Bericht aus dem Kirchenkreis Regensburg bei der Landesynode in Amberg am 23. November 2004 von Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss

Frau Präsidentin, Herr Landesbischof, hohe Synode, meine Damen und Herren,

seit 1. April bin ich als Oberkirchenrat im Kirchenkreis Regensburg tätig. Ich bin gebeten worden, Ihnen in kurzer Form erste Wahrnehmungen und Erfahrungen dieser Arbeit zu schildern.

Der Kirchenkreis Regensburg ist flächenmäßig der größte Kirchenkreis unserer Landeskirche. Er reicht von Waldsassen im Norden bis nach Vilsbiburg im Süden, von Schrobenhausen im Westen bis zum Dreisesselberg im Bayerischen Wald im Osten. Zu ihm gehören Orte mit langer evangelischer Geschichte wie Neumarkt, Regensburg, Sulzbach-Rosenberg und Weiden und Orte wie Cham, Ingolstadt, Landshut und Passau, die erst seit jüngerer Zeit einen respektablen Anteil evangelischer Mitbürger unter sich zählen. Kennzeichnend für diese Region ist, dass sie den größten katholischen Bevölkerungsanteil im Bereich der deutschen Bistümer aufweist, Passau hat 88,1%, Regensburg 84,1% katholische Christen in seinem Bereich, zum Vergleich die anderen bayerischen Bistümer: Augsburg 69,8%, Bamberg 42,2%, Eichstätt 51%, München-Freising 56,1%, Würzburg 66,5 %. Bis auf die Diözese Würzburg überschneidet sich der Kirchenkreis mit allen bayerischen Bistümern, wenngleich die Berührungen mit Bamberg und Augsburg eher geringfügig sind. Ähnliches gilt für die bayerischen Regierungsbezirke. Lediglich Unterfranken hat keine räumliche Berührung mit dem Kirchenkreis Regensburg.

In unserem Bereich leben derzeit 300000 evangelische Christen in 149 Gemeinden, die in 8 Dekanatsbezirken zusammengefasst sind. Die Entwicklung evangelischen Lebens dieser Region ist in erster Linie zurückzuführen auf die reformatorische Bewegung des 16. Jahrhunderts in Pfalz-Neuburg, der Kuroberpfalz und der Reichsstadt Regensburg, auf den Zuzug evangelischer Glaubensflüchtlinge aus Österreich im 17.Jahrhundert, den Flüchtlingsstrom aus Ostpreußen und Schlesien infolge des 2.Weltkrieges, die Zuwanderung vieler evangelischer Mitbürger aus allen Teilen Deutschlands besonders aber auch aus den neuen Bundesländern infolge der guten Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre in den Regionen Ingolstadt, Landshut, Neumarkt und Regensburg sowie auf die Ansiedelung vieler Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Ihr Anteil beträgt in manchen Gemeinden bis zu einem Drittel. Ihre Integration ist nicht einfach, zum Teil gelungen, zum Teil erst auf dem Weg.

Die Akzeptanz evangelischer Gemeinden in ihrer Umgebung habe ich bei meinen bisherigen Besuchen als sehr hoch erlebt. Signifikant ist für mich eine Bemerkung eines Stadtrates aus Hengersberg, einem kleinen Ort zwischen Deggendorf und Passau, die ich hier hochdeutsch und nicht im niederbayerischen Originalton wiedergebe: "Es ist gut, dass Ihr Evangelischen in unsere Region gekommen seid. Bleibt nur hier. Seitdem ihr bei uns seid, sind das Klima und das Miteinander in unserm Ort viel besser geworden."

