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„Wir werden in Zukunft nicht mehr alles über Geld finanzieren können!“

(c) Amt für Gemeindedienst

Herr Jakubek, am vergangenen Samstag, 4. Dezember, hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern zum ersten Mal ihren „Ehrenamtspreis“ verliehen. Warum hat die ELKB diesen Preis ausgeschrieben?
Ulrich Jakubek:
„Ehrenamtliches Engagement ist unersetzlich. Allein in der bayerischen Landeskirche engagieren sich 151 000 Menschen ehrenamtlich; es war uns ein Anliegen, dieses Engagement entsprechend zu würdigen. Wir haben den Preis für fünf Bereiche ausgeschrieben: Gottesdienst, Seelsorge & Beratung, sozialdiakonische Arbeit, Kultur- und Bildungsarbeit und Gemeindearbeit. Der Ehrenamtspreis ist ein Zeichen unseres Dankes und unserer Anerkennung.“

Der Ehrenamtspreis ist am vergangenen Samstag nun verliehen wurden. Können Sie uns die drei Preisträger kurz näher vorstellen?
Jakubek:
„Wir haben insgesamt drei Preise á 1000 Euro verliehen. Zum einen an das Projekt ,Erlebnispädagogik in der Kirche‘, das beim Dekanat Augsburg und dem Evangelischen Bildungswerk (EBW) Augsburg angesiedelt ist; es erhält einen Preis für die faszinierenden und hervorragend gestalteten Angebote für Schulklassen. Die Jury möchte die etwa 40 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszeichnen, weil ihnen die Vermittlung des Glaubens durch die Verknüpfung von Lehrplanthemen und Kirchenräumen in spannender Weise gelingt. Das Projekt wurde zu Beginn finanziell und personell durch das EBW Augsburg unterstützt, inzwischen liegen Leitung, Koordination und Durchführung in der Hand von Ehrenamtlichen.“

Wer sind die weiteren Preisträger?
Jakubek:
„Einen weiteren Preis erhält das Gottesdienst- und Gemeindeprojekt ,Atemholen – Atempause‘ der Kirchengemeinde Buchbrunn im Dekanat Kitzingen; ,Atemholen ist der ,etwas andere Gottesdienst‘ mit einer selbstgestalteten Liturgie.  Dazu gehört ,Atempause – der Kirchenbrunch‘ für alle Mitarbeitenden bei den Gottesdiensten und deren Familien.“

Interessant! Wie entstand dieses Projekt?
Jakubek:
„Beides entstand aufgrund der Frage der damaligen KonfirmandInnen: ,Wie müsste ein Gottesdienst aussehen, damit ihr ihn gerne besucht?‘ Die Jury ist überzeugt davon, dass die Ehrenamtlichen der Kirchengemeinde Buchbrunn hier die Identifikation mit Kirche und christlichem Glauben stärken und beide Angebote als Anregung für andere Gemeinde dienen können.“

Und der dritte Preisträger?
Jakubek: 
„Das ist die Nachbarschaftshilfe der Kirchengemeinde Volkach im Dekanat Castell. Sie überrascht seit 1999 mit einer einfachen Aufforderung: ,Eine Stunde Zeit füreinander‘. Inzwischen engagieren sich 45 ehrenamtliche Zeitverschenker nach dem Prinzip ,Diejenigen, die es können, helfen denjenigen, die es brauchen‘.  Unterstützt wird die Initiative durch die ansässigen evangelischen und katholischen Kirchengemeinden, den Caritasverband, den ambulanten Krankenpflegeverein, das Diakonische Werk und das Volkacher Bürgerspital. Das ,Volkacher Modell‘ ist inzwischen überregional bekannt geworden durch den großen Erfolg, den die Ehrenamtlichen mit klaren zeitlichen Absprachen und selbstbestimmten Tätigkeiten haben. Die Jury ist beeindruckt davon, wie hier Menschen zur Übernahme von Verantwortung aufgerufen werden – über konfessionelle und institutionelle Grenzen hinweg. Das Projekt ermöglicht Zeitverschenkern und den Zeit-Beschenkten neue Bindungen zu Kirche und zu Menschen.“

Das alles sind wunderschöne Beispiele ehrenamtlichen Engagements. Manche Menschen können aber nicht verstehen, warum sie arbeiten, sich für andere einsetzen sollten, ohne einen einzigen Cent dafür zu bekommen. Dabei geht es hier gar nicht um Geld – ehrenamtliche Aufgaben bereichert in anderer Hinsicht. In welcher?
Jakubek:
„Wer sich ehrenamtlich engagiert, macht für sich persönlich großen Gewinn. Man erhält soziale Kompetenzen, man lernt zum Beispiel, wie eine Gruppe moderiert und geleitet wird, wie Menschen angesprochen werden können, wie Konflikte konstruktiv  gelöst werden – das sind Kompetenzen, die sind unbezahlbar! Dazu erfährt man die Anerkennung anderer, das ist gut für das Selbstwertgefühl. Generell ist der menschliche Kontakt, der Austausch mit den anderen bereichernd, im Idealfall ergeben sich daraus neue Freundschaften. Das alles ist sehr gut für die Seele.“

Inwieweit bereichert ehrenamtliches Engagement die wirtschaftliche und soziale Entwicklung?
Jakubek:
„Der Landesbischof hat es zuletzt noch in seiner Predigt zum Buß- und Bettag 2010 angesprochen: Projekte wie, Stuttgart 21‘ mögen umstritten sein, doch die Menschen vertreten zwischen den Wahlen ihre Meinung, weil sie sich eben durch die Politik nicht gut vertreten fühlen. Damit bringen sie Bewegung in die Gesellschaft, halten sie lebendig – einen ähnlichen Effekt übt die ehrenamtliche Tätigkeit aus. Was den wirtschaftlichen Bereich betrifft: Wir werden in Zukunft nicht mehr alles über Geld finanzieren können. Das liegt am Einkommen des Einzelnen, an der Verschuldung des Staates, an den fehlenden Rücklagen. Um menschliche Lebensbedingungen zum Beispiel für demenzkranke Patienten zu erhalten, müssen einfach andere Hilfssysteme her – Systeme, die nicht nur betreuen, sondern  in denen jeder uneigennützig mitanpackt!“

Herr Jakubek, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Interview: Almut Steinecke