Begrüßungsansprache Synodalpräsidentin
Liebe Konsynodale,
wir haben Halbzeit! Vor drei Jahren haben wir uns in Bayreuth konstituiert, jetzt stehen wir vor der zweiten Halbzeit unserer Synodalperiode. Diejenigen unter Ihnen, die damals neu dazukamen, erinnern sich vielleicht noch an ihre Erwartungen und Vorstellungen, wie es denn auf einer solchen Synode zugehen könnte.
Wir alle, die alten und die neuen Synodalen, haben dann sehr schnell gemerkt, dass da einiges auf uns zukommt. Die Entwicklung der finanziellen Situation unserer Landeskirche hat sich als eine der größten Herausforderungen erwiesen. Wir haben uns dieser Herausforderung gestellt und gute Arbeit geleistet. Mit unseren Beschlüssen zur Haushaltskonsoldierung haben wir mutig und gerade noch rechtzeitig die notwendigen Schritte zur Veränderung eingeleitet, eine Veränderung, das ist uns allen wohl bewusst, die überall in unserer Kirche spürbar ist. Wir haben unbequeme und teilweise auch schmerzhafte Entscheidungen gefällt, Entscheidungen, für die wir von der Basis nicht unbedingt Applaus erwarten konnten. Aber um unsere Kirche zukunftsfähig zu machen, müssen wir diesen Weg gehen. Bei Gesprächen während der EKD-Synode mit Vertretern anderer Landeskirchen habe ich immer wieder anerkennende und bestätigende Worte über unsere Art des Vorgehens gehört.
Wir Synodale sind laut Verfassung "an Aufträge und Weisungen nicht gebunden", dafür aber "zur gemeinsamen Willensbildung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern berufen".
Das bedeutet in dieser Zeit sehr viel.
Sie alle werden in den letzten Monaten eine Fülle von Briefen, Mails oder Telefonaten erhalten haben, die mit dem Konsolidierungskurs der nächsten Jahre in Verbindung standen. Möglicherweise hat auch Ihr eigenes Dekanat, Ihre Gemeinde, Ihre Einrichtung Sie dringend gebeten, sich für das eine oder andere einzusetzen. Wer fühlte sich da nicht im Zugzwang!
Das alles im Hinterkopf habend, bitte ich Sie, den zweiten zitierten Satz mit mir zu bedenken: Wir sind zur gemeinsamen Willensbildung berufen!
Dabei sind wir keine Lobbyisten, sondern wir sind, so recht evangelisch, unserem Gewissen verantwortlich. Aber, und das möchte ich dick unterstreichen, im Blick auf die gesamte Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern.
Von daher ist es wichtig, sich über die unterschiedlichen Vorstellungen in unseren Köpfen zu verständigen. Deshalb haben wir in Fortsetzung der Rummelsberger Zukunftskonferenz in den einzelnen Kirchenkreisen über unser Kirchenbild diskutiert, über unser Selbstverständnis, über die Schwerpunkte unseres Engagements. Im Winter noch wird es eine zweite Runde von Kirchenkreistreffen geben und im März ein abschließendes Treffen im Hinblick auf die Vorschläge der Vereinigten Liste als Vorbereitung auf die Zwischenbilanz des Konsolidierungsprozesses im April. Wenn wir im Frühjahr entscheiden, soll wieder das Gesamte unserer Kirche im Blick sein.
In dem Klärungsprozess, was wir für die Kernaufgaben unserer Kirche halten, werden wir dies natürlich vor dem Hintergrund der biblischen Botschaft tun, aber gleichzeitig auch im Blick auf die Gesellschaft, in der wir leben. Diese ist derzeit geprägt von sozialer Unsicherheit, einer nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit, einem fortschreitenden Wertewandel, von einer zunehmenden Medialisierung, von kriegerischen Konflikten, die zwar andernorts ausgetragen, uns aber doch berühren, von Generationenfragen, von zunehmender Aushöhlung der Menschenwürde - die Aufzählung ließe sich ohne Mühe verlängern.
Was ist die Aufgabe der Kirche in dieser Gesellschaft? Wie vermitteln wir ihr die heilende und ermutigende Frohe Botschaft? Wie verhalten wir uns in sozialen Konflikten? Wie rücken wir die Bedeutung der Würde der Geschöpfe Gottes wieder ins rechte Licht? Wie verdeutlichen und vertreten wir unsere christlichen Werte gegenüber anderen Kulturen, auch im eigenen Land?
Ich nenne diese Fragen, weil sie mich bewegen, nicht, um unserer gemeinsamen Willensbildung vorzugreifen. Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu finden, darin sehe ich jedenfalls die Aufgabe von uns Synodalen an.