Es lohnt sich, den Wirkungen nachzugehen, die in den letzten 5 Jahrzehnten von Menschen ausgingen, die vom evangelischen Ethos geprägt ihren Anteil zur Entwicklung des Gemeinwesens in Ostbayern und im nördlichen Oberbayern gegeben haben. Zur Zeit schreibe ich jedem Ruhestandspfarrer einen kleinen persönlichen Gruß zum Geburtstag. Viele von ihnen schreiben mir ausführlich zurück und erzählen mir von der Gemeindeentwicklung der letzten Jahrzehnte. Da wird viel treues und selbstbewusstes evangelisches Leben sichtbar. Evangelische Christen in Ostbayern und im nördlichen Oberbayern können etwas auf die Beine stellen und stehen dabei ihren Konfessionsgeschwistern in Franken, dem übrigen Altbayern und in Schwaben in Einsatz und Kreativität nicht nach. Besonders nachdrücklich habe ich das in diesem Jahr erlebt beim Bayerwald-Kirchentag an Himmelfahrt in Spiegelau und beim Kirchentag zum 200.Jubiläum des Beginns evangelischen Gemeindelebens im Donaumoos.

Viel Integrationsarbeit von Zugezogenen ist geschehen und geschieht weiterhin. In den Kirchenvorständen, die ich besucht habe, war das Sprachengemisch vielgestaltig, einmal dominierte sogar das Sächsische. Viele Menschen leben gerne in Ostbayern und im nördlichen Oberbayern. Es verwundert sie und manchmal kränkt es sie auch, wenn sie dem Vorurteil begegnen, als lebte man hier in einer hinausgeworfenen Region. Solche Zeiten sind vorbei. Die EU-Osterweiterung - wie immer man sie bewertet - hat unsere Gegend stärker ins Zentrum wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen gerückt. Es gibt wirtschaftlich nach wie vor lebhafte Regionen wie schon genannt im Bereich von Ingolstadt, Landshut, Neumarkt und Regensburg und es gibt echte Sorgenregionen wie die nördliche Oberpfalz, deren von Erz- und Kohlengruben geprägte Industriegeschichte vorüber ist. Der Tourismus ist sehr intensiv und rangiert statistisch für den bayerischen Raum gerechnet kurz hinter Oberbayern.

Nach meinen bisherigen Eindrücken ist die Konzentration der kirchlichen Arbeit auf das Miteinander in der Ortsgemeinde kennzeichnend für unsere Region. Von ca. 200 Gemeindepfarrstellen werden Gemeinden betreut, die sich besonders im Bayerwald, im Oberpfälzer Wald und in Niederbayern über erhebliche Flächen ausdehnen. Besonders auch die Religionspädagogen ermöglichen durch ihren Einsatz die kirchliche Basisversorgung in ihrem Bereich. Manche von ihnen sind an bis zu 11 Schulen tätig, damit möglichst alle evangelischen Jugendlichen einen Religionsunterricht erhalten, der auch die speziellen Anliegen ihrer Konfession vermittelt. Viele Ehrenamtliche gestalten gemeindliche Arbeitsfelder, die andernorts üblicherweise durch hauptamtliche theologisch-pädagogische Mitarbeiter verantwortet werden. Vielen ist es ein Herzensanliegen, in einer primär katholisch geprägten Umgebung ihrer evangelischen Kirchengemeinde treu zu bleiben. In den Städten ist aber auch eine Austrittstendenz zu beobachten, die man mit anderen bayerischen Städten vergleichen kann.

50 übergemeindliche Pfarrstellen sind für Bereiche wie Krankenhausseelsorge, Studierendenseelsorge, Militärseelsorge, Schule, Diakonie, Erwachsenenbildung und Cityarbeit eingerichtet. Die Reichweite übergemeindlicher Arbeit bezieht sich primär auf die städtischen Regionen. In der ländlichen Fläche dominiert - wie schon beschrieben - die Konzentration kirchlicher Arbeit auf das Leben der Ortsgemeinde. In diesem Bereich habe ich nichts von Kritik an einer pfarrerzentrierten Kirche wahrgenommen. Eher besteht eine stark ausgeprägte Fähigkeit, überlange Vakanzen auf Pfarrstellen durch ehrenamtlichen Einsatz besonders auch vieler Lektoren und Prädikanten sowie Nachbarpfarrer zu kompensieren. Die Freude ist groß, wenn es endlich wieder zur Neubesetzung von Pfarrstellen kommt. Es muss Einiges dafür getan werden, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sich in unsere Region bewerben und sich in ihrer Berufs- und Lebensplanung nicht auf die Ballungsräume Oberbayerns und Mittelfrankens konzentrieren. An dieser Stelle möchte ich den Kolleginnen und Kollegen in der Personalkommission dafür danken, dass sie immer wieder aktiv Pfarrerinnen und Pfarrer dazu ermuntern, zu uns zu kommen. Die für unsere Region vorgesehenen Stellenerweiterungen im Gefolge der Revision der Landesstellenplanung greifen hier und da, gehen aber vielen von uns noch viel zu langsam. Ein guter Weg, die Attraktivität unserer Region angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern ans Herz zu legen, ist der Einsatz von Vikarinnen und Vikaren in unseren Gemeinden. Von dieser Möglichkeit sollte man in der Zukunft wieder häufiger Gebrauch machen.

