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Gewalt in Familien wahrnehmen und überwinden

Logo der Kampagne "Gewalt überwinden"Die Familie gilt als Inbegriff von Geborgenheit und Vertrauen. Sie ist häufig ein Ort für das vertrauensvolle Zusammenleben verschiedener Generationen. Aber diese Sehnsucht nach dem verlässlichen  Beziehungsnetz Familie erfüllt sich für viele Menschen nicht. Es ist eine ernüchternde Tatsache: Gewalt in der Familie ist in unserem Land die häufigste Form von Gewalt. Sie geschieht hinter der Wohnungstür, in Küchen und Schlafzimmern, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Unter dieser Gewalt leiden vor allem Frauen und Kinder, aber auch alte und pflegebedürftige Familienmitglieder. „Gewalt im sozialen Nahraum“, so der Fachbegriff, reicht von Beleidigung und Drohung, Einsperren oder Geldentzug bis zu Würgen, Vergewaltigung, sexueller Ausbeutung, Kindesmisshandlung und Mord. Gesprochen wird über diese Formen von Gewalt selten.

Kirche und Diakonie bieten schon bisher eine Fülle von unterstützenden Maßnahmen für Familien an. Sie geben praktische und seelsorgerliche Begleitung, sowie Hilfe zur Selbsthilfe (zum Beispiel bei Eltern-/Mutter-Kind-Gruppen). Kirche und Diakonie unterstützen die verschiedensten Formen von Familienarbeit. Mit ihrem Angebot von Kindergärten, Kinderkrippen und Kinderhorten entlasten sie Familien. Durch Ehe-, Erziehungs- und Lebensberatung, in Frauenhäusern und anderen Einrichtungen begleiten sie Familien in schwierigen Situationen.

Darüber hinaus suchen wir möglicher Gewalt schon im Vorfeld zu begegnen: Durch präventive Maßnahmen, wie Beratungs- und Bildungsangebote, dadurch, dass wir eintreten für eine gewaltfreie Erziehung und dass wir mithelfen, positive Lebensbedingungen für Familien zu gestalten, dadurch, dass wir uns für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einsetzen.

Von November 2002 bis Frühjahr 2005 fand die Kampagne „Verbündete Kirche – Gewalt in Familien wahrnehmen und überwinden“ statt, getragen von der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und dem Diakonischen Werk Bayern.

Die Kampagne stellte einen Beitrag dar zur weltweiten ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt, die von 2001 bis 2010 läuft. In Bayern wurde für die Kampagne bewusst der Schwerpunkt „Familie“ gewählt. Wir wollten deutlich machen, dass Gewalt in Familien ein besonders drängendes Problem unserer Gesellschaft ist. „Verbündete Kirche“, nannte sich diese Kampagne. Wer verbündet sich mit wem? Wir sind gefragt mit unserem Standpunkt! Der ist notwendig, weil in unserer Gesellschaft Gewalt in Familien weitgehend verschwiegen wird. Um dieses Schweigen zu durchbrechen, braucht es Verbündete. Wir sind deshalb aufgerufen, uns nicht abzuwenden, wo Gewalt in der Familie geschieht, sondern dieses Unrecht offen zu benennen.

Wir sind als Kirche und Diakonie gefragt, Anwalt und Sprachrohr der betroffenen Menschen zu sein. „Verbündete Kirche“ macht unsere Verbundenheit deutlich mit den Frauen, Mädchen, Jungen und auch Männern, die von Gewalt bedroht sind oder unter Gewalt in Familien leiden.

„Verbündete Kirche“ heißt auch, dass sich möglichst viele Gemeinden, Einrichtungen, Gruppen und Einzelpersonen verbinden sollen im Engagement gegen familiäre Gewalt.
„Verbündete Kirche“ war – so gesehen – ein Ziel der Kampagne, weil trotz der bestehenden Hilfsangebote vieles noch zu tun ist. Nur gemeinsam mit allen Menschen guten Willens kann es gelingen, ein dichtes Netz von Hilfsangeboten zu knüpfen und der Gewalt eine Kultur der Achtsamkeit, der Rücksichtnahme und der Hilfsbereitschaft entgegenzusetzen.

Im Flyer, der zur Erläuterung und Unterstützung der Kampagne erstellt wurde und der sich insbesondere an Gemeinden wendet, sind weitere konkrete Handlungsmöglichkeiten aufgeführt.

Was Kirche und ihre Diakonie tun kann

  • Betroffene seelsorgerlich begleiten, damit die Vision von Kirche als einem sicheren und heilenden Ort konkret wird;
  • Auf diakonische Hilfs- und Beratungsangebote hinweisen;
  •  Die unterschiedlichen Gewalterfahrungen von Männern und Frauen wahrnehmen;
  • Ausmaß, Formen und Ursachen von Gewalt in den kirchlichen Aus- und Fortbildungen thematisieren;
  • In Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen Gewalt in Familien, in der Jugend-, Frauen-, Männer- und Altenarbeit, in der Erwachsenenbildung, in Gottesdienst und Unterricht zur Sprache bringen. Dies kann in Vorträgen, Diskussionen, Seminaren, insbesondere mit Angeboten zur gewaltfreien Erziehung, in Ausstellungen und Theaterstücken geschehen;
  • Telefonnummern von örtlichen Beratungsstellen, Notrufen und Frauenhäusern durch Handzettel, Plakate oder im Gemeindebrief veröffentlichen;
  • Räume für Selbsthilfegruppen zur Verfügung stellen;
  • Sich vor Ort an „Runden Tischen“ zu Gewalt in Familien beteiligen bzw. diese einrichten Stellen und Einrichtungen (Beratungsstellen, Frauenhäuser und -notrufe etc.) finanziell absichern und bedarfsgerecht ausbauen.

Was Sie tun können

  • Das Thema ernst nehmen und sich darüber informieren In Ihrer Umgebung sensibel werden für Auffälligkeiten, die auf Gewalt in Familien hinweisen Verständnis und Gesprächsbereitschaft signalisieren;
  • Auf professionelle Hilfsangebote aufmerksam machen;
  • Frauen- und Kinderfeindlichkeit im Alltag zurückweisen, wie sexistische Werbung, Redeweisen und Witze auf Kosten von Frauen und Kindern;
  • Gewalt-Wahrnehmungen von Kindern ernst nehmen und ihnen nachgehen;
  • Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zurückweisen;
  • Den Standpunkt vertreten, dass Gewalt nie Privatsache sein darf.

Text: Dr. Ludwig Markert

Folgende Stellen arbeiten an der Umsetzung der Dekade „Gewalt überwinden“ des Ökumenischen Rates der Kirchen:

Frauengleichstellungsstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
Postfach 20 07 51
80007 München
Telefon 089 55 95-422 oder –432
Fax 089 55 95-560
fgs@elkb.de

Arbeitsstelle für gewaltfreie Konfliktbearbeitung
Gudrunstraße 33
90459 Nürnberg
Telefon 0911 43 04-238
Fax 0911 43 04-303
gkb@ejb.de

Referat „Ökumene, Partnerschaften, Mission, Entwicklungsdienst“ der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
Katharina-von-Bora-Straße 11-13
80333 München
Telefon 089 55 95-476
Fax 089 55 95-406
oekumene@elkb.de

Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes Bayern
Pirckheimerstr. 6
90408 Nürnberg
Telefon 0911 93 54-310
Fax 0911 93 54-309
loewe.birgit@diakonie-bayern.de