Kurze Geschichte der Protestanten in Bayern
9. Jahrhundert
Das neunte Jahrhundert ist geprägt von Karl dem Großen. Am Weihnachtsfest des Jahres 800 krönt ihn Papst Leo III. in Rom zum Kaiser. Karl schafft ein Reich, das sich über ganz Europa erstreckt. Gleichzeitig ist der Bewahrer der Kirche. Spätestens jetzt kann man von einem christlichen Abendland sprechen. Den militärischen Eroberungen Karls des Großen folgen teils brutale Zwangsmissionierungen (z.B. der Sachsen). Dabei mischen sich bei Karl militärpolitische Überlegungen mit religiösen Überzeugungen. 814 stirbt Karl der Große in Aachen.
Das päpstliche Rom ist nach Karls Tod den Intrigen und Machtspielen regionaler Machthaber ausgeliefert. Mit entsprechenden Auswirkungen: nicht weniger als 44 Päpste besteigen den Papstthron allein zwischen 882 (Papst Johannes VIII) und 1049 (Papst Leo IX) - ein Personalbedarf, der unter normalen Umständen mehrere Jahrhunderte gereicht hätte! Die cluniazensische Reformbewegung (benannt nach dem burgundischen Reformkloster in Cluny) stellt sich den kirchlichen Verfallserscheinungen entgegen und erneuert die Kirche nachhaltig von innen heraus.
Im Osten Europas haben inzwischen die Mönche Methodius und Cyrill ein Werk vollbracht, das der Leistung des Bonifatius ebenbürtig ist. Sie entwickeln für die Slawen ein eigenes Alphabet ("kyrillische Schrift"), eine Liturgie und eine Bibel in eigener Sprache. Trotz dieser Eigenheiten binden auch sie ihr Werk konsequent an Rom und den Papst an.
10. Jahrhundert
Im 10. Jahrhundert stellen die Ottonen die deutschen Kaiser. Geschickt binden sie die Kirche in Deutschland in die staatlichen Herrschaftsstrukturen ein. Besonders Otto I. der Große, Kaiser seit 963, verleiht den deutschen Bischöfen Anteil an der staatlichen Macht, indem er sie zu Fürsten mit großem Einfluss macht. Der Hintergedanke: Die Bischöfe sind ehe- und kinderlos und unterliegen somit keinen familiären- oder Sippeninteressen. Der jeweilige König (später: Kaiser) darf auf besondere Treue, Verbundenheit und Verlässlichkeit seitens dieser Bischofs-Fürsten hoffen.
Natürlich nehmen die weltlichen Herrscher auf die Besetzung der Bischofsstühle großen Einfluss - nur so war ihnen die Loyalität der Bischöfe wirklich sicher. Das wiederum verschafft den Königen und Kaisern großes Mitspracherecht in kirchlichen Angelegenheitren bis hin zur Ernennung des Papstes. Die deutschen Herrscher werden damit in die Lage versetzt, ordnend in Rom einzugreifen. Der Konflikt mit dem Papsttum ist vorprogrammiert, und er wird das 11. Jahrhundert prägen.
11. Jahrhundert
Der Kampf darum, wer in der Kirche und im Reich das Sagen hat, ist als "Investiturstreit" in die Geschichte eingegangen. Er findet 1077 mit dem Bußgang Heinrichs IV. nach Canossa einen Höhepunkt, aber noch lange nicht sein Ende. Papst Gregor VII. erscheint zwar vordergründig "Sieger" über König Heinrich IV. Aber kurz wenig später entbrennt der Streit umso heftiger. Gegenseitige Absetzungen, Bannsprüche, militärisch ausgefochtene Machtkämpfe zwischen der königlichen und der päpstlichen Partei bleiben an der Tagesordnung.
Doch es gibt einen noch weiter reichenden Konflikt im 11. Jahrhundert: die Auseinandersetzung des Papstes mit Byzanz (Konstantinopel). Der christliche Patriarch von Konstantinopel fühlte sich im Kampf gegen die muslimischen Sarazenen von Rom im Stich gelassen. Er sammelt daraufhin "Glaubensgründe" gegen den Papst. Diese theologischen Streitigkeiten führen letztlich großen Schisma (Kirchen-Spaltung) von 1054. Seither gibt es die Westkirche (römisch-katholisch) und die Ostkirchen (Orthodoxe). Zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums kann man nicht mehr einfach nur von "der Kirche" sprechen.


