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Widerstand gegen Atomkraft wächst
Pfarrer Manuel Kleiner aus Dillingen an der Donau, wenige Kilometer vom Kernkraftwerk Gundremmingen entfernt, hat erst kürzlich einen ziemlich spitzen Leserbrief an die Lokalzeitung geschrieben. Dass die Politiker die politische Gestaltung in die Hände von Konzernzentralen legten und sowohl Kanzlerin als auch Vizekanzler Deutschland zur "Bananenrepublik" umbauten, heißt es darin. Aus seinem Ärger über die Laufzeitverlängerungen macht Kleiner keinen Hehl, ebenso wie seine Kollegin in Lauingen, Pfarrerin Irene Friedrich. Sie fürchtet, dass die alternativen Stromgewinnungsmöglichkeiten in Zukunft nicht mehr genug geprüft und gefördert werden.
Unterstützung haben die Atomkraftgegner im Dekanat Neu-Ulm, in dem das größte deutsche Kernkraftwerk Gundremmingen liegt, auch von der evangelischen Dekanin Gabriele Burmann. "Die Besinnungen am Atomkraftwerk werden auf jeden Fall weiterlaufen", kündigt sie für den ökumenischen Gebetskreis an.
"Fairer Dialog mit den Konfliktparteien"
In Garching, keine 15 Kilometer von München entfernt, steht der Forschungsreaktor der Technischen Universität München (TUM). In der evangelischen Laudatekirche mit rund 2500 Gemeindemitgliedern ist das Thema Atomkraft "kein großer Aufreger", sagt Pfarrer Markus Hepp. Die Zeit der Demonstranten, die vor den Toren stehen und protestieren, sei längst vorbei. Zwar seien die Emotionen der Gemeinde bei der Eröffnung des Reaktors im Jahr 2004 schon "hochgekocht". Damals habe der Kirchenvorstand nicht gewollt, dass der Gemeindepfarrer einen Segen bei der Grundsteinlegung spricht.
In der Ansprache zur Eröffnung des Forschungsreaktors, die Pfarrer Hepp aufbewahrt hat, betonte die Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, wie wichtig es sei, Chancen und Risiken der Atomkraft zu benennen. Während Befürworter medizinische Anwendungen und Grundlagenforschung als Argument anführten, gehe es den Kritikern um die hohen Kosten und die Verwendung von hoch angereichertem Uran. Breit-Keßler sprach sich aus für einen "fairen Dialog mit den Konfliktparteien".
Mahnwache mit 300 Teilnehmern
Hepp, der als Seelsorger an der Garchinger Universität arbeitet, will keine Demo anzetteln, sondern Gemeindemitglieder und Studierende im kritischen Diskurs lieber zum Nachdenken anregen. "Fortschritt allein ist kein Argument, alles Menschenmögliche zu versuchen", sagt er. Hinterfragt werden müssten auch die wirtschaftlichen Interessen und Ideologien. Ethische Pauschalurteile könne man da nicht so einfach fällen. Im Übrigen hätten die meisten Studenten ohnehin keine Zeit mehr für Demonstrationen. Die seien froh, wenn sie ihr anstrengendes Studium geregelt bekämen.
Ganz anders im niederbayerischen Niederaichbach bei Landshut. Dort protestieren Bürger jeden Montagabend mit Spruchbändern und Transparenten gegen das Kernkraftwerk "Isar 1". Sie ziehen damit vom Rathaus zum Atommeiler. Mitorganisatorin Claudia Mira Neumaier freut sich über ihren Erfolg: Beim ersten Mal kamen 19 Teilnehmer zur Mahnwache, beim zweiten Mal 49, beim dritten 81, und beim vierten schon 300. "Ich bin mir mittlerweile sicher, dass wir hier stehen werden, bis Isar 1 vom Netz ist", schreibt Neumaier in ihrem Blog. Und das, obwohl der Energiekonzern EON in Landshut sitzt und zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region gehört.
Kein offizieller Aufruf zur Teilnahme an Demo
Das Bündnis für Atomausstieg (BüfA) macht dort ebenfalls mobil. Von Ende Oktober bis Juni 2011 will es jeden Monat eine "Countdown"-Veranstaltung organisieren, kündigte deren Sprecher, Rechtsanwalt Armin Reiseck, an. Damit solle erreicht werden, dass der Reaktor Isar I im Sommer 2011 abgeschaltet werde und nicht acht weitere Jahre am Netz bleibe. Er kenne keine Kirchengemeinde, die sich an den Protestaktionen beteilige. Zwar habe sich ein Landshuter Pfarrer kürzlich in einer Predigt gegen längere Laufzeiten ausgesprochen, doch wünsche er sich öfter klarere Worte.
Eine offizielle Verlautbarung der evangelische Landeskirche wird es aber nicht geben. "In Kirchengemeinden und auch bei der Kirchenleitung finden Sie die ganze Diskussionsbreite, die es auch im gesellschaftlichen Diskurs gibt", erklärt der landeskirchliche Umweltbeauftragte, Wolfgang Schürger. Darum werde es keinen offiziellen Aufruf zur Teilnahme an einer Demonstration geben. Er persönlich betrachte die Atomkraft sehr kritisch. Eine Laufzeitverlängerung verzögere den Ausbau von regenerativen Energien. Und dies sei nicht im Sinn der Bewahrung der Schöpfung.
Text: Rieke C. Harmsen / Jutta Olschewski / Dirk Johnen (alle epd)

