{Abo bestellen}
Nicht zum Lachen in den Keller gehen!
An Fasching in die Rolle des Narren schlüpfen, sich einmal nicht so vernünftig gebärden wie sonst – für viele ist das attraktiv. Aber muss es denn nur an Fasching sein? Immer mehr kirchliche Mitarbeiter finden Gefallen daran und lassen sich zu Clowns aus- oder fortbilden. So auch Dr. Stefan Koch, Planungsreferent der Landeskirche, der an der staatlich anerkannten Fachschule für Clowns in Mainz eine berufsbegleitende Ausbildung „Clown und Kommunikation“ absolviert hat. bayern-evangelisch.de sprach mit ihm über Fasching, Lachen in der Kirche und den besonderen Reiz der Clownerei.
Herr Dr. Koch, sind Sie Faschingsfan?
Stefan Koch: Ja, das bin ich. Schon als Schüler bin ich in Gunzenhausen beim Faschingsumzug auf einem Wagen mitgefahren. Während des Studiums an verschiedenen Orten habe ich dann unterschiedliche Traditionen kennen gelernt: in Münster beispielsweise den Rheinischen Fasching oder in Tübingen die Alemannische Fasnacht. Wann immer möglich halte ich am Faschingssonntag eine Narrenrede. Gestern in der Kreuzkirche habe ich zum Beispiel als Eulenspiegel geredet. Die Gemeinde war sehr angetan, trotz der nicht ganz einfachen Botschaft aus Amos 5. Ein Besucher – das hat mich besonders gefreut – hat hinterher gesagt: Sie haben eigentlich genau das gezeigt, was ein Christ wirklich ist: ein Mensch, der nicht in der Welt aufgeht, sondern der Welt den Spiegel vorhält.
Wie sind Sie als Planungsreferent der Bayerischen Landeskirche darauf gekommen, sich zum Clown ausbilden zu lassen?
Stefan Koch: Das hatte mit meinem Amt als Planungsreferent zunächst eher wenig zu tun. Bei der Unterstützung der vier kirchenleitenden Organe hat mich in den letzten Jahren eher meine Zusatzausbildung zum Coach weiter gebracht. Man ist ja als Planungsreferent nicht dazu da, die Kirchenleitung zu bespaßen oder sich und andere zum Narren zu machen. Was mich am Clown interessiert hat, waren die unterschiedlichen Kommunikationsformen, die man als Clown erlernt und einsetzen kann.
Inwiefern?
Stefan Koch: Viele Menschen kommunizieren sehr rational, sehr kognitiv – das ist bei mir auch so, ich gelte als klarer Analytiker. Der Clown dagegen denkt erst einmal gar nicht, der knüpft erst einmal nur an Emotionen an. Das kann man vom Clown körperlich lernen: Wenn ich beispielsweise etwas über die Freiheit sagen soll, dann halte ich als Clown keinen Vortrag, sondern ich erspüre, was und wo in mir Freiheit ist, ich finde dafür einen Ausdruck, eine Geste, lade so die Menschen ein, an diese Emotion anzudocken.
Pfarrer und Clown – widerspricht sich das nicht?
Stefan Koch: Ja und nein. Natürlich widersprechen sich Pfarrer und Zirkusclown. Der Zirkusclown bringt die Leute zum Lachen und sorgt für Abwechslung in den Umbaupausen. Das ist es nicht, was mich interessiert, wenngleich ich den Kollegen gerne zuschaue. Beim Clowncharakter – meiner Art zu spielen – ist es etwas anderes: Diese Haltung des Clownseins setzt die Professionalität und Ausbildung vergleichbar der eines Schauspielers voraus. Hier gab es für mich als Pfarrer viel zu lernen.
Zum Beispiel?
Stefan Koch: Nehmen Sie etwa die Stichworte „Präparation“ und „Improvisation“, also Geistesgegenwart: Ich gehe als Clown nur auf die Bühne, wenn ich präpariert bin, denn ich spiele ja nur den Clown. Ich gehe in der Rolle auf die Bühne und schlüpfe dann auch wieder aus meiner Rolle. Das ist natürlich auch der große Unterschied: Clown ist eine Rolle, Pfarrerin oder Pfarrer bin ich, auch wenn es Anteile einer Rolle hat. In jedem Fall muss ich mich präparieren. Nehmen wir die Predigt: Ich kann wie ein großes Fragezeichen auf die Kanzel gehen. Wenn ein Clown das täte, würde er die ganze Energie seines Publikums auf sich ziehen wie ein Vampir, und die Menschen gehen hinterher leer wieder fort. Oder ich bin gut vorbereitet, vital und ganz bei mir selbst? Dann helfe ich den Leuten, ihre Energie mit meiner zu verbinden. Ich strahle Energie aus, bin präsent, und die Menschen können emotional bei mir einhaken, sie nehmen etwas mit.
„Christen gehen zum Lachen in den Keller“ hört man immer noch. Ist da etwas dran?
Stefan Koch: Witzigerweise wird das ja auch über mich gesagt. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, wie man über Leute urteilt, die man nicht kennt und vor allem auch nicht sofort kennenlernt. Menschen, die einen kennen und mögen, lachen gerne mit einem, so geht es mir. Lachen ist Beziehungssache, Freude auch, meine ich. In der Kirche kann man erleben, dass Lachen etwa im Gottesdienst eine große Hemmschwelle zu sein scheint. Beim Kirchenkaffee nach meiner Narrenpredigt haben mir viele Besucher gesagt, sie hätten gerne geklatscht. Das wäre so ein Ventil, so ein Weg heraus aus dem Keller. Gelacht haben einzelne, geklatscht nicht, da war die Schwelle wohl zu hoch. Erst im zweiten Gottesdienst haben sich einige getraut, die geblieben waren, um die Predigt noch mal zu hören. Das hat dann alle angesteckt.
Sie sind nun ausgebildeter Clown. Wo werden Sie auftreten?
Stefan Koch: Ich bin schon aufgetreten, zuletzt bei einem Pfarrkonvent mit dem Thema Mitgliederorientierung. Ich habe einige weitere Einladungen, aber ich zögere. Ich möchte eigentlich nur dort auftreten, wo die Möglichkeit besteht, über das zu sprechen, was bei dem Clownsauftritt geschieht. Die Zuschauer sollen erleben, spüren, und mich dann kritisieren und hinterfragen können. Wenn es nur um den schnellen schönen Auftritt geht – es gibt „bessere“ Clowns als mich. Es gibt als Clown Spezialisierungsmöglichkeiten: Als „Clownpfleger“, der in Kliniken geht, als Clown auf der Bühne, oder als „Clowncoach“. Letzteres könnte für mich gut passen.
Hat sich Ihre Einstellung zu Humor nach dieser Ausbildung geändert?
Stefan Koch: Zu Humor allgemein nicht. Zu meinem eigenen vielleicht. Ich habe körperlich eine Idee davon entwickelt, dass es Mut braucht, überraschend wirkt, aber durchaus ansteckend sein kann, meinen Humor einzubringen und die Menschen damit zu verwirren – am meisten diejenigen, die schon zu wissen meinen, was sie von mir zu halten haben ...
Herr Dr. Koch, vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Anne Lüters