Im Vergleich zu anderen Regionen gibt es bei uns vergleichsweise wenige Einrichtungen im übergemeindlichen Bereich, das gilt für den Tagungsbereich, für diakonische Schwerpunktprojekte, besonders aber für landeskirchliche Dienststellen. Ein wichtiges Projekt der gesamten Region sind Realschule, Hauptschule und Internat in Ortenburg. Mitten im katholischen Niederbayern markiert diese Einrichtung, welcher Umgang mit heranwachsenden Menschen und welche Bildungsorientierung den Protestantismus bis heute prägen.

Die bereits beschriebene konfessionelle Struktur des ost- und nordoberbayerischen Raumes macht die Ökumene zu einem vorrangigen Thema der kirchlichen Arbeit evangelischer Gemeinden. Aus diesem Grund galten viele meiner Erstkontakte katholischen Bischöfen, Diözesanräten und vielen katholischen Gemeindegliedern und Pfarrern vor Ort.

Ich beobachte zweierlei:

einerseits herzliche Nachbarschaft und gutes Miteinander zwischen katholischen und evangelischen Christen an vielen Orten, viele katholische Christen engagieren sich gerne in evangelischen Gemeinden und bleiben dennoch ihrer Konfession treu, viele Pfarrerinnen und Pfarrer pflegen freundliche und herzliche Nachbarschaft und geben einander an ihren Erfahrungen Anteil
andererseits wird mancherorts auf katholischer Seite vor allem seitens mancher Priester und von Teilen der Diözesanleitungen ein Rückzug aus schon einmal erreichten Feldern ökumenischer Zusammenarbeit beobachtet, die Ermahnungen von Bischof Mixa zu einer stärkeren Trennung der Gottesdienstpraxis im Bereich der Militärseelsorge markieren ein Differenzierungsbedürfnis, für das viele Christen kein Verständnis haben.
Mir geht es in der jetzigen Phase meiner Arbeit sowohl darum, vertrauensbildende Kontakte zu den Verantwortlichen in der katholischen Kirche weiter aufzubauen als auch das Anliegen vieler unserer Gemeinden zu vertreten, denen an größerer und selbstverständlicherer ökumenischer Offenheit liegt. Welche Anteile bei solcher Arbeit Freundlichkeit, Deutlichkeit, Entschiedenheit und Konfliktfähigkeit in meinem Vorgehen haben, mache ich nicht mit mir selbst aus, sondern nutze dafür die synodalen und kollegialen Gesprächs und Vereinbarungsmöglichkeiten unserer Kirche. Ich war schon immer froh, evangelisch zu sein und bin es nach bald 9 Monaten, die ich jetzt in Regensburg lebe, erst recht.

Als Bereiche kirchlicher Arbeit, denen mein Augenmerk beim weiteren Hineinfinden in meine neue Aufgabe gilt, möchte ich nennen:

die Gestaltung partnerschaftlicher Kontakte zu den tschechischen Nachbarn
die Situation und Zukunft diakonischer Arbeit
die Entwicklung der Gemeindefinanzen und die Erarbeitung neuer Finanzierungssysteme ähnlich dem, was mit dem Projekt Neupfarrkirche in Regensburg versucht wird
Darüber und über weitere Entwicklungen der Arbeit unserer Kirche und unserer Gemeinden im ostbayerischen und nordoberbayerischen Raum hoffe ich Ihnen auf der nächsten Synode, die in unserem Kirchenkreis stattfinden wird, dann ausführlicher berichten zu können.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.


24.11.2004