{Abo bestellen}
Wo Kinder gemeinsam trauern können - zehn Jahre Lacrima
Wenn Kinder trauern, können die Eltern oft nicht helfen. Seit zehn Jahren werden Kinder und Jugendliche im Münchner Zentrum "Lacrima" bei ihrer Trauer unterstützt. Hier lernen sie, mit Schmerz, Wut oder dem Gefühl von Schuld umzugehen. Zehn Jahre "Lacrima", das bedeutet, zehn Jahre Tränen, zehn Jahre geteiltes Leid und zehn Jahre Wege zurück ins Leben. Bayern-evangelisch.de befragte Diakon Tobias Rilling zu den Anfängen und der Entwicklung des Zentrums für trauernde Kinder.
Herr Rilling, Sie haben 2002 Lacrima ins Leben gerufen – wie kam es dazu?
Eine einschneidende Erfahrung auf ein Zeltlager, das ich als Jugendreferent der Evangelischen Jugend in München Nord betreute. Damals wurde ein Kind mitgeschickt, das seinen Vater verloren hatte. Es hat ein paar Tage gebraucht, bis wir merkten, dass das Kind kein Heimweh hatte, sondern trauerte. Wir haben das dann in der Runde besprochen und bearbeitet - und es war ganz toll, wie die Kinder die Trauer aufgegriffen und von eigenen Verlusterfahrungen erzählt haben. Die Kinder haben wirklich gut reagiert und der betroffene Junge hat sich verstanden gefühlt, er durfte weinen und trauern.
Damals habe ich mir gedacht: „Für diese Jungen und Mädchen sollte man etwas tun!“ Und ich habe mich umgesehen, ob es in München Einrichtungen für trauernde Kinder gibt. In der „Weltstadt mit Herz" sollte das doch zu finden sein, dachte ich. Aber da gab es nichts. Tabula Rasa. Da habe ich es selbst in die Hand genommen.
Wie sind Sie unter die Trägerschaft der Johanniter gekommen?
Zuerst bin ich noch unter dem Dach der Evangelischen Jugend München geblieben, die mich mit einem Teil meiner Stunden für diese Arbeit freistellte. Ich habe aber schnell festgestellt, dass das bei weitem nicht ausreichte. Da habe ich mich auf die Suche gemacht. Seit 2007 bin ich jetzt unter dem Dach der Johanniter. Dieser Wechsel hatte den großen Vorteil, dass wir jetzt deutschlandweit aufgestellt sind. Insgesamt haben wir zehn Standorte, so auch in Darmstadt, Cottbus und Nürnberg.
Wichtig war mir bei den Johannitern auch der landeskirchliche Bezug. Wir haben als Kirche viel zu dem Thema Trauer zu sagen. Es ist doch unser Ureigenstes, Trauernde zu trösten. Deswegen habe ich mich auch sehr gefreut, dass Regionalbischöfin Breit-Keßler im Gottesdienst zu unserem Jubiläum gepredigt hat.
Inwiefern sind Kinder besonders betroffen, wenn ein Angehöriger stirbt?
Wenn eine Bezugsperson wegfällt, ist oft das Selbstwertgefühl der Kinder angeknackst. Sie fühlen sich in der Familienkonstellation unsicher, übernehmen Schutzhaltungen und Rollen, die sie überfordern. Vor kurzem hat mir ein neunjähriger Jan gesagt, er sei jetzt der Mann im Haus. Oder die Kinder unterdrücken die Trauer, weil die Familie nicht gelernt hat zu trauern. Sie fangen an, aggressiv zu werden, weil sie es nicht aushalten, sich unter Kontrolle zu halten. Andere nässen ein oder werden zu schnell erwachsen.
Was tut Lacrima für trauernde Kinder?
Wir begleiten die Kinder in einer Gruppe alle 14 Tage für zwei Stunden. Das reicht, damit die Kinder unabhängig von der Rolle, die sie daheim spielen müssen, ihren Weg durch die Trauer finden können. Kinder trauern anders – deswegen bieten wir spezielle Formen für sie an, beispielsweise die Trauerreitgruppe, den Toberaum, der ganz wichtig für die Jungs ist, oder den Kreativraum für künstlerisch veranlagte Kinder. Ganz wichtig ist es uns auch, ein Bewusstsein für Rituale zu vermitteln. So beginnen unsere Gruppenstunden immer mit einer Kerzenrunde.
Und die Eltern?
Für sie gibt es parallel zur Kindergruppe Angebote. Das Projekt „gehen, trauern, wandeln“ beispielsweise. Das ist ein Pilgerangebot von München nach Rottenbuch nur für Erwachsene, das sehr gut angenommen wird.
Zehn Jahre Lacrima – was sind Ereignisse, die ihnen in dieser Zeit besonders wichtig waren?
Zum einen die Erkenntnis, dass unsere Arbeit not-wendig ist. Wir werden gefragt - nicht nur bei Krisen, sondern auch danach. Eindrücklich war mir beispielsweise die Begleitung trauernder Kinder nach dem Einsturz des Daches der Eissporthalle in Bad Reichenhall. Als sich nach einem Dreivierteljahr alle Helfer zurückgezogen hatten, erhielten wir die Anfrage, ob wir nicht eine Gruppe gründen wollten. Die Gruppe lief dann sehr gut.
Wie hat sich Lacrima weiterentwickelt?
Angefangen haben wir mit einer Gruppe von 7-15 Kindern. Jetzt betreuen wir 52 Kinder und Jugendliche.
In zehn Jahren?
Werden wir über 200 Kinder betreuen – das wäre so ein Wunsch von mir. Und dass wir noch mehr flächendeckend im ganzen Land präsent sind. Vielleicht werden wir auch Geschwisterkinder der kleinen Patienten auf Palliativstationen betreuen. Und wir werden ein festes Haus haben: Da sind wir gerade auf der Suche. Bisher sind wir an ganz verschiedenen Standorten zur Miete. Aber das ist kein Zustand: Immer aus Kisten zu leben ist pädagogisch wirklich schlecht.
Herr Rilling, herzlichen Dank für das Gespräch und Gottes Segen für die nächsten zehn Jahre Lacrima.


