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Mit Familie Zukunft gewinnen

Die Familie wird wieder entdeckt. Dabei sind es vor allem Probleme und Krisenphänomene, die ein Interesse an Familie neu erwachen lassen, allen voran die zu erwartenden Probleme für den Arbeitsmarkt und die sozialen Sicherungssysteme als Folge des demographischen Wandels. Diesen Eindruck kann man aus der öffentlichen Diskussion gewinnen, die sich auch in Buchtiteln plakativ präsentiert: „S.O.S. Familie – Ohne Kinder sehen wir alt aus“, „Der Aufstand der Familien – Eltern und Kinder kämpfen um ihre Zukunft“, „Deutschland – armes Kinderland – Wie die Ego-Gesellschaft unsere Zukunft verspielt“, „Kinderarmut und Generationengerechtigkeit – Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel“, um nur einige zu nennen.

Familie und Gesellschaft sind aufeinander angewiesen

Familien erbringen mit der Erziehung der Kinder einen unverzichtbaren Beitrag zur Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft. Und sie tragen mit den in Familien erfahrenen typischen Werten wie Geborgenheit, Zuverlässigkeit, Partnerschaft und Solidarität zum menschlichen Antlitz unserer Gesellschaft bei. Leistungsfähigkeit und humane Grundhaltungen stellen die Kernelemente des Humanvermögens eines Gemeinwesens dar, das neben den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen überwiegend in den Familien gebildet wird.

Gleichzeitig sind die Familien darauf angewiesen, zur Erfüllung ihrer Aufgaben zuverlässige positive Rahmenbedingungen zu haben. Das heißt, Familien brauchen eine unterstützende soziale Infrastruktur, wie bedarfsgerechte Kinderbetreuung, familienorientierte Schulen und Arbeitsplätze, Familienberatung, Elternbildung, sie brauchen familiengerechte Wohnungen und ein familienfreundliches gesellschaftliches Klima, in dem Kinder tatsächlich willkommen sind. Eine Grundvoraussetzung ist die materielle Sicherung durch ein familiengerechtes Einkommen.

Kinder dürfen nicht länger ein Armutsrisiko darstellen

Kind bindet SchnürsenkelJedes siebte Kind in Deutschland lebt in Armut. Der Durchschnitt liegt bei 14,2 Prozent, in einzelnen Städten sind jedoch bis zu einem Drittel der Kinder und Jugendlichen arm. Dies geht aus einer Untersuchung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hervor, die im August 2005 veröffentlicht wurde. Nach dem Bericht leben über 1,5 Millionen Kinder auf Sozialhilfeniveau. Das Armutsrisiko für Kinder in Deutschland ist gestiegen, im Vergleich zu anderen OECD-Staaten sogar überdurchschnittlich, darauf macht UNICEF, das UN-Kinderhilfswerks in einem Bericht im Frühjahr 2005 aufmerksam.

Vor allem allein erziehende Familien, aber auch Ehepaare mit drei und mehr Kindern finden sich überproportional in den unteren Einkommensschichten. Je jünger die Kinder, desto höher das Armutsrisiko. Alle Sozialberichte der letzten Jahre stellen alarmierend fest: „Kinderreichtum“ ist ein zentrales Armutsrisiko. Es bedarf deutlich effektiverer politischer Anstrengungen um diesen fatalen Trend umzukehren. Die derzeitige Ausgestaltung des neuen Sozialgesetzbuch II vermag dies offensichtlich nicht zu leisten.

Zweifel an der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft?

Dass immer weniger Kinder bei uns geboren werden, ist inzwischen allgemein bekannt. Die Bedeutung dieser Entwicklung wird jedoch noch weit unterschätzt. Seit 1960 ist der Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung um rund ein Drittel gesunken, bis 2020 wird er, so die Vorausberechnungen, nochmals um fast ein Viertel sinken. Kinder sind nicht nur „köstlichstes Gut“, wie es in der Bayerischen Verfassung heißt, sondern sie werden allmählich zu einem „knappen Gut“ in unserem Land. Wenn Kinder Zukunft bedeuten, sind Zweifel an der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft berechtigt.

Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt insbesondere von den individuellen Vorstellungen über die eigene, persönliche Zukunft ab. Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen wünscht sich eigene – meist zwei – Kinder. Nur leider sind die Rahmenbedingungen zur Erfüllung des Kinderwunsches offensichtlich für junge Menschen nicht günstig. Es fehlt vor allem an ausreichenden Möglichkeiten, Beruf bzw. Ausbildung mit Familie zu verbinden. Hier besteht in Deutschland ein enormer Nachholbedarf. Das europäische Ausland zeigt, dass dort, wo die Erwerbstätigkeit der Mütter hoch ist, auch der Kinderwunsch besser realisiert werden kann.

Sind Eltern mit dem Umfang der öffentlichen Hilfen zufrieden?

