophet tut das, um seine Zeitgenossen zu warnen. Damit vielleicht noch abgewendet werden kann, was sich wie dunkle Wolken vor seinem geistigen Auge zusammenbraut. Oder wie mag man sich Jesus vorstellen zwischen den Bäumen des Gartens Gethsemane, als er sich fragt, wie sein Leben endet? Die biblische Botschaft des Alten – und Neuen Testaments weist Wege durch die Tiefen, durch die Abgründigkeit des Lebens. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass die Wahrheit tröstender Worte und die Wegweisung für die Zukunft sich erst erweisen, wenn sie wirklich auch noch am Nullpunkt tragen. Davon handeln die Gottesknechtslieder Jesajas, die den durch Schmerz und Krankheit entstellten Menschen beschreiben genauso wie der Weg auf Ostern zu, der ohne Karfreitag nicht zu haben ist. Der Weg zum Leben führt durch den Tod. Ein neuer Weg oft erst durch Ringen und Schmerz.

Wer genau hinschaut, sieht: Die Figuren von Böhler und Orendt verweisen auch auf die Einmaligkeit des Lebens. „You only live once“ steht auf dem grünen T-Shirt des jungen Mannes mit Brille. Darüber – wie eine Sonne – ein Smiley. Ein lachendes Gesicht – ganz gegen den Augenschein. Wer gegen den Augenschein hoffen und leben kann, muss sich vor dem Leben nicht fürchten. Er kann weitergehen.

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Cover des Buches Christof Hechtel

Christof Hechtel

Christof Hechtel ist Referent für Verkündigung mit Medien und Gottesdienstberatung am Gottesdienst-Institut, Nürnberg.


09.11.2017 / Christof Hechtel