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"Wir brauchen nicht alles aus eigener Kraft zu meistern"
Seit 1852 finden regelmäßig evangelische Gottesdienste in der Kapelle der Wartburg in Thüringen statt, die sich majestätisch über der Stadt Eisenach erhebt. Traditionell starten die Gottesdienste am 4. Mai, dem Ankunftstag des Reformators Martin Luther, der sich zwischen 1521 und 1522 dort versteckt hielt und während dieser Zeit das Neue Testament der Bibel in nur elf Wochen ins Deutsche übersetzte. Die Andachtsreihe findet ihren Höhepunkt am 31. Oktober, dem Reformationstag. Am vergangenen Wochenende, am Samstag, 29. Mai, war Landesbischof Dr. Johannes Friedrich zu Gast und stellte eines von Luthers wichtigsten Lebensthemen in den Mittelpunkt seiner Ansprache: die Freiheit.
Die Wartburg sei für Luther der Ort der selbst gewählten Gefangenschaft gewesen, konstatierte Friedrich. "Gerade er, der die ,Freiheit eines Christenmenschen' erkannt und gepredigt hatte, gerade er musste sich wegen dieser Erkenntnis immer wieder verstecken und konnte sich eben oft nicht frei bewegen". Dennoch oder gerade deswegen sei Freiheit ein wichtiges Thema für den großen Reformator gewesen. Ausgehend von diesem Aspekt stellte der Landesbischof in seiner Predigt im Rahmen des Wartburg-Gottesdienstes vom Wochenende Überlegungen zum Begriff der Freiheit an, die jedermann zunächst als vollständige, sowohl innerliche, als auch äußerliche Losgelöstheit von Menschen, Umständen, Zwängen jeder Art verstünde. Die gleichwohl jedoch etwas anderes meine, wie Dr. Friedrich erläuterte.
"Weil Gott zu uns hält"
"Die Freiheit, die uns durch Christus geschenkt ist, zielt nicht auf völlige Losgelöstheit, auf Beliebigkeit sondern – ganz im Gegenteil – auf Bindung", unterstrich Friedrich. Denn wer denke, dass er das ganze Leben, alle Nöte und Sorgen, ganz alleine, also ,frei' von allem, meistern kann, irre gewaltig. "Der ist gefangen in sich selbst und in dem Wahn, alles selbst machen zu müssen.
Wer unter Freiheit Bindungslosigkeit versteht, wird an sich selbst scheitern, wird von seiner ständigen Sorge um sich selbst zerfressen werden." Dabei bräuchten wir nicht alles aus eigener Kraft zu meistern, "weil Gott zu uns hält". Ein befreiender Gedanke: "Wir müssen unser Leben nicht mehr selbst gut machen. Daran müssten wir verzweifeln – wie Luther es erlebt hat."
Lesen Sie hier die Predigt von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich im Original-Wortlaut!