„Wird heutzutage einer jungen Familie mit Kindern vom Staat genügend geholfen, die Belastungen zu tragen, oder wird da nicht genug getan?“ Diese Frage wurde Eltern im Rahmen einer repräsentativen Umfrage der Zeitschrift „Eltern“ vorgelegt: 15 % antworteten: „Es wird genügend geholfen“, weitere 15 % konnten sich zu keiner Antwort durchringen, die überwiegende Mehrheit, 70 % waren der Meinung: „Es wird nicht genügend getan“.

Prioritäten im Leben: Familie steht an erster Stelle

Trotz dieser Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen, unter denen Familien heute leben, ist für die allermeisten Eltern klar: Familie ist wichtiger als alles andere. Für 91 % der Mütter und 82 % der Väter ist die Familie das Wichtigste im Leben. Weder Beruf noch Hobbys oder Freundeskreis haben einen ähnlich hohen Stellenwert. Es kann also keine Rede sein vom „Auslaufmodell Familie“. Das Gegenteil ist der Fall: Die subjektive Wertigkeit der Familie hat in den letzten zwei Jahrzehnten sogar zugenommen.

Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Und dennoch: Der subjektiven Wertschätzung stehen die objektiven Zahlen der  Scheidungsstatistik entgegen: Für 2004 meldet das statistische Bundesamt 213 691 Ehescheidungen und damit kaum weniger als den bisherigen Höchststand von 2003 (213 975). Nach Expertenschätzungen werden von den 1965 geborenen (westdeutschen) Frauen etwa ein Drittel keine eigenen Kinder haben. Bei Akademikerinnen sind es 40 % – je höher das Qualifikationsniveau, desto häufiger bleiben die Frauen kinderlos. Hohe subjektive Bedeutung von Partnerschaft und Familie bei gleichzeitig hohen Scheidungsraten und steigender Kinderlosigkeit – das legt die Interpretation nahe, dass die Ansprüche an das Leben und Gestalten von Partnerschaft und Elternschaft gestiegen sind, und zwar in einem Maße, das viele überfordert. Was hat sich verändert?

Partnerschaft und Geschlechtergerechtigkeit

Die Leitbilder und Idealvorstellungen von Ehe und Familie haben sich zum Beispiel entscheidend verändert. Zur Illustration sei auf eine Entwicklung aus dem Familienrecht verwiesen: Von 1958 bis 1977 stand im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 1356): „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit das mit ihren Pflichten in der Ehe und Familie vereinbar ist“. Hier ist das Leitbild der Hausfrauenehe mit traditioneller Rollenverteilung fixiert. Erst 1977 nimmt der Gesetzgeber davon Abschied und schreibt fortan kein bestimmtes Ehe- und Familienmodell vor. Der gleiche Paragraph lautet seither: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen … Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein. Bei der Wahl und Ausübung einer Erwerbstätigkeit haben sie auf die Belange des anderen Ehegatten und der Familie die gebotene Rücksicht zu nehmen“.

Diese Neuorientierung des Familienlebens lässt es offen, wie Ehepaare Erwerbsarbeit und Familienarbeit untereinander aufteilen. Obwohl sie, nach wie vor, dem traditionellen patriarchalischen Modell folgen können, weisen doch Formulierungen wie „Einvernehmen“ und „Rücksichtnahme beider Ehepartner“ auf das neue gesellschaftliche Leitbild von Partnerschaft und Geschlechtergerechtigkeit hin. In jedem Fall aber müssen Frauen und Männer jetzt – nach der verlorenen Selbstverständlichkeit der Rollenverteilung – die neu gewonnenen Spielräume erst ausloten, neue Rollen aushandeln und individuelle Möglichkeiten und Grenzen ausbalancieren: ein oft mühsames und aufreibendes Geschäft.

Wenn aus Paaren Eltern werden

Beim Übergang zur Elternschaft kommen die Erwartungen an die neue Elternrolle hinzu. Nach einer Studie des Familienforschers Fthenakis ließen sich junge Paare am häufigsten drei bis vier Jahre nach der Geburt des ersten Kindes scheiden. Die Studie ergab, dass viele von den 175 jungen Paaren, die an der Untersuchung teilnahmen, den vielfältigen Anforderungen und Belastungen der Elternrolle nicht gewachsen waren: Streitigkeiten nahmen in den ersten Jahren an Häufigkeit und Heftigkeit zu. Gleichzeitig reduzierte sich Zärtlichkeit und Sexualität in der Partnerschaft. Auch von einer Gleichstellung der Geschlechter war man entfernt.

Nach der Geburt des ersten Kindes lassen sich offensichtlich die neu anvisierten Rollenleitbilder nur sehr schwer durchhalten – die meisten Paare fallen in die traditionellen Geschlechterrollen und die entsprechende Arbeitsaufteilung zurück. Die Frauen sind dann wieder in erster Linie für Heim und Kinder zuständig, häufig zusätzlich zur Erwerbstätigkeit. Viele zeigen sich dadurch enttäuscht, sie vermissen massiv die Unterstützung durch den Partner, der in dieser Situation häufig mit einem verstärkten Engagement im Beruf reagiert.

