Alt trifft Jung - Generationenverbindende Gemeindearbeit
Maria Wölfel, 78 Jahre, Witwe, lebt im Süden von Nürnberg. Seit knapp 60 Jahren wohnt sie in der Gartenstadt, einer Arbeitersiedlung der 30er Jahre, damals am Rande der Großstadt. Das kleine Siedlungshäuschen von Maria Wölfel ist eingekeilt zwischen modernen Einfamilienhäusern, die nach und nach entstanden sind. Viele junge Familien mit Kindern sind in den letzten Jahren hier zugezogen, schließlich bietet der Stadtteil Platz für das eigene Haus im Grünen.
Dennoch ist das Straßenbild von alten Menschen geprägt. Und es stimmt: Mehr als 25 % der rund 6000 Evangelischen in der Kirchengemeinde Emmaus sind Rentnerinnen und Rentner, über 20 % der Bewohner sogar älter als 70 Jahre. Der Anteil der Kinder unter 10 Jahren liegt bei 10%, fast doppelt so viele wie noch vor zwölf Jahren. Immer mehr junge Familien ziehen in die alten, inzwischen modernisierten und schön hergerichteten Siedlungshäuser ein und „verjüngen“ die Gemeinde. Mittlerweile teilen sich in manchen Häusern bis zu vier Generationen einer Familie den Platz auf den Grundstücken, leben Tür an Tür mit den alteingesessenen Senioren. Maria Wölfel lebt alleine in ihrem Haus. Die Kinder und Enkel sind weggezogen.
Umgekehrt verschlägt es junge Familien aus allen Teilen Deutschlands in den Südosten der Republik. Familie Peters zum Beispiel: drei Kinder (2 ½, 3 ½ und 6 Jahre alt), der Vater ist Agraringenieur mit einer 70-Stunden-Woche, die Mutter ist noch – oder schon wieder – im Erziehungsurlaub. Beim arbeitsplatzbedingten Umzug vor vier Jahren haben Peters die beiden Großmütter im Norden gelassen, und sie denken nicht daran, die rüstigen Seniorinnen dort aus ihrem gewohnten Lebensumfeld zu reißen. Man telefoniert oft und sieht sich zwei-, dreimal im Jahr. Häufiger ist das bei der großen Entfernung einfach nicht zu schaffen.
Frau Peters ist froh, für die beiden jüngeren Kinder Spielgruppen gefunden zu haben. Felix geht mit Mama mittwochs in den Mini-Club, Lisa hat einen Platz im Maxi-Club der Kirchengemeinde bekommen. Jan geht in den evangelischen Kindergarten. Kirche und Diakonieverein haben den stetig steigenden Betreuungsbedarf der Familien frühzeitig erkannt und darauf reagiert. Neben der traditionellen Pflegestation der Diakonie und dem Kindergarten wurde ein Familienreferat eingerichtet, das Gruppen, Kurse und Veranstaltungen für die Zielgruppe „Junge Familien“ anbietet und koordiniert. Speziell für Kinder von 0 bis 4 Jahren und ihre Eltern besteht ein großes Angebot in kindgerecht ausgestatteten Gemeinderäumen.
Daneben steht die Jahrzehnte lang gewachsene Seniorenarbeit. In zwei Altenclubs treffen sich in 14-tägigem Abstand 40 Senioren, fast ausschließlich Frauen, Durchschnittsalter 81 Jahre. Ehrenamtlich geleitet haben die Senioren ein ebenso abwechslungsreiches wie umfangreiches Jahresprogramm. Zusätzlich trifft sich eine Gruppe rüstiger Rentnerinnen regelmäßig zur „Sitzgymnastik mit Musik“ unter sportlicher Anleitung, auch Maria Wölfel ist mit dabei.
So haben jung und alt ihren Raum und ihre Unterhaltung in der Gemeinde. Oft zu den gleichen Zeiten, in den gleichen Gemeindehäusern, gleich nebenan, immer schön für sich. Nur auf dem jährlichen Gemeindefest sind beide Gruppierungen gemeinsam vertreten. So entstand im Familienreferat die Idee, gemeinsame Treffen im kleinen Rahmen zu arrangieren: jung und alt zur selben Zeit im selben Raum für ein gemeinsames Programm. Zum Beispiel turnt, spielt und singt ein Mini-Club an einem Mittwochvormittag mit der Seniorengymnastik.
