Von der Kunst des Lebens
Freitag, 14. Mai, dritter Tag des "ÖKT". Es ist 9 Uhr morgens, der Himmel über München ist grau, es regnet, doch die Menschen drängen sich in langen Schlangen vor den Türen zum Festzelt des Zirkus Krone. In einer halben Stunde beginnt hier die Bibelarbeit der Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, ein Event, das die Kirchentagsbesucher in Scharen anlockt. Das prachtvolle Manegenrund unter dem spitz zulaufenden Zeltdach füllt sich kurz nach Einlass innherhalb weniger Minuten. Eifrig suchen sich die Menschen einen Platz, ihre orangefarbenen "ÖKT"-Schals haben sie sich um den Hals geschlungen, viele Frauen tragen ihn auch als Haarreifen aus Stoff.
Gespannt blickt das Publikum zur angestrahlten Bühne, Applaus brandet auf, als Breit-Keßler das Podium betritt. Die Bibelarbeit von Breit-Keßler trägt den Titel "Hoffnung", und die Erwartungen, die in diesem Wörtchen stecken, werden von der Regionalbischöfin nicht enttäuscht. Breit-Keßler setzt dort an, wo der Aufbau von Zuversicht beginnt: bei der Erkundung der eigenen Lebensroute, von Menschen "als diejenigen, die wissen, was und wie sie denken, reden und handeln sollen, die zumindest nach dem richtigen Weg für sich und andere Menschen fragen und suchen. Einen Weg, der Respekt zeigt vor sich selbst und den Mitgeschöpfen, im achtsamen Umgang mit allen Kreaturen, die große Erwartungen an uns haben", so Breit-Keßler.
"Da braucht es halt Geduld"
Um mutig diesen Weg auszukundschaften, braucht es "eine Hoffnung, die sich nicht auf das bezieht, was vor Augen liegt. Und da braucht es halt Geduld." Und Vertrauen. Ein Gut-Sein zu sich. Und zu allen anderen. Letzteres ist gerade im Bereich der Kirche arg erschüttert; die sexuellen Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche werden auch in der Bibelarbeit der Regionalbischöfin zum Thema. "Die Knechtschaft der Vergänglichkeit, von der Paulus spricht, zementiert der fest, der frohgemut Missbrauchsfälle als Ausgangspunkt für erforderliche gesellschaftliche Lernprozesse betrachte – als ob wir nicht immer schon wissen müssten, dass alles, was man den Zartesten und Schwächsten antut, man Gott selbst zufügt, der in Jesus Christus gesagt hat: ,Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall ver-führt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.' Ich weiß nicht, welche Lernprozesse es da noch braucht – deutlicher kann man doch nicht sagen, wie unsere Sorge um Kinder und Jugendliche auszusehen hat." An dieser Stelle erntet Breit-Keßler spontanen Applaus im Zirkus Krone.
Die aktuellen Schwierigkeiten ernst ins Auge fassend, schwenkt Breit-Keßler den Blick langsam zurück ins Allgemeine. Lotet aus, wo es noch Hoffnung auf Veränderung gibt, manchmal auch falsche. In der Liebe etwa, wenn enttäuschte Hoffnung wehtut, doch der Schmerz darin den Leidenden auch lehrt, dass er einen anderen vielleicht "nur" zu seinem Erlöser erheben wollte. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“, zitiert die Regionalbischöfin aus der Todesanzeige von Torwart Robert Enke, der sich das Leben nahm. Das passt sich auf den ersten Blick so gar nicht an enttäuschte Liebe und macht auf den zweiten dann doch wieder Sinn: Egal, wie es kommt, es hat einen Grund, dass es so kommt, genau so und nicht anders. Und Hoffnung besteht darin, das Beste daraus zu machen. Immer gerade mit dem Blatt zu spielen, das einem das Leben auf die Hand gibt, dazu sind die Menschen aufgefordert und verströmen für sich und andere Zuversicht, wenn sie es schaffen, das umzusetzen, auch im Schmerz, auch im Verlust eines hochgeliebten Menschen. Auch bei Tod.
"Träume, Visionen, eine klare Selbst- und Weltsicht"
"In unserem Bibelwort ist Hoffnung nicht mit einer Welt verbunden, in der einfach alles gut wird", sagt Breit-Keßler. "Paulus schreibt von Leiden, vom ängstlichen Harren, von Seufzen und sich Ängstigen. Aber unser Glaube, unsere Liebe und unsere Hoffnung sind größer als alles das – auch das weiß der Apostel." Zu sehen und zu erleben sei das wahrlich nicht auf Anhieb, soviele unserer Hoffnungen und Träume würden sich verlieren. Dabei gelte es, "die Verunsicherungen auszuhalten, mit denen jeder und jede von uns heutzutage konfrontiert wird."
Zum christlichen Glauben gehörten eine klare realistische Selbst- und Weltsicht, ebenso wie die Fähigkeit, Träume zu haben und Visionen zu entwerfen. Oder, wie die Regionalbischöfin es auch so schön ausdrückt: "Lassen Sie uns die Kunst des Lebens pflegen, mit all seinen Drehungen und Wendungen, den großen und den spaßigen Auftritten, den wehmütigen Augenblicken, den gelungenen Saltos Mortales und den Beinbrüchen, den Parforceritten und dem unglücklichen Stolpern durch das Manegenrund, mit Applaus und sehr verhaltenem Beifall oder vereinzelten Buhrufen, in prächtigen Kostümen oder schlabbernden Beinkleidern."