Obgleich dringender Klärungsbedarf vorhanden ist, findet in den jungen Familien meist darüber kein Austausch statt. Vielmehr bringen die Paare ihre jeweiligen Erwartungen und Bedürfnisse stillschweigend in die Beziehung ein. Konflikte und Unzufriedenheit sind damit vorprogrammiert.

Liebeserlösungsglauben

Dazu kommt ein Druck auf Partnerschaft und Ehe, der von einer bis ins Unermessliche gesteigerten Erwartung an die Partnerschaft herrührt. Nichts weniger als den Himmel auf Erden erwartet man von ihr. Ulrich Beck nennt dies „Liebeserlösungsglauben“: wenn Partner vom jeweils anderen den Sinn des Lebens glauben erwarten zu können – der eigentlich traditionell von den Religionen gestiftet wird.

Wandel des Kinderwunsches

Dass sich die meisten Männer und Frauen Kinder wünschen, daran hat sich kaum etwas geändert. Geändert haben sich jedoch die Hoffnungen, die sich an den Kinderwunsch knüpfen. Früher hat man sich von Kindern eher materiellen Nutzen versprochen. Heute erwarten jedoch nur wenige Eltern im Alter, ja selbst in Notsituationen, Hilfe von ihren Kindern. Demgegenüber zeichnet sich eine steigende Tendenz zu „psychischer Nutzenerwartung“ ab. Der Kinderwunsch ist mit Wünschen nach Selbstverwirklichung und Lebensqualität der Eltern verbunden. Dies kann für Kinder eine erhebliche Belastung darstellen, vielleicht sogar schwerer als die frühere Versorgungserwartung. Im Extrem kehren sich die Verhältnisse um, nicht mehr die Eltern sorgen für das Wohlbefinden des Kindes, sondern das Kind hat für das Wohlbefinden seiner Eltern zu sorgen.

Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt

Im Großen und Ganzen bedeutet die veränderte Eltern-Kind-Beziehung jedoch eine höhere Wertschätzung der Kinder. Kinder werden als eigene Personen mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen gesehen. Es wird heute nicht mehr über ihre Köpfe hinweg entschieden, sondern ihnen ein Mitwirkungs- und Mitspracherecht eingeräumt. Diese Enthierarchisierung, die Entwicklung vom „Befehls- zum Verhandlungshaushalt“ ist jedoch nicht nur wertschätzender und partnerschaftlicher, sondern auch anstrengender und frustrierender.

Kinder vor Gewalt schützen

Familie ist keine heile Welt. Erschreckend viele Kinder erleiden in ihren Familien Gewalt. Wenn auch Gesetze nicht ausreichen, Kinder vor Gewalt wirksam zu schützen, so ist es doch ein wichtiges Signal, wenn nun ein Recht auf gewaltfreie Erziehung eingeräumt ist: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“ (§ 1631;2 BGB). Freilich müssen dazu weitere unterstützende Maßnahmen ergriffen werden, um Eltern zu einer Verbesserung ihrer Erziehungskompetenz zu verhelfen. Eltern schlagen heute mehr denn je ohne rechte Überzeugung. Sie schlagen, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen, aus Not. Schlagen ist vor allem eine Überforderungsreaktion.

Erziehungskompetenz stärken

Dass die Ansprüche an Erziehung, die Erziehungsstandards insgesamt in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind, hat auch dazu geführt, dass sich bei immer mehr Eltern Erziehungsunsicherheit, gar Erziehungsresignation beobachten lässt. Eltern fällt es zunehmend schwerer, ihre Erzieherrolle bewusst wahrzunehmen und ihren Kindern eine klare Orientierung zu geben. Dies zeigt sich etwa an der Unsicherheit, Kindern klare Grenzen zu setzen. Kinder brauchen aber Grenzen und Regeln, an denen sie sich orientieren und an denen sie wachsen können.

Die Elternrolle ist nicht, wie häufig angenommen, angeboren, sondern sie wird gelernt. In unserer hochkomplexen und sich rasant verändernden Zeit sehen sich die Familien zudem zusätzlichen Herausforderungen gegenüber. Deshalb brauchen Eltern und Familien Unterstützung und förderliche Rahmenbedingungen. Um die Lebensbedingungen vor Ort familienfreundlicher zu gestalten, erweisen sich die in den letzten Jahren vielerorts entstandenen lokalen Bündnisse für Familien als besonders hilfreich. Das Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure (Kommune, Unternehmer, Kirchengemeinden, Vereine, Selbsthilfegruppen u.a. ) hilft Kräfte und Ressourcen zu erschließen und zu bündeln, die Wahrnehmung für die Bedürfnisse von Familien und Kindern zu schärfen und gemeinsam kreative Lösungen zu entwickeln. Sie sind ein gutes Beispiel für die Übernahme öffentlicher Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und die Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern. Nur in gemeinsamer Verantwortung können wir mit Familien die Zukunft gewinnen – „It takes a whole village to raise a child“ (Sprichwort).

Text: Helmut Neuberger