Predigt im Eröffnungsgottesdienst zur Tagung der Landessynode in Amberg, Paulanerkirche, über Psalm 126
Wir waren wie die Träumenden, als die Berliner Mauer gefallen ist. Es war wie ein Traum, als ich einige Wochen später im Fernsehen meinen Freund und gewesenen Kollegen aus dem Kesselhaus Jiri sah, wie er als Außenminister der Tschechoslowakischen Republik mit seinem deutschen Kollegen an der bayerisch-tschechischen Grenze den Stacheldraht zerschneidet. Das war mehr als wir zu hoffen wagten. Das kommunistische Regime wollte für die Ewigkeit dauern, und hat dafür auch vieles gemacht: unter anderem hat es die Atomraketten gegen Westeuropa gerichtet, die Kirche mit den Stasigeheimagenten gespickt, Abhörapparate in Schlafzimmer seiner Kritiker installiert – ich übertreibe nicht, nach der Wende wurde in meiner Wohnung neben meinem Bett ein Mikro entdeckt. Ja, es war ein Traum, als dieses Regime vor 15 Jahren eingestürzt ist.
Mit Träumen haben wir aber eine Schwierigkeit: wenn wir den Traum nicht sofort nach Erwachen erzählen, wir werden ihn vergessen. Es gehört zu den Aufgaben der Kirche, gegen das Vergessen zu kämpfen und die wunderbaren Taten Gottes, die als Träume waren, zu erinnern. Hören wir nicht auf, den Herrn zu loben und unsere Dankbarkeit zu erfrischen für alle Befreiungen, die er in der Geschichte seines Volkes getan hat.
Es ist nötig zu bemerken, dass das kommunistische Regime tatsächlich eine Gefangenschaft war, dass es nichts Gutes gebracht hat und sehr vieles verdorben hat. Mein Schicksal war relativ glücklich im Vergleich mit den Leuten, die siebzehn Jahre im kommunistischen Gefängnis verbrachten. Doch bin ich von dem kommunistischen Regime bis heute ein wenig gebrandmarkt, wenn bei mir die Türglocke ein wenig länger läutet, fühle ich eine Bewegung im Bauch, weil die Stasi läutete immer lang und beharrlich. Siebzehn Jahre lang durfte ich nur als unqualifizierter Arbeiter meinen Lebensunterhalt verdienen, so lange dauerte mein Berufsverbot. An Nostalgie nach der Zeit des Kommunismus leide ich wirklich nicht, die Freiheit hat mir eine große Genugtuung gebracht, und wenn ich heute im Eröffnungsgottesdienst der Bayerischen Evangelischen Kirche, als Vertreter der tschechischen Protestanten mein Zeugnis ablegen darf , fühle ich mich wie ein Träumender.
Meiner Erfahrung nach, die Christen in Tschechien seufzen überhaupt nicht nach der kommunistischen Gefangenschaft. Vorige Woche ist in unserem kirchlichen Verlag ein Gebetbuch erschienen, fast 400 Gebete von anonymen tschechischen Autoren. Ich war berührt und ermutigt, wenn schon beim ersten Lesen in der Straßenbahn habe ich mehrere Gebete gefunden, die den Herrn für die Freiheit loben.
Liebe Schwester und Brüdern, auch Ihr, die Ihr in der Freiheit schon lange lebt, vergesst nicht für die Gabe der Freiheit den Herrn zu preisen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe die Freiheit zu schätzen und klar zu sagen, dass obwohl die Probleme der Freiheit manchmal sehr schlimm sind , die Sklaverei noch schlimmer ist.