Und was spielt ein 2-Jähriger mit einer fremden 78-Jährigen? Wie begegnet eine junge Mutter einer Frau, die ihre eigene Großmutter sein könnte? Am Anfang wirkt die Szenerie ein wenig wie ein Streichelzoo: Die Alten sind magisch angezogen von den putzigen Kleinen. Sie suchen schnell den Kontakt zu den Kindern, das Gespräch zwischen den Erwachsenen bei Kaffee und Kuchen kommt dagegen nicht so schnell in Gang. Dabei haben sich Mütter und Urgroßmütter eine Menge zu sagen. Warum gibt es heute im Vergleich zu früher überhaupt Eltern-Kind-Gruppen? Waren die damals nicht nötig, weil die Kinder lieber auf der Straße gespielt haben und dort auch noch gut spielen konnten? Und wie leben Familien heute, im Vergleich zur Zeit und dem Leben vor einem halben Jahrhundert? Was brauchten Familien damals, was brauchen sie heute?
Eine Erfahrung verbindet die Frauengenerationen: Die Mehrfachbelastung Familie, Haushalt und Beruf. Und darüber kommt man dann doch ins Reden. Die Kinder sind schnell ins Spiel versunken, die Erwachsenen ins Gespräch. Die jungen Mütter heute haben in den Spielgruppen ihrer Kinder einen Ort gefunden, sich gegenseitig auszutauschen und durch die anstrengenden ersten Erziehungsjahre zu begleiten. Die Urgroßmütter von heute erkennen das neidlos an und freuen sich über diese Möglichkeit der Gemeinschaft. Probleme und Unverständnis zwischen den Generationen tauchen eher zwischen den jungen Frauen und ihren (Schwieger-)Müttern auf.
Mit den Jahren ist vieles anders geworden als früher. Leichter geworden ist Mutter-Sein und Kindererziehung nicht, mag es heute auch viel mehr Unterstützung – und jede Menge moderne Haushaltsgeräte – dafür geben als früher. Die Zeiten sind hektischer und die Anforderungen an Kinder und Eltern größer geworden. Umgekehrt erfahren die jungen Frauen, dass die Seniorinnen oft Jahrzehnte lang mit der Trauer über verstorbene oder weggezogene Kinder und Enkel, kinderlos gebliebene Ehen und frühe Verwitwung leben müssen.
Und die Kinder? Die kleinen Charmeure haben die Seniorinnen an diesem Vormittag richtig in Schwung gebracht. Und dabei viel Spaß gehabt. Felix ist als Fußball-Weltmeister von morgen bewundert worden, schließlich hat er nicht aufgehört, seinen weichen Ball durch den Raum zu rollen, zu werfen und mit den Alten um die Wette zu kicken. Und auch beim gemeinsamen Singen und den Fingerspielen hat jung und alt sich prächtig verstanden. So sehr unterscheidet sich Motorik und Geschwindigkeit bei den Übungen dann doch nicht. Wobei es gemeinsam mit den Kindern viel lustiger wird, wenn man die müden Gelenke trainiert und dabei das Lied der zehn kleinen Zappelfinger singt …
Seit diesem Treffen winken sich mittwochs im Gemeindehaus die Minis, die Mamis und die Oldies freudig lächelnd durch die Glastüre zu. Und die Photos vom gemeinsamen Vormittag haben ihren Platz in die Gruppen der Kinder und der Senioren (und in den Gemeindebrief) gefunden. Weitere, ähnliche Begegnungen von Maxi-Club und Altenclub, Veranstaltungen wie Laternenumzug zum Seniorenwohnheim, Omanachmittag im Kindergarten und „Gottesdienst für Klein und Groß“ tragen zu einem Gemeindeleben bei, das die Generationen miteinander verbindet. Die Generationen, die in der Gartenstadt sowieso Haus an Haus leben.
Text: Brigitte Mederer


