Interview mit Frau Dr. Dorothea Deneke-Stoll, Vizepräsidentin der Landessynode und Vorsitzende der Steuerungsgruppe „Kirche vor Ort“.

Frau Dr. Deneke-Stoll beim Bericht aus der Steuerungsgruppe1) Frau Vizepräsidentin, die Steuerungsgruppe hat heute die Ergebnisse des zweijährigen innerkirchlichen „Kirche vor Ort“-Prozesses unter dem Titel „Mit Gottes Auftrag nahe bei den Menschen“ vorgestellt. Was meint in diesem Zusammenhang „Nähe“ – wann ist die Kirche nahe am Menschen?

Unser Auftrag als Kirche ist es, den Menschen mit Gottes Wort und der Botschaft von seiner Liebe nahe zu sein. Es ist unsere Aufgabe, möglichst viele Menschen anzusprechen und sie mit dieser guten Nachricht zu erreichen.

2) Was ist das Ziel dieses Prozesses?

Anstoßen wollten wir zunächst einen Diskussionsprozess. Letztendlich wollen wir aber auch notwendige Veränderungen in Gang setzen. Nicht überall und alles soll anders werden, aber da, wo es sinnvoll und erforderlich ist. Wir haben deshalb ganz bewusst die Menschen vor Ort gefragt, wo ihrer Meinung nach Veränderungen erfolgen sollen und wo sie die Kirche der Zukunft sehen.

3)  Wo steht die ELKB gegenwärtig? Können Sie für uns die Ergebnisse des bisherigen Prozesses kurz zusammenfassen?

Die Ergebnisse lassen sich in sechs Aussagen bündeln:

  • Wir haben ein großes Potential an Mitarbeitenden, die bereit sind, sich dem Wandel zu stellen und die entstehenden Fragen zu diskutieren.
  • Viele sehen sich durch einen zu hohen Verwaltungsaufwand stark belastet und wünschen sich deutliche Erleichterungen.
  • Wir sehen den Bedarf, zu gezielten Schwerpunktsetzungen zu kommen, etwa durch Kooperationen zwischen Nachbargemeinden oder durch bessere Vernetzung zwischen Diensten und Einrichtungen  mit den Kirchengemeinden vor Ort.
  • Bedarf sehen wir auch bei der Qualifizierung, insbesondere von Ehrenamtlichen.
  • Wir sollten uns die Zeit nehmen und überprüfen, auf welcher Ebene unsere Entscheidungsprozesse künftig sinnvoll verortet sein sollten: bei den kirchenleitenden Organen, auf der mittleren Ebene oder in den Kirchengemeinden vor Ort.
  • Viele wünschen sich noch zahlreichere und erfahrbare, „glaubhafte“ Gemeinschaft vor Ort.

4) Sie plädieren in Ihren Empfehlungen für mehr Eigenverantwortlichkeit vor Ort – wie kann dies konkret aussehen?

Eigenverantwortung stärken heißt zunächst, dass die Gemeinden mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, die nicht zweckgebunden sind.  Die Kirchenvorsteherinnen und –vorsteher entscheiden eigenverantwortlich, was mit den Mitteln finanziert werden soll. Das ermöglicht der neue innerkirchliche Finanzausgleich, der seit diesem Jahr in Kraft ist. Eigenverantwortung in Budgetfragen hat auch zur Folge, dass sich die Gemeinden, die sich mehr leisten wollen oder müssen, um das Einwerben von Mitteln selbstständig bemühen. Eigenverantwortliches Handeln heißt auch, die Freiheit zu haben, Schwerpunkte setzen zu können und dass nicht alle Gemeinden von den Mutter-Kind-Gruppen bis zur Seniorengymnastik alles und ständig anbieten.

5) Wie geht es jetzt nach der Frühjahrstagung in diesem Prozess weiter?

Wir werden die hier in Ansbach präsentierten Materialien in einer Dokumentation zusammenstellen und um die Kommentare aus den synodalen Ausschüssen ergänzen. Auf der Herbsttagung unserer Landessynode wird dann die Gesamtdokumentation vorgelegt. Wir gehen davon aus, dass dort die Punkte benannt werden, die dann von der neu gewählten Synode in der kommenden Legislaturperiode – die 2008 beginnt – abgearbeitet werden können.

Mir ist sehr daran gelegen, dass auch diejenigen, die sich bisher noch nicht an diesem Prozess beteiligt haben, die eigene Situation reflektieren und nach vorne planen. Wir wollen Mut machen und zeigen, dass es sich lohnt, sich in der Kirche zu engagieren.

Frau Vizepräsidentin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Ein weiteres Interview mit der Vizepräsidentin der Landessynode und Vorsitzenden der Steuerungsgruppe „Kirche vor Ort“, Dr. Dorothea Deneke-Stoll führte Lui Knoll, efa - Radio für Bayern:

{Interview mit Frau Dr. Dorothea Deneke-Stoll}