Verpassen Sie in Zukunft keine Ausgabe der „nachrichten“ - bestellen Sie hier online Ihr Abonnement!
{Abo bestellen}
 
  • Diese Seite bei Technorati bookmarken.
  • Diese Seite bei Twitter bookmarken.
  • Diese Seite bei MySpace bookmarken.
  • Diese Seite bei Netvibes bookmarken.
  • Diese Seite bei Yahoo bookmarken.
  • Diese Seite bei Delicious bookmarken.
  • Diese Seite bei Mr. Wong bookmarken.
  • Diese Seite bei Stumpleupon bookmarken.
  • Diese Seite bei Facebook bookmarken.
  • Diese Seite bei Google bookmarken.

'Von Gehörlosen lernen'

Wer schon immer genau wissen wollte, was hinter dem Begriff "Inklusion" steckt, der sollte mal mit Joachim Klenk reden. Der evangelische Pfarrer und Leiter der Gehörlosenseelsorge Bayern wurde am 1. Juli in Nürnberg aus seinem Amt verabschiedet. Nach 20 Jahren Arbeit für die Gehörlosenseelsorge fordert der 51-jährige Theologe, dessen Nachfolge in Nürnberg Pfarrerin Cornelia Wolf und Pfarrer Matthias Derrer zu je einer halben Stelle übernehmen, eine "Checkliste Inklusion" für seine evangelische Landeskirche. 

Inklusion mit Leib und Seele

Der zuständige Oberkirchenrat Detlev Bierbaum lobte Klenk als einen, "der Inklusion mit Leib und Seele" verinnerlicht habe. Er würdigte das Soziale Teilhabezentrum "Ararat" der Gehörlosenseelsorge und die überregionale Aus- und Fortbildung, die in Nürnberg geschieht. Wenn man mental dazu bereit sei, "ist Inklusion eine Leichtigkeit", betont Klenk. So kam zu seiner Verabschiedung auch die bayerische Beauftragte für die Belange der behinderten Menschen in Bayern, Irmgard Badura. Sie ist blind. Damit sie an einem Festgottesdienst für Gehörlose teilnehmen konnte, der auf Bildern, Gebärden und Pantomime basierte, wurde für Badura eine Dolmetscherin für Hörende engagiert und beim anschließenden Empfang begleitete sie ein Assistent und stellte für sie Kontakte her. "Das ist aufwendig und will durchdacht sein, aber das ist Gastfreundschaft", sagt Klenk.

Für eine kommunikative Kirche

Kirche müsse kommunikativer werden, so Klenk, und das könne sie von den Gehörlosen lernen. Deren Gebärden seien auch im Kindergottesdienst oder in der Jugendarbeit vorstellbar. Den Begriff "Vergebung" könne man Konfirmanden am besten mit einer Geste erklären. Klenk führt die rechte Hand links zu seiner Brust und zieht den Arm dann nach oben. "Gott nimmt etwas von meinem Herzen", heißt das. Man kann sich das Wort auch auf der Homepage der Gehörlosenseelsorge im theologischen Gebärdenlexikon ansehen.

Keine Scheu vor expressiven Gesten

Joachim Klenk ist in Würzburg neben der Gehörlosenschule aufgewachsen und erinnert sich, dass er sich gerne mit den Kindern dort unterhalten hätte. In der Studienzeit und bei einem Aufenthalt in Brasilien hat er nicht hörende Menschen kennengelernt und es lag für ihn nahe sein Praxissemester bei der Gehörlosenseelsorge in Nürnberg zu machen. Die Gebärdensprache zu lernen sei ihm nicht schwer gefallen, erzählt er. Er habe keine Scheu vor expressiven Gesten gehabt. Ein seelsorgerliches Gespräch, "das im Dreieck mit einem Dolmetscher geführt wird verliert an Kraft", ist er überzeugt.

Klenk konnte ab 1992 auf einer Projektstelle als Jugendseelsorger für Gehörlose arbeiten. "Wir hatten damals die erste Kindergruppe für Gehörlose in ganz Deutschland", erinnert er sich. Von den zu dieser Zeit aufgebauten Strukturen profitiere die bayerische Gehörlosenseelsorge heute noch, meint der Kirchenrat, der seit dem Jahr 2000 landeskirchlicher Beauftragter war.

Aufbau eines "Inklusionszentrums"

Wenn der Pfarrer jetzt geht, verweist er stolz darauf, dass er ein echtes Team zurücklasse. In der Dienststelle der bayerischen Gehörlosenseelsorge sind 80 Prozent der Beschäftigten Gehörlose. Man ist dabei ein "Inklusionszentrum" zusammen mit der Schwerhörigenseelsorge aufzubauen. Zufrieden kann Klenk auch damit sein, dass die Arbeit der Gehörlosenseelsorge sich eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit von der Landeskirche geschaffen hat. Die "Ararat-Akademie" und der "Ararat-Shop" sind gemeinnützige Tochterfirmen, die inzwischen acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Arbeit geben.

Gemeinschaft mit viel Solidarität

Ideenreichtum und Forschheit der Gehörlosengemeinde zahlen sich aus. Demnächst wird die Spezialgemeinde offiziell eine bayerische Kirchengemeinde werden, deren Sprengel die 15 bayerischen Gehörlosengemeinden sind. "Die Kirchengemeinden vor Ort können das nicht leisten, was Gehörlose brauchen", erklärt Klenk. Eine zusammengeschweißte Gemeinschaft mit viel Solidarität ist seine Gemeinde. Der Pfarrer, der demnächst im mittelfränkischen Roth auf der Kanzel steht, warnt aber seine Landeskirche, solche Minderheiten aus dem Blick zu verlieren. "Wenn wir uns da zurückziehen, ist das ein Verlust für die Kirche." Ob das Menschen mit Behinderungen, Binnenschiffer sind oder Siebenbürgen seien: "Wir müssen diese Menschen in unsere Mitte holen", sagt er und dabei brauche es "ein Talent zu begeistern".

Text: Jutta Olschewski (epd)