Wie gesagt, im kommenden Frühjahr überprüfen wir in der Zwischenbilanz unsere Entscheidungen von Bad Reichenhall. Das Gesamtziel, die Reduktion unseres Haushaltsvolumens um 90 Millionen, steht fest. Aber die eine oder andere Entscheidung auf dem Weg dorthin bedarf vielleicht noch einmal einer Überprüfung, vielleicht auch einer Nachjustierung. Wenn wir zu der Auffassung kommen, korrigierend eingreifen zu sollen, werden wir das sicher mit Bedacht tun und so, dass wir die Entscheidungen dann auch gemeinsam vertreten und unsere persönlichen Vorstellungen, wenn sie in dem Beschluss kein Berücksichtigung fanden, hintan stellen, mit dem Maß der Solidarität, wie wir es ja bei den Kirchenvorstandsbeschlüssen auch gewöhnt sind.
Damit wir zu guten Lösungen und Entscheidungen kommen, brauchen wir vor allem Entscheidungssicherheit und Vertrauen. Beides gehört zusammen. Bereits heute ist es für uns Synodale kaum mehr möglich, uns in alle Themenfelder gleich intensiv einzuarbeiten. Die Sachverhalte werden zunehmend komplexer. Um so wichtiger ist es da, dass wir uns auf unsere Spezialisten in den Ausschüssen verlassen können, die dort mit ihrem Sachverstand die Themen beraten und Entscheidungen treffen oder zumindest vorbereiten.
Es sind ja nicht allein unsere Konsynodalen, die sich der Bearbeitung der einzelnen Themen widmen. Viele andere bringen ja ebenfalls ihren Sachverstand in die Diskussion mit ein. Nehmen Sie als Beispiel den Haushalt für das Jahr 2005, den wir alle vor uns liegen haben. Er ist von den Verantwortlichen der Finanzabteilung im Landeskirchenamt erarbeitet worden, zusammen mit dem Finanzausschuss unserer Synode. Der Landeskirchenrat hat ihn beschlossen, der Landessynodalausschuss ihn beraten. Das Rechnungsprüfungsamt hat die Jahresrechnung geprüft, der Rechnungsprüfungsausschuss ebenso. Wir hören die Berichte von Oberkirchenrat Dr. Meier und dem Vorsitzenden des Finanzausschusses. Der Bericht des Rechnungsprüfungsausschusses wird von dessen Vorsitzendem vorgetragen.
Ich gehe davon aus, dass wir uns auf diese Informationen verlassen können. Und dass sie uns eine sichere Grundlage für unsere Entscheidungen bieten. Darauf, so meine feste Überzeugung, können wir nicht nur vertrauen, sondern wir müssen es auch, weil wir sonst nicht umhin kämen, jede und jeder von uns, zusätzlich zum erlernten Beruf noch Jura und Wirtschaft und Theologie und Pädagogik und Medizin und was weiß ich nicht noch für Fächer zu studieren, um uns für unsere Entscheidungen kompetent zu machen. Dies, liebe Konsynodale, kann der Weg nicht sein. Wir brauchen eine Kultur des Vertrauens. Sie ist die Basis für ein erfolgreiches Arbeiten unserer Synode.
Ich erwähnte es bereits: Wir befinden und in einem Prozess der Konsolidierung. Die Arbeit unseres Planungsreferats unterstützt uns darin, unseren Weg zu finden und im Blick zu behalten, wo wir uns gerade befinden und wohin wir noch wollen. So wie ein Kletterer erst weiter steigt, wenn er buchstäblich "Fuß gefasst" hat, so können wir getrost weitergehen in unseren Planungen, wenn wir wissen, wo genau wir stehen. Wir vergewissern uns, haben uns verschiedentlich vergewissert, dass wir festen Stand haben, inhaltlich und was die Finanzen anbelangt und dann kann es weitergehen.
Wir sind noch ein Stück vom Gipfel entfernt, aber ein gutes Drittel haben wir schon zurückgelegt, "in arbeitsteiliger Gemeinschaft und gegenseitiger Verantwortung". Dafür bin ich dankbar.
Ich wünsche uns für diese Synodaltagung und für die zweite Hälfte unserer Synodalperiode mutige Schritte aus der Gewissheit heraus, dass wir sie sorgfältig und überlegt tun werden. Ich wünsche uns weiterhin Vertrauen untereinander und in unsere Gremien und hoffe mit Ihnen, um im Bild des Kletterers zu bleiben, mit Gottes Hilfe, auf einen klaren Ausblick nach den Anstrengungen des Anstiegs.
22.11.2004