Das kommunistische Regime redete unablässig über den Kampf zwischen ihm und seinen Feinden, und bereitete sich tüchtig für den entscheidenden Konflikt vor. Kein eschatologischer Krieg aber ist geschehen, und doch wurde der Kommunismus geschlagen. Weder eine stärkere Militärkraft, noch eine innere politische Opposition hat ihn besiegt. Er hat sich von innen heraus zersetzt. Es gibt Niederlagen, die ohne Sieger sind und der Zusammenbruch des Kommunismus ist auch ohne Sieger. Das Ende des Kommunismus enthält eine ernste Warnung: Sorget euch für die Demokratie, damit das demokratische Regime nicht an seinen inneren Schwächen sterbe wie es der Fall des Kommunismus war.
Die deutsche Übersetzung des Psalms 126 sieht die Erlösung in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, wie es die tschechische und andere Übersetzungen machen. Der Herr wird die Gefangenen erlösen, und wir werden einmal wie die Träumenden sein. Es ist interessant und wichtig, dass der originale Text beide Varianten ermöglicht. Wir haben schon die Befreiung erlebt, und wir erwarten die Befreiung noch. Der definitive Sieg ist noch nicht da, unsere Freiheit ist bedroht und missbraucht , wir sind ja schon in verschiedene Netze geraten, wir verfallen wiederum der Sklaverei der Sünde. Und was unser neues demokratisches Europa betrifft, hat es genug innere Kräfte um zu halten, um nicht bald oder später so schnell zusammenzustürzen wie das sowjetische Reich zusammengestürzt ist? Wir wissen nicht, was uns in der Zukunft erwartet, aus welcher Gefangenschaft der Herr uns zurückführen wird.
Das eine aber wissen wir genau, und zwar dass der Herr uns zur Freiheit gerufen hat, dass er aus der Sklaverei erlöst und uns zur Fülle seiner Gnade führt. Die Ernte, die Freude, das erwarten wir schließlich von der Zukunft, mit Vertrauen schauen wir zum Herrn. Die Ernte aber kommt nur da, wo man den Samen gestreut hat.
Säen ist mühsam, wie jede Arbeit. Wir lebten ein paar Jahre nach der Wende in einer Illusion, dass je mehr wir uns von der Zeit des Kommunismus entfernen , desto höher wird unser geistliches und ethisches Niveau sein. Jetzt bemerken wir, dass ohne Säen nur Unkraut gedeiht. Alles Edelsinnige verlangt Sorge, Arbeit, Mühe. Auch in unseren Kirchen, in Bayern wie in Böhmen, ist jetzt die Zeit zu säen, mit Geduld, von einer Seele zu einer anderen, von einem Konfirmanden zu einem anderen. Es nimmt viel Zeit in Anspruch, mit den Jungen individuell zu sprechen, ihnen einen alternativen und doch attraktiven Lebensstil anzubieten, sie vom Schauen zum Nachdenken, vom Monitor zum Buch zu bewegen, ihnen Christus als Herrn unseres Leben zu bezeugen. Manchmal ist es zum Weinen ,so viel Mühe und kein sichtbares Ergebnis, manchmal ist uns die Gnade gegeben zu sehen, wie die Saat aufgeht. Es war für mich eine große Freude, als ich nach Ostern fünf Erwachsene taufen konnte, aber solche Momente sind selten. Säen ist Arbeit, nicht Festlichkeit.
Wenn wir säen, machen wir es für die Zukunft. Unsere Nachfahren mögen ihre Garben einbringen. So ist es im Volke Gottes, wir leben nicht nur für uns, für unsere Gegenwart. Unsere Vorfahren säten auch für die Zukunft, und so vermittelten sie uns den Glauben, übergaben die Bibel, hinterließen uns die Kirche. Sie säten, darum auch unter dem kommunistischen Regime die Kirche lebte, wir konnten auch ernten, und den Samen des Reiches Gottes weitergeben. Es ist der Mühe wert, nicht zu resignieren, und geduldig zu säen. Das ist unsere Arbeit, unsere Sorge. Haben wir keine Angst wegen der Ernte: sie wird reich sein und die Freude wird groß sein, der Herr wird es besorgen und wir werden wie die Träumenden sein. Amen.
21.11.2004


